Sterben

Lass die letzten Meter zu deinem Haus kein Zieleinlauf sein, keine Straße, nicht einmal ein Weg. Ein verschlungener Pfad soll es sein, auf dem du langsam werden kannst, nach langem Lauf, heimlich werden kannst. Ungesehen, unbegegnet, leis, still, versöhnt, mit dir vertraut. Leis komm heim. Ja, das ist es.

Und darum laufe!

Trinken

Wie also trinken beim Laufen, um dem Körper die Flüssigkeit zuzuführen, die er dann in Energie wandelt? Nach einer Weile fehlt mir das Wasser, es sind ungefähr vier Kilometer bis ich durstig werde und weitere vier Kilometer, die ich gut laufen kann ohne zu trinken. Ich zehre dann von meinen Reserven und fülle sie später wieder auf. Doch alles was an Distanzen darüber liegt, erschöpft mich zu tief, wenn ich kein Wasser zuführe. Und so tirnke ich auf meinem Weg. Ich versuche meinen Rhythmus nicht zu verlieren. Wasser, Wasser! Und ich brauche einige Läufe, um zu verstehen, wie es gehen kann: Im Moment des Einsaugens der Flüssigkeit in meinen Mund ziehe ich die frische Luft durch die Nase in meine Lungen. Das ist das Besondere, welches zu lernen ist. Saugen und Ziehen zugleich. Ich trinke noch nicht, es ist nur ein Einziehen aus dem Wasserschlauch in den Mundraum und ein Einziehen der Luft aus den feucht, nebligen Wipfeln in meine Lungen hinein. Daraufhin dosiere ich die im Mundraum sich langsam anwärmende Flüssigkeit in den Schluck, der dann folgt. Es kann einige Schritte dauern, bis ich beginne zu schlucken. Es ist also ein In-den-Mund-Saugen zuerst und dann ein Aus-dem-Mund-Schlucken. Ein leichter Wangendruck unterstütz das Schlucken, denn es ist etwas völlig anderes, als ein normales Schlucken in ruhenden Momenten. So also kann es gehen.

Und darum laufe!

Das Aufbegehrende

Immer dann, wenn ich aus der Sache-an-sich etwas allgemeines machen will, wenn ich verallgemeinere, um etwas zu behaupten, um zu beanspruchen, etwas sei richtig, wahr oder wertvoll, wertvoller, als etwas anderes, immer dann beschenkt mich das Sein mit einem Schlag und dem, was wir genau oder übertragen einen Unfall nennen. Das Sein ist viel eigenwilliger, als ich dachte und wohl immer noch, trotz Schlag und Unfall, denke und denken werde. Es ist, das Sein, also es scheint nicht nur so, vollkommen informiert über Motivation, Urgrund und den Absichten, die in eine Selbsterhöhung münden sollen, wie auch immer verschleiert. Das gefällt dem Sein überhaupt nicht. So sanft es auch zuweilen sein kann, so unerbittlich und hart ist der Schlag, der mich trifft, mich immer dann treffen wird, wenn ich wieder vergesse und mich selbst blende. Eine Lehre daraus, aus Irgendetwas, machen zu wollen, das gefällt dem Sein überhaupt nicht. Das Laufen zu mehr werden zu lassen, als der Sache-an-sich, das ist der Moment der Verirrung bereits. Das alles also, was von dem Ausspielen des Raumes gegen die Zeit spricht, von Techniken der Atmung, der Belastung von Teilen meiner Füße, von dem Blick auf die Füße oder in die Ferne beim Laufen, das alles ist ein riesengroßer Irrtum an sich, der sich einer riesengroßen Reaktion des Seins entgegenneigt. Doch es gibt etwas, welches das Sein besänftigt. Das Eine ist, kindlich, geradezu naiv zu denken. Mich an dem Denken zu erfreuen. Es ist die reine Freude an der Erkenntnis, die deshalb nicht verschwiegen sein muß, also mitgeteilt werden darf. Hier sagt das Sein: Na gut, lass ihn gewähren, mal sehen wie lang er dieses Spiel noch treiben mag, ob die Freude gewahrt ist, ob das Spiel auf die Spitze getrieben wird, ohne die Reinheit des Kindes aufzugeben. Die Zeit sei ihm geschenkt, wenn es das ist, worin er glaubt sich zu verwirklichen. Und wenn er zugleich glaubt, sich aufzulösen in etwas Darüberliegendes, welches ihm nicht vorzuwerfen ist. Das kindlich reine also. Das Andere, welches behütet, es ist, ohne Zorn zu sein, auch in der Zukunft. Sich also über Mißerfolg, Unfall oder Niederlage nicht zu erregen. Alles zu nehmen als einen Hinweis, als Herausforderung an die Weichheit, an die Fähigkeit sich zu wandeln. Einverleibend zu sein in einem warmen Sinne, annehmend zu sein. Das gefällt dem Sein und mir wird alles zu Erfahrung, Geschenk und Gewinn. Nichts ist selbstverständlich und im Grunde ist alles gleich. Dass ich aufbegehre, es ist wohl so. Vielleicht ist es urmenschlich. Von dem Aufbegehren zu lassen, es würde ein Besänftigendes erübrigen.

Und darum laufe!

So wie es will

Ein Sturm zieht auf, Bäume brechen. Das ist ein Naturgesetz. Ich frage mich: Warum ist genau dieser Baum gestürzt? In welche Richtung weist sein Sturz? Was von ihm ist abgebrochen? Ich bin beeindruckt von den Kräften, dem geborstenen Holz, den abgeworfenen Ästen. Ich idealisiere. Ich idealisiere an der Verwüstung, an dem Bild, das sich hier bietet: Es sollen große Bäume, harmonisch platziert, umgeben von kleineren, heranwachsenden sein. Wohlgemischt, sich selbst überlassen, dem eigenen Willen folgend. Unangetastet soll er sein, der Wald, unbewurtschaftet, ohne Geraden und Wege, die nicht von Tieren gezogen, von Menschen dann befolgt und angenommen wären. Ich trage den Idealismus in den Wald hinein. Der Idealismus ist von sich aus im Wald nicht zu finden. So sehr ich auch suchen mag. Im Wald ist alles, wie es ist: gegenwärtig, anwesend, reines Sein, widersprüchlich. Existenz ohne Wert oder Unwert. Würdig, gleichgültig und -geltend. Aufstrebendes und absterbendes Leben, gestautes Wasser, gelegte Bäume quer durch den Bach. Gerade so wie es will. Ein Sturm zieht auf, Bäume brechen.

Und darum laufe!

Ein Volkslauf

Ich laufe auf dieser Strecke nun fast seit 20 Jahren und das vielleicht zwei Mal pro Woche. Wenn ich ein wenig rechne, so gelange ich auf eine Anzahl von vielleicht 2000 Läufen. Es ist wahrscheinlich ein wenig zu hoch gerechnet, aber die Zahl ist schön und mag meiner Vorstellung dienen. Ich ziehe also die Zeit zusammen in diesen Moment und bevölkere meinen Wald mit 2000 Entitäten meiner Selbst, die hier in 2000 Lebens-, Bewusstseins-, Gedanken- und Vertrauenszuständen einmal hier liefen und nun hier sind. Sie sind wirklich da, anwesend, wie Überblendungen von 2000 Filmaufnahmen in einen einzigen Film hinein. Und so gibt es einen Start mit dichtem Gedränge, welches sich im weiteren Verlauf ein wenig auflockert. Ein dichtes Treiben zu allen Jahreszeiten, die Strecke entlang zu Rast- und Umkehrpunkten. Der ein oder andere entgegenkommende Läufer ist in sich versunken, das Feld ist langgezogen. Alle sind ganz ähnlich gekleidet. Manch ein Kleidungsstück ist in allen Jahrgängen vertreten. Für alle ist Platz in diesem Wald und für noch viele, viele mehr. Mir scheint, als hätte ich mit dieser Sache gerade erst angefangen. Anfängergeist auf diesem Weg, überall. Kein Meister, weit und breit.

Und darum laufe!

Ziel

Ein Umkehrpunkt, den ich vergesse, an dem ich einfach weiterlaufe, er ist wie ein Ziel, welches ich erreiche, ohne es zu bemerken. Und ich übertrage diesen Moment auf alles andere. Ich wollte irgendwo innehalten, mir nicht noch mehr zumuten. Und doch bin ich einfach vorbeigeströmt. Das Feiern, das Innehalten, denn etwas lang ersehntes ist erreicht, es steht dem Strömen gegenüber. Denn es ist ganz gleich, was war, was sein wird. Wie erschöpft ich auch bin. Wie der Ort aussehen mag. Das zu erleben, es ist schon viel. Würdig wertvoll mag ein Mensch sich fühlen: Ein Moment. Eine Regenbogenforelle in dem rauschenden Bach. Ihr Schatten dort unten im Wasser. Ich beobachte sie und es beruhigt mich, zu sehen, dass sie nicht abtreibt. Sie braucht das Strömen des Wassers, die fortwährende Bewegung. Das rauschende Wasser ist voller Sauerstoff. Immer geht es weiter, so sehr, dass darin deutlich wird, dass dies das Eigentliche ist, es soll immer weiter gehen und es soll erfahren sein. Ein Selbst soll darin erfahren sein. Ein Tanz geradezu. Und nun öffnet sich der Raum der Fülle, denn in der Haltung, die alles bejaht wird auch das Strömen zu einem Gewinn. Alles nehme ich, als wäre es eine Grundbedingung, unabänderlich und wende ich mich der Wahrheit zu.

Und darum laufe!