Blei

In mir eine innere Sesshaftigkeit, die ihre Sorgen selbst gebiert. Eine Sesshaftigkeit des Geistes, duldsam und erwartend, bleiern und passiv. Sie ist reine Sorge. Sorge ohne Licht. Laufe ich, schon 1000 Mal, auf meinem Weg, so ist dies Licht ohne Sorge, reines Licht. Ein Zustand, Ideal und frei. Herausgehoben aus dem fliessenden Blei der Sesshaftigkeit. Der Sesshaftigkeit Sorge ist, in Bewegung zu gelangen. Ist doch genau das der Sorge Erlösung, das Ende der Furcht. Und so bin ich beides. Um nun zu lernen, das Blei aus mir herausfliessen zu lassen, es herausströmen zu lassen, einem gewaltigen Wasserfall gleich das Blei von Jahren aus mir herausstömen zu lassen. Es rauscht hinab, in Kaskaden es sich bricht, schäumt, tost und braust. Welch ein Spektakel! Dem Ozean entgegen.

Und darum laufe!

Geschenk

Ein kühler Morgen. Licht strömt in mich ein. Ich atme es wieder aus. Über meine Lungen, Luftröhre, Nasenhöhle, Nase und schließlich die Nasenöffnung. Es ist das Licht des Waldes. Feucht, gesättigt, dampfend und schwer. Ich bleibe stehen auf einer Lichtung und neige mich dem Licht entgegen. Mein Gesicht ist kalt. Ich reibe meine Hände, bis sie warm werden und lege die Handinnenflächen auf meine Augen. Jetzt öffne ich meine Augen und blicke in meine Handinnenflächen. In das Dunkel. In die Abgeschirmtheit und darüber hinaus direkt in das Licht der Sonne. In ihren Kern, ihre Ausdehnung, das züngelnde Spiel ihrer Eruptionen, in ihr Wesen. Teilchen des Sonnenwindes beobachte ich, wie sie in mich eindringen. Wellen, die mich umspielen, mich umfassen. Ein Geschenk, so denke ich. Nimm es an!

Und darum laufe!

Schienen

Ich laufe wie auf Schienen. Schnell, fliegend. Ich schnaufe und atme rhythmisch. Ich atme tief. Blätter auf dem schwarzen Boden. Gelbe Flecken. Ein Teppich aus Ahorn, Eiche, Linde, Erle. Die Formen rasen durch mich hindurch. Eine Freude, ein Spiel. Die Zeit sich offenbart, die große Zersetzerin.

Und darum laufe!

Gedankengebäude

Die Forschung, die ich betreibe ergibt: Laufe ich schnell, in Geschwindigkeiten von 6 Minuten pro Kilometer oder sogar 5:50 Minuten pro Kilometer, so versorgt mich das Laufen mit Gedanken, die Blitzen ähneln. Sie erscheinen aus dem Nichts, treffend, klar und prägnant. Laufe ich hingegen etwas langsamer, so um die 7 Minuten pro Kilometer, oder auch 8 Minuten pro Kilometer, so sind die Gedanken eher Gebäuden vergleichbar. Etwas baut aufeinander auf. Etwas ist in der Tiefe ausformuliert. Die Gedanken ähneln Verfassungen, Regelwerken, Visionen von großer Komplexität. Doch ganz gleich, wie schnell ich laufe, wie das Wesen der Gedanken auch sein mag, dem Ganzen liegt eine Bejahung zugrunde. Sie ist das Fundament.

Und darum laufe!

Umkehrpunkt

Ich laufe und nehme mir vor, an einem bestimmten Punkt umzukehren. Ich plane den Tag und will nicht zu weit laufen. Es gibt also einen bestimmten Ort, an dem ich umkehren möchte. Ein kleiner Wasserfall zwischen zwei großen Bäumen und einer hinauf ragenden Felswand. Kiefern, Buchen, Eichen, Moos, Farne und mit ein wenig Glück die Wasseramsel, die dort auf einem Stein im rauschenden Bach lauert und hinab ins frische Wasser springt, um an anderer Stelle wieder aufzutauchen. Dort also will ich umkehren, … denke ich gerade noch und finde mich jenseits dieses Ortes auf der Strecke wieder. ich bin bereits einige hundert Meter zu weit gelaufen. Wie eigenartig! Ich habe den Umkehrpunkt überhaupt nicht wahrgenommen. Ich habe den Ort links liegen lassen. Ich war wohl betört von dem Rauschen des Wassers, war umfangen von dem Klang, war Wasser und Frische selbst. Ein heiterer Moment. Ein Vergessender zu sein, es ist von einer großen Kraft. Ein Sich-Selbst-Vergessender zu sein, ein Sich-Selbst-Auflösender, ein hinab strömender zu sein, es ist von einer großen Kraft. Ihm gibt es keine Verpflichtung mehr. Nichts Halbes mehr, kein Kompromiss.

Und darum laufe!

So wie es will

Ein Sturm zieht auf, Bäume brechen. Das ist ein Naturgesetz. Ich frage mich: Warum ist genau dieser Baum gestürzt? In welche Richtung weist sein Sturz? Was von ihm ist abgebrochen? Ich bin beeindruckt von den Kräften, dem geborstenen Holz, den abgeworfenen Ästen. Ich idealisiere. Ich idealisiere an der Verwüstung, an dem Bild, das sich hier bietet: Es sollen große Bäume, harmonisch platziert, umgeben von kleineren, heranwachsenden sein. Wohlgemischt, sich selbst überlassen, dem eigenen Willen folgend. Unangetastet soll er sein, der Wald, unbewurtschaftet, ohne Geraden und Wege, die nicht von Tieren gezogen, von Menschen dann befolgt und angenommen wären. Ich trage den Idealismus in den Wald hinein. Der Idealismus ist von sich aus im Wald nicht zu finden. So sehr ich auch suchen mag. Im Wald ist alles, wie es ist: gegenwärtig, anwesend, reines Sein, widersprüchlich. Existenz ohne Wert oder Unwert. Würdig, gleichgültig und -geltend. Aufstrebendes und absterbendes Leben, gestautes Wasser, gelegte Bäume quer durch den Bach. Gerade so wie es will. Ein Sturm zieht auf, Bäume brechen.

Und darum laufe!

Der wichtigste Lauf

Ich denke darüber nach, was an dem Laufen von Bedeutung ist: Was ist das wahrhaft Bedeutende an der Sache, die mich trägt über Jahre hinweg? Und darin: Gibt es einen herausstechenden Moment, der in seiner Bedeutung all die anderen überragt? Gibt es einen Lauf, der wichtiger war, als all die anderen? Gibt es einen Lauf, der der wichtigste überhaupt war? Und eine Frau kommt mir entgegen, sie läuft behutsam, leis und sanft, ganz verinnerlicht, so als wäre sie heute erst von einer schweren Krankheit genesen und das erste Mal wieder im Wald auf ihrem Weg. Ein Geist des Waldes geradezu. Und all die Vorstellungen von Besonderem, von Außergewöhnlichem, außergewöhnlich an Ort, an Bedingung, an Zeit und Raum, all die Situationen, in denen ein Wettkampf inszeniert war, eine Reise mir besondere Erfahrungen verschaffte, eine innere Kraft mir erlaubte, mich in einen Rausch zu begeben, all das verblasst vor dem einen Moment der wahrhaft bedeutend ist. Es ist der Moment, in dem der Mensch, der durch die Krankheit auf die Erde niedergeworfen war, nun so weit genesen ist, dass er sich zutraut, sich zu erheben. Und der Mensch erhebt sich! Er kleidet sich und er läuft los. Darin strahlt die Kraft der Bejahung aus der Niedergeworfenheit heraus. Ein einfaches Ja zu Allem, was ist. Ein Ja zur Bedingtheit, zu dem unlösbaren Rätsel des Seins, zur Krankheit, zu dem Blühen und dem Vergehen, zu dem steten Wechsel der Zeiten, zur Veränderung und dem Wandel. Oft bin ich krank gewesen und wieder genesen. Doch irgendwann bin ich wohl aufgestanden. Demütig zu werden, wir laufen.

Und darum laufe!

Aktivität

Nie, wirklich nie darf es um Aktivität gehen, um reine Aktivität, die ihr eigener Sinn, Zweck, ihre ureigenste Absicht ist. Das wäre, so sage ich mir, die reine Vergeudung, eine Negation, eine Art Nichts, an dem abzustürzen doch jedem gelingen wird. Immer, aber auch wirklich immer, so sage ich mir, soll die Aktivität eine sein, die hinführt in Erfahrung, Gedanke, Erkenntnis, in die Loslösung von Gedanken, in eine Gedankenlosigkeit, in Erkenntnislosigkeit, in eine Erfahrungslosigkeit geradezu, weil sie mich werden lässt zu einem reinen Menschen, ohne Vergangenheit, ohne Voraus, ohne Gewesenes, ohne Zukunft, ein in dem Moment changierendes, pulsierendes Wesen, welches den Raum, den wir mit dem Begriff Moment zu fassen suchen, immer schmaler werden lässt, wie die Schneide eines geschärften Stahles, geradezu hinaufgeführt, hinaufgeführt sogar in den einen Punkt, der wie die Spitze einer Stecknadel das Eine nur ist und darin alles umfasst. Dieser eine Punkt, der sich dann verströmt, wie eine ausrauschende Flut, in alle Richtungen, um endlos zu werden in dem unbegrenzten Raum, der persönlichen Geschichtlichkeit, der heraufsteigenden Vergangenheit, der umfassenden Zukunft: Ein Mensch.

Und darum laufe!