Wasserhaushalt

Ich sage: So wesentlich das Wasser sein mag und deshalb der Begriff Wasserhaushalt des Laufenden existiert, so ist der Zustand seines Denkens wesentlich, so sind seine Gedanken wesentlich. Ich erschaffe den Begriff Gedankenhaushalt des Laufenden. Ich habe auf meinem Weg stets die Möglichkeit zur Umkehr und kehre ich vorzeitig zurück, so ist es immer ein Zugeständnis an die mich zurückrufenden Gedanken. Das Versäumnis, welches sich genau jetzt in Erinnerung ruft, die Aufgabe, die Verpflichtung. Dieser rufende Gedanke wirkt ganz sicher direkter, als ein Mangel an Wasser. Tritt der rufende Gedanke ein, sind meine Beine weich wie Pudding, ich atme schlecht, mein Fundament ist wie zerschlagen und der Tempel stürzt ein: Nur noch heraus aus diesem Urwald! Den Mangel an Wasser nehme ich anders wahr. Langsam wird mir seine Wirkung bewusst. Zuerst wird der Mund trocken. Dann tritt die Reue ein. Wäre ich doch nur besser vorbereitet in diesen Lauf gegangen. Dann werde ich langsam. Die Schritte werden schwer. Doch ich laufe weiter. Ich kann mich auszehren. Ich kann das Wasser aus meinen Reserven saugen und den Mangel später ausgleichen.

Und darum laufe!

Gedankengebäude

Die Forschung, die ich betreibe ergibt: Laufe ich schnell, in Geschwindigkeiten von 6 Minuten pro Kilometer oder sogar 5:50 Minuten pro Kilometer, so versorgt mich das Laufen mit Gedanken, die Blitzen ähneln. Sie erscheinen aus dem Nichts, treffend, klar und prägnant. Laufe ich hingegen etwas langsamer, so um die 7 Minuten pro Kilometer, oder auch 8 Minuten pro Kilometer, so sind die Gedanken eher Gebäuden vergleichbar. Etwas baut aufeinander auf. Etwas ist in der Tiefe ausformuliert. Die Gedanken ähneln Verfassungen, Regelwerken, Visionen von großer Komplexität. Doch ganz gleich, wie schnell ich laufe, wie das Wesen der Gedanken auch sein mag, dem Ganzen liegt eine Bejahung zugrunde. Sie ist das Fundament.

Und darum laufe!

Wasser schöpfen

Der Übung Regel: Beende einen Lauf, wenn ein erster Gedanke gedacht, wenn ein erster Gedanke sich kristallisiert hat. Wenn er bereit ist, niedergelgt zu werden. Beende einen Lauf, wenn es Worte gibt, die nur noch niederzuschreiben wären, in ein Journal, eine Sammlung von Blättern, in ein Buch. Beende diesen Lauf ganz abrupt und kehre heim an den Ort, von dem du aufgebrochen bist. Nimm es so, als würdest du Wasser schöpfen aus einem Brunnen oder einer Quelle im Wald. Nimm es so, als würdest du das Wasser heimbringen wollen und bedinge dich selbst, indem du sagst: Genau ein Gedanke ist mein Gefäß in der Lage zu fassen. Genau eine Hand voll Wasser kann ich schöpfen. Und nun kehre heim, ohne dass das Wasser verschüttet wird. Ohne dass das Wasser verunreinigt wird durch einen weiteren Gedanken. Es kann sein, dass sich deine Läufe von nun an deutlich verkürzen, sodass von einer Laufpraxis überhaupt keine Rede mehr sein kannn. Vielleicht mag sich diese Übung auch ein wenig gewaltsam anfühlen. Doch sie kann erkenntnisreich sein. Ist die Irritation zu stark, so laufe einfach, ohne zu denken. Ganz einfach, ohne etwas zu behalten, ohne etwas zu planen, ohne etwas zu behalten. Lass alles los.

Und darum laufe!

Lauftechnik – Die Stille

Lauf, wenn Du läufst, so still es nur geht. So leis, wie nur möglich. So sanft, wie nur möglich – fliege geradezu. Vom Atmen will ich hier nicht reden. Ich rede vom Setzen des Fußes auf den Untergrund. Ist es – das Setzen – so leis, daß Passanten Dich nicht hören, sie Dich nicht bemerken, wenn Du Dich von hinten ihnen annäherst, dann ist es gut. Denn jedes Geräusch ist Energie, über die Du verfügen könntest, wäre sie hier nicht in Schall gewandelt. Du könntest diese Energie aufbringen, um Dich vom Boden abzudrücken, Dich schweben zu lassen. Ist es so leis, Dein Laufen, daß der Zaunkönig von dem Schatten nur, den Du auf ihn wirfst, aufmerkt, so ist es gut. Kein Geräusch hat ihn gewarnt. Nichts eilte Dir voraus.

Jetzt laufe nicht etwa so, weil es Dir zugute käme, weil es Gelenke, Knochen, Sehnen und Muskeln schonen würde – das tut es ohnehin, das Leise-Laufen – doch hierum geht es nicht. Es geht nicht um Nutzen oder Zweck, nicht um Ertrag oder Erfolg. Laufe leis, sanft, der Erde zuliebe, auf der zu sein Dir gestattet ist. Laufe leis, weil Du ein Stampfen ihr nicht zumuten möchtest. Weil Du Ihre Sehnsucht nach Harmonie und Übereinstimmung wahrnimmst. Weil in allem, was Du tust sich Dankbarkeit ausdrücken soll, ihr gegenüber. Dankbarkeit für ihre Duldsamkeit, für die Kraft und Geborgenheit, die sie Dir schenkt. Dankbarkeit dafür, daß sie Dich nährt, Dir Raum gewährt.

Und darum laufe!