Unbegrenzt

Wenn es so ist, dass es mir im Laufen gelingt, mich zu vertiefen in Begebenheiten, die mich besonders stark berühren, Begebenheiten, die in der Vergangenheit liegen, so hole ich etwas hinauf von diesem Gefühl in die Gegenwart. Ich hole etwas in diesen Lauf hinein. Es ist das an ein Ereignis, an eine Handlung gebundene Gefühl. Die Qualität dieses Gefühls ist dabei einerlei. Ich kann mich in Scham verzehren oder ebensogut Freude oder Beseeltheit zum Ausdruck bringen. Und ich verändere etwas an diesen Gefühlen, dadurch dass ich sie hervorhole. Ich verändere hierdurch ganz gewiss den Moment in dem ich laufe. Die Intensität des Gefühls lässt es hervortreten und damit das Verbundene Ereignis. Die Intensität lässt es heraustreten aus dem Strom aller jemals erfahrener Momente, aller jemals gefühlten Gefühle. Das Gefühl tritt hervor und es tut dies mit völliger Selbstverständlichkeit. Es ist im Recht und ich lasse es gewähren. Ich bleibe dabei neutral, offen und empfangend. Mein Körper ist in Bewegung. Ich atme, ich schwitze, das Blut pulsiert in meinen Adern. Es brodelt in mir und durch mich hindurch. Und in jeder meiner Zellen bearbeite ich dieses hinaufgeholte Gefühl und bringe es in Schwingung. Die Bewegung wird zu einem spirituellen Akt. Sie wird zu einem Opfer, welches ich aus dem, welches wir Bewusstsein nennen, herauslöse und dahingebe. Im Opfer harmonisiere ich mich. Ich reinige mich und kann das Gefühl loslassen. Das Gefühl ist darin gewandelt und besäntigt. Ich werde weich und leicht. Ich kann anerkennen, einmal so gehandelt zu haben. Ich kann anerkennen, kein anderes Bewusstsein gehabt zu haben, als jenes, welches mich damals genau so handeln ließ. Mein Blick kann distanziert von allen Seiten beobachten, da ich ja im Moment Distanzen zurücklege. Ich kann zudem anerkennen, dass ich bin. Ich existiere, mein Organismus erhält sich selbst, er atmet ohne Unterlass. Welcher Art Recht ist dies nur, dieses Weiterbestehen, diese Nicht- aufgeben-wollen? Ich kann erahnen, dass es das mir zugrunde liegende Prinzip ist, zu Handeln und mich darin zu erfahren. Das ist das Zu-erfahrende. Das ist das mir aufgetragene, das mir mögliche, das Geschenk und die größte Herausforderung zugleich. Ich wollte genau das fühlen, genau das erfahren. Und die Freiheit der Wahl in der ich stand, in der ich hier stehe, immer stehen werde, ist unbegrenzt.

Und darum laufe!

Landkarte

Eben noch lag wie auf einer Landkarte ein jeder Lebensmoment vor mir ausgebreitet. Ein Überblick vollkommen ungetrübt, rein und klar. Zeitliche Dimensionen liegen auf ihr gleichwertig und gleichwürdig nebeneinander. Hier und dort verteilt liegt Zukünftiges und Vergangenes nebeneinander wie Fallobst unter einem Apfelbaum. An manchen Stellen liegt vieles übereinander, an anderen Stellen ist die Karte leer. Und, um sie zu fassen, um die auf ihr eingetragenen Ereignisse zu ertragen, stelle ich mir vor, diese Karte einzurollen, eng und fest. So eng, dass sie zu einem Stab wird, von der Länge meines Armes. Ein aus sich selbst heraus leuchtender Stab in meiner Hand – und mit einem Mal trete ich über eine riesige Schwelle und gelange in ein Zwischenreich. Ich bemerke hinübergetreten zu sein, ohne eine Frage, die ich beantwortet wissen will. Immer war dies der Grund für das Übertreten einer Schwelle. Für das Betreten des Zwischenreiches. Immer kam ich mit einer Frage und immer erhielt ich eine Antwort im Spiegel der Natur. Ich denke nach: Welche Frage ist es, die mich in diesem Moment am meisten bewegt? Und bekomme in völliger Klarheit sofort die Frage eingegeben: Welches ist die Kugel zu dem Stab in Deiner Rechten, die in Deiner Linken ruhen wird? Ich wende mich um in Richtung der von mir übertretenen Schwelle und der fahl blasse Ball der Sonne sich über ihr erhebt.

Und darum laufe!