Ein Sturz

Ich laufe mit erhobenen Armen, um meinen Rücken, Muskel und Wirbel zu entspannen. Ich versuche die Arme durchzustrecken und blicke im Laufen nach oben, sodass ich Blätter und Äste über mir vorbeifliegen sehe. Eine Wurzel wird wohl mein vorschwingendes Bein gefangen haben und ich stürze in dieser Haltung ungebremst auf beide Knie. Der Stoß schlägt hinauf in die Wirbel zwischen meinen Schutlerblättern und so liege ich da, gekrümmt auf dem Boden und ringe um Luft. Ein Kindheitsschmerz. Ich erinnere mich und lache in mich hinein. Ich lache darüber, ein Narr zu sein, der sich selbst verletzt. Der Schmerz ist mir vertraut und darin nicht beunruhigend. Würde ein Passant zur Hilfe eilen, ich würde sagen: Schon gut, es ist halb so wild, in ein paar Minuten ist alles wieder in Ordnung. Bitte lassen Sie mich einfach liegen. Bitte gehen Sie weiter. Bald werde ich wieder Luft bekommen. Und so war es auch. Nun, ein paar Tage später ist meine Atmung noch immer eingeschränkt, ein Drücken in meinem Brustkorb, nicht unangenehm. Ich atme also vorsichtig in andere Bereiche meiner Lunge, hinab in meinen Bauch. Ich blähe den Bauch, wie eine Blase und das gelingt nur, weil ich die Muskulatur weich lassen muß, wo sie zuvor angespannt war. Wie lange schon? In dieser Peinlichkeit auch noch mit einer Erkenntnis beschenkt zu sein, es erheitert mich zudem.

Und darum laufe!

Linienläufer

Das Laufen im Kreis ist etwas anderes, als das Laufen auf einer Linie. Wo es hier vielleicht als ein Vorteil empfunden sein mag, dass vom ersten Schritt an das Ziel voraus liegt, so mag dort der Weg zu dem Wendepunkt als beschwerlich empfunden sein, weil ein jeder Schritt Entfernung bedeutet und eben nur in übertragenem Sinne Annäherung. Doch dem sich vergrößernden Raum, dem sich Von-dem-Ziel-und-dem-Ausgangspunkt-Entfernen, einen Sinn abzugewinnen, ist die Herausforderung, die dem Linienläufer gestellt ist. So wie er sich körperlich trainiert, steht ihm die mentale Übung bereit, vom ersten Schritt an. Mit der Vorstellung des Sich-Entfernens umzugehen ist die Herausforderung für den Linienläufer. Ein Möglichkeitsraum. Nichts wird ihn schrecken können. Nach innen gesenkt, mag er eine besondere Stärke entwickeln. Vom ersten Schritt an. Sie ist, unbeirrt zu sein. In mir erhebt sich die berauschende Vorstellung, zu einem Linienläufer zu werden, der nicht zurückkehrt an seinen Ausgangspunkt. Ein Linienläufer, der Tag für Tag sich fortbewegt und nie zweimal an dem gleichen Ort sich niederlegt, um auszuruhen. Ein Linienläufer, der nicht mehr zurückkehrt, der sich nicht umdreht, der weiter, immer weiter läuft. Einfach nur geradeaus, um darin den Kreis eines Seins zu schließen.

Und darum laufe!

Erosion

An dem Baum, an dem sich der Weg teilt, am Hang über dem Wasserfall, halte ich mich an seinen heraustehenden Wurzeln fest und eile über die ausgehöhlte Form aus Sand, Wurzeln und Steinen. Das sandige Erdreich ist hier ausgetreten und dann ausgespült, sodass der Baum den Anblick eines sich in den Hang krallenden Lebenwesens bietet.. Einmal wird er hinabstürzen. Meine Füße eilen geschwind über die Wurzelbarrieren und sie treten den Weg weiter aus mit jedem Schritt. Mit jedem Schritt drücke ich das ihn haltende Erdreich ein wenig hinab. Ich muß mich hüten auf dem losen Untergrund nicht auszurutschen. Ich kann noch so behutsam sein und doch trage ich etwas von dem Hang ab. Ich kann nicht Nicht-Zerstören. So sehr ich mich auch mühen mag. Spuren von mir überall in diesem Wald. Doch es ist gut, so wie es ist. Es ist gut, so, wie es hier seinen Gang nimmt. Es gibt eine Art Einvernehmen zwischen dem Baum und mir. Ein Einvernehmen mit dem Regen zudem, der Witterung, dem Erdreich, der Landschaft, dem mich umgebenden Raum. Alles stellt sich hier in dieser momenthaften Form dar, nichts ist von Bestand. Alles fließt ineinander und erhebt sich erneut. Und ich denke: Was ist das, was mich ausspült, mich einmal stürzen lässt, mir den Boden unter den Füßen rauben wird? Wo, in welcher Art und zwischen wem ist das Einvernehmen hierüber geschlossen?

Und darum laufe!

Geborgenheit

Es ist nicht so, dass dieses EIN Wald ist. Es ist nicht so, dass dies eine Form ist, die bevölkert und betreten ist von Wesen, die aus dem umliegenden Raum hereintreten. Vielmehr ist dies eine VIELZAHL von Wäldern, die unterschiedlich sind und dabei doch aus identischen Bestandteilen bestehen. Die Anzahl dieser Wälder ist so groß, wie die Anzahl der Menschen, die hereintreten. Und zudem, ganz sicher ist diese Anzahl nicht nur auf uns Menschen beschränkt, nur weil wir uns nicht die Mühe machen uns das über uns Hinausgehende vorzustellen. Pflanzen, Tiere und noch viel mehr. Die Anzahl der Wälder, ich stelle sie mir als unfassbar groß vor. Und dies hat nichts zu tun mit einer Wissenschaft der Erkenntnis, die etwas als radikal denkt. Es ist vielmehr so, dass es dort ein Gefühl gibt, welches einfach sofort da ist, wenn ich diesem Gedanken folge. Der Gedanke ist: Der wald ist sooft da, wie es Menschen gibt, die ihn betreten. Das Gefühl, dass aus diesem Gedanken heraus in mir entsteht, es ist ein Tor durch welches ich schreite und jetzt und sofort ist es nun der eine Wald, in dem ich mich bewege. Der eine Wald, und eine tiefe, wahre Geborgenheit umschließt mich vollends. Dies ist die von mir lang ersehnte Annahme durch die Welt. Es ist eine Verwirklichung meines Seins in diesem Moment der Übereinstimmung und der Harmonie.

Und darum laufe!

Niederlage

Der Wert einer Niederlage, ich sage, er liegt über dem Wert eines Sieges. Die Niederlage führt zurück, holt den Helden zurück von den Sternen auf die Erde. Aus dem Rausch wird ein nüchterner Zustand und still wird der Mensch. Zu einem Betrachtenden, einem Erkennenden wird er. Alles ist ihm sichtbar. Die Täuschung ist vorbei. Sich selbst erkennt er nun ganz deutlich und er erfährt sich neu in dieser tiefen Enttäuschung. Und er sieht noch mehr: Dort also steht der Sieger. Wie zeigt er sich? Welcher Art ist sein Jubel? Gehemmt oder extatisch? Von welcher Last scheint er in diesem Moment befreit zu sein? Was hat ihn hier herauf getrieben, der Beste sein zu müssen? Abgründe werfen ihre Schatten in das Gesicht des aus sich selbst heraus leuchtenden Helden. Dass es so viele Verlierer gibt auf dem Weg der Ermittlung dieses Einen, des Strahlenden, es ist der eigentliche Wert dieser Wettkämpfe. All die, die es nicht wurden, sind von der Last der Täuschung befreit. Das ist ein gutes Gefühl, frei zu sein.

Und darum laufe!

Windgeworfen

Ein umgestürzter Baum, ein Riese von vielleicht 200 Jahren, der sich nun in seiner Würde über meinen Weg legt. Im Liegen noch ist dort, und gerade im niedergelegten Zustand, ist dort ein Gefühl von einer Erhabenheit in mir im Schauen angeregt. Größe, Zeit, das Überdauern. Was alles hat dieser Baum gesehen? Ich erahne Dimensionen, die über mich hinausreichen. Ich spreche aus für die Bäume! Hier und jetzt. Sie zu respektieren bin ich gekommen. Den Respekt einzufordern, bin ich gekommen. Dieser Baum stand an dieser Stelle, bevor es überhaupt einen Weg gab, der an ihm vorbeiführte. Bevor Pfade zu einem Weg zusammenfanden. Der Weg führte an diesem Baum vorbei, um ihn zu einem Baum des Wegesrandes zu machen. Der Baum nun legt sich zum Sterben über den Weg und wir Passierende weichen aus. Ihn zu übersteigen gelingt uns nicht. Er ist zu groß, der Stamm ist zu mächtig. Hindurch durch die von seinen Wurzeln hochgeworfene Erde werden wir weich und mäandern um ihn herum. Der Weg, zuvor gerade, wie an der Schnur gezogen, ist nun gewandelt, geschwungen. Ich denke: Dies zu erhalten, es würde mir das Gefühle der Ehrfurcht, die ich an dem liegenden Riesen empfinde, erhalten. DIe Erhabenheit wäre für den empfindenden Menschen bewahrt, über Jahre vielleicht, bis aus dem Stamm Humus geworden, Insekten, Pilze, Farne, andere Bäume aus ihm herausgewachsen sind. Und vielleicht wäre der leichte Bogen dieses Weges ein Zeugnis seiner Anwesenheit über einen noch viel größeren Zeitraum hinaus, auch wenn von Ihm, von seinem Stamm nichts mehr sichtbar wäre. Keine Erhebung, kein Nichts. Tags darauf kehre ich zurück. Zersägt und aus dem Weg geräumt, achtlos den Hang hinabgestoßen die Abschnitte des Stammes, von Größe keine Spur. Es bleibt der Anblick eines aus dem Weg geräumten Hindernisses, mehr nicht. Der gerade Weg ist wieder hergestellt. Wie eigenartig, denke ich, der Weg der Erholung, wozu er ja an diesem Ort dient, er würde doch Raum haben für ein Ausweichen, ein Umfließen, ein Innehalten, ein Spiel!

Und darum laufe!

Selbstorganisation

Wenn es einen Tag gibt in der Woche, der die Übung in sich birgt, so gibt es dort eine Struktur, die über Jahre hin ausgeführt, stabiler und verlässlicher wird. Ich werde laufen, ist dieser Tag erreicht. Er ist der Lauftag und ich strebe dem Ideal entgegen, der Struktur, die mir Erfüllung ist. So organisiert, erlebe ich Wirksamkeit, Wahrhaftigkeit und Wahrheit. Ich bin hoffnungsvoll, voll Freude, glücklich geradezu, weil meine Bedürfnisse befriedigt, weil die Struktur mich birgt und behütet. Ich folge, doch das Leben ist es nicht! Die Freiheit ist es nicht. Es ist ein Versuch, etwas der großen Wahrheit, dem großen Mysterium zu entgegnen. Eine Selbstbehauptung. Und darin eine Behauptung nur. Denn ich verändere mich von Tag zu Tag. Ich muß das anerkennen. Ich altere, das ist gewiß. Und so sind die Pläne von heute geradezu albern im Angesicht des Morgen. Ich lächele über mich. Das bin ich vielleich: der Versuch einer Strukturierung! Das ist das, was ich ein Selbst nenne, dieser Versuch dazu. Dieser Versuch trägt meinen Namen. Ich spiele damit. Im Spiel, so las ich einmal, ist der Mensch ganz Mensch. Der Mensch im Wesen, er sei ein spielender Mensch. Ein Spiel mit der Strenge des mir selbst erdachten Planes.

Und darum Laufe!

Nabelschnur

Einmal gebrauchte ich ein Bild. Warum lebst Du in dieser Stadt? wurde ich gefragt. Was macht ein Leben in ihr möglich? Und ich sprach von einer Nabelschnur. Der Weg an dem Bach, der in die Stadt fließt und dann in den Strom mündet, er wäre für mich wie eine Nabelschnur, die hineinführt in den Wald, in den ich so regelmäßig laufe. Dort erhole ich mich und kehre dann zurück. Und hier im Laufen, inmitten dieser Schur, in den pulsierenden Strom wird mir das Wesentliche dieses Bildes bewusst: Ich laufe dem Ungeborenen entgegen, dem Embryo, welches mein ungeborenes Selbst ist. Es ist das Unberührte zudem. Mein Wesenskern liegt dort tief im Wald zusammengekauert und ich bin dieser Wesenskern, ganz rein, klar und unberührt, wenn ich nach einer Stunde des Laufens dort angelange. Von dort kehre ich zurück über die Nabelschnur in die Stadt an dem Strom, die in diesem Bild die Plazenta darstellt. Die Stadt, die mich ernährt, mit Begegnungen und Aufgaben versorgt. Das Bild fragt mich nun: Wann wirst Du geboren? Wann ist es soweit?

Und darum laufe!