Meister

Ich neige mein Haupt vor den großen Meistern, die ohne die Mühsal einer Bewegung dort sind, wohin ich mich mühe zu gelangen. Sie ruhen dort. Sie verweilen auf dem scharf geschliffenen Papierstahl, der zwischen dem Einen und dem Anderen scheidet. Sie verleiben sich Alles ein, vereinen es, sodass Dieses und Jenes sich erweitert. Sodass Dieses und Jenes unendlich weit hinaus gehen über einen Begriff von Diesem und Jenem. Ich hingegen muss laufen. Dafür bin ich hergekommen, genau das zu erfahren. Und ich laufe. Vieles ist bereits erfahren und ich ahne von Vielem, was noch nicht erfahren ist. Die Grenze ist viel-hundert Mal verschoben, hinausgeschoben. Es gibt noch Vieles jenseits der Grenze. Ich weiß darum. Es geht darum Alles zu erfahren, Alles zu empfinden, Alles zu erkennen. Das ist die Haltung, in der ich existiere.

Und darum laufe!

Die Abkürzung

Ich gewähre mir selbst, mich selbst zu überholen. Dies, nachdem ich mir mithilfe einer Abkürzung einen Vorsprung vor mir selbst verschaffte. Ein Vorsprung, den ich nun langsam wieder hergebe. Eine Abkürzung zu nehmen, um in gleicher Geschwindigkeit weiterzulaufen? Ich sage: Es ist völlig falsch! Die Abkürzung ist kein Betrug in einem Wettlauf. Was zu gewinnen war ist doch bereits gewonnen, was zu verlieren war, es ist verloren. Die Abkürzung ist ein Portal in eine Sphäre. Eine Sphäre, die ich beschreiben kann mit Begriffen, doch erfassen kann ich sie nicht. In ihr lächeln wir einander zu. Sie ist die Sphäre des Verharrens, des Gewährens, des Empfangens. Sie ist die Sphäre der Anwesenheit, des Seins.

Und darum laufe!

Schienen

Ich laufe wie auf Schienen. Schnell, fliegend. Ich schnaufe und atme rhythmisch. Ich atme tief. Blätter auf dem schwarzen Boden. Gelbe Flecken. Ein Teppich aus Ahorn, Eiche, Linde, Erle. Die Formen rasen durch mich hindurch. Eine Freude, ein Spiel. Die Zeit sich offenbart, die große Zersetzerin.

Und darum laufe!

Listig

Der halbe Weg. Es ist Zeit umzukehren. Die Heimkehr sei nun besprochen, der Heimweg, die Rückkehr. So wie ein Aufbrechen, ein Hinaus-ziehen ein Wagnis war, voller Aufregung und von einem Zauber getragen, so wird nun deutlich: Die Rückkehr hat den Zauber vergessen und das Wagnis der Heimkehr wiegt doppelt, vielfach sogar. Die Herausforderung, die ich bestanden habe, sie ist nur der erste Stein des verfallenen Tempels, den ich im Dschungel fand. Der heilige Ort liegt noch vor mir, viel tiefer im Dickicht, viel weiter im Ungewissen und zudem liegt dieser Ort in mir. Was einmal bestanden war, mich hat müde werden lassen, es war ein Auftakt nur. Nun geht es ums Ganze! Das was jetzt kommt, ist kein Spiel mehr. Es geht um meine Haut, meine Zähne, meine Knochen, mein Herz, meine Eingeweide. Doch ich bin listig, erfahren, gerissen, ein Niemand schon! Und ich weiß um den Zauber des Spieles, um die Magie der Versunkenheit, und um die Kraft des Vertrauens. Mit ihr ziehe ich das letzte Mark aus meinen Knochen. Die Knochen werde ich doch irgendwann sowieso nicht mehr benötigen, warum also nicht jetzt? Ich erschöpfe mich vollends, doch ich bleibe listig dabei.

Und darum laufe!

Das Aufbegehrende

Immer dann, wenn ich aus der Sache-an-sich etwas allgemeines machen will, wenn ich verallgemeinere, um etwas zu behaupten, um zu beanspruchen, etwas sei richtig, wahr oder wertvoll, wertvoller, als etwas anderes, immer dann beschenkt mich das Sein mit einem Schlag und dem, was wir genau oder übertragen einen Unfall nennen. Das Sein ist viel eigenwilliger, als ich dachte und wohl immer noch, trotz Schlag und Unfall, denke und denken werde. Es ist, das Sein, also es scheint nicht nur so, vollkommen informiert über Motivation, Urgrund und den Absichten, die in eine Selbsterhöhung münden sollen, wie auch immer verschleiert. Das gefällt dem Sein überhaupt nicht. So sanft es auch zuweilen sein kann, so unerbittlich und hart ist der Schlag, der mich trifft, mich immer dann treffen wird, wenn ich wieder vergesse und mich selbst blende. Eine Lehre daraus, aus Irgendetwas, machen zu wollen, das gefällt dem Sein überhaupt nicht. Das Laufen zu mehr werden zu lassen, als der Sache-an-sich, das ist der Moment der Verirrung bereits. Das alles also, was von dem Ausspielen des Raumes gegen die Zeit spricht, von Techniken der Atmung, der Belastung von Teilen meiner Füße, von dem Blick auf die Füße oder in die Ferne beim Laufen, das alles ist ein riesengroßer Irrtum an sich, der sich einer riesengroßen Reaktion des Seins entgegenneigt. Doch es gibt etwas, welches das Sein besänftigt. Das Eine ist, kindlich, geradezu naiv zu denken. Mich an dem Denken zu erfreuen. Es ist die reine Freude an der Erkenntnis, die deshalb nicht verschwiegen sein muß, also mitgeteilt werden darf. Hier sagt das Sein: Na gut, lass ihn gewähren, mal sehen wie lang er dieses Spiel noch treiben mag, ob die Freude gewahrt ist, ob das Spiel auf die Spitze getrieben wird, ohne die Reinheit des Kindes aufzugeben. Die Zeit sei ihm geschenkt, wenn es das ist, worin er glaubt sich zu verwirklichen. Und wenn er zugleich glaubt, sich aufzulösen in etwas Darüberliegendes, welches ihm nicht vorzuwerfen ist. Das kindlich reine also. Das Andere, welches behütet, es ist, ohne Zorn zu sein, auch in der Zukunft. Sich also über Mißerfolg, Unfall oder Niederlage nicht zu erregen. Alles zu nehmen als einen Hinweis, als Herausforderung an die Weichheit, an die Fähigkeit sich zu wandeln. Einverleibend zu sein in einem warmen Sinne, annehmend zu sein. Das gefällt dem Sein und mir wird alles zu Erfahrung, Geschenk und Gewinn. Nichts ist selbstverständlich und im Grunde ist alles gleich. Dass ich aufbegehre, es ist wohl so. Vielleicht ist es urmenschlich. Von dem Aufbegehren zu lassen, es würde ein Besänftigendes erübrigen.

Und darum laufe!

Die Welle

Eine Welle, die mich verfolgt. Wie heranstürmende weiße Pferde und ich bin kurz vor ihnen. Einer Brandungswelle gleich, die über mir zusammenzustürzen droht. Die Geschwindigkeit so hoch zu halten, dass ich vor ihr bleibe, ist meine Aufgabe. Ich laufe also schnell. So schnell, dass ich die Gedanken nicht denken muß, deren Kraft sich in dem Bild der heranstürmenden weißen Pferde ausdrückt. Ich bin vor den Gedanken und erschöpfe mich. Und ich erschöpfe auch die Gedanken. Langsam zu werden, bedroht mich nun nicht mehr. Und tatsächlich: Alles ist gut! Für den Moment.

Und darum laufe!

Linienläufer

Das Laufen im Kreis ist etwas anderes, als das Laufen auf einer Linie. Wo es hier vielleicht als ein Vorteil empfunden sein mag, dass vom ersten Schritt an das Ziel voraus liegt, so mag dort der Weg zu dem Wendepunkt als beschwerlich empfunden sein, weil ein jeder Schritt Entfernung bedeutet und eben nur in übertragenem Sinne Annäherung. Doch dem sich vergrößernden Raum, dem sich Von-dem-Ziel-und-dem-Ausgangspunkt-Entfernen, einen Sinn abzugewinnen, ist die Herausforderung, die dem Linienläufer gestellt ist. So wie er sich körperlich trainiert, steht ihm die mentale Übung bereit, vom ersten Schritt an. Mit der Vorstellung des Sich-Entfernens umzugehen ist die Herausforderung für den Linienläufer. Ein Möglichkeitsraum. Nichts wird ihn schrecken können. Nach innen gesenkt, mag er eine besondere Stärke entwickeln. Vom ersten Schritt an. Sie ist, unbeirrt zu sein. In mir erhebt sich die berauschende Vorstellung, zu einem Linienläufer zu werden, der nicht zurückkehrt an seinen Ausgangspunkt. Ein Linienläufer, der Tag für Tag sich fortbewegt und nie zweimal an dem gleichen Ort sich niederlegt, um auszuruhen. Ein Linienläufer, der nicht mehr zurückkehrt, der sich nicht umdreht, der weiter, immer weiter läuft. Einfach nur geradeaus, um darin den Kreis eines Seins zu schließen.

Und darum laufe!