Wasser schöpfen

Der Übung Regel: Beende einen Lauf, wenn ein erster Gedanke gedacht, wenn ein erster Gedanke sich kristallisiert hat. Wenn er bereit ist, niedergelgt zu werden. Beende einen Lauf, wenn es Worte gibt, die nur noch niederzuschreiben wären, in ein Journal, eine Sammlung von Blättern, in ein Buch. Beende diesen Lauf ganz abrupt und kehre heim an den Ort, von dem du aufgebrochen bist. Nimm es so, als würdest du Wasser schöpfen aus einem Brunnen oder einer Quelle im Wald. Nimm es so, als würdest du das Wasser heimbringen wollen und bedinge dich selbst, indem du sagst: Genau ein Gedanke ist mein Gefäß in der Lage zu fassen. Genau eine Hand voll Wasser kann ich schöpfen. Und nun kehre heim, ohne dass das Wasser verschüttet wird. Ohne dass das Wasser verunreinigt wird durch einen weiteren Gedanken. Es kann sein, dass sich deine Läufe von nun an deutlich verkürzen, sodass von einer Laufpraxis überhaupt keine Rede mehr sein kannn. Vielleicht mag sich diese Übung auch ein wenig gewaltsam anfühlen. Doch sie kann erkenntnisreich sein. Ist die Irritation zu stark, so laufe einfach, ohne zu denken. Ganz einfach, ohne etwas zu behalten, ohne etwas zu planen, ohne etwas zu behalten. Lass alles los.

Und darum laufe!

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Dürre

Nach Wochen der Dürre, mit schmerzenden Knien vom Lauf auf hartgetrocknetem Boden, mit vom Staub weich gepuderten Füßen, mit vom Untergrund zu mir heraufstrahlender Wärme, fällt endlich der lang ersehnte Regen. Nachdem die Wolken sich abgeregnet haben, mache ich mich auf in meinen Wald und finde einen völlig veränderten Ort vor. Ich rieche jetzt den Wald, so wie ich zuvor, in der Zeit der Dürre nicht darüber nachdachte, zu riechen. Ich erinnere mich an die Zeit der Feuchte.In ihr konnte ich den Wald riechen und das tiefe Einatmen durch die Nase so wohlig genießen. Wie eine Medizin, ein jeder Atemzug! Ich nehme den Kontrast wahr und verstehe in dieser Wahrnehmung erst die Qualität der Feuchte, die ich wie selbstverständlich nahm. Der Kontrast erst lässt mich wahrnehmen und ich verstehe, dass es nur der Kontrast ist, der mich wahrnehmen lässt. Ich kann dies auf jede Wahrnehmung ausdehnen, so fein sie auch sein mag. Ganz gleich auf welche Sinneswahrnehmung ich mich ausrichte. Nur dort, wo ich das Eine von dem Anderen unterscheiden kann, wo es einen Kontrast gibt zwischen den zwei Qualitäten, bin ich in der Lage sie zu erkennen und auch zu benennen. Darin, in dem Erkennen bin ich erfüllt von Dankbarkeit. Schon lang habe ich den Regen herbeigesehnt, doch Dankbar bin ich, wahrzunehmen. Dies zu erfahren, dies einmal wahrgenommen zu haben, es ist, was mir das Leben ist. Dankbar bin ich, wahrzunehmen, auch wenn es die langsame Vertrocknung des Waldes wäre, wenn es ein Absterben eines jeden einzelnen Baumes hier an diesem Ort bedeuten würde, wenn es in Feuer und Wüste münden würde. Es ist Dankbarkeit.

Und darum laufe!

Admirare

Zu Bewundern – wir verwirklichen uns dort, wo wir die Schönheit bewundern. Eine Blüte, ihr Duft, der Tautropfen, das sich in ihm spiegelnd brechende Licht. Es ist ein Wunder darin, welches wir in den Kelch der Blüte legen und alle Rätsel, die dir begegnen sind kleine Wunder.

Und darum laufe!

Selbstbeobachtung

An einer Stelle im Wald löst sich ein Knoten meiner Laufsandale. Ich halte an, setze mich auf den Waldboden und beginne die Verschnürung zu lösen. Dann fädele ich die Schnüre wieder in das Loch in der Sohle ein und knüpfe den Knoten neu an der richtigen Stelle. Ich setze meinen Fuß auf die reparierte Sohle und passe die Schnüre an meinen Fuß an. Als all dies fertig ist, blicke ich auf. Wie schön es ist auszuruhen! Das Plätschern des Baches, der Blick in alle Richtungen – ein Geschenk ist diese Rast. Und ich blicke hinüber über den Bach, hinweg auf die andere Seite. Dort weit über mir muß der Weg verlaufen, den ich stets nehme. Ich erkenne den Anstieg, der sich zwischen den Bäumen abzeichnet. Und nun kann ich mich sehen, wir ich dort den Weg hinauflaufe. In meinen blauen Shorts, dem türkisen Hemd, der schwarzen Mütze, die Arme und Beine gebräunt von der Sonne. Wie ein Geist husche ich den Berg hinauf. Eben noch zu sehen, schon bin ich meinem Blick entschwunden. Erstaunt bin ich von meiner Geschwindigkeit, behend über Geröll und Stein. Es ist, als würde ich einem scheuen Tiere nachblicken, welches seiner Wege zieht. Über diesen Blick, den ich erhaschen konnte, bekomme ich nun Zugang zu Ansichten von mir auch an anderen Orten. Ich sehe mich sitzen, in einem Büro, stehen an der Kasse eines Supermarktes. Ich sehe mich reisen in einem Fahrzeug, sehe mich sitzen im Kreis von anderen Menschen. Das ist reine Information. Es liegt keine Wertung darin.

Und darum laufe!

Sich vergeuden

Wegweiser und Wegmarken. Richtungen, von hier aus. Eine ist die des sich Vergeudens. Ihr entgegengesetzt die Richtung in der das Vergeudete liegt. Viel mehr als das liegt dort auf dem zurückgelegten Weg. Doch all das war nur erreicht über die Vergeudung. Es ist ein Loslassen darin. Denn es ist nur ein einziger Weg diesem einen Menschen möglich. Von einem Meister des Seins zu sprechen ist dem sicher angemessen. Von einer Kunst sogar. Es gibt keinen Vergleich und nie bist du, nie warst du, nie wirst du allein sein.

Und darum laufe!

Die Kursive

Ein Schriftschnitt aus einer Schriftfamilie. Ihr Wesen ist bewegt. Laufend, ohne zu eilen, eher fließend, dabei keineswegs flüssig. Von dem lateinischen Verb currere für Laufen ist der Namen abgeleitet. Die Kursive ist eine eigene Form, aus dem Geist der Ausgangsschrift heraus entwickelt, doch dabei ein entschieden eigener Schriftschnitt. Die Ausgangsschrift und ihre Kursive ergänzen einander. Sie harmonieren miteinander. Darin benötigen sie einander, um das jeweils eigene Wesen deutlich werden zu lassen. So wird die Kursive zu einer Auszeichnung in dem Meer der Ausgangsschrift. Die wörtliche Rede, der Ruf des Naturwesens, die Stimme aus dem Inneren, die Mahnung, der Ausruf – dahin mündet der Strom an Gedanken und er ist in der Kursiven gesetzt. Die Stille des Denkens begegnet hier dem Laut des ausgesprochenen Gedankens. Der Eigenname, in der Kursiven gesetzt, wird eingeführt und erkannt. Einmal erinnert ist er integriert. Die Kursive als ein Mittel, um den Schatz an Worten zu erweitern. Die Kursive folgt der Logik der Nachfrage:

Wie also lautet der Name dieses Helden? Wie also lautet der Name dieser Göttin? Wie also lautet der Name dieses Gottes? Wie also lautet der Name dieser Heldin?

Es ist dein Name. Sprich ihn laut vor dich hin. Sprich aus, wie dein Name lautet, im Rhythmus deiner Schritte. Glaubst du dir, wenn du diesen Satz hörst, so sprich ihn so lange vor dich hin, bis aus deinem Namen ein Laut wird, leer und frei. Glaubst du dir nicht, wenn du dich deinen Namen sagen hörst, so sprich deinen Namen so lang vor dich hin, bis du und dein Name eins werden.

Und darum laufe!

 

Erstaunen

Den Tod zu finden, bin ich aufgebrochen. Einen zumindest, vielleicht den kleinen Tod und möglicherweise auch einen etwas größeren. Und ich laufe, mich zu erschöpfen, mich zu verausgaben. Eine Grenze soll überschritten sein. Aus meiner Haut zu fahren, soll gelingen. Und ich erstaune, wie ich nur soweit gelangen konnte. Ich erstaune, wie ich nur so eng werden konnte. Und ich berühre das grüne Moos an einem Baumstamm – Ich bin vollkommen verantwortlich, bis in die Tiefe einer jeden Beziehung, für all das. Und ich rufe mir zu: Wach auf!

Und darum laufe!