Aktivität

Nie, wirklich nie darf es um Aktivität gehen, um reine Aktivität, die ihr eigener Sinn, Zweck, ihre ureigenste Absicht ist. Das wäre, so sage ich mir, die reine Vergeudung, eine Negation, eine Art Nichts, an dem abzustürzen doch jedem gelingen wird. Immer, aber auch wirklich immer, so sage ich mir, soll die Aktivität eine sein, die hinführt in Erfahrung, Gedanke, Erkenntnis, in die Loslösung von Gedanken, in eine Gedankenlosigkeit, in Erkenntnislosigkeit, in eine Erfahrungslosigkeit geradezu, weil sie mich werden lässt zu einem reinen Menschen, ohne Vergangenheit, ohne Voraus, ohne Gewesenes, ohne Zukunft, ein in dem Moment changierendes, pulsierendes Wesen, welches den Raum, den wir mit dem Begriff Moment zu fassen suchen, immer schmaler werden lässt, wie die Schneide eines geschärften Stahles, geradezu hinaufgeführt, hinaufgeführt sogar in den einen Punkt, der wie die Spitze einer Stecknadel das Eine nur ist und darin alles umfasst. Dieser eine Punkt, der sich dann verströmt, wie eine ausrauschende Flut, in alle Richtungen, um endlos zu werden in dem unbegrenzten Raum, der persönlichen Geschichtlichkeit, der heraufsteigenden Vergangenheit, der umfassenden Zukunft: Ein Mensch.

Und darum laufe!

Ein Sturz

Ich laufe mit erhobenen Armen, um meinen Rücken, Muskel und Wirbel zu entspannen. Ich versuche die Arme durchzustrecken und blicke im Laufen nach oben, sodass ich Blätter und Äste über mir vorbeifliegen sehe. Eine Wurzel wird wohl mein vorschwingendes Bein gefangen haben und ich stürze in dieser Haltung ungebremst auf beide Knie. Der Stoß schlägt hinauf in die Wirbel zwischen meinen Schutlerblättern und so liege ich da, gekrümmt auf dem Boden und ringe um Luft. Ein Kindheitsschmerz. Ich erinnere mich und lache in mich hinein. Ich lache darüber, ein Narr zu sein, der sich selbst verletzt. Der Schmerz ist mir vertraut und darin nicht beunruhigend. Würde ein Passant zur Hilfe eilen, ich würde sagen: Schon gut, es ist halb so wild, in ein paar Minuten ist alles wieder in Ordnung. Bitte lassen Sie mich einfach liegen. Bitte gehen Sie weiter. Bald werde ich wieder Luft bekommen. Und so war es auch. Nun, ein paar Tage später ist meine Atmung noch immer eingeschränkt, ein Drücken in meinem Brustkorb, nicht unangenehm. Ich atme also vorsichtig in andere Bereiche meiner Lunge, hinab in meinen Bauch. Ich blähe den Bauch, wie eine Blase und das gelingt nur, weil ich die Muskulatur weich lassen muß, wo sie zuvor angespannt war. Wie lange schon? In dieser Peinlichkeit auch noch mit einer Erkenntnis beschenkt zu sein, es erheitert mich zudem.

Und darum laufe!

Torus

Eiweiße, vielleicht Verunreinigungen im Wasser, die aufschämen, dort, wo das Wasser rauscht, wo es über Barrieren stürzt, spritzt und brodelt. Aus diesem Schaum, der von einem querliegenden Ast geschlagen ist, bildet sich in einem beruhigten Seitenbecken des Baches ein Ring aus Schaum. Ein Torus, einem Rettungsring in Form und Größe gleich, in steter ruhiger Kreisbewegung. Er schäumt von seinem äußeren Rand auf, um nach innen hin ebenso ebenmäßig abzuschäumen. Ein Ring aus Schaum. Eine Form, die mich völlig unerwartet trifft. Das Runde bildet sich über die Bewegung und die Kollision mit der geraden Kante die der Ast hier bietet. Aus dem Geraden entspringt das Runde. Ein wundersamer Torus so eigenartig fremd in dieser Umgebung und es erscheint mir ganz klar: Kein Gegensatz, keine Opposition, keine Dualität, die nicht zugleich eine Einheit wäre.

Und darum laufe!

Sonne

Als würde ich einem Tiere gleich aus einer Pfütze trinken wollen, neige ich mich hinab und blicke in die Spiegelung der Sonne, die sich an der Oberfläche des Wassers dort bildet, wo Blätter, Samenkapseln und Stengel die Wasseroberfläche durchbrechen. Die Sonne spiegelt sich in dutzenden, funkelnden Lichtpunkten hier und dort verteilt auf diesem Abschnitt der Pfütze. Und ich tauche ein in dieses Sternenmeer aus Hell und Dunkel. Ich nähere mich weiter an und entspanne meine Augen, sodass ich parallel blicke und lasse alles, was vor mir liegt miteinander verschwimmen. Meine Augen, oder vieleicht auch nur eines, beschenkt mich nun inmitten der weichen, samtenen Unschärfe mit einem Bild des einen, von diesem Auge fixierten Lichtpunktes. Dieser Lichtpunkt ist wie entfärbt und dabei vollkommen scharf. Und ich erstaune. Ich benötige eine Weile, um zu verstehen, was ich hier sehe. Der von mir fixierte Punkt ist so nah, dass ich ihn eigentlich nicht scharf sehen kann. Ich sehe durch ihn hindurch in die weite des Raumes, aus dem das Licht zu mir dringt. Ich sehe vor mir einen Kreis, in dem sich runde Formationen vereinen, sich wieder aufteilen, umherschwimmen. Dann um den Kreis herum ein Kranz von herausreichenden Strahlen. Ein flammender Kranz. Es muß die Sonne sein, deren Bild ich hier sehe, denke ich. Die Sonnenflecken in ihrer Aktivität, die Sonnenwinde die in den Weltraum hinausschießen, ihre Corona, alles ganz deutlich und scharf. In steter Bewegung, so weit weg und doch so deutlich. Ich habe technische Bilder hiervon gesehen und erkenne alles wieder. Der direkte Blick in das Licht der Sonne hinein hätte meine Augen geschädigt. Es ist die Brechung des Lichtes in der Oberfläche der Pfütze, die meine Augen schützt. Hier in diesem indirekten Blick kann ich genießen, ohne Mühe sehen. Das ich die Sonne sehe, ihr so nah bin, wie nie zuvor, ergreift mich. Ich empfinde Ehrfurcht. Es ist, als sei dieser Blick verboten. Als würde ich etwas sehen, dass doch verborgen sein muß. Lang bin ich umhergelaufen, bevor ich diese Entdeckung machen konnte. Immer schon lag dieses Geheimnis vor mir. Ich habe nur nicht hingesehen! Und ich erkenne, dass Menschen zu allen Zeiten genau dieses sahen.

Und darum laufe!

Edelsteine

Manchmal fallen mir Edelsteine in die Hand. Etwas gelingt, von dem ich zuvor nicht ahnte. Es gelingt aus dem Tun heraus, aus der Vertiefung in die Sache, die mich am meisten reizt. Und diese Edelsteine sind so wertvoll, dass ich sie nur herschenken kann. Einen Preis zu benennen, um einen Preis zu verhandeln, es würde ihre Würde antasten und so sind sie einfach fortgegeben und darin ist alles richtig. Es kann beim Laufen geschehen, in Form einer Erkenntnis. Es kann ebensogut bei einer Tätigkeit geschehen, der ich mich mit Hingabe widme. Etwas gelingt in dieser Disziplin und ich weiß um die Besonderheit dieses Moments, um die Besonderheit der Fähigkeit oder der Erkenntnis. Alles ist ganz leicht und einfach. Nur dorthin wo die Edelsteine vom Himmel fallen, dorthin muß ich mich erst einmal aufmachen. Ich muß mich bemühen, an diesen Ort zu gelangen. Und ich muß mich auch bemühen, die Hände geöffnet zu halten, um die Edelsteine aufzufangen. Ich kann sie auch auflesen von der Erde, doch auch das ist mit einer Mühe verbunden. Der Moment der Mühe kommt bestimmt und mein Eindruck ist, dass es sich lohnt die Mühe zu investieren. Regelmäßig, Konzentriert und Ernsthaft. Ich habe es erfahren, dass die Edelsteine herabregnen, direkt in meine Hand. Und ich erstaune immer wieder darüber, etwas zu vermögen, etwas zu beherrschen, was ich vor kurzeer Zeit noch für unerreichbar hielt.

Und darum laufe!

Wasseramsel

Ein seltener Vogel auf einem Stein im Bach. Nur weil ich auf halber Strecke ausruhe, fällt mir dieser Vogel auf. Ich war zu müde für die lange Strecke, habe zu lange schon nicht mehr den Weg hierher gefunden, war müde überhaupt, erschöpft zu sehr, um aus mir die Kraft zu schöpfen. Der weiße Fleck auf der Brust des Vogels leuchtet weit zu mir herüber, so wie die den Stein umfliessende Gischt des frischen Wassers. Sein dunkles Federkleid, grau und braun, fast schwarz, ich verstehe, dass es genau angepasst ist an die Farbe der ihn umgebenden Steine. Angepasst an die Schatten, die die Steine in das Wasser werfen, an die Tiefen, die sich im Dunkel verlieren. Dies ist sein Lebensraum, ganz nah dem Wasser. Nie zuvor sah ich diesen Vogel. Auf Abbildungen vielleicht. Doch so nah, wie die Abbildungen ihn zeigen, kann ich ihm nicht kommen. Zu aufmerksam, zu scheu ist er, sodass er auffliegt und knapp über dem Wasser, schnell dem Bachlauf folgend, flüchtet. Ich weiß dass er unter Wasser nach seiner Nahrung sucht. Auch dass er singt, dass sein Federkleid so dicht ist, dass es ihm ein Tauchen ermöglicht. Was ich erfahre in dem Moment des Ausruhens ist, dass dieser Ort, den ich ja gut kenne, ganz eigenartig neu belebt ist für mich durch diese Begegnung mit diesem Tier. Als würde der Ort seine Seele offenbaren, die mir zuvor verborgen war. Die Fähigkeiten und Eigenschaften dieses Vogels sind mir nun mit diesem klar strömenden Abschnitt des Baches verbunden. Und ich sehe vor meinem inneren Auge diesen Vogel unter der Wasseroberfläche mit seinen kräftigen Krallen auf dem Gestein umherwandern und nach Nahrung suchen. Ein Taucher und ein Wanderer, ein Sänger und ein sich-verbergender, ein schnell davoneilender.

Und darum laufe!

Auf dem Zeitstrahl

Ich unterschreite die große Steinbrücke, die wie ein Tor vor der sich öffnenden Waldschlucht liegt und laufe auf meinem Weg. Es ist ein Lauf auf dem Zeitstrahl zurück. Zurück in die Vergangenheit. Gleichbleibend ist meine Geschwindigkeit und fliessend die Rückkehr in der Zeit. Fliessend in dem Reich der Vorstellung. Mein Geist streift hierhin, mal dorthin, doch immer bleibt er an Menschen gebunden. Das ist interessant. Immer sind es Momente, die ich mit Menschen erlebt habe, die nun in meiner Vorstellung auftauchen aus dem großen Meer an Erinnerungen. Ich ermahne mich, nicht zu sehr zu springen von Erinnerung zu Erinnerung, oder von Empfindung zu Empfindung. Es soll ein gründlicher Lauf sein. Vernachlässigtes soll angesehen sein. Und so nehme ich mir die Zeit, genau hinzusehen. Auf diesem Lauf begegnen mir Menschen, mit denen ich lange Zeitsabschnitte verbracht habe und andere, die ich nur kurz traf und von denen ich mich schnell wieder löste. Und ich glaube zu erkennen, dass es die Tiefe der Selbstoffenbarung ist, die mich an einen Menschen band und diesen Menschen nun in dem Strom meiner Vorstellung auftauchen lässt. Die Tiefe der Selbstoffenbarung benötigt keine Zeitspanne. Sie ist mit einem Mal da und dann für alle Zeit. Dieser eine Moment, der ein Leben wandeln kann, ein einziger Blick nur kann er sein. Ich versuche Heiterkeit und Leichtigkeit hineinzuweben in dieses Reich der Vorstellung. Das ist mein Leben! Für alles gibt es Gründe, alles, so sage ich es nun: Alles ist richtig! Alles musste genauso sein, konnte nicht anders sein, in Form und Konstellation. Es ist ein heiteres Spiel ohne einen Verlierer! Gewinnt ein Mensch diese Erkenntnis, so gewinnen alle an seinem Erfolg, an seiner Errungenschaft. Ich fühle mich verbunden über Zeit und Gefühl hinaus und bin zutiefst dankbar. Doch es geht darum sich zu lösen. Das war mir vor dem Antritt zu diesem Lauf völlig klar. Sich zu lösen von dem eigenen Leben, um frei zu sein, endlich!

Und darum laufe!

Windsbraut

Das Risiko zu vermeiden, eine Gefahr zu vermeiden, ihr aus dem Weg zu gehen, alles so einzurichten, dass genau dieses nicht eintritt – es führt herbei. Die Verneinung beschäftigt sich mit dem, was die große Furcht ist und immer ist sie ein tiefes, innerliches Fest der Verbindung mit dem Alptraum, mit dem, was zu vermeiden ist. Die Verbindung – sie führt herbei. Einem Anderen zu folgen, der neben und dann leicht vor mir läuft, seinen Weg zu nehmen, es ist mir in dem Urwald als unerfahrenem Menschen notwendig, um zu überleben, und doch – es führt herbei. Das Reich der Tiefe lässt sich nicht durch Befolgung, durch Gehorsam und Unterordnung besänftigen. Das Reich der Tiefe, es findet seinen Weg zu mir, in mein Herz und es wird sich manifestieren, in genau dem, was ich befürchte. Kein Wunder, denn es kommt von mir. Es sind die von mir in meine Seele projizierten Visionen des Abgrundes. Die Furcht – sie führt herbei! Irgendwann lass ich den, der vor mir läuft davonziehen auf seinem Weg und schlage meinen eigenen ein. Nur dort erfähre ich etwas von mir. Nur dort werde dich meine Angst ansehen, sie besänftigen und auflösen können. Nur dort werden meine Masten brechen und meine tausend Segel zerreißen. Es geht darum mein Segelschiff zu vermählen mit dem Wind, es zu einer Braut des Windes werden zu lassen.

Und darüm laufe!

Niederlage

Der Wert einer Niederlage, ich sage, er liegt über dem Wert eines Sieges. Die Niederlage führt zurück, holt den Helden zurück von den Sternen auf die Erde. Aus dem Rausch wird ein nüchterner Zustand und still wird der Mensch. Zu einem Betrachtenden, einem Erkennenden wird er. Alles ist ihm sichtbar. Die Täuschung ist vorbei. Sich selbst erkennt er nun ganz deutlich und er erfährt sich neu in dieser tiefen Enttäuschung. Und er sieht noch mehr: Dort also steht der Sieger. Wie zeigt er sich? Welcher Art ist sein Jubel? Gehemmt oder extatisch? Von welcher Last scheint er in diesem Moment befreit zu sein? Was hat ihn hier herauf getrieben, der Beste sein zu müssen? Abgründe werfen ihre Schatten in das Gesicht des aus sich selbst heraus leuchtenden Helden. Dass es so viele Verlierer gibt auf dem Weg der Ermittlung dieses Einen, des Strahlenden, es ist der eigentliche Wert dieser Wettkämpfe. All die, die es nicht wurden, sind von der Last der Täuschung befreit. Das ist ein gutes Gefühl, frei zu sein.

Und darum laufe!