Zugleich

Wenn Du läufst, kann es sein, dass Du nach dem Moment der Einheit suchst. Oder Du wartest auf eine Erkenntnis. Vielleicht erhoffst Du Dir Erhabenheit, die Erfrischung des Geistes oder die Erleuchtung. Die Erleuchtung soll sich einstellen. Dort hinter dem nächsten Ast, hinter der Biegung des Weges, in dem Anstieg den Berg hinauf. In der Tierbegegnung der Nacht, in dem Schrei der Eule, dem Schatten des Wolfes auf der Wegkreuzung. Doch dort ist sie nicht. Sie hat schon längst begonnen. Viel früher schon. Sie erscheint mit dem Entschluss Ich werde laufen. Im Ankleiden bereits bist Du mittendrin. Doch auch davor schon war die Erleuchtung am Werk. Die Erleuchtung nimmt ihren Anfang mit dem ersten Atemzug des blutverschmierten Kindes und sie endet mit dem letzten tiefen Ausatmen der Substanz. Mehr noch: weit davor und weit danach liegt der Anfang ihres Wirkens. Das Leben, ein einziger währender Höhepunkt. Es ist eine Spanne an Zeit und der Moment zugleich. Von hier betrachtet, integrierst Du alles, Dein ganzes Leben. jedes Missgeschick, jedes noch so große Hindernis. Freud und Leid, Scheitern und Erfolg.

Und darum laufe!

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Der heilige Ort

Ich gelange an einen besonderen Ort. Ich kann nicht benennen, was diesen Ort von anderen Orten abhebt. Doch ich kann mit Bestimmtheit sagen, dass dieser Ort auf mich besonders anziehend wirkt. Ich bleibe stehen und verweile einen Augenblick. Ich vollziehe eine Geste mit einer Hand oder beiden als Ausdruck der Würdigung von dem, was ich wahrnehmen, jedoch nicht benennen kann. Ich kann mir vorstellen, einmal an diesen Ort zurückzukehren, um genau dem zu begegnen, was ich wahrnehmen, jedoch nicht benennen kann. An diesem Ort ist der Zugang zu dem Unbenennbaren möglich. Es kräftigt mich. Vielleicht bemerken andere Menschen Ähnliches an diesem Ort. Ich sehe an den Spuren, dass auch andere Menschen diesen Ort besuchen. Der Pfad weitet sich hier. Spuren sind auf den bemosten Wurzeln der rahmenden Bäume zu sehen. Ich versuche mich so behutsam wie möglich zu verhalten. Kein Zeichen meiner Anwesenheit soll den Ort belasten. Kein Stein auf dem anderen, kein Altar, kein Zeichen soll hier verbleiben. Der Ort gehört sich selbst, er braucht keinen Eingriff von mir, von irgendjemandem. Im mir errichte ich einen Form- und gestaltlosen Altar aus reiner Energie. Und trage ihn mit mir fort. Das genügt.

Und darum laufe!

Das Ziel

Was wäre, würden wir alles erreichen, wirklich alles verwirklichen, sodass nichts mehr uns wäre, was eines Strebens würdig wäre? Von dort ist das Leben zu denken, wenn an ihm etwas gelingen soll. Nicht das Ziel vor Augen, das Ziel in uns bereits jetzt zu verwirklichen, darum es geht. Jetzt ist alles schon erreicht, denn in mir ich es in diesem Moment verwirkliche. Mit einem Male sich der Raum der Freiheit auftut. Ich kann ihn mit dem füllen, was mir bestimmt ist, zu sein: Mitgefühl, Anwesenheit, Stille, Freude, Liebe. Das ist wesentlich. Die illusionäre Form des mich umgebenden hingegen kann sein, wie sie mag, es ist ganz gleich, sie ist unwesentlich. Von dort, wo wir das Ziel vermuten etwas uns zieht. Doch hiervon sich nicht abhängig zu machen, ist die Aufgabe. Nicht rasend zu werden, ist gut.

Und darum laufe!