Zu springen

Zu ermüden an dem Scheitern, an der sich nicht wandelnden Form, an der Bedingtheit. Denn durch sie hindurchzugehen überfordert die eigenen Kräfte. Und so ist alle Kraft hineingesteckt in das Aufrechterhalten dieser Form. Eine leichte Ahnung davon, wie ein silbriger Schimmer, was das Leben sein könnte an Freiheit, an Erfüllung, an Glück – eine leichte Ahnung davon ist dort zu erkennen, in der Mitte des brennenden Rings, durch den hindurchzuspringen ich Jahre schon zögere. Weiß ich doch, es gibt nur diesen Weg. Das Feuer wird mich versehren, erst Haut und Haare versengen, mich verkohlen wie ein Stück Holz, schließlich in mir erlösen, was an geneigter Körperhaltung, an erschlaffter Körperform sich über Jahre hin manifestierte. Ein freier Körper auch wird dort auf der anderen Seite auf mich warten. Er ist mir versprochen. Und dies der Trost: Der Ring aus Feuer, aus ihm heraus blicken mich meine Ahnen an. Ihre Augen aus den Flammen heraus mir entgegenleuchten. Erkennen kann ich sie erst, wenn ich gesprungen bin. Ihre Güte, ihre Wärme, ihr Mitgefühl und ihr Vertrauen in mich. Ihr Verständnis zudem und ihre Liebe. Und so erlöst sich der ganze Schrecken dieses Spieles. Die Logik ist erkannt. Doch zu springen ich habe, hinein in dieses Feuer.

Und darum laufe!

Der schwarze Vogel

Der erste schwarze Vogel des neuen Jahres, seit wann schon singt er sein Lied? Dass es ihn überhaupt gibt – es rührt mich und ich frage: Wie nur konnte ich zweifeln an seiner Rückkehr, Jahr für Jahr?

Und darum laufe!

Sturz

Stolperst du, oder stürzt du sogar in deinem Lauf, weil dein Fuß an einer Wurzel oder an einem Ast hängen bleibt, so ist dies nicht ein Ausdruck dafür, dass der Gedanke, den du gerade dachtest, falsch wäre. Der Sturz ist keine Folge davon, dass der Gedanke irrig wäre, unangemessen oder sogar ein Unrecht. Der Sturz ist nur ein Ausdruck dafür, dass du dich etwas zu tief in den Gedanken hineinbegeben hast. Er verdeutlicht nur, dass du weit der Energie gefolgt bist, die dich erfüllt hat. Die Energie, die es ist, an der etwas ist. Die Energie, der du zu folgen hast. Gehst du über eine Schwelle hinein in das Reich, in dem du zu Erkennen dich befähigst, weil du der Natur ein Gegenüber bist, so verharre mit einem Teil deines Bewusstseins in der Welt, die vor der Schwelle liegt. Erkenne die Wurzel, die auf deinen Fuß wartet. Das ist schon alles.

Und darum laufe!

Fünf Wege

Einer ist, an dem besonderen Baum, der auf der Gabelung eines Weges steht, den rechten Weg zu wählen, der über des Baumes Wurzelwerk am Hang entlang sich schlängelt, um im Dickicht zu verschwinden. Der Andere ist, an diesem Baum links abzubiegen, auf dem Weg also zu bleiben, um in den Hohlweg zu gelangen, der von Moos gesäumt mich birgt und leitet. Der Dritte ist, zu zögern, den einen oder den anderen Weg einzuschlagen. Im Zögern bereits liegt eine Entscheidung. Vielleicht sind die beiden erstgenannten Wege noch offen für eine Weile, vielleicht sind die Optionen noch gewahrt. Doch ganz sicher ist die Entscheidung, die dann folgt eine andere, als die unvermittelte Wahl. Die Entscheidung ist bedacht. Zu zögern sei hier völlig wertfrei als gleichwertig und gleichtwürdig genommen. Der vierte Weg entsteht im Zögern erst. Er ist, im Innehalten, dem Innehalten etwas unerwartetes abzugewinnen. Eben noch bedachte ich die Entscheidung, jetzt bemerke ich des Baches Plätschern, das fiepen des Eisvogels dort unten am Ufer des Baches. Der Eisvogel – ein fliegender Edelstein. Ich bin ganz vertieft in die Begegnung mit dem Naturwesen und gewinne eine völlig neue Sicht. Ich blicke mit den Augen des Eisvogels auf meine Frage, mein Sein, mein Leben. Ich sehe mich selbst durch seine Augen. Ich bin in diesem Moment, so flüchtig er auch sein mag, der Vogel selbst. Ich fühle wie dieser Vogel und kenne seine Weisheit und Magie. Der fünfte Weg ist, umzukehren und nach Hause zu laufen, auf dem Weg, auf dem ich gekommen bin. Ich kehre zurück, zu dem, was zu tun ist. Zu meiner Aufgabe. Vielleicht konnte ich sie zuvor nicht erkennen, doch jetzt ist sie mir ganz klar. Die Aufgabe ist ganz naheliegend und sie ist völlig ausreichend. Ich kann all meine Illusionen von dem, was mir angemessen sei, loslassen. Ein friedlicher Moment. Ich kehre zurüch nach Hause. Das Zuhause liegt in meinem Herzen. Dorthin kehre ich zurück. Dort liegt die Antwort. Zu laufen ist, wenn ich es so betreibe, die Empfindungsfähigkeit wiederzuerlangen.

Der erste Weg ist das Ja, der zweite Weg ist das Nein, der Dritte Weg ist das ja, aber und das na gut. Der vierte Weg ist das Nichts und das Alles. Der fünfte Weg ist die Aufgabe.

Und darum Laufe!

 

Ein Raum

Tau, sich paarende Libellen, kühle Luft vor der aufziehenden Sonne des Morgens. Und nun die Definition dieses Raumes: Wie lautet sie? Was ist er wirklich? In dir er ist, in dem anderen nur, denn ein Mensch ohne den anderen nicht ist, denn ein Mensch ohne den Anderen nicht wäre. Ein Mensch nicht aus sich selbst heraus geboren ist. Der Raum, er ist in unseren Herzen. Von uns, für uns und füreinander. Er ist eröffnet für den sich in ihm vollziehenden Wandel. Der Wandel, der nun kommen mag. Ihn zu ermöglichen, ich diesen Schatz heimtrage.

Und darum laufe!

Ein Gruß

Ein lauf mündet in eine Vision:

Hinauszublicken, aus dem Rolls Royce, über das Lenkrad hinweg, auf den staubigen Weg, einer langen Reihe von Menschen entgegen. Sie zu grüßen, zu lächeln, zu segnen, um zu bemerken – ein jeder von ihnen, der mit begeistert strahlenden Augen mir entgegenlächelt, bin Ich! Das Ich in tausenden Formen, in tausenden von Momenten. Hier abgebildet im Defilee. Einem jeden dieser tausenden Ich-Zustände, bin ich selbst mein eigener, in diesem Rolls Royce vorbeigleitender Guru. Diesem Guru bin ich zugleich das ihm entgegentretende Wesen, welches in diesem Moment völlig da, völlig anwesend ist. Ich sehe aus vielen tausend Perspektiven. Ich sehe Alles, ich fühle Alles, ich empfinde Alles, was an Empfindung hier sich erhebt. In dieser heiteren Ironie, in diesem Spiel des Seins.

Und darum laufe!

Wasser schöpfen

Der Übung Regel: Beende einen Lauf, wenn ein erster Gedanke gedacht, wenn ein erster Gedanke sich kristallisiert hat. Wenn er bereit ist, niedergelgt zu werden. Beende einen Lauf, wenn es Worte gibt, die nur noch niederzuschreiben wären, in ein Journal, eine Sammlung von Blättern, in ein Buch. Beende diesen Lauf ganz abrupt und kehre heim an den Ort, von dem du aufgebrochen bist. Nimm es so, als würdest du Wasser schöpfen aus einem Brunnen oder einer Quelle im Wald. Nimm es so, als würdest du das Wasser heimbringen wollen und bedinge dich selbst, indem du sagst: Genau ein Gedanke ist mein Gefäß in der Lage zu fassen. Genau eine Hand voll Wasser kann ich schöpfen. Und nun kehre heim, ohne dass das Wasser verschüttet wird. Ohne dass das Wasser verunreinigt wird durch einen weiteren Gedanken. Es kann sein, dass sich deine Läufe von nun an deutlich verkürzen, sodass von einer Laufpraxis überhaupt keine Rede mehr sein kannn. Vielleicht mag sich diese Übung auch ein wenig gewaltsam anfühlen. Doch sie kann erkenntnisreich sein. Ist die Irritation zu stark, so laufe einfach, ohne zu denken. Ganz einfach, ohne etwas zu behalten, ohne etwas zu planen, ohne etwas zu behalten. Lass alles los.

Und darum laufe!