Die Festung

Ich näherte mich an, lief um einen Ort herum. Ein Ort wie eine Festung. Abgeriegelt, umgeben von Mauern. Lief herum, ohne Einlass zu erhalten. Studierte die Struktur der Mauern, den mit Wasser gefüllten Graben. Studierte Gesteinsarten, Mörtel und Zement mit den die Mauern errichtet waren. All dies, soweit es für mich von außen ersichtlich war. Ich studierte die Ausrichtung des Gebäudes, seinen möglichen Zweck, seine Geschichte. Die Zinnen seiner Mauern und all das andere, welches mir irgendwie Aufschluss geben konnte über das, was im Inneren wohl vor sich gehen mochte. Und nie erhielt ich Einlass. Über Jahre nicht, sodass ich bereit war aufzugeben, bereit war es sein zu lassen. Fortzugehen und mich zu verlieren. Kleine Fortschritte in dem Studium der Festung halfen mir, nicht abzulassen von der Umkreisung. Der Fleiß und die Disziplin gingen den Fortschritten voraus. Die Schönheit der Mauern, die Schönheit des Draußen seins, die Stille, die sich einstellende Zufriedenheit, das Schauen, all das ließ mich vertrauen und ausharren. Und dann der Einbruch der Erkenntnis in mein Sein! Die Erkenntnis, die es überflüssig machte weiter vorzudringen auf dieses wehrhafte Gebäude. Auf diesen abgeschlossenen Ort. Wie ein Lichtstreif am Horizont nach einer langen Nacht. Und mir war in diesem Moment vollkommen klar: Die Festung, das bin ich!

Und darum laufe!

Zueinander

Eine Steigung auf meinem Weg, eine lang gezogene Kehre führt den Berg hinauf. meine Schritte werden kürzer, mein Körper ist leicht nach vorne geneigt. Mein Blick ist auf meine Füße gerichtet und ich laufe mich warm. Die Atemfrequenz steigt und der Mund öffnet sich wie von selbst. Ich ringe um Luft, doch ich will nicht langsamer werden. Ich betrete einen Raum, in dem keine Zeit herrscht. Er ist aufgespannt von meinem Herzschlag, dem Einziehen des Atems und der Schrittfrequenz. Alle Läufe, die ich je in dieser Intensität absolviert habe, gelangen hier zueinander. Auch die noch in der Zukunft liegenden Läufe sind bereits in diesem Raum vorhanden. Ich bin auf allen Kontinenten dieser Erde unterwegs. Ich laufe im Gebirge, im Hügelland, in der Wüste, an der Küste und in den Dünen. Ich laufe auf Steinen, auf Geröll, auf Sand, durch Gras, auf Pfaden und Straßen. Alle Orte gelangen zueinander hier in diesem aufgespannten Raum. Ich vermisse nichts. Alles ist da. Meine tausenden von Identitäten verstreut auf diesem Planeten sind hier beieinander. Sie sind vergeudet in diesem Tun, welches mich in seiner Zweckfreiheit souverän sein lässt. Doch darin, genau in dem liegt der Zweck von meinem Tun. Weg und Ziel zugleich. Ein tiefer Friede steigt in mir auf und erfüllt mich in einer jeden Faser meines Seins.

Und darum laufe!

Spannung

Zwei Nächte Frost und der Bach ist bedeckt mit einer Eisschicht. Vom Ufer bis in die Mitte des Baches hinein ist die Eisschicht gewachsen. Darunter fließt das Wasser und von oben wird gefrorenes Material auf die Eisfläche geschoben. Ein Knall erschreckt mich. Er ist vor mir und hinter mir zugleich. Einem Blitze gleich ist ein Bruch durch das Eis geschossen. Die aufgeschobene Spannung erlöst sich in diesem langen Bruch. Das neue Jahr kündigt sich an.

Und darum laufe!