Ziel

Ein Umkehrpunkt, den ich vergesse, an dem ich einfach weiterlaufe, er ist wie ein Ziel, welches ich erreiche, ohne es zu bemerken. Und ich übertrage diesen Moment auf alles andere. Ich wollte irgendwo innehalten, mir nicht noch mehr zumuten. Und doch bin ich einfach vorbeigeströmt. Das Feiern, das Innehalten, denn etwas lang ersehntes ist erreicht, es steht dem Strömen gegenüber. Denn es ist ganz gleich, was war, was sein wird. Wie erschöpft ich auch bin. Wie der Ort aussehen mag. Das zu erleben, es ist schon viel. Würdig wertvoll mag ein Mensch sich fühlen: Ein Moment. Eine Regenbogenforelle in dem rauschenden Bach. Ihr Schatten dort unten im Wasser. Ich beobachte sie und es beruhigt mich, zu sehen, dass sie nicht abtreibt. Sie braucht das Strömen des Wassers, die fortwährende Bewegung. Das rauschende Wasser ist voller Sauerstoff. Immer geht es weiter, so sehr, dass darin deutlich wird, dass dies das Eigentliche ist, es soll immer weiter gehen und es soll erfahren sein. Ein Selbst soll darin erfahren sein. Ein Tanz geradezu. Und nun öffnet sich der Raum der Fülle, denn in der Haltung, die alles bejaht wird auch das Strömen zu einem Gewinn. Alles nehme ich, als wäre es eine Grundbedingung, unabänderlich und wende ich mich der Wahrheit zu.

Und darum laufe!

Der wichtigste Lauf

Ich denke darüber nach, was an dem Laufen von Bedeutung ist: Was ist das wahrhaft Bedeutende an der Sache, die mich trägt über Jahre hinweg? Und darin: Gibt es einen herausstechenden Moment, der in seiner Bedeutung all die anderen überragt? Gibt es einen Lauf, der wichtiger war, als all die anderen? Gibt es einen Lauf, der der wichtigste überhaupt war? Und eine Frau kommt mir entgegen, sie läuft behutsam, leis und sanft, ganz verinnerlicht, so als wäre sie heute erst von einer schweren Krankheit genesen und das erste Mal wieder im Wald auf ihrem Weg. Ein Geist des Waldes geradezu. Und all die Vorstellungen von Besonderem, von Außergewöhnlichem, außergewöhnlich an Ort, an Bedingung, an Zeit und Raum, all die Situationen, in denen ein Wettkampf inszeniert war, eine Reise mir besondere Erfahrungen verschaffte, eine innere Kraft mir erlaubte, mich in einen Rausch zu begeben, all das verblasst vor dem einen Moment der wahrhaft bedeutend ist. Es ist der Moment, in dem der Mensch, der durch die Krankheit auf die Erde niedergeworfen war, nun so weit genesen ist, dass er sich zutraut, sich zu erheben. Und der Mensch erhebt sich! Er kleidet sich und er läuft los. Darin strahlt die Kraft der Bejahung aus der Niedergeworfenheit heraus. Ein einfaches Ja zu Allem, was ist. Ein Ja zur Bedingtheit, zu dem unlösbaren Rätsel des Seins, zur Krankheit, zu dem Blühen und dem Vergehen, zu dem steten Wechsel der Zeiten, zur Veränderung und dem Wandel. Oft bin ich krank gewesen und wieder genesen. Doch irgendwann bin ich wohl aufgestanden. Demütig zu werden, wir laufen.

Und darum laufe!

Erstaunen

Ich laufe und die Schnüre der Sandale an meinem rechten Fuß drückt. Sie tut es schon eine Weile und da der Schmerz nicht zu ignorieren ist, halte ich an und justiere die Schnüre neu. Es hat sich bereits eine Blase unter der Hornhaut gebildet. Ich bin erstaunt, wie lang ich gebraucht habe, um mich überhaupt zu kümmern. Ich habe die Irritation ignoriert bis hierher und jetzt geht es nicht mehr. Es dauert nicht lang, die Schnüre neu zu binden. Der Schmerz ist immer noch vorhanden, doch die Belastung ist anders verteilt. Zudem ist die Schnüre nicht mehr so straff gebunden, wie zuvor. Ich laufe weiter und denke: Wie einfach es gewesen wäre, schon viel früher zu justieren. Es hätte nur einen Moment benötigt. Ich hätte es tun können, sofort. Doch ich konnte genau das nicht verstehen.

Und darum laufe!