Freie Menschen

Geborgenheit, Beachtung, Würdigung, Berührung, Zärtlichkeit, Mitgefühl, Selbstvertrauen, Weltvertrauen. So vieles, nach dem ich mich bedürftig fühlen kann. Vieles mehr, immerzu. Wenn ich laufe, so ist das ein Raum, der frei ist davon. Eine Spanne an Zeit, in der es keine Bedürftigkeit gibt. Ich bin ganz ich selbst. Verständlich mir selbst und ganz ohne Irrung. Ich begegne anderen, die mir entgegen kommen und sie sind in ebenso wenig bedürftig, wie ich es bin. Frei sind sie. Freie Menschen. Und doch: Das leben ist das nicht.

und darum laufe!

Zweifel

Der goldene Weg. Sein Erscheinen war von mir fast nicht bemerkt. Sand und Staub, braun und grau unter meinen Füßen sind gewandelt. Sand und Staub wandelten sich in feinen Schritten und Abstufungen, sodass ich den Kontrast erst jetzt in der Rückschau wahrnehme. Ja, deutlich erkenne ich nun: Wo es zuvor Abzweigungen gab, Entscheidungen, Anstieg, Böschungen und abfallendes Terrain, liegt nun unter mir eine goldener ebener Weg. Der goldene Weg führt von hier aus in alle Richtungen und es gibt keinerlei Begrenzungen. Ich bin auf einer golden schimmernden Hochebene angekommen. Ein Raum ohne Begrenzungen, ohne wegweisende Merkmale, ohne interpretierbare Zeichen. Eine goldene Ebene, in der alles richtig ist, weit und ohne Ende. Etwas scheint erreicht. Etwas führte mich hierher in den Raum, in dem alles richtig ist, wahr und schön. Ein geborgener, mich bergender Raum. Könnte doch seine Offenheit ängstigen, mich zweifeln lassen. Und ich zweifle. Ich zweifele an dem nächsten Schritt. Warum nur dieser Zweifel? Er ist, um stiller zu werden, leichter und feiner zu lauschen. Er ist, um hineinzuspüren in das große Geheimnis. Und Worte sprudeln in mich hinab. Vertraute, mich vertrauen lassende.

Und darum laufe!

Blei

In mir eine innere Sesshaftigkeit, die ihre Sorgen selbst gebiert. Eine Sesshaftigkeit des Geistes, duldsam und erwartend, bleiern und passiv. Sie ist reine Sorge. Sorge ohne Licht. Laufe ich, schon 1000 Mal, auf meinem Weg, so ist dies Licht ohne Sorge, reines Licht. Ein Zustand, Ideal und frei. Herausgehoben aus dem fliessenden Blei der Sesshaftigkeit. Der Sesshaftigkeit Sorge ist, in Bewegung zu gelangen. Ist doch genau das der Sorge Erlösung, das Ende der Furcht. Und so bin ich beides. Um nun zu lernen, das Blei aus mir herausfliessen zu lassen, es herausströmen zu lassen, einem gewaltigen Wasserfall gleich das Blei von Jahren aus mir herausstömen zu lassen. Es rauscht hinab, in Kaskaden es sich bricht, schäumt, tost und braust. Welch ein Spektakel! Dem Ozean entgegen.

Und darum laufe!

Meister

Ich neige mein Haupt vor den großen Meistern, die ohne die Mühsal einer Bewegung dort sind, wohin ich mich mühe zu gelangen. Sie ruhen dort. Sie verweilen auf dem scharf geschliffenen Papierstahl, der zwischen dem Einen und dem Anderen scheidet. Sie verleiben sich Alles ein, vereinen es, sodass Dieses und Jenes sich erweitert. Sodass Dieses und Jenes unendlich weit hinaus gehen über einen Begriff von Diesem und Jenem. Ich hingegen muss laufen. Dafür bin ich hergekommen, genau das zu erfahren. Und ich laufe. Vieles ist bereits erfahren und ich ahne von Vielem, was noch nicht erfahren ist. Die Grenze ist viel-hundert Mal verschoben, hinausgeschoben. Es gibt noch Vieles jenseits der Grenze. Ich weiß darum. Es geht darum Alles zu erfahren, Alles zu empfinden, Alles zu erkennen. Das ist die Haltung, in der ich existiere.

Und darum laufe!

Die Abkürzung

Ich gewähre mir selbst, mich selbst zu überholen. Dies, nachdem ich mir mithilfe einer Abkürzung einen Vorsprung vor mir selbst verschaffte. Ein Vorsprung, den ich nun langsam wieder hergebe. Eine Abkürzung zu nehmen, um in gleicher Geschwindigkeit weiterzulaufen? Ich sage: Es ist völlig falsch! Die Abkürzung ist kein Betrug in einem Wettlauf. Was zu gewinnen war ist doch bereits gewonnen, was zu verlieren war, es ist verloren. Die Abkürzung ist ein Portal in eine Sphäre. Eine Sphäre, die ich beschreiben kann mit Begriffen, doch erfassen kann ich sie nicht. In ihr lächeln wir einander zu. Sie ist die Sphäre des Verharrens, des Gewährens, des Empfangens. Sie ist die Sphäre der Anwesenheit, des Seins.

Und darum laufe!

Gedankengebäude

Die Forschung, die ich betreibe ergibt: Laufe ich schnell, in Geschwindigkeiten von 6 Minuten pro Kilometer oder sogar 5:50 Minuten pro Kilometer, so versorgt mich das Laufen mit Gedanken, die Blitzen ähneln. Sie erscheinen aus dem Nichts, treffend, klar und prägnant. Laufe ich hingegen etwas langsamer, so um die 7 Minuten pro Kilometer, oder auch 8 Minuten pro Kilometer, so sind die Gedanken eher Gebäuden vergleichbar. Etwas baut aufeinander auf. Etwas ist in der Tiefe ausformuliert. Die Gedanken ähneln Verfassungen, Regelwerken, Visionen von großer Komplexität. Doch ganz gleich, wie schnell ich laufe, wie das Wesen der Gedanken auch sein mag, dem Ganzen liegt eine Bejahung zugrunde. Sie ist das Fundament.

Und darum laufe!

Listig

Der halbe Weg. Es ist Zeit umzukehren. Die Heimkehr sei nun besprochen, der Heimweg, die Rückkehr. So wie ein Aufbrechen, ein Hinaus-ziehen ein Wagnis war, voller Aufregung und von einem Zauber getragen, so wird nun deutlich: Die Rückkehr hat den Zauber vergessen und das Wagnis der Heimkehr wiegt doppelt, vielfach sogar. Die Herausforderung, die ich bestanden habe, sie ist nur der erste Stein des verfallenen Tempels, den ich im Dschungel fand. Der heilige Ort liegt noch vor mir, viel tiefer im Dickicht, viel weiter im Ungewissen und zudem liegt dieser Ort in mir. Was einmal bestanden war, mich hat müde werden lassen, es war ein Auftakt nur. Nun geht es ums Ganze! Das was jetzt kommt, ist kein Spiel mehr. Es geht um meine Haut, meine Zähne, meine Knochen, mein Herz, meine Eingeweide. Doch ich bin listig, erfahren, gerissen, ein Niemand schon! Und ich weiß um den Zauber des Spieles, um die Magie der Versunkenheit, und um die Kraft des Vertrauens. Mit ihr ziehe ich das letzte Mark aus meinen Knochen. Die Knochen werde ich doch irgendwann sowieso nicht mehr benötigen, warum also nicht jetzt? Ich erschöpfe mich vollends, doch ich bleibe listig dabei.

Und darum laufe!

Ein Sturz

Ich laufe mit erhobenen Armen, um meinen Rücken, Muskel und Wirbel zu entspannen. Ich versuche die Arme durchzustrecken und blicke im Laufen nach oben, sodass ich Blätter und Äste über mir vorbeifliegen sehe. Eine Wurzel wird wohl mein vorschwingendes Bein gefangen haben und ich stürze in dieser Haltung ungebremst auf beide Knie. Der Stoß schlägt hinauf in die Wirbel zwischen meinen Schutlerblättern und so liege ich da, gekrümmt auf dem Boden und ringe um Luft. Ein Kindheitsschmerz. Ich erinnere mich und lache in mich hinein. Ich lache darüber, ein Narr zu sein, der sich selbst verletzt. Der Schmerz ist mir vertraut und darin nicht beunruhigend. Würde ein Passant zur Hilfe eilen, ich würde sagen: Schon gut, es ist halb so wild, in ein paar Minuten ist alles wieder in Ordnung. Bitte lassen Sie mich einfach liegen. Bitte gehen Sie weiter. Bald werde ich wieder Luft bekommen. Und so war es auch. Nun, ein paar Tage später ist meine Atmung noch immer eingeschränkt, ein Drücken in meinem Brustkorb, nicht unangenehm. Ich atme also vorsichtig in andere Bereiche meiner Lunge, hinab in meinen Bauch. Ich blähe den Bauch, wie eine Blase und das gelingt nur, weil ich die Muskulatur weich lassen muß, wo sie zuvor angespannt war. Wie lange schon? In dieser Peinlichkeit auch noch mit einer Erkenntnis beschenkt zu sein, es erheitert mich zudem.

Und darum laufe!

Linienläufer

Das Laufen im Kreis ist etwas anderes, als das Laufen auf einer Linie. Wo es hier vielleicht als ein Vorteil empfunden sein mag, dass vom ersten Schritt an das Ziel voraus liegt, so mag dort der Weg zu dem Wendepunkt als beschwerlich empfunden sein, weil ein jeder Schritt Entfernung bedeutet und eben nur in übertragenem Sinne Annäherung. Doch dem sich vergrößernden Raum, dem sich Von-dem-Ziel-und-dem-Ausgangspunkt-Entfernen, einen Sinn abzugewinnen, ist die Herausforderung, die dem Linienläufer gestellt ist. So wie er sich körperlich trainiert, steht ihm die mentale Übung bereit, vom ersten Schritt an. Mit der Vorstellung des Sich-Entfernens umzugehen ist die Herausforderung für den Linienläufer. Ein Möglichkeitsraum. Nichts wird ihn schrecken können. Nach innen gesenkt, mag er eine besondere Stärke entwickeln. Vom ersten Schritt an. Sie ist, unbeirrt zu sein. In mir erhebt sich die berauschende Vorstellung, zu einem Linienläufer zu werden, der nicht zurückkehrt an seinen Ausgangspunkt. Ein Linienläufer, der Tag für Tag sich fortbewegt und nie zweimal an dem gleichen Ort sich niederlegt, um auszuruhen. Ein Linienläufer, der nicht mehr zurückkehrt, der sich nicht umdreht, der weiter, immer weiter läuft. Einfach nur geradeaus, um darin den Kreis eines Seins zu schließen.

Und darum laufe!