Krankheit

Ein langer Lauf führt mich in den Zustand der Schwäche. Die Schwäche die ganz nah der Krankheit sich befindet. Ich erschöpfe mich. Ich schwäche mich ganz bewusst. Das Wesen der Krankheit tritt zutage: Sie ist eine Zeit der Reduktion. Das Viele an Illusion reduziert sich über die Einengung der Wahrnehmung, die nun auf den Schmerz gerichtet ist. Ich benötige diese Zeit. In sie tritt die Wahrheit ein. Eine Begegnung mit einem Naturwesen, eine Pflanze, eine Wolke am Himmel, das Wasser.  Ich bin wie betäubt und durch meine schweratmende Schwäche genötigt, hinabzublicken. Der in die Ruhe gezwungene Moment ist das Portal durch das die Erkenntnis mir entgegentritt. Und das Naturwesen offenbart sich. Ich erkenne es in seiner Tiefe, ich verstehe vollkommen, was dieses Naturwesen ausmacht. Zudem verstehe ich seine Botschaft und die Bedeutung der Botschaft für mich in diesem, von der Krankheit dominierten Moment. Denn nur dieses Wesen, nur dieser Aspekt des Wesens ist in der Lage mir in diesem Moment eine Information zu übermitteln, die für mich von Wert ist. Eine Information, die – ist sie einmal vollkommen angenommen – den Raum öffnet für die Genesung. Denn ich gelange zurück in den Zustand der Harmonie, über die Arbeit an meinem Bewusstsein. Ein bewusstes Eintreten – denn genau dies ist das Laufen in dem Wald für mich – in diesen Zustand der Krankheit, erlöst die Unwahrheit in mir. Die Unwahrheit, die anderenfalls in drängenderer Form, zwingender mich binden müsste. Wir sprechen davon, an das Bett gefesselt zu sein. Durch den Körper gehe ich hindurch, immer und immer wieder. Ich kann der Krankheit mit Wertschätzung begegnen.

Und darum laufe!

Visionen

Eine Frau leitet eine Meditation an. Auf der Wiese, auf der ich sitze, befinden sich hunderte anderer Menschen, die ebenso wie ich ihren Worten folgen. Sie regt uns an, zur Ruhe zu kommen und tief zu atmen. Dann ermuntert sie uns, den Atem auf seinem Weg durch die Nasenlöcher in den Körper hinein zu beobachten – in die Lunge hinein und noch tiefer, an alle möglichen Orte des Körpers. Das ist wunderschön. Ich fühle mich geborgen und behütet in dieser großen Gruppe von Menschen, die ebenso wie ich ruhig, mit geschlossenen Augen, den Ausführungen folgen. Jetzt regt sie uns an, zu beobachten, was unser Geist betreibt. Ist es so, dass der Geist denkt, so fordert sie uns auf, dies zu benennen mit dem Begriff Denken. Ist es so, dass er sich sorgt, so sei dies benannt mit dem Begriff Sorgen. Ist es so, dass er plant, so sei dies benannt mit dem Begriff Planen. Im Benennen bereits entsteht in mir eine mich entspannende, lassende Stimung. Als würde ich mich erheben zur Freiheit hin, aus dem Denken heraus. Aus dem Denken heraus, mit dem ich mich zuvor vollkommen identifizierte. Dies einmal zu erfahren, berauscht mich geradezu und all das mich Bedrängende, es verliert an Bedeutung und an zwingender Macht über mich. Diese Meditation empfinde ich als eine erhabene Lehre, heilsam und friedvoll. In dieser Meditation erfahre ich zudem, dass vor meinem inneren Auge Bilder erscheinen. Geometrische Formen, Symbole und Zeichen. Ich sehe Dinge, Objekte, Gesichter und sie sind mal bewegt, mal starr. Dann gehen sie fliessend ineinander über. Mal erscheinen mir diese Bilder bedeutsam, mal voll Geheimnis. Ist es so, dass der Geist Bilder erzeugt, so rate ich mir leis, dies zu benennen mit dem Begriff Bilder. Ist der Begriff Bilder zu klein, so mag es vielleicht der Begriff Visionierungen sein. Oder, um es präziser zu fassen, sogar der Begriff Visionen. Wenn ich laufe, dann laufe ich in solchen Visionen. Dies wird mir daran deutlich, dass ich wiederholt erfahren habe, nach einer Stunde des Laufens auf der mir vertrauten Strecke zu erwachen, um mich vollkommen verirrt zu fühlen. So als hätte ich mich verlaufen. Ich muß wohl vollkommen in mir versunken gewesen sein – mit offenen Augen.

Und darum laufe!

Selbstbeobachtung

An einer Stelle im Wald löst sich ein Knoten meiner Laufsandale. Ich halte an, setze mich auf den Waldboden und beginne die Verschnürung zu lösen. Dann fädele ich die Schnüre wieder in das Loch in der Sohle ein und knüpfe den Knoten neu an der richtigen Stelle. Ich setze meinen Fuß auf die reparierte Sohle und passe die Schnüre an meinen Fuß an. Als all dies fertig ist, blicke ich auf. Wie schön es ist auszuruhen! Das Plätschern des Baches, der Blick in alle Richtungen – ein Geschenk ist diese Rast. Und ich blicke hinüber über den Bach, hinweg auf die andere Seite. Dort weit über mir muß der Weg verlaufen, den ich stets nehme. Ich erkenne den Anstieg, der sich zwischen den Bäumen abzeichnet. Und nun kann ich mich sehen, wir ich dort den Weg hinauflaufe. In meinen blauen Shorts, dem türkisen Hemd, der schwarzen Mütze, die Arme und Beine gebräunt von der Sonne. Wie ein Geist husche ich den Berg hinauf. Eben noch zu sehen, schon bin ich meinem Blick entschwunden. Erstaunt bin ich von meiner Geschwindigkeit, behend über Geröll und Stein. Es ist, als würde ich einem scheuen Tiere nachblicken, welches seiner Wege zieht. Über diesen Blick, den ich erhaschen konnte, bekomme ich nun Zugang zu Ansichten von mir auch an anderen Orten. Ich sehe mich sitzen, in einem Büro, stehen an der Kasse eines Supermarktes. Ich sehe mich reisen in einem Fahrzeug, sehe mich sitzen im Kreis von anderen Menschen. Das ist reine Information. Es liegt keine Wertung darin.

Und darum laufe!

Der erste Lauf

Irgendwann, vielleicht in früher Jugend, gab es einen Lauf, den ich vollig aus mir heraus begann. Ohne eine Vorstellung von einem Nutzen, ohne Vorstellung von einem Zweck, dem dieser Lauf hätte dienen sollen. Es muss einmal den ersten völlig aus mir heraus motivierten Lauf gegeben haben. Das erste Mal. Die Erste Begegnung mit der Freiheit. Ich lief los und eignete mir diesen Raum der Freiheit an. Im Spiel vielleicht, übermütig in der Entdeckung der eigenen Fähigkeit. Vielleicht als Form der Verarbeitung einer starken Emotion, als Ausdruck der reinen Freude an der Lebendigkeit, kindlich naiv. Ich trage diese Freude hinüber in den heutigen Tag und laufe wieder und immer noch ohne eine äußere Motivation, völlig aus mir heraus. Das sind die wertvollen, goldenen Momente, in denen ich mich frei bewege. Und jetzt begegne ich einem Gedanken. Einer phantastischen Vorstellung. Ich stelle mir vor, dass es irgendwann einmal den allerersten Lauf eines Menschen überhaupt auf diesem Planeten gegeben hat, der völlig frei war von einer äußeren Motivation. Vor millionen von Jahren vielleicht. Ein früher Vorfahre lief los und erwarb sich die Freiheit, zu laufen. Gesättigt, vertrauend, unbedroht, ohne Wettstreit noch Konkurrenz. Vielleicht völlig unbewusst darin. Einem Spiele gleich, als Ausdruck des Vermögens, laufen zu können. Sich darin erfahrend. Kindlich naiv. Etwas war mit diesem ersten freien Lauf verändert. Etwas war unwiderruflich gewandelt. Die Bedeutung dieses Moments strahlt hinaus in das Universum. Und ich ziehe die Kraft dieses allerersten Laufes der Menschheitsgeschichte hinein in diesen einen Moment, in dem ich mich ohne Zweck, ohne Absicht bewege. Ich verbinde mich mit der geborgenen, vertrauenden Kraft der Freiheit.

Und darum laufe!

Unerklärbar

Zu früh oder zu spät, abgehalten bin ich von beiden Zuständen gleichermaßen. Zu früh, weil ich noch nicht bereit bin. Weil ich noch müde bin von der Nacht. Weil ich noch voll bin von der Mahlzeit. Weil der Wald zu bevölkert ist von Menschen, die sich dort erholen. Zu spät, weil ich einer Ablenkung nach der anderen gefolgt bin. Zu spät, weil die Dunkelheit hereinbricht. Zu spät, weil die Kraft loszulaufen von mir in der Ablenkung vergeudet ist. Doch jetzt, auf des Messers Schneide, genau dort wo dieser eine Moment liegt, laufe ich los. Und es liegt etwas Geheimnisvolles in diesem Moment. Etwas Unerklärbares. Gegen alle Widerstände und Argumente laufe ich los. In dem Aushalten der Widerstände und der Widersprüche liegt eine große Kraft. Die ganze Welt ist gewandelt. Sie gerät in Bewegung.

Und darum laufe!

Wer bin ich?

Das Mechanische an dem Laufen ermüdet mich und das Mechanische an dem Denken zudem. Ich trete auf der Stelle und dabei auf einer Frage herum. Sie ist der Weg, das Portal, ein Rat, der Schlüssel und die Antwort des großen Weisen vom heiligen Berg Arunachala. Die Frage lautet: Wer bin ich? So einfach und klar, dass sie unmöglich zu vergessen ist. Sie verweist auf den Gedanken, der zu allen vorausgehenden Gedanken und mit ihnen verbundenen Gefühlen führt: Wer ist das, der dieses denkt? Wer denkt gerade? Und aus dem Inhalt, aus dem ich mich in Windungen zu lösen versuchte, bin ich nun enthoben. Ich fühle mich erhaben und darin lösen sich meine Hysterie, mein Aktionismus, meine Betroffenheit und meine Lähmung. Mitzufühlen bin ich sehr wohl noch in der Lage. Und ich falle auf die Knie vor Erschöpfung. Falle so aus der Erschöpfung heraus und besinne mich. Dann beuge ich mich vor, lege meine Stirn auf den Waldboden und spüre das Blut in meinen Kopf hinabfliessen. Wer bin ich?, denke ich in jedem dieser Momente. Wer bin ich?, im Schließen der Augen, im Niederlegen der Handflächen auf den Waldboden. Und ich sehe vor meinem inneren Auge links vor mir, völlig gestaltlos, mein in das Sein vertieft und verwickeltes Selbst. Es birgt mein Ego, den sich mit sich selbst identifizierenden Teil von mir. Dieses Selbst dehnt sich aus nach rechts hin, um immer weniger verwickelt mit den Erscheinungen und Materialisierungen zu einer anderen Qualität des Selbst zu werden. Es ist ebenfalls völlig gestaltlos. Es ist ein reineres Selbst und es dehnt sich vor mir liegend aus in den dritten Bereich, der bezuglos und unbegrenzt in seinem Kerne reines Nichts ist. Was für ein heiterer Witz! Das also bin ich! Und zudem ist mir möglich, mich selbst dabei zu beobachten. Ein Witz, von einem Witz betrachtet!

Und darum laufe!

Die Kraft des Anderen

Ein junger Mann, ein Gruß am Morgen, der offene Blick, sein Lächeln, mein Lächeln dazu und ich bin wie energetisiert von dieser Begegnung. Ich bin getragen von der Kraft seiner Jugend, der Frische seines Wesens. Als stünde er am Anfang einer großen Reise, die ihn zu dem größten führen wird, was uns das Leben gewährt. Zu der Wahrheit. In das wahrhaftige Leben. Sein Blick, seine ganze Erscheinung kündet von der Einzigartigkeit seiner Bestimmung, von der Bedeutung seiner Aufgabe, von der Hoffnung, der Erwartung und dem Mut. Sein Blick kündet von dem Aufbruch, dem Scheitern, der Rückkehr und der Erkenntnis. Dem Menschlichen an sich. Die Frische seiner Jugend erhebt mich aus meiner Kraftlosigkeit, die mir schon so lange anzudauern scheint. Sie erhebt mich aus dem faden Grau, das mich umgibt und in mich eingeflossen ist. Die Frische erinnert mich an das Leben in mir, an den Moment, an dem ich vor dem Aufbruch stand. Sie erinnert mich daran, in der Reise zu stehen, mittendrin. Meine Augen waren bis eben nicht offen dafür und ich sah nur das Grau, ohne zu verstehen. Ohne den großen Zusammenhang auch nur zu erahnen. In dem Blick seiner Augen erkenne ich nun wieder, was mich losziehen lies. Ich erkenne zudem, wie weit ich schon gelaufen bin. Seine Kraft zu sehen, erinnert mich an meine Kraft.

Und darum laufe!