Tausend Beine

Stelle dir vor, du hättest nicht nur zwei Beine, mit denen du läufst, sondern viele Tausende. Diese vielen Tausend Beine stelle dir nun vor in einem Überblick. Du kannst sie dir vorstellen wie die Beine eines Tausendfüßlers, der genau so lang ist, wie die Strecke, die von dir gelaufen wird an diesem Tage. Sie sind dort wo du entlang laufen wirst, auch wenn du die Strecke noch nicht kennst. Auch wenn du das erste mal auf dieser Strecke läufst. Jedes dieser Beinpaare wirst du genau ein Mal gebrauchen. Bist du mitten in dem Lauf, wenn du in diese Vorstellung eintauchst, so befinden sie sich vor dir und auch hinter dir. Hier, mitten in dem Lauf ist diese Vorstellung wohl am kräftigsten, denn du kannst diese Vorstellung sofort auf ihre Wirksamkeit überprüfen. Du selbst wirst darin nur noch zu einem Rest an Körper, der über diese Vorstellung hinweggleitet. Diese Vorstellung kann dich beschleunigen.

Und darum laufe!

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Schweben

Es ist möglich zu schweben. Für das Schweben benötige ich die Geschwindigkeit und die Fähigkeit diese Geschwindigkeit aufrechtzuerhalten. Und dies über einen gewissen Zeitraum hinweg. Das Gefühl des Schwebens ist eingebettet in einen Vorlauf und einen Nachlauf. Doch dann ist es da. Und es ist, als würde der Körper sich in einer anderen Realität befinden, als die Beine. Alles läuft von selbst. Es ist, als würde der Körper sich nicht hinauf und hinab bewegen. Es ist ein Schweben. Das ist es, weil die Beine darunter nur den jeweils notwendigen Impuls geben, hinauf und voraus. Die Masse des Körpers ist ja bewegt. Auch die Beine erfahren sich neu. Sie sind an das Schwebende angebunden und darin sind sie eher Werkzeuge der Luft, als des Bodens. Tatsächlich ist in dieser Phase des Laufes die Berührung der Füße mit dem Erdboden kürzer, als die Zeitspanne bis zur nächsten Berührung mit dem jeweils anderen Fuß.

Und darum laufe!

Rausch

Wenn du läufst, durch den Wald über Wurzel und Gestrüpp und du bist nicht allein, so versuche dies: Lauf hinter deinem Partner her, ganz nah. So nah, dass du kaum erkennen kannst, wohin du trittst, weil eben noch vor einem Bruchteil einer Sekunde der Fuß deines Freundes die Stelle berührte, die du jetzt berührst. Es ist wie der Blick auf die vorbeifliegenden Schwellen zwischen zwei Waggons, bei einer Fahrt mit der Eisenbahn. Dort ist der magische Raum, in dem die Geschwindigkeit alles miteinander verschmelzen lässt. Aus der sich abwechselnden Struktur von Schwelle und Zwischenraum wird eins. Eine Synthese. Die Vereinigung von zwei Prinzipien: dem Tragenden und dem Durchlässigen. Es ist das Seiende und das Nicht-Seiende. Ja und nein. Gebunden ist dies durch den Gleiskörper, der in diesem Bild ohne Anfang und Ende ist. Vor meinem inneren Auge und in mir entsteht durch die Geschwindigkeit eine neue Struktur. Ich kann mich in sie hineinfallen lassen. Diese Struktur ist vielschichtig. Sie zu betrachten, berauscht mich. Ich bin wie hypnotisiert und weiß doch, sich völlig fallen zu lassen ist gefährlich. Ich könnte mich verletzen. Und so betrachte ich Äste, Moos, Blätter, den hinauffliegenden Fuß des Freundes. Nichts von dem ist ohne Grund, alles ist gesetzt, arrangiert, voll Sinn und Bestimmung. Jedes noch so kleine Ästchen. Und alles verwischt in meinem Auge miteinander, sodass nichts eine feste Grenze mehr hat, sodass ein Ding es überhaupt nicht mehr zu geben scheint. Der Freund ist die Lokomotive, die mich zieht und ich gehe mit, lasse mich ziehen, hinab in die Tiefe des Rausches. Der Rausch ist, genau das zu sein, genau dort zu sein, wo Tritt um Tritt den Boden berührt. Darin bin ich völlig außer mir, im Rausch. Und ich atme, so gut es geht. Ich verausgabe mich, denn es gibt keinen Gedanken an die Einteilung der Kräfte. Das ist der Moment, mehr nicht. Und in ihm erhalte ich Zugang zu Kräften, die von außen zu kommen scheinen. Darin verbirgt sich ein Geheimnis, zu dem zurückzukehren es mich ruft.

Und darum laufe!

Des Läufers Hochgefühl

Dort ist ein Hinweis, einem Versprechen gleich, der in der Lage ist, mich zu locken. Er vermag mich hinzuführen, mich zu aktivieren. Er lautet: Wenn du läufst, erwartet dich nach einer Weile – mindestens einer Stunde und auch nicht immer – eine Art Rausch, ein Hochgefühl. Es kann so beglückend sein, dass du schmerzunempfindlich wirst und laufen kannst für weitere Stunden. Ein Schnellläufer wirst du sein in diesem Gefühl. Es ist einem sexuellen Hochgefühl ähnlich, nur dabei während, lang anhaltend. Wir nennen es »Des Läufers Hochgefühl«. Und nun mache dich auf, dieses Hochgefühl zu entdecken. Erwarte nicht, dass es sich sofort und verlässlich einstellt, schon gar nicht für jeden. Doch es gibt es. Viele haben es erfahren. Viele haben von diesem Gefühl berichtet. (…) Ich sage, es verhält sich ganz anders. Dieses Gefühl, »Des Läufers Hochgefühl«, stellt sich in dem Moment ein, in dem du daran denkst, die Kleidung für den Lauf, der am nächsten Morgen folgen soll, bereitzulegen. Es ist da, sofort, ganz tief und die mit ihm verbundene Entspannung setzt sofort ein. Der Atem geht tief, ganz von allein. Dieses Hochgefühl ist für alle verfügbar, für den ungeübten Läufer, wie für den geübten. Es setzt ein und ist vorhanden, ganz gleich, ob du wirklich am folgenden Morgen läufst oder nicht. Jedoch musst du es ernst meinen vor dir mit diesem Vorsatz. Nur, wenn du selbst davon überzeugt bist, es auch wirklich zu tun, stellt sich dieses Gefühl ein. Dann am Morgen steigert es sich, wenn du deine Kleidung anziehst. Es ist in dem Glas Wasser gesteigert, welches du vor dem Lauf trinkst. Es ist in dem öffnen der Haustür gesteigert. Es ist in dem ersten Atemzug gesteigert, den du an Frischer Morgenluft inhalierst. Und schon läufst du los und bist mittendrin. Es begleitet dich auf den ersten Metern, in der Erwärmung der Muskulatur. Es trägt dich über die folgenden Kilometer hinweg. Vielleicht denkst Du nicht daran, dass du dich in ihm befindest. Vielleicht bis du völlig unbewusst. Ganz sicher können sich, auf diesem Gefühl aufbauende, noch höhere Hochgefühle einstellen. Gefühle, die sich einer Beschreibung entziehen, die sich einer bewussten Annäherung entziehen. Gefühle, die einem scheuen Tiere gleich die Flucht ergreifen, wenn du sie versuchst zu berühren. Gefühle, die einem scheuen Tiere gleich sich einstellen, wenn du sie gewähren lasst und zur ruhe kommst in dir. So dass du sie beobachten kannst, beim trinken aus dem kristallklaren, eisigen Gebirgssee, der du selbst bist.

Und darum laufe!

 

 

 

 

Hunger

Ich laufe meist mit leerem Magen. Und doch nehme ich den Hunger nicht wahr. Heute laufe ich, bis ich hungrig bin, bis mir der Hunger bewusst wird. Das ist die Erweiterung der Grenze. Es ist eine Bedingung, die ich mir stelle. Es soll der Hunger sich einstellen. Ihn kennenzulernen, bin ich losgelaufen. Ihn zu verstehen und ihm gegenüber gleichgültig zu werden, ist das Ziel. Die Kraft nicht mehr aus dem Materiellen zu ziehen, aus Muskeln, Gewebe, aus Zellen. Die Kraft stattdessen aus dem Gehalt der Luft zu ziehen, ist das Ziel. Darüber hinaus aus dem, was ich in mich einströmen lasse. Ein Gefäß zu werden, das ist das Ziel. Es bedeutet, den Berg in mich einströmen zu lassen. Es bedeutet, der Berg zu sein. Der Berg, an dem ich mich im Anstieg erschöpfe. Ich selbst bin der Berg und renne auf mir bergan. Es sind die Gedanken des Berges, die ich denke. Es in die Gesänge der Landschaft, die ich singe. Der Hunger ist der Zugang. Der Hunger ist das Portal. Es ist da, zu jeder Zeit.

Und darum laufe!

Laufübung am Meer

Für diese Übung benötigst Du ein Meer, eine Küste, an der das Meer sich bricht. Dann benötigst Du einen Tag Zeit, zudem einen von Wolken klaren Himmel und den freien Blick auf die Sonne. Vor Dir benötigst Du einen Sandstrand. Vielleicht benötigst Du auch ein paar Tage Zeit, weil es sein kann, dass das Wetter an der See wechselhaft ist. Warte ab, irgendwann kommt die Sonne hindurch und dann laufe zum Strand. Du benötigst für diese Übung einen breiten Strand. Einen, der sanft zum Meer hin abfällt, sodass die Wellen lang und breit auflaufen, an Kraft verlieren und zurücklaufen. Ein Wattenmeer vielleicht. Dort laufe. Bewege Dich in dem Bereich, in dem die auflaufenden Wellen eine große Wasserfläche bilden, die im Ablaufen die Sonne reflektiert. Laufe nicht zu früh und nicht zu spät. Alles soll so sein, dass die Reflexion der Sonne vielleicht zwei Meter vor Dir liegt. Und dann laufe. Halte Deinen Blick gesenkt. Die Reflexion der Sonne läuft nun vor Dir. Sie begleitet Dich. Das ist die Übung. Erfahre, wie die Sonne vor Dir läuft, in gleichbleibendem Abstand. Du läufst dabei der Sonne entgegen. Lass den reflektierten Lichtfleck in Dich eingehen. Speise die Sonne ein in die Mitte Deines Kopfes und laufe, ohne zu denken. Das Rauschen des Meeres, die auf- und ablaufenden Strukturen von Wasser und Schaum unter Dir helfen Dir dabei. Lass alles in der Mitte Deines Kopfes zusammenkommen. Vertiefe Dich mit offenen Augen in das Zentrum Deines Kopfes. Laufe am besten barfuß durch die anbrandenden Wellen. Gib Dich dem Schwindel hin, hier kann nichts passieren, der Untergrund ist weich. Erfahre genau das, Kilometer um Kilometer. Und dann laufe heim. Das ist die Übung.

Und darum laufe!