Die hohe Kunst

Mit dem gesenkten Blick, dem verengten Sichtfeld auf den Bereich vor meinen Füßen, lasse ich die Erde unter mir hinwegströmen. Steine, Staub, Geröll, Gräser, Wurzeln, Pfützen. All dies in dem Strom meines Laufes, in den sich bildhaftes aus meinen Gedankengängen mit einfügt, um den Raum vollständig auszufüllen. Ich blicke nur dorthin. Ein ovaler Raum, vielleicht einen Meter vor meinen Füßen. Ich schirme mich völlig ab. Kein Blick weicht ab. Und ich folge einer inneren Erzählung. Sie kann sich aus all dem, was denkbar ist, speisen. Immer ist sie die Realisation des Wunsches von etwas, erzählt zu sein. Die Erzählung taucht auf, weil sie erzählt und von mir gehört sein will. Oft begegne ich im Zuhören Gefühlen der Reuhe und der Scham. Ich versuche sie sein zu lassen, nachdem ihnen hier mein Raum zur Verfügung gestellt war. Das gelingt meist ganz gut, denn in mir ist der Wunsch, es gut werden zu lassen und Frieden zu schließen. Dieser ovale Raum, einen Meter vor meinen Füßen ist ein Ort der Heilung, der Harmonisierung und ich erfahre immer wieder, in ihm aufzugehen und aus ihm gereinigt hervorzutreten. Dabei genügt es, einer einzigen Erzählung zu folgen. Um die Erzählung in der Tiefe aufzunehmen und vielleicht sogar zu verstehen, ist es sogar notwendig, dass ich mich auf diese eine Erzählung konzentriere. Die Bewegung, der Stoffwechsel, Atmung, Weg und mich Umgebendes, Pflanzen, Tiere, Menschen, Regen, Sonne, das Licht und sein Schatten, dies alles dient dieser einen Sache. Und es ist der Strom des Lebens, der unter mir fließt. Er ist vielschichtig, unfassbar, in steter Veränderung und in steter Bewegung. Ich laufe auf dem rauschenden Wasser dieses Stromes. Meine Füße fliegen über ihn hinweg, sodass sie seine Oberfläche gerade eben nicht berühren. Ich spüre die kühle feuchte Luft an mir aufsteigen. Ich darf nicht stehenbleiben. Ebensowenig darf ich nicht zu schnell laufen. Ich würde außer Atem geraten. Meine Geschwindigkeit soll so sein, dass ich nicht leide und reagieren kann, wenn es erforderlich ist. Ein wenig zu beschleunigen ist mir dann noch möglich. Nichts ist vorherzusehen, so ist es gut, ein wenig bereit zu sein. Ich laufe auf dem Wasser und bedenke die Metapher, so wie ich sie erzählt bekommen habe, neu. Über das Wasser laufen, auf den Wasser laufen … und nun leuchtet mir ein, dass damit gemeint sein kann, die rechte Geschwindigkeit zu wahren bei dem Lauf auf dem Strom des Lebens. Dem Lauf auf dem Strom des eigenen Lebens. So individuell und schön, wie ein jeder Mensch ist. Ohne dabei in dem Strom des Lebens zu ertrinken. In des Schwebe sich zu halten, in einer Harmonie mit dem Sein. Darin zu dem Strom selbst zu werden, der großen unermesslichen Kraft. Ein Prophet, der auf dem Wasser lauft. Ja, ein Wunder, welches einer Erzählung wert wäre. Doch wieviel mehr kann es für uns bedeuten, sei dies eine Metapher für die hohe Kunst des Seins. In dem Sein wirklich zu werden, in dem höchsten mir möglichen Potential.

Und darum laufe!

Der Strom

Ich folge dem Lauf des Wassers und versuche in genau der Geschwindigkeit zu laufen, in der sich der Bach dem Strom annähert. Auf dem schmalen Pfad, von den perlenden Nesseln gespornt und auch erheitert. Nach einer Weile stehe ich am Ufer des Stromes. Es ist heller als im Wald. Das Licht hatte sich in der Ferne angekündigt und nun umschließt mich die blaue Farbe des Himmels, sodass ich tief atme und mich ausruhe. Ich sitze an dem Ufer und blicke auf den Strom vor mir. Er ist so breit, dass mein Blick nur das Wasser umschließt. Sodass ich den steten, in leichten Wellen und Körpern sich bewegenden Wassermassen zusehe, ohne ihnen mit dem Blick zu folgen. Eine Formation im Wasser, ein Gebilde, eine Gestalt. Eben ist sie erkannt, schon ist sie aus meinem Sichtfeld geflossen. Ein Folgen ist nicht möglich, es ist sanft und ich lasse es nach kurzem Widerstand gewähren: Das Strömen. Es strömt durch mich hindurch und es ist stet, seine Kraft ist schier unermesslich. Ich empfinde Respekt und lass es sein: Ich betrachte den Strom, alles fließt vorbei, ich halte nichts fest. Worte in meinem Kopf, die sich wiederholen, sich aneinanderreihen und in mir tauchen Bilder auf. Menschen, Gefühle, in der Tiefe des Stromes und auch an seiner Oberfläche. Alles kann atmen, nirgends eine Not. Kein Ringen um Luft. Gesichter sich zeigen: alte, vertraute, ungesehen vertraute. Gesichter der Zukunft, der Gegenwart. Verflossene. Ihr Lächeln mich rührt, darin ihr Wohlwollen. Aus dem Mysterium heraus ist nichts erklärt. Es selbst ist nicht erklärt. Das Mysterium bedarf keiner Erklärung, doch in ihm offenbart sich mir das Richtige und ich kann dem Richtigen folgen. Nichts ist als Hinweis, nichts ist als Rat zu verstehen, doch das Wohlwollen der mich anlächelnden Erscheinungen, es ist auch mein Wohlwollen, mein Sehnen nach dem mich umfassenden Frieden. Ich weine, denn ich fühle, nicht dankbar gewesen zu sein. Ich weine, denn ich fühle, nicht still gewesen zu sein. Ich weine, denn ich fühle, nicht liebevoll gewesen zu sein.

Und darum laufe!