Wahrnehmung

Ein Hund knurrt mir auf meinem Weg entgegen. Ich laufe schnell und behalte meine Geschwindigkeit und Richtung bei. Ich gelange näher und er beginnt zu bellen. Instinktiv springe ich in die Höhe und schon bin ich an ihm vorbei. Er wird an seiner Leine zurückgezogen und bellt mir nach. Ich war so sehr in meine Gedanken vertieft, dass ich ihn nicht wahrgenommen habe. Seine Attacke war für mich völlg überraschend. Ich denke: Wie kann ich unsichtbar werden? Wie kann ich arbeiten mit der Wahrnehmung des Hundes. Wie mich seiner Witterung entziehen? Das ist das Motiv: sich entziehen. Ich gehe hinauf in die Höhe, in die ich versuchte zu springen. Dort oben also zu laufen, während mein Körper für den Hund unsichtbar wird, seiner Wahrnehmung entzogen. Und so stelle ich es mir vor: Vor mir liegt eine unsichtbare Treppe. Sie führt in die Höhe. Ich nehme mehrere ihrer Stufen in einem Satz. Entkommen, entweichen, hinauf, hinauf .

Und darum laufe!

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Malfuf

Ich beginne mit dem linken Fuß. Für den linken Fuß setzte ich das große L. Der rechte Fuß erhält das große R. Und ich laufe wie schon tausend Mal im Wechsel der Füße, ohne darüber nachzudenken.

Und es ist: L—R—L—R—L—R—L—R

Es sind acht Einheiten, acht Noten, die ich mit meinen Füßen spielen kann. Dann beginne ich wieder von vorn und so weiter. Da ich mit Links beginne, muss ich mit Rechts enden, um mit Links wieder anschließen zu können. Jetzt stelle ich mir die unterschiedlichen Klänge einer Trommel vor. Dort ist ein tiefer Klang. Er ist in die Mitte des Trommelfells geschlagen. Er klingt tief und ungedämpft. Kurz berührt der beherzt geschwungene Finger der rechten Hand das Fell, um mit der entstehenden Schwingung zurückzufedern. Aus der Drehung des Handgelenks heraus. Diesen Klang nenne ich DUN. Das ist der Grundklang des Instruments.

Daraus wird: DUN—R—DUN—R—DUN—R—DUN—R

Ich erinnere mich daran, wie ich als Kind immer wieder auf dem Weg von der Schule nach Hause an der Bordsteinkante lief. Ein Kinderspiel auf dem langen Fußweg, den ich täglich lief. Ich vertiefte mich auf dem weiten Weg in das Spiel, in dem ich die Distanz vergessen konnte und mich trotzdem meinem Ziel näherte. Ein Fuß auf den Bürgersteig, den anderen auf der Straße. Ein Fuß oben, ein Fuß unten. Hierbei ist der linke Fuß der, der das DUN spielt. Er trifft auf der Bordsteinkante auf. Er trifft weich auf, denn der Bürgersteig liegt höher als die Straße. Der Körper wird hochgehoben, um dann tiefer auf der Straße hart aufzusetzen. Das harte Aufsetzen ist der Akzent. In dem Spiel auf der Trommel gibt es einen Klang, der diesem Akzent entspricht. Er ist hart, fast schon metallisch. Er entsteht, wenn ich mit dem Ringfinger der rechten Hand auf die Kante der Trommel schlage, sodass das Fell deutlich höher und härter klingt. Das Holz des Rahmens klingt zudem. Diesen Klang kann ich verbinden mit dem harten Aufsetzen des Fußes in dem Kinderspiel auf dem Weg nach Hause. Diesen Klang nenne ich TAK. Und ich spiele in meinem Lauf:

DUN—TAK—DUN—TAK—DUN—TAK—DUN—TAK

Beide sind von gleicher Dauer, wobei es sich für mich als Kind wie heute so anfühlt, als wolle das DUN sich ausdehnen und das TAK sich zusammenziehen. Die Zeit vergeht herrlich, wenn man das DUN soweit ausdehnt, dass es doppelt so lang wird, wie ein TAK. Und der Raum schrumpft wie magisch zusammen. Das laufende Spiel beschenkt mich mit den Triolen, zunächst von gleicher Länge:

DUN—TAK—TAK—DUN—TAK—TAK

Hier beginne ich mit dem linken Fuß und dem DUN, um mit dem rechten Fuß das zweite DUN zu spielen. Nehme ich jetzt noch die Stille hinzu, so kann ich einen so komplexen Rhythmus wie den Malfuf spielen. Eine Magie liegt darin.

DUN—R—L—TAK—L—R—TAK—R

Und darum laufe!

Tausend Beine

Stelle dir vor, du hättest nicht nur zwei Beine, mit denen du läufst, sondern viele Tausende. Diese vielen Tausend Beine stelle dir nun vor in einem Überblick. Du kannst sie dir vorstellen wie die Beine eines Tausendfüßlers, der genau so lang ist, wie die Strecke, die von dir gelaufen wird an diesem Tage. Sie sind dort wo du entlang laufen wirst, auch wenn du die Strecke noch nicht kennst. Auch wenn du das erste mal auf dieser Strecke läufst. Jedes dieser Beinpaare wirst du genau ein Mal gebrauchen. Bist du mitten in dem Lauf, wenn du in diese Vorstellung eintauchst, so befinden sie sich vor dir und auch hinter dir. Hier, mitten in dem Lauf ist diese Vorstellung wohl am kräftigsten, denn du kannst diese Vorstellung sofort auf ihre Wirksamkeit überprüfen. Du selbst wirst darin nur noch zu einem Rest an Körper, der über diese Vorstellung hinweggleitet. Diese Vorstellung kann dich beschleunigen.

Und darum laufe!

Schweben

Es ist möglich zu schweben. Für das Schweben benötige ich die Geschwindigkeit und die Fähigkeit diese Geschwindigkeit aufrechtzuerhalten. Und dies über einen gewissen Zeitraum hinweg. Das Gefühl des Schwebens ist eingebettet in einen Vorlauf und einen Nachlauf. Doch dann ist es da. Und es ist, als würde der Körper sich in einer anderen Realität befinden, als die Beine. Alles läuft von selbst. Es ist, als würde der Körper sich nicht hinauf und hinab bewegen. Es ist ein Schweben. Das ist es, weil die Beine darunter nur den jeweils notwendigen Impuls geben, hinauf und voraus. Die Masse des Körpers ist ja bewegt. Auch die Beine erfahren sich neu. Sie sind an das Schwebende angebunden und darin sind sie eher Werkzeuge der Luft, als des Bodens. Tatsächlich ist in dieser Phase des Laufes die Berührung der Füße mit dem Erdboden kürzer, als die Zeitspanne bis zur nächsten Berührung mit dem jeweils anderen Fuß.

Und darum laufe!

Rausch

Wenn du läufst, durch den Wald über Wurzel und Gestrüpp und du bist nicht allein, so versuche dies: Lauf hinter deinem Partner her, ganz nah. So nah, dass du kaum erkennen kannst, wohin du trittst, weil eben noch vor einem Bruchteil einer Sekunde der Fuß deines Freundes die Stelle berührte, die du jetzt berührst. Es ist wie der Blick auf die vorbeifliegenden Schwellen zwischen zwei Waggons, bei einer Fahrt mit der Eisenbahn. Dort ist der magische Raum, in dem die Geschwindigkeit alles miteinander verschmelzen lässt. Aus der sich abwechselnden Struktur von Schwelle und Zwischenraum wird eins. Eine Synthese. Die Vereinigung von zwei Prinzipien: dem Tragenden und dem Durchlässigen. Es ist das Seiende und das Nicht-Seiende. Ja und nein. Gebunden ist dies durch den Gleiskörper, der in diesem Bild ohne Anfang und Ende ist. Vor meinem inneren Auge und in mir entsteht durch die Geschwindigkeit eine neue Struktur. Ich kann mich in sie hineinfallen lassen. Diese Struktur ist vielschichtig. Sie zu betrachten, berauscht mich. Ich bin wie hypnotisiert und weiß doch, sich völlig fallen zu lassen ist gefährlich. Ich könnte mich verletzen. Und so betrachte ich Äste, Moos, Blätter, den hinauffliegenden Fuß des Freundes. Nichts von dem ist ohne Grund, alles ist gesetzt, arrangiert, voll Sinn und Bestimmung. Jedes noch so kleine Ästchen. Und alles verwischt in meinem Auge miteinander, sodass nichts eine feste Grenze mehr hat, sodass ein Ding es überhaupt nicht mehr zu geben scheint. Der Freund ist die Lokomotive, die mich zieht und ich gehe mit, lasse mich ziehen, hinab in die Tiefe des Rausches. Der Rausch ist, genau das zu sein, genau dort zu sein, wo Tritt um Tritt den Boden berührt. Darin bin ich völlig außer mir, im Rausch. Und ich atme, so gut es geht. Ich verausgabe mich, denn es gibt keinen Gedanken an die Einteilung der Kräfte. Das ist der Moment, mehr nicht. Und in ihm erhalte ich Zugang zu Kräften, die von außen zu kommen scheinen. Darin verbirgt sich ein Geheimnis, zu dem zurückzukehren es mich ruft.

Und darum laufe!

Eine Schule des Laufens

Wann beginnt das Laufen? Wo endet das Gehen? Ich laufe an manchen Tagen so langsam, dass schnell gehende mich überholen würden. Und doch ist ihr Gehen nicht Teil dieser Schule des Laufens. Die Geschwindigkeit ist es nicht. Es ist nicht das Verhältnis der Zeit zu der in ihr zurückgelegten Distanz. Es ist darin nicht messbar und auch nicht vergleichbar. Es ist immateriell und innerlich. Es ist, in der Bewegung zur Ruhe zu gelangen. Der Schlag des Herzens spielt sicher eine Rolle. Leicht erhöht soll der Puls sein, mehr jedoch nicht. Auch hier ist alles individuell. Leicht erhöht im Verhältnis zu dem Ruhepuls. Dem Ruhepuls eines Menschen. Was ist das Wesen in mir? Anwesend, gegenwärtig zu völliger Ruhe zu gelangen, über die Zeit und den etwas erhöhten Puls – das ist diese Schule des Laufens. Es gibt keine Eile. Eile macht keinen Sinn. Es gibt kein Voraus, noch Hinterher. Ist es nun Laufen oder Gehen? Ganz egal! Es ist, in sich versunken zu sein. Nicht im eigenen Sumpf, der dunkel schweflig brodelt. Versunken im Keim, im Samenkorn des Selbst, welches golden leuchtet. Im Ich-Punkt. Im Jetzt, dort, wo alles zusammenläuft: Schicksal und Bestimmung, Wille und freie Wahl, Vergangenes und zu Erwartendes, Körperliches und Geistiges. Es ist der Punkt, der Ich und All zugleich ist, der keine Ausdehnung kennt. Unmessbar klein, ohne Länge noch Breite, ohne Geschmack, Farbe, Struktur und Form. Ein Punkt nur und das All zugleich, das vollkommene. Dessen Ausdehnung ist unmessbar weit, ohne Länge noch Breite, ohne Geschmack, Farbe, Struktur und Form. Das ist diese Schule des Laufens.

Und darum laufe!

Über null

Wenn ich barfuß laufe auf gefrorenem Boden, nur mit einer durch Schnüre befestigten dünnen Ledersohle an den Füßen und die Temperatur der Luft dabei über null Grad liegt, dann ist alles möglich. Zehn Kilometer oder mehr sind möglich, ohne dass ich Erfrierungen befürchten muss. Denn es ist so, dass bei einem Lauf von einer Stunde die Füße vielleicht nur ein Drittel der Zeit den gefrorenen Boden berühren. Die Füße sind  zudem durch die dünne Sohle geschützt. Den Rest der Zeit – bin ich ununterbrochen in Bewegung – befinden sich meine Füße in der wärmeren Luft. Ich glaube, alles über null Grad Lufttemperatur ist möglich. Zudem trainiere ich die Durchblutung der Gefäße mit jedem Lauf der unter zehn Grad liegt. Es liegt darin kein Schmerz für mich. Es liegt darin auch kein mangelnder Komfort. Ich bin frei im Denken. Frei von Sorge oder Befürchtung. Ich kann mich völlig erheben und einfach laufen. Da ist der Wald, das Rauschen des Baches und die freundliche Verwunderung der mir begegnenden Passanten. An die Kälte habe ich die Füße bereits gewöhnt. Ich vermute, obwohl nach einer Stunde des Laufens die Füße sich ganz taub anfühlen, dass auch Barfußläufe bei Minusgraden möglich sind. Ich richte das heiße Wasser unmittelbar nach der Heimkehr auf Spann, Ferse, Sohle und Zehen. So habe ich meine Füße seit Jahren nicht gespürt.

Und darum laufe!