Umkehr

Erst sind es die Zeichen der Anderen, denen ich folge. Markierungen an Bäumen, Pfeile in leuchtenden Farben, Überbleibsel. Dann sind es die höheren Zeichen, denen ich folge. Eine Astgabel, die Beschaffenheit eines Baumes, der Einfall der Sonne an einer Wegkreuzung, in diesem Moment. Dann, an der folgenden Wegkreuzung ist es mein Wille, meine Entscheidung, der ich folge. Ich ignoriere alle Zeichen, ordne sie meinem freien Willen unter. Und dies, um einen Umweg zu nehmen, um die Wüste kennenzulernen, den steinigen Weg, den schweren Anstieg, die Sackgasse. Hier heraus wieder hervorgegangen, nehme ich wieder die höheren Zeichen wahr und ernst und folge ihnen. Doch was ist falsch an einem Umweg? Was ist falsch an der Wüste? An Steinen, an einem Anstieg? An einer Umkehr?

Und darum laufe!

Wasseramsel

Ein seltener Vogel auf einem Stein im Bach. Nur weil ich auf halber Strecke ausruhe, fällt mir dieser Vogel auf. Ich war zu müde für die lange Strecke, habe zu lange schon nicht mehr den Weg hierher gefunden, war müde überhaupt, erschöpft zu sehr, um aus mir die Kraft zu schöpfen. Der weiße Fleck auf der Brust des Vogels leuchtet weit zu mir herüber, so wie die den Stein umfliessende Gischt des frischen Wassers. Sein dunkles Federkleid, grau und braun, fast schwarz, ich verstehe, dass es genau angepasst ist an die Farbe der ihn umgebenden Steine. Angepasst an die Schatten, die die Steine in das Wasser werfen, an die Tiefen, die sich im Dunkel verlieren. Dies ist sein Lebensraum, ganz nah dem Wasser. Nie zuvor sah ich diesen Vogel. Auf Abbildungen vielleicht. Doch so nah, wie die Abbildungen ihn zeigen, kann ich ihm nicht kommen. Zu aufmerksam, zu scheu ist er, sodass er auffliegt und knapp über dem Wasser, schnell dem Bachlauf folgend, flüchtet. Ich weiß dass er unter Wasser nach seiner Nahrung sucht. Auch dass er singt, dass sein Federkleid so dicht ist, dass es ihm ein Tauchen ermöglicht. Was ich erfahre in dem Moment des Ausruhens ist, dass dieser Ort, den ich ja gut kenne, ganz eigenartig neu belebt ist für mich durch diese Begegnung mit diesem Tier. Als würde der Ort seine Seele offenbaren, die mir zuvor verborgen war. Die Fähigkeiten und Eigenschaften dieses Vogels sind mir nun mit diesem klar strömenden Abschnitt des Baches verbunden. Und ich sehe vor meinem inneren Auge diesen Vogel unter der Wasseroberfläche mit seinen kräftigen Krallen auf dem Gestein umherwandern und nach Nahrung suchen. Ein Taucher und ein Wanderer, ein Sänger und ein sich-verbergender, ein schnell davoneilender.

Und darum laufe!

Ein Haar

Ich gelange zu einem heiligen Ort. Ein Felsen erhebt sich über den Bach, der sich sanft um diesen Felsen schlängelt. Der Felsen hat die Form des Kopfes eines ausgewachsenen Blauwals und ich stelle mir vor, wie der Körper des in Stein erstarrten Tieres über viele Meter in die Tiefe der Erde reicht. Es ist der Moment, in dem der Wal die Wasseroberfläche durchstößt, um alsbald mit seinem riesigen Körper auf sie niederzuschlagen. Umgestürzte Bäume rahmen diesen Ort. Ein Durchgang durch die rahmende Barriere und schon bin ich da. Der Ort wirkt auf mich unvermittelt geradezu profan, gemessen an der innerern Erwartung und dem Moment, in dem ich ihn betrat. In dem Moment des Überschreitens der Barriere vollzog ich eine innere Handlung, eine Art Ritual, eine innere Verneigung. Und ich denke: Die Schwelle, die zwischen dem Einen und dem Anderen liegt, ist dieser heilige Ort. Sie selbst ist dieser Ort, ganz innerlich. Und diese Schwelle ist unendlich klein, sie ist die Grenze zwischen Diesem und Jenem. Sie ist so unendlich fein, dass ich sie kaum lokalisieren kann. In dem einen Schritt war sie erfahren. Ihre Kraft ist so ungeheuerlich groß, so wie sie selbst fein ist, wie ein hundertfach gespaltenes Haar.

Und darum laufe!

Silbriger Glanz

Eine Barriere, unsichtbar. Ich komme zu ihr nach einer Weile des Laufens. Ich verlangsame meine Schritte und winde mich behutsam durch sie hindurch, als wäre sie ein schwerer Vorhang aus einem blickdichten Material zum Schutze einer Kammer, eines Kinosaals etwa. Kein Licht soll hindurchdringen, kein Schall, keine Zugluft und auch keine Kälte. Ich gleite hindurch, erst mit dem linken, dann mit dem rechten Bein. Und ich verschließe den Vorhang hinter mir ebenso behutsam, wie ich ihn zuvor öffnete und durchschritt. Dass diese Handlung von Bedeutung ist, bemerke ich in dem Moment, in dem ich völlig hindurchgeschritten bin. Und ich bin nun in einer anderen Welt. Eine Welt, die hier beginnt und von der ich weiß, dass ich sie nur an genau dieser Stelle wieder verlassen kann. Ich werde durch diesen Vorhang wieder zurückkehren, ganz sicher. Diese Welt hält Begegnungen für mich bereit. Ein paar Meter nur und ich werde getroffen von einem silbrigen Schimmern auf dem Weg vor mir. Die Reflexion des Sonnenlichts in einem von silbrigem Glanz durchzogenen Stein zieht mich in ihren Bann. Glimmer und Glanz, ich neige mich hinab und ergreife den Stein, um tiefer in mich einzutauchen. Ein Bild aus Kindheitstagen, eine Begebenheit, ein Ereignis. Der Moment, in dem mein Leben eine Wendung erfuhr, die mich als erwachsenen Mann hierher führte. Deren Bedeutung ich jetzt erkennen kann. Genau jetzt ist der Moment erreicht, erwirkt, in dem mir ein Erkennen möglich ist. Und ich sehe in der Tiefe, was sich ereignete, sehe die Gefühle all derer, die darin verwickelt waren. Sehe, fühle, höre und schmecke. Perspektiven in Gleichzeitigkeit, als würde ich fliegen wie ein Vogel, als würde ich blicken aus meinen Augen und denen anderer Menschen. Was nehme ich mit hiervon? Es ist der silbrige Glanz in den Augen eines Kindes, zu dem ich vorgedrungen bin. Durch den Stein hindurch blickte es mich an und ich bin ihm gefolgt.

Und darum laufe!

Das Schärfen

Das Schärfen eines Messers mit einem Stein, in steten, ruhigen Bewegungen, in Halbkreisen, in Lemniskaten, um abzutragen was zu viel ist, um sich der Schärfe anzunähern. Eines Messers Schneide, von besonderer Schärfe. Es teilt ohne Widerstand. Und so ist es dem Laufen nah. Auch dies ein Schärfen, um zu teilen. Ohne Widerstand. Ein Schärfen des Verstandes und der Intuition. Es teilt den Weg in rechts und links. Es teilt die Gedanken in die, welche ich fallen lassen und die, welche ich bewahre. Zudem nimmt es von den Gedanken alles fort, was überflüssig ist. Das Hinfort nehmen, von all dem, was zu viel ist, um die Schneide zu erzeugen, die zu teilen vermag. Um dann hinfort zunehmen von dem Wesentlichen. Von der Sache-an-sich. Das Denken ist Werkzeug und Werkstück zugleich. Präzision ist die Aufgabe. Was einmal in die Welt gelangt, ist zuvor erdacht. Das Denken, ein Akt der Schöpfung. So frei es ist, irgendwann steht dort die Erkenntnis, dass es manifestiert. Es ist nicht ohne Folgen. Es ist die übertragene Verantwortung. Leicht, frei und heiter soll es sein, doch zudem präzise. Schritt für Schritt. Deshalb das Schärfen.

Und darum laufe!

Der Stein

Der Stein bin ich, der im Bach das Wasser teilt, wo ich glaubte Wasser zu sein, das Strömen selbst, weich und voller Kraft.

Eine jede meiner Entscheidungen, ein Stein nur war, dazugelegt zu einem Feld, im Bette dieses Baches, wo ich glaubte, Wasser zu sein, das Strömen selbst, weich und voller Kraft.

Ohne Stein kein Rauschen. Das ist mein Geschenk an diese Welt.

Und darum laufe!

Sprechende Steine

Auf meinem Weg ein Stein zu mir spricht: Wie also ist es nun bestellt um Dein Ego, Dein Ablassen, Dein Dich Lösen? Und ins Mark getroffen, ich zusammensinke. Dem Stein ich antworte: Ich bemühe mich darum, wie weit, wie wenig mir gelingt, ich ahne davon, doch ich weiß es nicht. Dies ist meine Form, bis hierher. Anderes war mir nicht möglich, dies war mein Weg und ich bin noch dabei, was kommen wird, ist völlig offen …  Ein Moment der Stille uns versöhnt, ich den Stein nun frage: Wie nun ist es um Dich bestellt? Er mir antwortet: Ich liege hier, lasse mich zertreten, werde zu Staub, lasse mich ausspülen, verschwinde langsam aber stet, doch Dich nach Deinem Ego zu befragen, auch davon abzulassen, mir bisher noch nicht gelang.

Und darum laufe!