Vor dem Bewusstsein

Worte, die durch mich hindurchgehen. Wortketten, Sätze, Erzählungen. Worte, die in mich eindringen, von außen und andere, die in mir entstehen. Wortketten, Sätze, Erzählungen. Worte, gebunden an Empfindungen. Gefühle, die sich in Worte kleiden und doch darin vollends wahr sind. Gefühle, die in völliger Übereinstimmung mit den Worten sind. Eine Trennung ist nicht möglich oder notwendig. Wortketten, Sätze, Erzählungen. Manche der Worte fallen wie Laub von einem Baum an einem sonnigen Herbsttag. Das ist ihre Bestimmung und Ausdruck des steten Wandels, der Veränderung und der Eingebundenheit in die großen Zyklen des Seins. Blätter im segelnden Flug, je nach Form, im Spiel mit dem Wind. Ein jedes Blatt eine Erfahrung. Ein jedes Wort eine Erfahrung. Andere Worte, die in mir kreisen. Die ihre Kraft, sich zu vergegenwärtigen aus dem Gefühl beziehen. Sie hinabzudrücken gelingt mir nicht. Nur wenn ich durchlässig werde, gleiten auch sie hinab. Nur wenn ich mit Ihnen auch von dem Gefühl loslasse, an welches sie gebunden sind, gleiten sie hinab. Bis ich leer bin, völlig leer. Ich bin jetzt nicht gefühllos, auch wenn es so erscheinen mag. Ich bin voller Mitgefühl, weil ich leer bin. Weil ich ohne Erinnerung bin. Es ist noch zu erahnen, in den uns wertvollen Momenten, dass es eine wortlose Zeit gab. Eine Zeit ohne Erinnerung. Eine Zeit vor dem Bewusstsein, welches uns so gründlich täuscht.

Und darum laufe!

 

Advertisements

Die Pflege der Gedanken

Dort, in der Umrundung einer Gruppe von Bäumen, als Marke auf meinem Weg, konnte ich eine große Hitze in den Spitzen meiner Finger spüren. Plötzlich, ganz unvermittelt. Besonders in den Spitzen der Ringfinger. Rechts und links. Ich war tief in Gedanken versunken und dachte in diesem Moment an eine Verbindung mit dem Herzen innerhalb der geistigen Aktivität. Ich dachte an eine Art inneren Faden, der durch mich hindurchginge, leicht und frei, silbrig und durchlässig. Ich dachte, dass denkend dem Menschen die Verbindung mit dem Herzen möglich sei. Die Verbindung mit der Emotionalität, dem Gefühl. Und so nahm ich diese körperliche Reaktion als eine Bestätigung meiner Gedanken. Ein Geschenk. Ich nahm die Empfindung der Hitze zudem als einen Hinweis, die Gedanken zu pflegen.

Und darum laufe!

 

Einfachheit

Von der Einfachheit will ich schreiben. Dann von dem einen Schritt hinein in den Raum, der offen ist, offen war und immer offen sein wird für alle Zeit, für jeden Menschen. Kein Rang, kein Reichtum, kein Talent, keine Berufung, nichts von dem, was unter Menschen gilt, ist hierin von Belang. Mehr noch ist doch dem Menschen aufgetragen, alles abzulegen, bloß zu sein, nackt und bar. Einfach in seiner tiefsten Form, befreit von alledem, von Masken, Mode und Geschmack. Jederzeit, an jedem Ort, jedem Menschen nah ist dieser Raum. Und dieser eine Schritt, er ist nach innen und nach außen zugleich gesetzt. Das Ich, es ist die in beide Richtungen spiegelnde Luftschicht, die mit diesem einen Schritt durchdrungen wird. Hier also tritt der Mensch heraus und herein zugleich, den Raum zu weiten, in sich und um sich herum.

Und darum laufe!

Die Ahnen

So wie ich nun blicke auf die fahle Spiegelung der Bäume in der Oberfläche der Pfützen auf meinem Weg, so wie die Wassertropfen des Regens im frühen Jahr darin ihre Kreise ziehen und wieder vergehen, so wie der Regen Stille, Zeit und Ruhe in meine Seele gießt, genauso meine Ahnen blickten, hinabgewandt, durchnässt und regungslos dabei.

Und darum laufe!

Selbstvergewisserung

Ich versichere mich mit jedem Lauf, ein Waldläufer zu sein – es wieder zu sein, nach der Spanne an Zeit, die vergangen ist, seit dem letzten Lauf. Der letzte Lauf, er hätte der letzte überhaupt sein können. Und so wird es einmal sein. Eine Gewissheit, die auch etwas friedliches, etwas befriedendes hat. Es wird den letzten Lauf geben, doch bis dahin ist alles Geschenk, alles Spiel und leicht. Ein Erleben, ein Erfahren. Ich erstaune und nehme es, wie es ist. Ganz so, wie es sein soll, wie es sich ergibt. Für jetzt ist alles gut.

Und darum laufe!

Über null

Wenn ich barfuß laufe auf gefrorenem Boden, nur mit einer durch Schnüre befestigten dünnen Ledersohle an den Füßen und die Temperatur der Luft dabei über null Grad liegt, dann ist alles möglich. Zehn Kilometer oder mehr sind möglich, ohne dass ich Erfrierungen befürchten muss. Denn es ist so, dass bei einem Lauf von einer Stunde die Füße vielleicht nur ein Drittel der Zeit den gefrorenen Boden berühren. Die Füße sind  zudem durch die dünne Sohle geschützt. Den Rest der Zeit – bin ich ununterbrochen in Bewegung – befinden sich meine Füße in der wärmeren Luft. Ich glaube, alles über null Grad Lufttemperatur ist möglich. Zudem trainiere ich die Durchblutung der Gefäße mit jedem Lauf der unter zehn Grad liegt. Es liegt darin kein Schmerz für mich. Es liegt darin auch kein mangelnder Komfort. Ich bin frei im Denken. Frei von Sorge oder Befürchtung. Ich kann mich völlig erheben und einfach laufen. Da ist der Wald, das Rauschen des Baches und die freundliche Verwunderung der mir begegnenden Passanten. An die Kälte habe ich die Füße bereits gewöhnt. Ich vermute, obwohl nach einer Stunde des Laufens die Füße sich ganz taub anfühlen, dass auch Barfußläufe bei Minusgraden möglich sind. Ich richte das heiße Wasser unmittelbar nach der Heimkehr auf Spann, Ferse, Sohle und Zehen. So habe ich meine Füße seit Jahren nicht gespürt.

Und darum laufe!

Ich wundere mich

Ich wundere mich über tausende Würmer, in Höhlen, tief unter der Erde, die aus sich heraus leuchten. Am Gestein festgesponnen. Ein Sternenzelt im Herzen unserer Erde. In mir ein Staunen über das Universum an Lichtpunkten dieser lockenden Lebewesen, um selbst zu einem dieser Lebewesen zu werden.

Ich wundere mich über eine Landschaft, die sich friedlich vor mir öffnet. Hügel, Wiesen, Felder, ein großer Baum. Der Nebel des Morgens über dem Fluß. In mir ein Staunen über das Wesen der Seele dieser Landschaft, um selbst zu dieser Landschaft zu werden.

Ich wundere mich über ein Feuer, das züngelnde Spiel der Flammen. Über die verzehrende Kraft. Der Funken Flug im Dunkel der Nacht. In mir ein Staunen über die Wärme, die in mich dringt, um selbst zu diesem Feuer zu werden.

Ich wundere mich über einen Menschen, sichtbar und wirklich in seiner Eigenart. Gesten und Worte in Übereinstimmung mit seiner Erscheinung.  In mir ein Staunen über den Mut seines Glaubens an sich selbst, um selbst zu diesem Menschen zu werden.

Und darum Laufe!