Ein Haar

Ich gelange zu einem heiligen Ort. Ein Felsen erhebt sich über den Bach, der sich sanft um diesen Felsen schlängelt. Der Felsen hat die Form des Kopfes eines ausgewachsenen Blauwals und ich stelle mir vor, wie der Körper des in Stein erstarrten Tieres über viele Meter in die Tiefe der Erde reicht. Es ist der Moment, in dem der Wal die Wasseroberfläche durchstößt, um alsbald mit seinem riesigen Körper auf sie niederzuschlagen. Umgestürzte Bäume rahmen diesen Ort. Ein Durchgang durch die rahmende Barriere und schon bin ich da. Der Ort wirkt auf mich unvermittelt geradezu profan, gemessen an der innerern Erwartung und dem Moment, in dem ich ihn betrat. In dem Moment des Überschreitens der Barriere vollzog ich eine innere Handlung, eine Art Ritual, eine innere Verneigung. Und ich denke: Die Schwelle, die zwischen dem Einen und dem Anderen liegt, ist dieser heilige Ort. Sie selbst ist dieser Ort, ganz innerlich. Und diese Schwelle ist unendlich klein, sie ist die Grenze zwischen Diesem und Jenem. Sie ist so unendlich fein, dass ich sie kaum lokalisieren kann. In dem einen Schritt war sie erfahren. Ihre Kraft ist so ungeheuerlich groß, so wie sie selbst fein ist, wie ein hundertfach gespaltenes Haar.

Und darum laufe!

Harmonie

Ebbe und Flut, die stete Bewegung an den Rändern eines Eilands, die Veränderung, der Wandel, den ich beobachte. Strände, Sandbänke, mäandernde Ströme dazwischen. Sich verwischende Grenzen, Linien, die nicht zu ziehen sind. Die Erosion des Wassers und die Entstehung des Landes. Wenn etwas gilt, so ist es: Im Kleinen, wie im Großen. Und alles befindet sich in Bewegung. An dem, was ist, kann ich erahnen, was es einmal war. Mehr jedoch nicht. Niemals kann etwas genau so sein, wie es einmal gewesen ist. Auch der Felsen befindet sich in stetem Wandel. Der Felsen fließt dahin. Und so mein Bach im Tal mäandert, an dem Felsen sich reibt. An Bäumen vorbei. Der Bach den Sand bewegt, um zu sein, was ich nun vorfinde. Und wenn etwas gilt, so ist es: Im Innen, wie im Außen. So ich mich sehe und ich mich verstehe in der kleinsten, von mir wahrgenommenen Naturerscheinung, Ich bin ein Teil von ihr, war es immer und werde es immer sein. Und alles strömt dorthin, in die Versöhnung von Land und Wasser, von hart und weich, in die Vereinigung der Gegensätze. Sie sind darin ihrer selbst vollständig bewusst. Eine Harmonie, die sich in dem Moment zur Zeitlosigkeit aufschwingt.

Und darum laufe!

Silbriger Glanz

Eine Barriere, unsichtbar. Ich komme zu ihr nach einer Weile des Laufens. Ich verlangsame meine Schritte und winde mich behutsam durch sie hindurch, als wäre sie ein schwerer Vorhang aus einem blickdichten Material zum Schutze einer Kammer, eines Kinosaals etwa. Kein Licht soll hindurchdringen, kein Schall, keine Zugluft und auch keine Kälte. Ich gleite hindurch, erst mit dem linken, dann mit dem rechten Bein. Und ich verschließe den Vorhang hinter mir ebenso behutsam, wie ich ihn zuvor öffnete und durchschritt. Dass diese Handlung von Bedeutung ist, bemerke ich in dem Moment, in dem ich völlig hindurchgeschritten bin. Und ich bin nun in einer anderen Welt. Eine Welt, die hier beginnt und von der ich weiß, dass ich sie nur an genau dieser Stelle wieder verlassen kann. Ich werde durch diesen Vorhang wieder zurückkehren, ganz sicher. Diese Welt hält Begegnungen für mich bereit. Ein paar Meter nur und ich werde getroffen von einem silbrigen Schimmern auf dem Weg vor mir. Die Reflexion des Sonnenlichts in einem von silbrigem Glanz durchzogenen Stein zieht mich in ihren Bann. Glimmer und Glanz, ich neige mich hinab und ergreife den Stein, um tiefer in mich einzutauchen. Ein Bild aus Kindheitstagen, eine Begebenheit, ein Ereignis. Der Moment, in dem mein Leben eine Wendung erfuhr, die mich als erwachsenen Mann hierher führte. Deren Bedeutung ich jetzt erkennen kann. Genau jetzt ist der Moment erreicht, erwirkt, in dem mir ein Erkennen möglich ist. Und ich sehe in der Tiefe, was sich ereignete, sehe die Gefühle all derer, die darin verwickelt waren. Sehe, fühle, höre und schmecke. Perspektiven in Gleichzeitigkeit, als würde ich fliegen wie ein Vogel, als würde ich blicken aus meinen Augen und denen anderer Menschen. Was nehme ich mit hiervon? Es ist der silbrige Glanz in den Augen eines Kindes, zu dem ich vorgedrungen bin. Durch den Stein hindurch blickte es mich an und ich bin ihm gefolgt.

Und darum laufe!

Das Schärfen

Das Schärfen eines Messers mit einem Stein, in steten, ruhigen Bewegungen, in Halbkreisen, in Lemniskaten, um abzutragen was zu viel ist, um sich der Schärfe anzunähern. Eines Messers Schneide, von besonderer Schärfe. Es teilt ohne Widerstand. Und so ist es dem Laufen nah. Auch dies ein Schärfen, um zu teilen. Ohne Widerstand. Ein Schärfen des Verstandes und der Intuition. Es teilt den Weg in rechts und links. Es teilt die Gedanken in die, welche ich fallen lassen und die, welche ich bewahre. Zudem nimmt es von den Gedanken alles fort, was überflüssig ist. Das Hinfort nehmen, von all dem, was zu viel ist, um die Schneide zu erzeugen, die zu teilen vermag. Um dann hinfort zunehmen von dem Wesentlichen. Von der Sache-an-sich. Das Denken ist Werkzeug und Werkstück zugleich. Präzision ist die Aufgabe. Was einmal in die Welt gelangt, ist zuvor erdacht. Das Denken, ein Akt der Schöpfung. So frei es ist, irgendwann steht dort die Erkenntnis, dass es manifestiert. Es ist nicht ohne Folgen. Es ist die übertragene Verantwortung. Leicht, frei und heiter soll es sein, doch zudem präzise. Schritt für Schritt. Deshalb das Schärfen.

Und darum laufe!

Der heilige Ort

Ich gelange an einen besonderen Ort. Ich kann nicht benennen, was diesen Ort von anderen Orten abhebt. Doch ich kann mit Bestimmtheit sagen, dass dieser Ort auf mich besonders anziehend wirkt. Ich bleibe stehen und verweile einen Augenblick. Ich vollziehe eine Geste mit einer Hand oder beiden als Ausdruck der Würdigung von dem, was ich wahrnehmen, jedoch nicht benennen kann. Ich kann mir vorstellen, einmal an diesen Ort zurückzukehren, um genau dem zu begegnen, was ich wahrnehmen, jedoch nicht benennen kann. An diesem Ort ist der Zugang zu dem Unbenennbaren möglich. Es kräftigt mich. Vielleicht bemerken andere Menschen Ähnliches an diesem Ort. Ich sehe an den Spuren, dass auch andere Menschen diesen Ort besuchen. Der Pfad weitet sich hier. Spuren sind auf den bemosten Wurzeln der rahmenden Bäume zu sehen. Ich versuche mich so behutsam wie möglich zu verhalten. Kein Zeichen meiner Anwesenheit soll den Ort belasten. Kein Stein auf dem anderen, kein Altar, kein Zeichen soll hier verbleiben. Der Ort gehört sich selbst, er braucht keinen Eingriff von mir, von irgendjemandem. Im mir errichte ich einen Form- und gestaltlosen Altar aus reiner Energie. Und trage ihn mit mir fort. Das genügt.

Und darum laufe!

Der Stein

Der Stein bin ich, der im Bach das Wasser teilt, wo ich glaubte Wasser zu sein, das Strömen selbst, weich und voller Kraft.

Eine jede meiner Entscheidungen, ein Stein nur war, dazugelegt zu einem Feld, im Bette dieses Baches, wo ich glaubte, Wasser zu sein, das Strömen selbst, weich und voller Kraft.

Ohne Stein kein Rauschen. Das ist mein Geschenk an diese Welt.

Und darum laufe!

Sprechende Steine

Auf meinem Weg ein Stein zu mir spricht: Wie also ist es nun bestellt um Dein Ego, Dein Ablassen, Dein Dich Lösen? Und ins Mark getroffen, ich zusammensinke. Dem Stein ich antworte: Ich bemühe mich darum, wie weit, wie wenig mir gelingt, ich ahne davon, doch ich weiß es nicht. Dies ist meine Form, bis hierher. Anderes war mir nicht möglich, dies war mein Weg und ich bin noch dabei, was kommen wird, ist völlig offen …  Ein Moment der Stille uns versöhnt, ich den Stein nun frage: Wie nun ist es um Dich bestellt? Er mir antwortet: Ich liege hier, lasse mich zertreten, werde zu Staub, lasse mich ausspülen, verschwinde langsam aber stet, doch Dich nach Deinem Ego zu befragen, auch davon abzulassen, mir bisher noch nicht gelang.

Und darum laufe!