Das Schärfen

Das Schärfen eines Messers mit einem Stein, in steten, ruhigen Bewegungen, in Halbkreisen, in Lemniskaten, um abzutragen was zu viel ist, um sich der Schärfe anzunähern. Eines Messers Schneide, von besonderer Schärfe. Es teilt ohne Widerstand. Und so ist es dem Laufen nah. Auch dies ein Schärfen, um zu teilen. Ohne Widerstand. Ein Schärfen des Verstandes und der Intuition. Es teilt den Weg in rechts und links. Es teilt die Gedanken in die, welche ich fallen lassen und die, welche ich bewahre. Zudem nimmt es von den Gedanken alles fort, was überflüssig ist. Das Hinfort nehmen, von all dem, was zu viel ist, um die Schneide zu erzeugen, die zu teilen vermag. Um dann hinfort zunehmen von dem Wesentlichen. Von der Sache-an-sich. Das Denken ist Werkzeug und Werkstück zugleich. Präzision ist die Aufgabe. Was einmal in die Welt gelangt, ist zuvor erdacht. Das Denken, ein Akt der Schöpfung. So frei es ist, irgendwann steht dort die Erkenntnis, dass es manifestiert. Es ist nicht ohne Folgen. Es ist die übertragene Verantwortung. Leicht, frei und heiter soll es sein, doch zudem präzise. Schritt für Schritt. Deshalb das Schärfen.

Und darum laufe!

Der Schlag

Ich laufe, mitten auf dem Weg trifft es mich wie ein Schlag: Was ist das vor mir? Was war das? Jahr um Jahr, dieses Weiter, Weiter, Schritt um Schritt? All das Laufen, die Distanzen, Kilometer! Ich hatte nichts verstanden, ein Irren im Nebel. Im Glauben, das Eilen würde den Nebel lichten. Was ist das vor mir? Was ist es wirklich? Ich meine nicht den Weg, den Sand, die Kiesel, nicht die Bäume am Wegesrand, nicht den Fluss. Was ist das, wohinein ich den nächsten Schritt setze? Der Schlag, er ist, zu bemerken, in welcher Bedingtheit ich stand bis hierher. Der Schlag, er ist, den eigenen Schatten zu sehen, den blinden Fleck in der eigenen Netzhaut zu sehen, ganz deutlich. Das also ist der begrenzende Käfig, den ich mir installierte. Das Lichtgerüst, im Nebel golden leuchtend. Ich erstarre und stehe still, diesem Moment nachzuspüren. Einen Hauch von Freiheit erblicke ich vor mir. Die Freiheit in mir, sie ist in diesem Moment vollkommen. Sie ist vollkommen, um sie mit dem nächsten Schritt hinein in diesen Raum wieder einzubüßen. Bedingt war ich bis hierher. Frei bin ich jetzt. Bedingt werde ich sein von hieraus. Doch ich habe diesen kurzen Moment, in dem mich der Schlag traf. Ich werde ihn hüten wie einen Schatz.

Und darum laufe!

Vor dem Bewusstsein

Worte, die durch mich hindurchgehen. Wortketten, Sätze, Erzählungen. Worte, die in mich eindringen, von außen und andere, die in mir entstehen. Wortketten, Sätze, Erzählungen. Worte, gebunden an Empfindungen. Gefühle, die sich in Worte kleiden und doch darin vollends wahr sind. Gefühle, die in völliger Übereinstimmung mit den Worten sind. Eine Trennung ist nicht möglich oder notwendig. Wortketten, Sätze, Erzählungen. Manche der Worte fallen wie Laub von einem Baum an einem sonnigen Herbsttag. Das ist ihre Bestimmung und Ausdruck des steten Wandels, der Veränderung und der Eingebundenheit in die großen Zyklen des Seins. Blätter im segelnden Flug, je nach Form, im Spiel mit dem Wind. Ein jedes Blatt eine Erfahrung. Ein jedes Wort eine Erfahrung. Andere Worte, die in mir kreisen. Die ihre Kraft, sich zu vergegenwärtigen aus dem Gefühl beziehen. Sie hinabzudrücken gelingt mir nicht. Nur wenn ich durchlässig werde, gleiten auch sie hinab. Nur wenn ich mit Ihnen auch von dem Gefühl loslasse, an welches sie gebunden sind, gleiten sie hinab. Bis ich leer bin, völlig leer. Ich bin jetzt nicht gefühllos, auch wenn es so erscheinen mag. Ich bin voller Mitgefühl, weil ich leer bin. Weil ich ohne Erinnerung bin. Es ist noch zu erahnen, in den uns wertvollen Momenten, dass es eine wortlose Zeit gab. Eine Zeit ohne Erinnerung. Eine Zeit vor dem Bewusstsein, welches uns so gründlich täuscht.

Und darum laufe!

 

Die Pflege der Gedanken

Dort, in der Umrundung einer Gruppe von Bäumen, als Marke auf meinem Weg, konnte ich eine große Hitze in den Spitzen meiner Finger spüren. Plötzlich, ganz unvermittelt. Besonders in den Spitzen der Ringfinger. Rechts und links. Ich war tief in Gedanken versunken und dachte in diesem Moment an eine Verbindung mit dem Herzen innerhalb der geistigen Aktivität. Ich dachte an eine Art inneren Faden, der durch mich hindurchginge, leicht und frei, silbrig und durchlässig. Ich dachte, dass denkend dem Menschen die Verbindung mit dem Herzen möglich sei. Die Verbindung mit der Emotionalität, dem Gefühl. Und so nahm ich diese körperliche Reaktion als eine Bestätigung meiner Gedanken. Ein Geschenk. Ich nahm die Empfindung der Hitze zudem als einen Hinweis, die Gedanken zu pflegen.

Und darum laufe!

 

Eine Schule des Laufens

Wann beginnt das Laufen? Wo endet das Gehen? Ich laufe an manchen Tagen so langsam, dass schnell gehende mich überholen würden. Und doch ist ihr Gehen nicht Teil dieser Schule des Laufens. Die Geschwindigkeit ist es nicht. Es ist nicht das Verhältnis der Zeit zu der in ihr zurückgelegten Distanz. Es ist darin nicht messbar und auch nicht vergleichbar. Es ist immateriell und innerlich. Es ist, in der Bewegung zur Ruhe zu gelangen. Der Schlag des Herzens spielt sicher eine Rolle. Leicht erhöht soll der Puls sein, mehr jedoch nicht. Auch hier ist alles individuell. Leicht erhöht im Verhältnis zu dem Ruhepuls. Dem Ruhepuls eines Menschen. Was ist das Wesen in mir? Anwesend, gegenwärtig zu völliger Ruhe zu gelangen, über die Zeit und den etwas erhöhten Puls – das ist diese Schule des Laufens. Es gibt keine Eile. Eile macht keinen Sinn. Es gibt kein Voraus, noch Hinterher. Ist es nun Laufen oder Gehen? Ganz egal! Es ist, in sich versunken zu sein. Nicht im eigenen Sumpf, der dunkel schweflig brodelt. Versunken im Keim, im Samenkorn des Selbst, welches golden leuchtet. Im Ich-Punkt. Im Jetzt, dort, wo alles zusammenläuft: Schicksal und Bestimmung, Wille und freie Wahl, Vergangenes und zu Erwartendes, Körperliches und Geistiges. Es ist der Punkt, der Ich und All zugleich ist, der keine Ausdehnung kennt. Unmessbar klein, ohne Länge noch Breite, ohne Geschmack, Farbe, Struktur und Form. Ein Punkt nur und das All zugleich, das vollkommene. Dessen Ausdehnung ist unmessbar weit, ohne Länge noch Breite, ohne Geschmack, Farbe, Struktur und Form. Das ist diese Schule des Laufens.

Und darum laufe!

Die freie Wahl

Einer, der dahinschied in Äußerung eines für ihn üblichen Fluches.

Ein Anderer, der dahinschied in Äußerung der für ihn üblichen Klage.

Ein Weiterer, der dahinschied in Äußerung der für ihn üblichen Ironie.

Ein Nächster, der dahinschied in Äußerung des für ihn üblichen Humors.

Ein wiederum Weiterer, der dahinschied in Äußerung der für ihn üblichen Sanftheit.

Ein Darauffolgender, der dahinschied in Äußerung der für ihn üblichen Ergebenheit.

Ein Letzter, der dahinschied in Äußerung eines für ihn üblichen liebevollen Blickes.

Und darum laufe!

Erstaunen

Ich laufe und die Schnüre der Sandale an meinem rechten Fuß drückt. Sie tut es schon eine Weile und da der Schmerz nicht zu ignorieren ist, halte ich an und justiere die Schnüre neu. Es hat sich bereits eine Blase unter der Hornhaut gebildet. Ich bin erstaunt, wie lang ich gebraucht habe, um mich überhaupt zu kümmern. Ich habe die Irritation ignoriert bis hierher und jetzt geht es nicht mehr. Es dauert nicht lang, die Schnüre neu zu binden. Der Schmerz ist immer noch vorhanden, doch die Belastung ist anders verteilt. Zudem ist die Schnüre nicht mehr so straff gebunden, wie zuvor. Ich laufe weiter und denke: Wie einfach es gewesen wäre, schon viel früher zu justieren. Es hätte nur einen Moment benötigt. Ich hätte es tun können, sofort. Doch ich konnte genau das nicht verstehen.

Und darum laufe!