Der erste Lauf

Irgendwann, vielleicht in früher Jugend, gab es einen Lauf, den ich vollig aus mir heraus begann. Ohne eine Vorstellung von einem Nutzen, ohne Vorstellung von einem Zweck, dem dieser Lauf hätte dienen sollen. Es muss einmal den ersten völlig aus mir heraus motivierten Lauf gegeben haben. Das erste Mal. Die Erste Begegnung mit der Freiheit. Ich lief los und eignete mir diesen Raum der Freiheit an. Im Spiel vielleicht, übermütig in der Entdeckung der eigenen Fähigkeit. Vielleicht als Form der Verarbeitung einer starken Emotion, als Ausdruck der reinen Freude an der Lebendigkeit, kindlich naiv. Ich trage diese Freude hinüber in den heutigen Tag und laufe wieder und immer noch ohne eine äußere Motivation, völlig aus mir heraus. Das sind die wertvollen, goldenen Momente, in denen ich mich frei bewege. Und jetzt begegne ich einem Gedanken. Einer phantastischen Vorstellung. Ich stelle mir vor, dass es irgendwann einmal den allerersten Lauf eines Menschen überhaupt auf diesem Planeten gegeben hat, der völlig frei war von einer äußeren Motivation. Vor millionen von Jahren vielleicht. Ein früher Vorfahre lief los und erwarb sich die Freiheit, zu laufen. Gesättigt, vertrauend, unbedroht, ohne Wettstreit noch Konkurrenz. Vielleicht völlig unbewusst darin. Einem Spiele gleich, als Ausdruck des Vermögens, laufen zu können. Sich darin erfahrend. Kindlich naiv. Etwas war mit diesem ersten freien Lauf verändert. Etwas war unwiderruflich gewandelt. Die Bedeutung dieses Moments strahlt hinaus in das Universum. Und ich ziehe die Kraft dieses allerersten Laufes der Menschheitsgeschichte hinein in diesen einen Moment, in dem ich mich ohne Zweck, ohne Absicht bewege. Ich verbinde mich mit der geborgenen, vertrauenden Kraft der Freiheit.

Und darum laufe!

Wer bin ich?

Das Mechanische an dem Laufen ermüdet mich und das Mechanische an dem Denken zudem. Ich trete auf der Stelle und dabei auf einer Frage herum. Sie ist der Weg, das Portal, ein Rat, der Schlüssel und die Antwort des großen Weisen vom heiligen Berg Arunachala. Die Frage lautet: Wer bin ich? So einfach und klar, dass sie unmöglich zu vergessen ist. Sie verweist auf den Gedanken, der zu allen vorausgehenden Gedanken und mit ihnen verbundenen Gefühlen führt: Wer ist das, der dieses denkt? Wer denkt gerade? Und aus dem Inhalt, aus dem ich mich in Windungen zu lösen versuchte, bin ich nun enthoben. Ich fühle mich erhaben und darin lösen sich meine Hysterie, mein Aktionismus, meine Betroffenheit und meine Lähmung. Mitzufühlen bin ich sehr wohl noch in der Lage. Und ich falle auf die Knie vor Erschöpfung. Falle so aus der Erschöpfung heraus und besinne mich. Dann beuge ich mich vor, lege meine Stirn auf den Waldboden und spüre das Blut in meinen Kopf hinabfliessen. Wer bin ich?, denke ich in jedem dieser Momente. Wer bin ich?, im Schließen der Augen, im Niederlegen der Handflächen auf den Waldboden. Und ich sehe vor meinem inneren Auge links vor mir, völlig gestaltlos, mein in das Sein vertieft und verwickeltes Selbst. Es birgt mein Ego, den sich mit sich selbst identifizierenden Teil von mir. Dieses Selbst dehnt sich aus nach rechts hin, um immer weniger verwickelt mit den Erscheinungen und Materialisierungen zu einer anderen Qualität des Selbst zu werden. Es ist ebenfalls völlig gestaltlos. Es ist ein reineres Selbst und es dehnt sich vor mir liegend aus in den dritten Bereich, der bezuglos und unbegrenzt in seinem Kerne reines Nichts ist. Was für ein heiterer Witz! Das also bin ich! Und zudem ist mir möglich, mich selbst dabei zu beobachten. Ein Witz, von einem Witz betrachtet!

Und darum laufe!

Vor dem Bewusstsein

Worte, die durch mich hindurchgehen. Wortketten, Sätze, Erzählungen. Worte, die in mich eindringen, von außen und andere, die in mir entstehen. Wortketten, Sätze, Erzählungen. Worte, gebunden an Empfindungen. Gefühle, die sich in Worte kleiden und doch darin vollends wahr sind. Gefühle, die in völliger Übereinstimmung mit den Worten sind. Eine Trennung ist nicht möglich oder notwendig. Wortketten, Sätze, Erzählungen. Manche der Worte fallen wie Laub von einem Baum an einem sonnigen Herbsttag. Das ist ihre Bestimmung und Ausdruck des steten Wandels, der Veränderung und der Eingebundenheit in die großen Zyklen des Seins. Blätter im segelnden Flug, je nach Form, im Spiel mit dem Wind. Ein jedes Blatt eine Erfahrung. Ein jedes Wort eine Erfahrung. Andere Worte, die in mir kreisen. Die ihre Kraft, sich zu vergegenwärtigen aus dem Gefühl beziehen. Sie hinabzudrücken gelingt mir nicht. Nur wenn ich durchlässig werde, gleiten auch sie hinab. Nur wenn ich mit Ihnen auch von dem Gefühl loslasse, an welches sie gebunden sind, gleiten sie hinab. Bis ich leer bin, völlig leer. Ich bin jetzt nicht gefühllos, auch wenn es so erscheinen mag. Ich bin voller Mitgefühl, weil ich leer bin. Weil ich ohne Erinnerung bin. Es ist noch zu erahnen, in den uns wertvollen Momenten, dass es eine wortlose Zeit gab. Eine Zeit ohne Erinnerung. Eine Zeit vor dem Bewusstsein, welches uns so gründlich täuscht.

Und darum laufe!

 

Die Pflege der Gedanken

Dort, in der Umrundung einer Gruppe von Bäumen, als Marke auf meinem Weg, konnte ich eine große Hitze in den Spitzen meiner Finger spüren. Plötzlich, ganz unvermittelt. Besonders in den Spitzen der Ringfinger. Rechts und links. Ich war tief in Gedanken versunken und dachte in diesem Moment an eine Verbindung mit dem Herzen innerhalb der geistigen Aktivität. Ich dachte an eine Art inneren Faden, der durch mich hindurchginge, leicht und frei, silbrig und durchlässig. Ich dachte, dass denkend dem Menschen die Verbindung mit dem Herzen möglich sei. Die Verbindung mit der Emotionalität, dem Gefühl. Und so nahm ich diese körperliche Reaktion als eine Bestätigung meiner Gedanken. Ein Geschenk. Ich nahm die Empfindung der Hitze zudem als einen Hinweis, die Gedanken zu pflegen.

Und darum laufe!

 

Eine Schule des Laufens

Wann beginnt das Laufen? Wo endet das Gehen? Ich laufe an manchen Tagen so langsam, dass schnell gehende mich überholen würden. Und doch ist ihr Gehen nicht Teil dieser Schule des Laufens. Die Geschwindigkeit ist es nicht. Es ist nicht das Verhältnis der Zeit zu der in ihr zurückgelegten Distanz. Es ist darin nicht messbar und auch nicht vergleichbar. Es ist immateriell und innerlich. Es ist, in der Bewegung zur Ruhe zu gelangen. Der Schlag des Herzens spielt sicher eine Rolle. Leicht erhöht soll der Puls sein, mehr jedoch nicht. Auch hier ist alles individuell. Leicht erhöht im Verhältnis zu dem Ruhepuls. Dem Ruhepuls eines Menschen. Was ist das Wesen in mir? Anwesend, gegenwärtig zu völliger Ruhe zu gelangen, über die Zeit und den etwas erhöhten Puls – das ist diese Schule des Laufens. Es gibt keine Eile. Eile macht keinen Sinn. Es gibt kein Voraus, noch Hinterher. Ist es nun Laufen oder Gehen? Ganz egal! Es ist, in sich versunken zu sein. Nicht im eigenen Sumpf, der dunkel schweflig brodelt. Versunken im Keim, im Samenkorn des Selbst, welches golden leuchtet. Im Ich-Punkt. Im Jetzt, dort, wo alles zusammenläuft: Schicksal und Bestimmung, Wille und freie Wahl, Vergangenes und zu Erwartendes, Körperliches und Geistiges. Es ist der Punkt, der Ich und All zugleich ist, der keine Ausdehnung kennt. Unmessbar klein, ohne Länge noch Breite, ohne Geschmack, Farbe, Struktur und Form. Ein Punkt nur und das All zugleich, das vollkommene. Dessen Ausdehnung ist unmessbar weit, ohne Länge noch Breite, ohne Geschmack, Farbe, Struktur und Form. Das ist diese Schule des Laufens.

Und darum laufe!

Zugleich

Wenn Du läufst, kann es sein, dass Du nach dem Moment der Einheit suchst. Oder Du wartest auf eine Erkenntnis. Vielleicht erhoffst Du Dir Erhabenheit, die Erfrischung des Geistes oder die Erleuchtung. Die Erleuchtung soll sich einstellen. Dort hinter dem nächsten Ast, hinter der Biegung des Weges, in dem Anstieg den Berg hinauf. In der Tierbegegnung der Nacht, in dem Schrei der Eule, dem Schatten des Wolfes auf der Wegkreuzung. Doch dort ist sie nicht. Sie hat schon längst begonnen. Viel früher schon. Sie erscheint mit dem Entschluss Ich werde laufen. Im Ankleiden bereits bist Du mittendrin. Doch auch davor schon war die Erleuchtung am Werk. Die Erleuchtung nimmt ihren Anfang mit dem ersten Atemzug des blutverschmierten Kindes und sie endet mit dem letzten tiefen Ausatmen der Substanz. Mehr noch: weit davor und weit danach liegt der Anfang ihres Wirkens. Das Leben, ein einziger währender Höhepunkt. Es ist eine Spanne an Zeit und der Moment zugleich. Von hier betrachtet, integrierst Du alles, Dein ganzes Leben. jedes Missgeschick, jedes noch so große Hindernis. Freud und Leid, Scheitern und Erfolg.

Und darum laufe!