Annahme

Nun stelle dir vor, dies alles, in allen seinen Ausformungen, in Wandel, Blüte und Vergehen, es sei erschaffen – nur für dich. Es sei erschaffen für deine von dir selbst zu realisierende Veränderung. Für deine Entwicklung, dein Wachstum. Wachstum an der Sache, an dem, was ist. Mag es auch als schmerzhaft empfunden sein, das Leben – diese Vorstellung ist trotz Allem möglich. Keine Zufälligkeit darin, kein Umweg, alles voll Sinn und darin folgerichtig. Der Kleiber im grauen Kleid, der sich nah mir zeigt mit orangener Brust, kopfüber am Stamm. Der Graureiher im Bache, mit orangenem Schabel, in gespannter Konzentration. Ein Meister des Lauerns, unbeirrt von meiner Erscheinung. Wenn dies alles also nur für mich erschaffen ist, und noch viel mehr, weit darüber hinaus, nur für mich – wie sollte ich es aushalten können, ohne die Annahme meiner selbst? Wert und Unwert von dem was ist, von Allem, entstünde in meiner Haltung mir selbst gegenüber. Das Eine ist, dass ohne eine tiefe Selbstliebe dies zu ertragen unmöglich ist. Das Andere ist, dass diese Vorstellung zu erheben, den Moment der tiefen Selbstannahme und -Liebe erschaffen muß. Darin verbirgt sich dieser Vorstellung tieferer Wert. Die Annahme von dem was ist. Sie ist der Anfang eines Weges. Wer weiß, wohin er führt?

Und darum laufe!

Ein Haar

Ich gelange zu einem heiligen Ort. Ein Felsen erhebt sich über den Bach, der sich sanft um diesen Felsen schlängelt. Der Felsen hat die Form des Kopfes eines ausgewachsenen Blauwals und ich stelle mir vor, wie der Körper des in Stein erstarrten Tieres über viele Meter in die Tiefe der Erde reicht. Es ist der Moment, in dem der Wal die Wasseroberfläche durchstößt, um alsbald mit seinem riesigen Körper auf sie niederzuschlagen. Umgestürzte Bäume rahmen diesen Ort. Ein Durchgang durch die rahmende Barriere und schon bin ich da. Der Ort wirkt auf mich unvermittelt geradezu profan, gemessen an der innerern Erwartung und dem Moment, in dem ich ihn betrat. In dem Moment des Überschreitens der Barriere vollzog ich eine innere Handlung, eine Art Ritual, eine innere Verneigung. Und ich denke: Die Schwelle, die zwischen dem Einen und dem Anderen liegt, ist dieser heilige Ort. Sie selbst ist dieser Ort, ganz innerlich. Und diese Schwelle ist unendlich klein, sie ist die Grenze zwischen Diesem und Jenem. Sie ist so unendlich fein, dass ich sie kaum lokalisieren kann. In dem einen Schritt war sie erfahren. Ihre Kraft ist so ungeheuerlich groß, so wie sie selbst fein ist, wie ein hundertfach gespaltenes Haar.

Und darum laufe!

Ein Regenbogen

Ein Regenbogen, er kommt zu mir. Ganz plötzlich, unvorhergesehen. Ich stehe vor ihm und blicke ganz gebannt. Ich könnte ihn nicht abpassen oder sein Erscheinen vohersehen. Ich kann nicht wissen wann und wo er sich zeigt. Der Regenbogen verblasst und löst sich auf. Suche einen Regenbogen! Tönt es in meinem Ohr. Eine Aufgabe für den nächsten Tag, die nächste Woche oder für einen längeren, in der Zukunft liegenden Zeitraum. Und ich beginne darüber nachzudenken, was ich tun könnte, einen Regenbogen zu finden. Ich verstehe schnell, dass ich durch den Versuch dort zu sein, wo er sich zeigen könnte, ihm möglicherweise ausweiche. Durch eine Annäherung, dem Streben ihm nahezukommen, entsteht Unerreichbarkeit. Und so ist seine Botschaft im Kerne, bereit zu sein. Bereit, sich ihm zu widmen, wenn er sich zeigt. Wieder tönen Worte in meinem Ohr: Gib auf! Lass es sein. All Dein Streben ist vergeblich! Wie lange willst Du Dich noch erschöpfen? Du bist doch schon lägst da! Schau Dich um! Es ist alles da! Die Botschaft des Regenbogen an mich ist, ihn zu erfahren, als ein Wunder in der Welt. Und weiter in der Hingabe an den mich bezaubernden Moment, die Lebendigkeit, das Leben selbst zu erfahren. Ganz Kind zu sein, staunend, herausgelöst aus allen bedenkenden Gedanken, Zeitlos. Herausgelöst aus Plan und Reuhe. Herausgelöst aus dem Blick voraus und der Revue. Lebendig zu sein, empfänglich, gerührt. Der Regenbogen fragt: Was ist dort in einem Leben, was sich einer Annäherung entzieht und was in der Fähigkeit, empfangen zu können, sich erst ermöglicht? Was ist der Regenbogen, der sich in mich hinein wölben mag, um mich zu erfüllen? Was ist es, was mich anfüllen mag mit allen Farben des Spektrums, mit Sinn, Bedeutung und Hoffnung zudem? Ich wende mich nach innen und werde still.

Und darum laufe!

Unbegrenzt

Wenn es so ist, dass es mir im Laufen gelingt, mich zu vertiefen in Begebenheiten, die mich besonders stark berühren, Begebenheiten, die in der Vergangenheit liegen, so hole ich etwas hinauf von diesem Gefühl in die Gegenwart. Ich hole etwas in diesen Lauf hinein. Es ist das an ein Ereignis, an eine Handlung gebundene Gefühl. Die Qualität dieses Gefühls ist dabei einerlei. Ich kann mich in Scham verzehren oder ebensogut Freude oder Beseeltheit zum Ausdruck bringen. Und ich verändere etwas an diesen Gefühlen, dadurch dass ich sie hervorhole. Ich verändere hierdurch ganz gewiss den Moment in dem ich laufe. Die Intensität des Gefühls lässt es hervortreten und damit das Verbundene Ereignis. Die Intensität lässt es heraustreten aus dem Strom aller jemals erfahrener Momente, aller jemals gefühlten Gefühle. Das Gefühl tritt hervor und es tut dies mit völliger Selbstverständlichkeit. Es ist im Recht und ich lasse es gewähren. Ich bleibe dabei neutral, offen und empfangend. Mein Körper ist in Bewegung. Ich atme, ich schwitze, das Blut pulsiert in meinen Adern. Es brodelt in mir und durch mich hindurch. Und in jeder meiner Zellen bearbeite ich dieses hinaufgeholte Gefühl und bringe es in Schwingung. Die Bewegung wird zu einem spirituellen Akt. Sie wird zu einem Opfer, welches ich aus dem, welches wir Bewusstsein nennen, herauslöse und dahingebe. Im Opfer harmonisiere ich mich. Ich reinige mich und kann das Gefühl loslassen. Das Gefühl ist darin gewandelt und besäntigt. Ich werde weich und leicht. Ich kann anerkennen, einmal so gehandelt zu haben. Ich kann anerkennen, kein anderes Bewusstsein gehabt zu haben, als jenes, welches mich damals genau so handeln ließ. Mein Blick kann distanziert von allen Seiten beobachten, da ich ja im Moment Distanzen zurücklege. Ich kann zudem anerkennen, dass ich bin. Ich existiere, mein Organismus erhält sich selbst, er atmet ohne Unterlass. Welcher Art Recht ist dies nur, dieses Weiterbestehen, diese Nicht- aufgeben-wollen? Ich kann erahnen, dass es das mir zugrunde liegende Prinzip ist, zu Handeln und mich darin zu erfahren. Das ist das Zu-erfahrende. Das ist das mir aufgetragene, das mir mögliche, das Geschenk und die größte Herausforderung zugleich. Ich wollte genau das fühlen, genau das erfahren. Und die Freiheit der Wahl in der ich stand, in der ich hier stehe, immer stehen werde, ist unbegrenzt.

Und darum laufe!

Krankheit

Ein langer Lauf führt mich in den Zustand der Schwäche. Die Schwäche die ganz nah der Krankheit sich befindet. Ich erschöpfe mich. Ich schwäche mich ganz bewusst. Das Wesen der Krankheit tritt zutage: Sie ist eine Zeit der Reduktion. Das Viele an Illusion reduziert sich über die Einengung der Wahrnehmung, die nun auf den Schmerz gerichtet ist. Ich benötige diese Zeit. In sie tritt die Wahrheit ein. Eine Begegnung mit einem Naturwesen, eine Pflanze, eine Wolke am Himmel, das Wasser.  Ich bin wie betäubt und durch meine schweratmende Schwäche genötigt, hinabzublicken. Der in die Ruhe gezwungene Moment ist das Portal durch das die Erkenntnis mir entgegentritt. Und das Naturwesen offenbart sich. Ich erkenne es in seiner Tiefe, ich verstehe vollkommen, was dieses Naturwesen ausmacht. Zudem verstehe ich seine Botschaft und die Bedeutung der Botschaft für mich in diesem, von der Krankheit dominierten Moment. Denn nur dieses Wesen, nur dieser Aspekt des Wesens ist in der Lage mir in diesem Moment eine Information zu übermitteln, die für mich von Wert ist. Eine Information, die – ist sie einmal vollkommen angenommen – den Raum öffnet für die Genesung. Denn ich gelange zurück in den Zustand der Harmonie, über die Arbeit an meinem Bewusstsein. Ein bewusstes Eintreten – denn genau dies ist das Laufen in dem Wald für mich – in diesen Zustand der Krankheit, erlöst die Unwahrheit in mir. Die Unwahrheit, die anderenfalls in drängenderer Form, zwingender mich binden müsste. Wir sprechen davon, an das Bett gefesselt zu sein. Durch den Körper gehe ich hindurch, immer und immer wieder. Ich kann der Krankheit mit Wertschätzung begegnen.

Und darum laufe!

Visionen

Eine Frau leitet eine Meditation an. Auf der Wiese, auf der ich sitze, befinden sich hunderte anderer Menschen, die ebenso wie ich ihren Worten folgen. Sie regt uns an, zur Ruhe zu kommen und tief zu atmen. Dann ermuntert sie uns, den Atem auf seinem Weg durch die Nasenlöcher in den Körper hinein zu beobachten – in die Lunge hinein und noch tiefer, an alle möglichen Orte des Körpers. Das ist wunderschön. Ich fühle mich geborgen und behütet in dieser großen Gruppe von Menschen, die ebenso wie ich ruhig, mit geschlossenen Augen, den Ausführungen folgen. Jetzt regt sie uns an, zu beobachten, was unser Geist betreibt. Ist es so, dass der Geist denkt, so fordert sie uns auf, dies zu benennen mit dem Begriff Denken. Ist es so, dass er sich sorgt, so sei dies benannt mit dem Begriff Sorgen. Ist es so, dass er plant, so sei dies benannt mit dem Begriff Planen. Im Benennen bereits entsteht in mir eine mich entspannende, lassende Stimung. Als würde ich mich erheben zur Freiheit hin, aus dem Denken heraus. Aus dem Denken heraus, mit dem ich mich zuvor vollkommen identifizierte. Dies einmal zu erfahren, berauscht mich geradezu und all das mich Bedrängende, es verliert an Bedeutung und an zwingender Macht über mich. Diese Meditation empfinde ich als eine erhabene Lehre, heilsam und friedvoll. In dieser Meditation erfahre ich zudem, dass vor meinem inneren Auge Bilder erscheinen. Geometrische Formen, Symbole und Zeichen. Ich sehe Dinge, Objekte, Gesichter und sie sind mal bewegt, mal starr. Dann gehen sie fliessend ineinander über. Mal erscheinen mir diese Bilder bedeutsam, mal voll Geheimnis. Ist es so, dass der Geist Bilder erzeugt, so rate ich mir leis, dies zu benennen mit dem Begriff Bilder. Ist der Begriff Bilder zu klein, so mag es vielleicht der Begriff Visionierungen sein. Oder, um es präziser zu fassen, sogar der Begriff Visionen. Wenn ich laufe, dann laufe ich in solchen Visionen. Dies wird mir daran deutlich, dass ich wiederholt erfahren habe, nach einer Stunde des Laufens auf der mir vertrauten Strecke zu erwachen, um mich vollkommen verirrt zu fühlen. So als hätte ich mich verlaufen. Ich muß wohl vollkommen in mir versunken gewesen sein – mit offenen Augen.

Und darum laufe!

Selbstbeobachtung

An einer Stelle im Wald löst sich ein Knoten meiner Laufsandale. Ich halte an, setze mich auf den Waldboden und beginne die Verschnürung zu lösen. Dann fädele ich die Schnüre wieder in das Loch in der Sohle ein und knüpfe den Knoten neu an der richtigen Stelle. Ich setze meinen Fuß auf die reparierte Sohle und passe die Schnüre an meinen Fuß an. Als all dies fertig ist, blicke ich auf. Wie schön es ist auszuruhen! Das Plätschern des Baches, der Blick in alle Richtungen – ein Geschenk ist diese Rast. Und ich blicke hinüber über den Bach, hinweg auf die andere Seite. Dort weit über mir muß der Weg verlaufen, den ich stets nehme. Ich erkenne den Anstieg, der sich zwischen den Bäumen abzeichnet. Und nun kann ich mich sehen, wir ich dort den Weg hinauflaufe. In meinen blauen Shorts, dem türkisen Hemd, der schwarzen Mütze, die Arme und Beine gebräunt von der Sonne. Wie ein Geist husche ich den Berg hinauf. Eben noch zu sehen, schon bin ich meinem Blick entschwunden. Erstaunt bin ich von meiner Geschwindigkeit, behend über Geröll und Stein. Es ist, als würde ich einem scheuen Tiere nachblicken, welches seiner Wege zieht. Über diesen Blick, den ich erhaschen konnte, bekomme ich nun Zugang zu Ansichten von mir auch an anderen Orten. Ich sehe mich sitzen, in einem Büro, stehen an der Kasse eines Supermarktes. Ich sehe mich reisen in einem Fahrzeug, sehe mich sitzen im Kreis von anderen Menschen. Das ist reine Information. Es liegt keine Wertung darin.

Und darum laufe!