Nabelschnur

Einmal gebrauchte ich ein Bild. Warum lebst Du in dieser Stadt? wurde ich gefragt. Was macht ein Leben in ihr möglich? Und ich sprach von einer Nabelschnur. Der Weg an dem Bach, der in die Stadt fließt und dann in den Strom mündet, er wäre für mich wie eine Nabelschnur, die hineinführt in den Wald, in den ich so regelmäßig laufe. Dort erhole ich mich und kehre dann zurück. Und hier im Laufen, inmitten dieser Schur, in den pulsierenden Strom wird mir das Wesentliche dieses Bildes bewusst: Ich laufe dem Ungeborenen entgegen, dem Embryo, welches mein ungeborenes Selbst ist. Es ist das Unberührte zudem. Mein Wesenskern liegt dort tief im Wald zusammengekauert und ich bin dieser Wesenskern, ganz rein, klar und unberührt, wenn ich nach einer Stunde des Laufens dort angelange. Von dort kehre ich zurück über die Nabelschnur in die Stadt an dem Strom, die in diesem Bild die Plazenta darstellt. Die Stadt, die mich ernährt, mit Begegnungen und Aufgaben versorgt. Das Bild fragt mich nun: Wann wirst Du geboren? Wann ist es soweit?

Und darum laufe!

Ein Regenbogen

Ein Regenbogen, er kommt zu mir. Ganz plötzlich, unvorhergesehen. Ich stehe vor ihm und blicke ganz gebannt. Ich könnte ihn nicht abpassen oder sein Erscheinen vohersehen. Ich kann nicht wissen wann und wo er sich zeigt. Der Regenbogen verblasst und löst sich auf. Suche einen Regenbogen! Tönt es in meinem Ohr. Eine Aufgabe für den nächsten Tag, die nächste Woche oder für einen längeren, in der Zukunft liegenden Zeitraum. Und ich beginne darüber nachzudenken, was ich tun könnte, einen Regenbogen zu finden. Ich verstehe schnell, dass ich durch den Versuch dort zu sein, wo er sich zeigen könnte, ihm möglicherweise ausweiche. Durch eine Annäherung, dem Streben ihm nahezukommen, entsteht Unerreichbarkeit. Und so ist seine Botschaft im Kerne, bereit zu sein. Bereit, sich ihm zu widmen, wenn er sich zeigt. Wieder tönen Worte in meinem Ohr: Gib auf! Lass es sein. All Dein Streben ist vergeblich! Wie lange willst Du Dich noch erschöpfen? Du bist doch schon lägst da! Schau Dich um! Es ist alles da! Die Botschaft des Regenbogen an mich ist, ihn zu erfahren, als ein Wunder in der Welt. Und weiter in der Hingabe an den mich bezaubernden Moment, die Lebendigkeit, das Leben selbst zu erfahren. Ganz Kind zu sein, staunend, herausgelöst aus allen bedenkenden Gedanken, Zeitlos. Herausgelöst aus Plan und Reuhe. Herausgelöst aus dem Blick voraus und der Revue. Lebendig zu sein, empfänglich, gerührt. Der Regenbogen fragt: Was ist dort in einem Leben, was sich einer Annäherung entzieht und was in der Fähigkeit, empfangen zu können, sich erst ermöglicht? Was ist der Regenbogen, der sich in mich hinein wölben mag, um mich zu erfüllen? Was ist es, was mich anfüllen mag mit allen Farben des Spektrums, mit Sinn, Bedeutung und Hoffnung zudem? Ich wende mich nach innen und werde still.

Und darum laufe!

Sterne

Ich laufe, ohne zu laufen. Ich denke, ohne zu denken. Ich empfange, ohne zu empfangen. Ich stimme mit dem, was mich umgibt überein. Darin ist alles in Harmonie. Alles ist geborgen in dem Einen. Das zu Leisten, meine Aufgabe ist. Dass es das Eine sei. Und ich hole die Sterne herab, eine funkelnde Schar in meiner Hand, in meinem Herzen. Und ich sende die Sterne hinauf, eine funkelnde Schar in meinem Herzen, in meiner Hand.

Und darum laufe!

Fünf Wege

Einer ist, an dem besonderen Baum, der auf der Gabelung eines Weges steht, den rechten Weg zu wählen, der über des Baumes Wurzelwerk am Hang entlang sich schlängelt, um im Dickicht zu verschwinden. Der Andere ist, an diesem Baum links abzubiegen, auf dem Weg also zu bleiben, um in den Hohlweg zu gelangen, der von Moos gesäumt mich birgt und leitet. Der Dritte ist, zu zögern, den einen oder den anderen Weg einzuschlagen. Im Zögern bereits liegt eine Entscheidung. Vielleicht sind die beiden erstgenannten Wege noch offen für eine Weile, vielleicht sind die Optionen noch gewahrt. Doch ganz sicher ist die Entscheidung, die dann folgt eine andere, als die unvermittelte Wahl. Die Entscheidung ist bedacht. Zu zögern sei hier völlig wertfrei als gleichwertig und gleichtwürdig genommen. Der vierte Weg entsteht im Zögern erst. Er ist, im Innehalten, dem Innehalten etwas unerwartetes abzugewinnen. Eben noch bedachte ich die Entscheidung, jetzt bemerke ich des Baches Plätschern, das fiepen des Eisvogels dort unten am Ufer des Baches. Der Eisvogel – ein fliegender Edelstein. Ich bin ganz vertieft in die Begegnung mit dem Naturwesen und gewinne eine völlig neue Sicht. Ich blicke mit den Augen des Eisvogels auf meine Frage, mein Sein, mein Leben. Ich sehe mich selbst durch seine Augen. Ich bin in diesem Moment, so flüchtig er auch sein mag, der Vogel selbst. Ich fühle wie dieser Vogel und kenne seine Weisheit und Magie. Der fünfte Weg ist, umzukehren und nach Hause zu laufen, auf dem Weg, auf dem ich gekommen bin. Ich kehre zurück, zu dem, was zu tun ist. Zu meiner Aufgabe. Vielleicht konnte ich sie zuvor nicht erkennen, doch jetzt ist sie mir ganz klar. Die Aufgabe ist ganz naheliegend und sie ist völlig ausreichend. Ich kann all meine Illusionen von dem, was mir angemessen sei, loslassen. Ein friedlicher Moment. Ich kehre zurüch nach Hause. Das Zuhause liegt in meinem Herzen. Dorthin kehre ich zurück. Dort liegt die Antwort. Zu laufen ist, wenn ich es so betreibe, die Empfindungsfähigkeit wiederzuerlangen.

Der erste Weg ist das Ja, der zweite Weg ist das Nein, der Dritte Weg ist das ja, aber und das na gut. Der vierte Weg ist das Nichts und das Alles. Der fünfte Weg ist die Aufgabe.

Und darum Laufe!

 

Geschlossene Augen

Mit geschlossenen Augen zu laufen ist möglich. Ich probiere es aus. Zehn, zwölf Schritte und mir wird schwindelig. Ich taumele, öffne meine Augen und orientiere mich neu. Ein ebener Weg, besser noch eine ebene Fläche, ohne Hindernis und ich könnte noch länger laufen, ohne zu blicken. Ich denke an eine Salzwüste, in der in alle Richtungen kilometerweit kein Hindernis mich behindern würde. Was für Zustände mögen in ihr möglich sein? Ganz bewusst und voller Vertrauen könnte ich mich dem Gefühl hingeben. Ich könnte meinen Geist befreien und ausrichten. Ich könnte überprüfen, was es ist, dass mich schwindelig werden lässt. Ein Rausch könnte es sein. Ein stundenlanger Lauf, ein Marathon mit geschlossenen Augen ist möglich.

Und darum laufe!

Visionen

Eine Frau leitet eine Meditation an. Auf der Wiese, auf der ich sitze, befinden sich hunderte anderer Menschen, die ebenso wie ich ihren Worten folgen. Sie regt uns an, zur Ruhe zu kommen und tief zu atmen. Dann ermuntert sie uns, den Atem auf seinem Weg durch die Nasenlöcher in den Körper hinein zu beobachten – in die Lunge hinein und noch tiefer, an alle möglichen Orte des Körpers. Das ist wunderschön. Ich fühle mich geborgen und behütet in dieser großen Gruppe von Menschen, die ebenso wie ich ruhig, mit geschlossenen Augen, den Ausführungen folgen. Jetzt regt sie uns an, zu beobachten, was unser Geist betreibt. Ist es so, dass der Geist denkt, so fordert sie uns auf, dies zu benennen mit dem Begriff Denken. Ist es so, dass er sich sorgt, so sei dies benannt mit dem Begriff Sorgen. Ist es so, dass er plant, so sei dies benannt mit dem Begriff Planen. Im Benennen bereits entsteht in mir eine mich entspannende, lassende Stimung. Als würde ich mich erheben zur Freiheit hin, aus dem Denken heraus. Aus dem Denken heraus, mit dem ich mich zuvor vollkommen identifizierte. Dies einmal zu erfahren, berauscht mich geradezu und all das mich Bedrängende, es verliert an Bedeutung und an zwingender Macht über mich. Diese Meditation empfinde ich als eine erhabene Lehre, heilsam und friedvoll. In dieser Meditation erfahre ich zudem, dass vor meinem inneren Auge Bilder erscheinen. Geometrische Formen, Symbole und Zeichen. Ich sehe Dinge, Objekte, Gesichter und sie sind mal bewegt, mal starr. Dann gehen sie fliessend ineinander über. Mal erscheinen mir diese Bilder bedeutsam, mal voll Geheimnis. Ist es so, dass der Geist Bilder erzeugt, so rate ich mir leis, dies zu benennen mit dem Begriff Bilder. Ist der Begriff Bilder zu klein, so mag es vielleicht der Begriff Visionierungen sein. Oder, um es präziser zu fassen, sogar der Begriff Visionen. Wenn ich laufe, dann laufe ich in solchen Visionen. Dies wird mir daran deutlich, dass ich wiederholt erfahren habe, nach einer Stunde des Laufens auf der mir vertrauten Strecke zu erwachen, um mich vollkommen verirrt zu fühlen. So als hätte ich mich verlaufen. Ich muß wohl vollkommen in mir versunken gewesen sein – mit offenen Augen.

Und darum laufe!

Sehnsucht

Ist es nicht so, dass wir alles, was uns begegnet, alles, was sich ereignet, auf uns beziehen müssen? Ein umgestürzter Baum auf meinem Weg, die Nessel, die mich beim Übersteigen des Baumes sticht, der Stein, von dem ich abrutsche, um mich grade noch abzufangen? Die Versehrung ist voller Erkenntnis und Wert. Sie ist die Erfahrung, die ich bedenke oder beiseite schieben mag. Ich entscheide über Wert und Unwert des Lebens über den Wert, den ich den Begebenheiten beimesse. Dies ist nicht übertragbar, ich kann es nicht ausdehnen auf meinen Nächsten.Gültig ist es nur für mich. Ich kann nur berichten von meinem Gefühl, von Gedanke und Form. Von meinem Irren und von meiner Sehnsucht nach Sinn und Wert. Und es fragt sich in mir: Woher nur diese Sehnsucht?

Und darum laufe!