Freiheit

Was nützt es, den Kuckuck zu töten, nur weil wir glauben, er wäre ein Bote des Todes? Die Welt wäre ärmer um ein Wesen, wir wären zu Tätern geworden, in Schuld verstrickt. Die Angst vor dem Tode, sie müsste hinab sinken in das Schattenreich ohne einen Boten, der uns mahnen würde, hinzusehen. Sie anzusehen, die Angst vor dem Tod und den Tod selbst. Die Magie wäre verneint und Sinn und Zusammenhang wären verloren. Mir ist des Ruf des Kuckucks eine Freude. Sie ist mir eine Erinnerung an die Freiheit und davor eine Erinnerung an meine Angst vor der Freiheit. Auch sie eine Freude.

Und darum laufe!

Lichtspuren

Ein Lichtstrahl biegt sich an der Innenkante meiner Nasenöffnung und ich sauge den einen Strahl in mich ein. Millionen anderer Strahlen begleiten und folgen sanft und Nasenhaare wie Borsten am Naseneingang verflechten den Lichtstahl in ihrem Gestrüpp. Feinere Nasenhaare, etwas tiefer im Naseninneren spalten sanft den Strahl und sein Gefolge in Teilchen, die wirbeln und pulsieren. Das Wolkengebilde aus Teilchen gleitet in meinem Inneren hinab durch die Luftröhre und in Teilen auch schon hier wird die Wand der Luftröhre von dem Sauerstoff aus Licht erleuchtet. Pulsierendes Leuchten durchdringt in allen Richtungen das Innere auf dem Weg in Richtung der Lunge. Bläschen empfangen, Tropfen fallen, Nektar entsteht. Einatmung kommt zur Ruhe im Moment der größten Ausdehnung. Elastizität in allen Straßen, auf allen Wegen. Gähnen kommt zur Hilfen. Gähnen eilt herbei, Tief, tiefer noch und Ausatmung beginnt. Das Licht leuchtet hell in mich hinein und aus mir heraus. Kein Schatten weit und breit. Die Fußnägel selbst leuchten, als wäre unter ihnen ein Fahrradlämpchen installiert. Ein warmes Licht. Auch hier pulsierend. Die nackten Füße vor der schwarzen Erde fliegen durch die Dunkelheit. So schnell und gewandt. Lichtspuren im Dunkel der Nacht.

Und darum laufe!

Geschenk

Ein kühler Morgen. Licht strömt in mich ein. Ich atme es wieder aus. Über meine Lungen, Luftröhre, Nasenhöhle, Nase und schließlich die Nasenöffnung. Es ist das Licht des Waldes. Feucht, gesättigt, dampfend und schwer. Ich bleibe stehen auf einer Lichtung und neige mich dem Licht entgegen. Mein Gesicht ist kalt. Ich reibe meine Hände, bis sie warm werden und lege die Handinnenflächen auf meine Augen. Jetzt öffne ich meine Augen und blicke in meine Handinnenflächen. In das Dunkel. In die Abgeschirmtheit und darüber hinaus direkt in das Licht der Sonne. In ihren Kern, ihre Ausdehnung, das züngelnde Spiel ihrer Eruptionen, in ihr Wesen. Teilchen des Sonnenwindes beobachte ich, wie sie in mich eindringen. Wellen, die mich umspielen, mich umfassen. Ein Geschenk, so denke ich. Nimm es an!

Und darum laufe!

Heimlich

Im Dunkel der Nacht, im Lichte meiner Heimlichkeit hebe ich meinen Kopf, strecke meinen Rücken und richte mich auf. Meine Nasenlöcher weisen voraus, mein Brustkorb ist angehoben. Ich laufe so, als wollte ich mir imponieren. Ich biete mir selbst einen Anblick, der größer ist, als ich es bin. Ich fülle meinen Brustkorb bis zum Äußersten und spanne meine Arme weit auf, als wollte ich fliegen. Ich bin ein Gladiator meiner selbst, laufe in hohen Sprüngen, federnd, fliegend geradezu. Ich imponiere nur mir, mir selbst, niemand anderem. Ich bin in diesem Moment der Held, der zu sein mir vorstellbar ist. Und ich bin es so sehr, dass aus dieser Vorstellung heraus die Kraft in meine Körperlichkeit hinein projiziert ist. Und darin wird sie wahr.

Und darum laufe!

Genußläufer

Das Laufen ist mir so sehr natürliche Form, so wenig Gefahr, dass es mir in diesem Moment unmöglich erscheint, in dem Laufen an den Rand des Bequemen, darüber hinaus in den Bereich des Lernens und dann in den Bereich des Existentiellen zu gelangen. Gewiss lerne ich und doch ist es bequem und komfortabel, so betreiben, wie ich es tue. Es ist ganz sicher wohltuend und ich erschöpfe mich in ihm, das ist die Sache an sich. Und doch erschöpft es sich, wenn es keine Herausforderung gibt. Ich und vielleicht auch ein jeder anderer Mensch in seiner eigensten Form, benötige und suche eine Herausforderung: Gelingt es mir, in der Dunkelheit zu laufen, soll es die Kälte sein. Gelingt es mir, eine besonders große Dauer zu bewältigen, so soll die Steigung dazukommen. Distanz oder Geschwindigkeit, gemessen und verglichen, immer soll es eine Herausforderung sein. Es endet nie und ich berausche mich daran, mich solcherart zu vergeuden, mich zu verausgaben. Es wird mich umbringen, irgendwann. Ganz sicher, eine Heimkehr gibt es nicht. Es ist die Sache an sich. Doch die Resignation, die geängstigte Lethargie, sie würde mich ebenso umbringen, ganz sicher, irgendwann. Was also treibt mich in dieser Disziplin hinauf in den Bereich, der mich herausfordert, mich mit einer neuen Erfahrung versorgt? Vielleicht eine mich verfolgende Bedrohung. Ein Tier, eine Meute. Ich würde anders laufen, Reserven mobilisieren und überhaupt erst von Reserven in mir Kenntnis erlangen. Einem Meister des Laufens gelänge genau dies ohne eine fremde Bedrohung. Aus sich heraus der Grenzerfahrung sich anzunähern, um in der Erfahrung sich selbst zu erkennen. Sich selbst zu spüren, immer wieder. Nichts darin wäre, einmal begangen, auch schon abgeschlossen oder dauerhaft errungen. Ihm wäre kein Tier notwendig. Er wäre souverän.

Und darum laufe!

Herbst

Das Rauschen des Regens lässt mich in der Nacht erwachen. Am Morgen hat der Regen Blätter auf die Wege gespült. Hier und dort, so scheint es mir, hat er die Farbe aus den noch hängenden Blättern herausgewaschen. Ein vertrautes Gelb tritt hervor. Nasse, zufriedene Bäume auf meinem Weg. Ich laufe durch den Morgennebel und Geborgenheit umfasst mich. Geborgenheit, wo ich zuvor in dem abnehmenden Licht des späten Sommers von Sorge und Furcht erfüllt war. Furcht vor der Dunkelheit, vor dem Dunkel, vor der Zurückgezogenheit. Und es wiederholt sich in jedem Jahr, ohne dass ich den Gefühlen entgehen könnte. So sehr ich, so häufig ich auch den Wechsel von Furcht und Geborgenheit erfahren habe. Es ist ganz gleich, es wiederholt sich. Es wiederholt sich in mir.

Und darum laufe!

Wildnis

Wenn ein Waldstück einmal nicht mehr bewirtschaftet wird, wandelt sich das ganze Gefüge. Bäume stürzen um, ihre Wurzeln brechen den Boden auf, die Stämme liegen quer und werden langsam zersetzt. Lang Verschwundenes kehrt zurück: Pilze, Farne, Flechten, Käfer, dann Vögel und mit den Vögeln die Samen der neuen Bäume. Es ist ein langsamer Wandel und doch mag er überraschen, wenn das Waldstück sich verändert zeigt. Nicht einzugreifen, es geschehen lassen, es ansehen, ohne Intention oder Plan, ohne Berechnung, es ist Ausdruck einer Haltung. Zu dieser Haltung gelange ich über die Erfahrung des Mangels, der in der gehemmten Kultur, in dem Forst sich zeigt. Ist diese Haltung eingenommen, bricht eine Vielfalt ein, die dabei nach harmonischen, kaum durchschaubaren Regeln geordnet scheint. In dieser Ordnung ist auch das Wilde zuhause, das Raubtier, das Schattenhafte, das Dunkel der Nacht und das Mondsüchtige. Und so lass ich alles sein, auf dass in mir die Käfer ihre Gänge graben, auf dass sich Farne und Ihre Sporen verbreiten, auf dass ein Geheimnis sich erheben mag.

Und darum laufe!

Der Schlag

Ich laufe, mitten auf dem Weg trifft es mich wie ein Schlag: Was ist das vor mir? Was war das? Jahr um Jahr, dieses Weiter, Weiter, Schritt um Schritt? All das Laufen, die Distanzen, Kilometer! Ich hatte nichts verstanden, ein Irren im Nebel. Im Glauben, das Eilen würde den Nebel lichten. Was ist das vor mir? Was ist es wirklich? Ich meine nicht den Weg, den Sand, die Kiesel, nicht die Bäume am Wegesrand, nicht den Fluss. Was ist das, wohinein ich den nächsten Schritt setze? Der Schlag, er ist, zu bemerken, in welcher Bedingtheit ich stand bis hierher. Der Schlag, er ist, den eigenen Schatten zu sehen, den blinden Fleck in der eigenen Netzhaut zu sehen, ganz deutlich. Das also ist der begrenzende Käfig, den ich mir installierte. Das Lichtgerüst, im Nebel golden leuchtend. Ich erstarre und stehe still, diesem Moment nachzuspüren. Einen Hauch von Freiheit erblicke ich vor mir. Die Freiheit in mir, sie ist in diesem Moment vollkommen. Sie ist vollkommen, um sie mit dem nächsten Schritt hinein in diesen Raum wieder einzubüßen. Bedingt war ich bis hierher. Frei bin ich jetzt. Bedingt werde ich sein von hieraus. Doch ich habe diesen kurzen Moment, in dem mich der Schlag traf. Ich werde ihn hüten wie einen Schatz.

Und darum laufe!