Illusionen

Unter sechs Minuten pro Kilometer, ich laufe und messe meine Zeit genau. Ich laufe in einer Geschwindigkeit, in der ich vor vielleicht 30 Jahren zuletzt gelaufen bin. Das war mein Ziel, diese Zeit wieder zu erreichen. Ich wollte einmal wieder so schnell und so weit in dieser Geschwindigkeit laufen, wie ich es als junger Mann getan habe. Ich denke zurück und lasse Bilder erscheinen aus der Zeit und dem Zeitraum dazwischen. Es ist, als würde ich neben mir selbst laufen. Ein junger Mann neben dem Mann, der sein Vater sein könnte. 30 Jahre älter, ein Leben liegt zwischen uns beiden und doch ist es nur ein Wimpernschlag. Ich blicke auf den jungen Mann und spüre, von ihm angeblickt zu werden. Nicht feindselig oder fremd, einfach nur mit dem Ausdruck der Verwunderung. Vielleicht auch mit dem Ausdruck eines Unverständnisses. Einander so wenig vertraut zu sein, erstaunt mich. Einander so wenig zu sagen zu haben, erstaunt mich noch mehr. Ich habe mich immer gemocht, nur selten habe ich mich verachtet. Ich habe versucht gut zu sein und nun diese Distanz zwischen uns beiden. Und ich seh all das, was vor ihm liegt. Ich verstehe: Er kann es nur bestehen, weil er nicht ahnt von den Prüfungen und Herausforderungen, die ich erfahren habe. Glück und Unglück, Erfolg und Niederlage. Ein echtes Leben. Ich schweige. Ich verrate nichts. Ich verstehe, dass es keinen Sinn macht, etwas preiszugeben. Doch was rät er mir? Die Aufrichtigkeit nicht zu opfern, den Respekt vor sich selbst zu wahren. Er ist unerbittlich, wo ich doch gerade glaubte, Prinzipien aufgeben zu können. Seine Reinheit beschämt mich. Als er diese Zeit lief, verstand er seinen Zorn nicht mehr gegen andere zu richten. Gegen sich selbst ebensowenig, doch das Laufen war irgendwie zu ihm gekommen. Ich könnte mein eigener Sohn sein, denke ich. Er könnte mein eigener Vater sein, denkt er. Doch er will nichts von mir wissen, will sich nicht zu tief mit mir einlassen. Und ich verstehe, wie gut sich Illusionen anfühlen, welch eine große Kraft sie genußvoll in ein Leben einfliessen lassen. Es würde seine Illusionen gefährden, sich mit mir einzulassen. Und es sind ja seine, die des jungen Mannes. Woher sollte ich das Recht nehmen, auch nur ein Wort zu verlieren? Zu meinen Illusionen schweigt er voller Takt und darin beharrlich. Mir scheint, wir sind einander ähnlich.

Und darum laufe!

Aktivität

Nie, wirklich nie darf es um Aktivität gehen, um reine Aktivität, die ihr eigener Sinn, Zweck, ihre ureigenste Absicht ist. Das wäre, so sage ich mir, die reine Vergeudung, eine Negation, eine Art Nichts, an dem abzustürzen doch jedem gelingen wird. Immer, aber auch wirklich immer, so sage ich mir, soll die Aktivität eine sein, die hinführt in Erfahrung, Gedanke, Erkenntnis, in die Loslösung von Gedanken, in eine Gedankenlosigkeit, in Erkenntnislosigkeit, in eine Erfahrungslosigkeit geradezu, weil sie mich werden lässt zu einem reinen Menschen, ohne Vergangenheit, ohne Voraus, ohne Gewesenes, ohne Zukunft, ein in dem Moment changierendes, pulsierendes Wesen, welches den Raum, den wir mit dem Begriff Moment zu fassen suchen, immer schmaler werden lässt, wie die Schneide eines geschärften Stahles, geradezu hinaufgeführt, hinaufgeführt sogar in den einen Punkt, der wie die Spitze einer Stecknadel das Eine nur ist und darin alles umfasst. Dieser eine Punkt, der sich dann verströmt, wie eine ausrauschende Flut, in alle Richtungen, um endlos zu werden in dem unbegrenzten Raum, der persönlichen Geschichtlichkeit, der heraufsteigenden Vergangenheit, der umfassenden Zukunft: Ein Mensch.

Und darum laufe!

Ein Sturz

Ich laufe mit erhobenen Armen, um meinen Rücken, Muskel und Wirbel zu entspannen. Ich versuche die Arme durchzustrecken und blicke im Laufen nach oben, sodass ich Blätter und Äste über mir vorbeifliegen sehe. Eine Wurzel wird wohl mein vorschwingendes Bein gefangen haben und ich stürze in dieser Haltung ungebremst auf beide Knie. Der Stoß schlägt hinauf in die Wirbel zwischen meinen Schutlerblättern und so liege ich da, gekrümmt auf dem Boden und ringe um Luft. Ein Kindheitsschmerz. Ich erinnere mich und lache in mich hinein. Ich lache darüber, ein Narr zu sein, der sich selbst verletzt. Der Schmerz ist mir vertraut und darin nicht beunruhigend. Würde ein Passant zur Hilfe eilen, ich würde sagen: Schon gut, es ist halb so wild, in ein paar Minuten ist alles wieder in Ordnung. Bitte lassen Sie mich einfach liegen. Bitte gehen Sie weiter. Bald werde ich wieder Luft bekommen. Und so war es auch. Nun, ein paar Tage später ist meine Atmung noch immer eingeschränkt, ein Drücken in meinem Brustkorb, nicht unangenehm. Ich atme also vorsichtig in andere Bereiche meiner Lunge, hinab in meinen Bauch. Ich blähe den Bauch, wie eine Blase und das gelingt nur, weil ich die Muskulatur weich lassen muß, wo sie zuvor angespannt war. Wie lange schon? In dieser Peinlichkeit auch noch mit einer Erkenntnis beschenkt zu sein, es erheitert mich zudem.

Und darum laufe!

Die Welle

Eine Welle, die mich verfolgt. Wie heranstürmende weiße Pferde und ich bin kurz vor ihnen. Einer Brandungswelle gleich, die über mir zusammenzustürzen droht. Die Geschwindigkeit so hoch zu halten, dass ich vor ihr bleibe, ist meine Aufgabe. Ich laufe also schnell. So schnell, dass ich die Gedanken nicht denken muß, deren Kraft sich in dem Bild der heranstürmenden weißen Pferde ausdrückt. Ich bin vor den Gedanken und erschöpfe mich. Und ich erschöpfe auch die Gedanken. Langsam zu werden, bedroht mich nun nicht mehr. Und tatsächlich: Alles ist gut! Für den Moment.

Und darum laufe!

Genußläufer

Das Laufen ist mir so sehr natürliche Form, so wenig Gefahr, dass es mir in diesem Moment unmöglich erscheint, in dem Laufen an den Rand des Bequemen, darüber hinaus in den Bereich des Lernens und dann in den Bereich des Existentiellen zu gelangen. Gewiss lerne ich und doch ist es bequem und komfortabel, so betreiben, wie ich es tue. Es ist ganz sicher wohltuend und ich erschöpfe mich in ihm, das ist die Sache an sich. Und doch erschöpft es sich, wenn es keine Herausforderung gibt. Ich und vielleicht auch ein jeder anderer Mensch in seiner eigensten Form, benötige und suche eine Herausforderung: Gelingt es mir, in der Dunkelheit zu laufen, soll es die Kälte sein. Gelingt es mir, eine besonders große Dauer zu bewältigen, so soll die Steigung dazukommen. Distanz oder Geschwindigkeit, gemessen und verglichen, immer soll es eine Herausforderung sein. Es endet nie und ich berausche mich daran, mich solcherart zu vergeuden, mich zu verausgaben. Es wird mich umbringen, irgendwann. Ganz sicher, eine Heimkehr gibt es nicht. Es ist die Sache an sich. Doch die Resignation, die geängstigte Lethargie, sie würde mich ebenso umbringen, ganz sicher, irgendwann. Was also treibt mich in dieser Disziplin hinauf in den Bereich, der mich herausfordert, mich mit einer neuen Erfahrung versorgt? Vielleicht eine mich verfolgende Bedrohung. Ein Tier, eine Meute. Ich würde anders laufen, Reserven mobilisieren und überhaupt erst von Reserven in mir Kenntnis erlangen. Einem Meister des Laufens gelänge genau dies ohne eine fremde Bedrohung. Aus sich heraus der Grenzerfahrung sich anzunähern, um in der Erfahrung sich selbst zu erkennen. Sich selbst zu spüren, immer wieder. Nichts darin wäre, einmal begangen, auch schon abgeschlossen oder dauerhaft errungen. Ihm wäre kein Tier notwendig. Er wäre souverän.

Und darum laufe!