Der Schlag

Ich laufe, mitten auf dem Weg trifft es mich wie ein Schlag: Was ist das vor mir? Was war das? Jahr um Jahr, dieses Weiter, Weiter, Schritt um Schritt? All das Laufen, die Distanzen, Kilometer! Ich hatte nichts verstanden, ein Irren im Nebel. Im Glauben, das Eilen würde den Nebel lichten. Was ist das vor mir? Was ist es wirklich? Ich meine nicht den Weg, den Sand, die Kiesel, nicht die Bäume am Wegesrand, nicht den Fluss. Was ist das, wohinein ich den nächsten Schritt setze? Der Schlag, er ist, zu bemerken, in welcher Bedingtheit ich stand bis hierher. Der Schlag, er ist, den eigenen Schatten zu sehen, den blinden Fleck in der eigenen Netzhaut zu sehen, ganz deutlich. Das also ist der begrenzende Käfig, den ich mir installierte. Das Lichtgerüst, im Nebel golden leuchtend. Ich erstarre und stehe still, diesem Moment nachzuspüren. Einen Hauch von Freiheit erblicke ich vor mir. Die Freiheit in mir, sie ist in diesem Moment vollkommen. Sie ist vollkommen, um sie mit dem nächsten Schritt hinein in diesen Raum wieder einzubüßen. Bedingt war ich bis hierher. Frei bin ich jetzt. Bedingt werde ich sein von hieraus. Doch ich habe diesen kurzen Moment, in dem mich der Schlag traf. Ich werde ihn hüten wie einen Schatz.

Und darum laufe!

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Vor dem Bewusstsein

Worte, die durch mich hindurchgehen. Wortketten, Sätze, Erzählungen. Worte, die in mich eindringen, von außen und andere, die in mir entstehen. Wortketten, Sätze, Erzählungen. Worte, gebunden an Empfindungen. Gefühle, die sich in Worte kleiden und doch darin vollends wahr sind. Gefühle, die in völliger Übereinstimmung mit den Worten sind. Eine Trennung ist nicht möglich oder notwendig. Wortketten, Sätze, Erzählungen. Manche der Worte fallen wie Laub von einem Baum an einem sonnigen Herbsttag. Das ist ihre Bestimmung und Ausdruck des steten Wandels, der Veränderung und der Eingebundenheit in die großen Zyklen des Seins. Blätter im segelnden Flug, je nach Form, im Spiel mit dem Wind. Ein jedes Blatt eine Erfahrung. Ein jedes Wort eine Erfahrung. Andere Worte, die in mir kreisen. Die ihre Kraft, sich zu vergegenwärtigen aus dem Gefühl beziehen. Sie hinabzudrücken gelingt mir nicht. Nur wenn ich durchlässig werde, gleiten auch sie hinab. Nur wenn ich mit Ihnen auch von dem Gefühl loslasse, an welches sie gebunden sind, gleiten sie hinab. Bis ich leer bin, völlig leer. Ich bin jetzt nicht gefühllos, auch wenn es so erscheinen mag. Ich bin voller Mitgefühl, weil ich leer bin. Weil ich ohne Erinnerung bin. Es ist noch zu erahnen, in den uns wertvollen Momenten, dass es eine wortlose Zeit gab. Eine Zeit ohne Erinnerung. Eine Zeit vor dem Bewusstsein, welches uns so gründlich täuscht.

Und darum laufe!

 

Die Pflege der Gedanken

Dort, in der Umrundung einer Gruppe von Bäumen, als Marke auf meinem Weg, konnte ich eine große Hitze in den Spitzen meiner Finger spüren. Plötzlich, ganz unvermittelt. Besonders in den Spitzen der Ringfinger. Rechts und links. Ich war tief in Gedanken versunken und dachte in diesem Moment an eine Verbindung mit dem Herzen innerhalb der geistigen Aktivität. Ich dachte an eine Art inneren Faden, der durch mich hindurchginge, leicht und frei, silbrig und durchlässig. Ich dachte, dass denkend dem Menschen die Verbindung mit dem Herzen möglich sei. Die Verbindung mit der Emotionalität, dem Gefühl. Und so nahm ich diese körperliche Reaktion als eine Bestätigung meiner Gedanken. Ein Geschenk. Ich nahm die Empfindung der Hitze zudem als einen Hinweis, die Gedanken zu pflegen.

Und darum laufe!

 

Einfachheit

Von der Einfachheit will ich schreiben. Dann von dem einen Schritt hinein in den Raum, der offen ist, offen war und immer offen sein wird für alle Zeit, für jeden Menschen. Kein Rang, kein Reichtum, kein Talent, keine Berufung, nichts von dem, was unter Menschen gilt, ist hierin von Belang. Mehr noch ist doch dem Menschen aufgetragen, alles abzulegen, bloß zu sein, nackt und bar. Einfach in seiner tiefsten Form, befreit von alledem, von Masken, Mode und Geschmack. Jederzeit, an jedem Ort, jedem Menschen nah ist dieser Raum. Und dieser eine Schritt, er ist nach innen und nach außen zugleich gesetzt. Das Ich, es ist die in beide Richtungen spiegelnde Luftschicht, die mit diesem einen Schritt durchdrungen wird. Hier also tritt der Mensch heraus und herein zugleich, den Raum zu weiten, in sich und um sich herum.

Und darum laufe!

Die Ahnen

So wie ich nun blicke auf die fahle Spiegelung der Bäume in der Oberfläche der Pfützen auf meinem Weg, so wie die Wassertropfen des Regens im frühen Jahr darin ihre Kreise ziehen und wieder vergehen, so wie der Regen Stille, Zeit und Ruhe in meine Seele gießt, genauso meine Ahnen blickten, hinabgewandt, durchnässt und regungslos dabei.

Und darum laufe!

Selbstvergewisserung

Ich versichere mich mit jedem Lauf, ein Waldläufer zu sein – es wieder zu sein, nach der Spanne an Zeit, die vergangen ist, seit dem letzten Lauf. Der letzte Lauf, er hätte der letzte überhaupt sein können. Und so wird es einmal sein. Eine Gewissheit, die auch etwas friedliches, etwas befriedendes hat. Es wird den letzten Lauf geben, doch bis dahin ist alles Geschenk, alles Spiel und leicht. Ein Erleben, ein Erfahren. Ich erstaune und nehme es, wie es ist. Ganz so, wie es sein soll, wie es sich ergibt. Für jetzt ist alles gut.

Und darum laufe!

Die linke Hand

Die linke Hand, in ihrem Griff ein paar Teile des Mülls, der von dem Weg aufgelesen ist. Sie könnte zu einem Zeichen werden. Zu einem Zeichen für die entgegenkommenden Läufer. Wortlos, ohne Appell. Ohne moralische Überhöhung. Einfach ein Zeichen. Zudem ist sie ein Zeichen für mich selbst. An mich selbst gerichtet. Es wirkt in mich hinein. Und ich bin berauscht von dem Mut, der in dieser Tat liegt. Eine Handlung, in der ich mich selbst zum Ausdruck bringe. Einfach deshalb, weil es möglich ist. Weil ich hier laufe, weil ich mich verantwortlich fühle. Ich ermächtige mich selbst, mich verantwortlich zu fühlen. Ohne eine übergeordnete Organisation. Ohne irgendeine Zugehörigkeit. Ich scheue mich nicht, darin sichtbar zu werden und halte es aus, gesehen zu werden. Es ist ein Ausdruck der persönlichen Freiheit. Welch ein Genuß.

Und darum laufe!