Harmonie

Ebbe und Flut, die stete Bewegung an den Rändern eines Eilands, die Veränderung, der Wandel, den ich beobachte. Strände, Sandbänke, mäandernde Ströme dazwischen. Sich verwischende Grenzen, Linien, die nicht zu ziehen sind. Die Erosion des Wassers und die Entstehung des Landes. Wenn etwas gilt, so ist es: Im Kleinen, wie im Großen. Und alles befindet sich in Bewegung. An dem, was ist, kann ich erahnen, was es einmal war. Mehr jedoch nicht. Niemals kann etwas genau so sein, wie es einmal gewesen ist. Auch der Felsen befindet sich in stetem Wandel. Der Felsen fließt dahin. Und so mein Bach im Tal mäandert, an dem Felsen sich reibt. An Bäumen vorbei. Der Bach den Sand bewegt, um zu sein, was ich nun vorfinde. Und wenn etwas gilt, so ist es: Im Innen, wie im Außen. So ich mich sehe und ich mich verstehe in der kleinsten, von mir wahrgenommenen Naturerscheinung, Ich bin ein Teil von ihr, war es immer und werde es immer sein. Und alles strömt dorthin, in die Versöhnung von Land und Wasser, von hart und weich, in die Vereinigung der Gegensätze. Sie sind darin ihrer selbst vollständig bewusst. Eine Harmonie, die sich in dem Moment zur Zeitlosigkeit aufschwingt.

Und darum laufe!

Eine Schule des Laufens

Wann beginnt das Laufen? Wo endet das Gehen? Ich laufe an manchen Tagen so langsam, dass schnell gehende mich überholen würden. Und doch ist ihr Gehen nicht Teil dieser Schule des Laufens. Die Geschwindigkeit ist es nicht. Es ist nicht das Verhältnis der Zeit zu der in ihr zurückgelegten Distanz. Es ist darin nicht messbar und auch nicht vergleichbar. Es ist immateriell und innerlich. Es ist, in der Bewegung zur Ruhe zu gelangen. Der Schlag des Herzens spielt sicher eine Rolle. Leicht erhöht soll der Puls sein, mehr jedoch nicht. Auch hier ist alles individuell. Leicht erhöht im Verhältnis zu dem Ruhepuls. Dem Ruhepuls eines Menschen. Was ist das Wesen in mir? Anwesend, gegenwärtig zu völliger Ruhe zu gelangen, über die Zeit und den etwas erhöhten Puls – das ist diese Schule des Laufens. Es gibt keine Eile. Eile macht keinen Sinn. Es gibt kein Voraus, noch Hinterher. Ist es nun Laufen oder Gehen? Ganz egal! Es ist, in sich versunken zu sein. Nicht im eigenen Sumpf, der dunkel schweflig brodelt. Versunken im Keim, im Samenkorn des Selbst, welches golden leuchtet. Im Ich-Punkt. Im Jetzt, dort, wo alles zusammenläuft: Schicksal und Bestimmung, Wille und freie Wahl, Vergangenes und zu Erwartendes, Körperliches und Geistiges. Es ist der Punkt, der Ich und All zugleich ist, der keine Ausdehnung kennt. Unmessbar klein, ohne Länge noch Breite, ohne Geschmack, Farbe, Struktur und Form. Ein Punkt nur und das All zugleich, das vollkommene. Dessen Ausdehnung ist unmessbar weit, ohne Länge noch Breite, ohne Geschmack, Farbe, Struktur und Form. Das ist diese Schule des Laufens.

Und darum laufe!

Sanft geborgen

Es gibt die Zeit, eine äußere, eine innere und doch ist sie nur Illusion. So wie Du dich eilst, um doch zu spät zu kommen. So wie Du in Ruhe eintriffst, vor der Zeit, bevor Du erwartet wurdest. Sie bleibt Illusion. Es gibt auch die Übereinstimmung von innerer und äußerer Zeit. Hier kommt sie zum Schweigen, hier ist sie ganz sanft. In ihr geborgen ist es Dir ganz gleich, ob sie Illusion ist oder nicht. Sie ist fort und doch ist sie alles. Du mit ihr bist fort und bist zugleich alles. In Übereinstimmung – das Universum selbst.

Und darum laufe!