Rausch

Wenn du läufst, durch den Wald über Wurzel und Gestrüpp und du bist nicht allein, so versuche dies: Lauf hinter deinem Partner her, ganz nah. So nah, dass du kaum erkennen kannst, wohin du trittst, weil eben noch vor einem Bruchteil einer Sekunde der Fuß deines Freundes die Stelle berührte, die du jetzt berührst. Es ist wie der Blick auf die vorbeifliegenden Schwellen zwischen zwei Waggons, bei einer Fahrt mit der Eisenbahn. Dort ist der magische Raum, in dem die Geschwindigkeit alles miteinander verschmelzen lässt. Aus der sich abwechselnden Struktur von Schwelle und Zwischenraum wird eins. Eine Synthese. Die Vereinigung von zwei Prinzipien: dem Tragenden und dem Durchlässigen. Es ist das Seiende und das Nicht-Seiende. Ja und nein. Gebunden ist dies durch den Gleiskörper, der in diesem Bild ohne Anfang und Ende ist. Vor meinem inneren Auge und in mir entsteht durch die Geschwindigkeit eine neue Struktur. Ich kann mich in sie hineinfallen lassen. Diese Struktur ist vielschichtig. Sie zu betrachten, berauscht mich. Ich bin wie hypnotisiert und weiß doch, sich völlig fallen zu lassen ist gefährlich. Ich könnte mich verletzen. Und so betrachte ich Äste, Moos, Blätter, den hinauffliegenden Fuß des Freundes. Nichts von dem ist ohne Grund, alles ist gesetzt, arrangiert, voll Sinn und Bestimmung. Jedes noch so kleine Ästchen. Und alles verwischt in meinem Auge miteinander, sodass nichts eine feste Grenze mehr hat, sodass ein Ding es überhaupt nicht mehr zu geben scheint. Der Freund ist die Lokomotive, die mich zieht und ich gehe mit, lasse mich ziehen, hinab in die Tiefe des Rausches. Der Rausch ist, genau das zu sein, genau dort zu sein, wo Tritt um Tritt den Boden berührt. Darin bin ich völlig außer mir, im Rausch. Und ich atme, so gut es geht. Ich verausgabe mich, denn es gibt keinen Gedanken an die Einteilung der Kräfte. Das ist der Moment, mehr nicht. Und in ihm erhalte ich Zugang zu Kräften, die von außen zu kommen scheinen. Darin verbirgt sich ein Geheimnis, zu dem zurückzukehren es mich ruft.

Und darum laufe!

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40 Meter vor Dir

Wenn Du losläufst, so versuche Deinen Focus auf ein Ziel zu lenken, welches imaginär ungefähr 40 Meter vor Dir liegt. Dieses Ziel lasse nicht aus den Augen. Vertraue Deinen Füßen, sie werden den Untergrund erkennen, Dich über Wurzeln und Steine hinweg tragen. Dein Laufen verändert sich. Das Wahrnehmen des Untergrundes, der vor Dir liegt, wandelt sich. Das ist das, was ich meine, wenn ich sage: Vertraue Deinen Füßen! Oder: Sieh mit Deinen Füßen! Oder: Laufe mit Deinen Füßen! Bleibe nun solange, wie es Dir möglich ist mit Deinen Augen – ihrem Focus – auf dem imaginären Ziel in 40 Metern Entfernung. Kommst Du dem Baum, dem Objekt, an dem Du diese 40 Meter festgemacht hast näher auf vielleicht 30 Meter, so blicke voraus und finde ein neues Ziel und wieder und wieder.

Dein Kopf ist erhoben, Deine Haltung gewandelt. Du läufst nun aufrecht, so dass ein Gefühl körperlicher Schwerelosigkeit entstehen kann. Die Beine laufen wie von allein und der Atem geht tief und dann wider ganz hoch über Dich hinaus. Du atmest die Ferne, die Weite, den Kreisbogen von 40 Metern um Dich herum. Nimm ihn als Volumen, welches Deine Lungen einsaugen. Lass es eine Kugel sein von 80 Metern Durchmesser – sie hat mehr als Genug Luft für Dich zur Verfügung.

Du wirst vielleicht bemerken, wie schwierig es ist, mehr als vielleicht fünf oder sechs Schritte zu tun, ohne den Blick auf den Boden vor Dir zu senken. Es ist schwierig, sich nicht fortwährend zu vergewissern, was dort vor Dir auf dem Boden ist. Doch es ist möglich. Du wirst alles, was Dich stolpern lassen könnte wahrnehmen, wenn es notwendig ist. Aber lass Deinen Focus auf Deinem Ziel. Lass Deine unbewusste Wahrnehmung sich um Schrittfolge, Schrittweite, Behutsamkeit des Aufsetzens der Füße kümmern, sie kann es. Der Bereich Deines Gesichtsfeldes, der am unteren Rand liegt, in dem all das liegt, was Dich stolpern lassen könnte, sei nun von einem Wahrnehmungsbereich beobachtet, den ich unbewusst nenne möchte. Vertraue also Deiner unbewussten Wahrnehmung und sieh mit den Füßen, ohne Dein Ziel in 40 Metern vor Dir aus den Augen zu lassen. Vielleicht solltest Du diese Übung erst auf einem ebenen Untergrund versuchen, einer Straße etwa, um dann allmählich auf abwechslungsreichem Terrain weiterzuüben. Du kannst auch langsamer laufen, als Du vielleicht gewohnt bist. Hast Du die rechte Geschwindigkeit für Dich, den Moment, Deine Wahrnehmung, so wirst Du auch nicht stolpern oder gar hinfallen. Vielleicht setzt Du Deine Füße auch etwas behutsamer auf, vielleicht werden sie vorsichtiger mit den möglichen Unebenheiten umgehen. Aber blicke für den Lauf von 40 Minuten, von einer Stunde nur in die Ferne – Du wirst gewandelt sein, wenn Du zuhause ankommst. Dein Geist wird nach oben hin geöffnet sein, erhaben, er hat fliegen dürfen und ist nun bereit sich wieder mit dem naheliegenden zu beschäftigen. Es kann sein, dass es Dich berauscht, so zu laufen. Doch Vorsicht! Im Rausch sind wir in der Lage über uns selbst hinauszugehen. Dies kann zu Erschöpfung, zu übermäßiger Ermüdung führen, Du kannst Dich übernehmen, zusammenbrechen, Dich verletzen. Wenn Du dies alles vermeiden willst, so genieße den Rausch, aber zähme ihn ein wenig auf das Maß, in dem Du Dich auch sonst bewegst.

Und darum laufe!