Dekompression

Ein wenig ist es so, als wäre ich ein Taucher im Meer. Die Spannung, die ich in mir aufbaue entspricht dem Druck der Wassertiefe, in der ich mich befinde. Und nun laufe ich los und steige langsam auf, hinauf an die Wasseroberfläche. Der Druck der Umgebung läßt nach und ich bin in der Not meinen inneren Druck anzupassen. Die Dekompressionszeiten sind ganz von dem Moment abhängig und variieren von Lauf zu Lauf. Mal gelingt es mir, mich anzupassen und mein Bauch ist ganz weich. Ich atme tief über den Bauch hinaus, in meine Beine, in die Füße und die Zehen. Ich bin in diesen guten Momenten vollständig angepasst und bin aufnahmefähig für die feinen Impulse meiner Umgebung. Die Impulse der Bäume, der Tiere des Waldes. Ein anderes Mal gelingt es mir nicht und ich laufe mit einem großen inneren Druck in einer Umgebung, die ohne Druck ist. Hier hilft die Zeit. Mein Atemspiegel ist niedrig und ich kann trotz Allem darauf vertrauen, nach einer Stunde des Laufens den inneren Druck losgelassen zu haben. Ist dort eine Übereinstimmung von Umgebung und Innerlichkeit, in Bezug auf die Druckverhältnisse, so ist es gewiß so, dass ich nicht nur die reine Luft atme. Ich bin dann eine hauchdünne Oberfläche nur, eine Körperhülle, völlig durchlässig und leicht. Es gibt keine inneren Organe, keine Sehnen, keine Bänder oder Knochen. Und so atme ich das Schlagen des Spechtes, die Vibration seiner Trommelwirbel. Ich atme das Sonnenlicht des Morgens und den Schatten dazu.

Und darum laufe!

Nabelschnur

Einmal gebrauchte ich ein Bild. Warum lebst Du in dieser Stadt? wurde ich gefragt. Was macht ein Leben in ihr möglich? Und ich sprach von einer Nabelschnur. Der Weg an dem Bach, der in die Stadt fließt und dann in den Strom mündet, er wäre für mich wie eine Nabelschnur, die hineinführt in den Wald, in den ich so regelmäßig laufe. Dort erhole ich mich und kehre dann zurück. Und hier im Laufen, inmitten dieser Schur, in den pulsierenden Strom wird mir das Wesentliche dieses Bildes bewusst: Ich laufe dem Ungeborenen entgegen, dem Embryo, welches mein ungeborenes Selbst ist. Es ist das Unberührte zudem. Mein Wesenskern liegt dort tief im Wald zusammengekauert und ich bin dieser Wesenskern, ganz rein, klar und unberührt, wenn ich nach einer Stunde des Laufens dort angelange. Von dort kehre ich zurück über die Nabelschnur in die Stadt an dem Strom, die in diesem Bild die Plazenta darstellt. Die Stadt, die mich ernährt, mit Begegnungen und Aufgaben versorgt. Das Bild fragt mich nun: Wann wirst Du geboren? Wann ist es soweit?

Und darum laufe!

Sterne

Ich laufe, ohne zu laufen. Ich denke, ohne zu denken. Ich empfange, ohne zu empfangen. Ich stimme mit dem, was mich umgibt überein. Darin ist alles in Harmonie. Alles ist geborgen in dem Einen. Das zu Leisten, meine Aufgabe ist. Dass es das Eine sei. Und ich hole die Sterne herab, eine funkelnde Schar in meiner Hand, in meinem Herzen. Und ich sende die Sterne hinauf, eine funkelnde Schar in meinem Herzen, in meiner Hand.

Und darum laufe!

Die Kursive

Ein Schriftschnitt aus einer Schriftfamilie. Ihr Wesen ist bewegt. Laufend, ohne zu eilen, eher fließend, dabei keineswegs flüssig. Von dem lateinischen Verb currere für Laufen ist der Namen abgeleitet. Die Kursive ist eine eigene Form, aus dem Geist der Ausgangsschrift heraus entwickelt, doch dabei ein entschieden eigener Schriftschnitt. Die Ausgangsschrift und ihre Kursive ergänzen einander. Sie harmonieren miteinander. Darin benötigen sie einander, um das jeweils eigene Wesen deutlich werden zu lassen. So wird die Kursive zu einer Auszeichnung in dem Meer der Ausgangsschrift. Die wörtliche Rede, der Ruf des Naturwesens, die Stimme aus dem Inneren, die Mahnung, der Ausruf – dahin mündet der Strom an Gedanken und er ist in der Kursiven gesetzt. Die Stille des Denkens begegnet hier dem Laut des ausgesprochenen Gedankens. Der Eigenname, in der Kursiven gesetzt, wird eingeführt und erkannt. Einmal erinnert ist er integriert. Die Kursive als ein Mittel, um den Schatz an Worten zu erweitern. Die Kursive folgt der Logik der Nachfrage:

Wie also lautet der Name dieses Helden? Wie also lautet der Name dieser Göttin? Wie also lautet der Name dieses Gottes? Wie also lautet der Name dieser Heldin?

Es ist dein Name. Sprich ihn laut vor dich hin. Sprich aus, wie dein Name lautet, im Rhythmus deiner Schritte. Glaubst du dir, wenn du diesen Satz hörst, so sprich ihn so lange vor dich hin, bis aus deinem Namen ein Laut wird, leer und frei. Glaubst du dir nicht, wenn du dich deinen Namen sagen hörst, so sprich deinen Namen so lang vor dich hin, bis du und dein Name eins werden.

Und darum laufe!

 

Instrument

Ein Rhythmus auf einer Trommel geschlagen. Zuerst ist der Bereich auf dem Fell zu finden, in dem der Klang rein und tief ist. Der Grundton des Instruments. Dieser Ton, das frei schwingende Fell, mit welchem Finger, in welcher Position ist er geschlagen? Das ist die Forschung in der sich die Magie offenbart, die dem Instrument innewohnt. Es gibt diesen Ton, der mich verzaubert, der mich herauslöst aus Zeit und Raum. Ich forsche und weiß, wenn der Ton gefunden ist. Alles ist in diesem Ton bestätigt: Anschlag, Position, Finger und Stärke. Und dass es richtig ist, erfahre ich durch die Gegenwärtigkeit, in der ich mich befinde. Die Gegenwärtigkeit geht von diesem Ton aus. Ich reise auf diesem Ton in das Reich der Visionen. Es gelingt mir immer wieder und den Nachhall nehme ich mit auf meinen Lauf in den Wald. Der Rhythmus schlägt in mir und ich laufe in dem Rhythmus, ganz einfach und frei. Ich bin das Instrument, in mir das alles.

Und darum laufe!

Einfachheit

Von der Einfachheit will ich schreiben. Dann von dem einen Schritt hinein in den Raum, der offen ist, offen war und immer offen sein wird für alle Zeit, für jeden Menschen. Kein Rang, kein Reichtum, kein Talent, keine Berufung, nichts von dem, was unter Menschen gilt, ist hierin von Belang. Mehr noch ist doch dem Menschen aufgetragen, alles abzulegen, bloß zu sein, nackt und bar. Einfach in seiner tiefsten Form, befreit von alledem, von Masken, Mode und Geschmack. Jederzeit, an jedem Ort, jedem Menschen nah ist dieser Raum. Und dieser eine Schritt, er ist nach innen und nach außen zugleich gesetzt. Das Ich, es ist die in beide Richtungen spiegelnde Luftschicht, die mit diesem einen Schritt durchdrungen wird. Hier also tritt der Mensch heraus und herein zugleich, den Raum zu weiten, in sich und um sich herum.

Und darum laufe!

Ich wundere mich

Ich wundere mich über tausende Würmer, in Höhlen, tief unter der Erde, die aus sich heraus leuchten. Am Gestein festgesponnen. Ein Sternenzelt im Herzen unserer Erde. In mir ein Staunen über das Universum an Lichtpunkten dieser lockenden Lebewesen, um selbst zu einem dieser Lebewesen zu werden.

Ich wundere mich über eine Landschaft, die sich friedlich vor mir öffnet. Hügel, Wiesen, Felder, ein großer Baum. Der Nebel des Morgens über dem Fluß. In mir ein Staunen über das Wesen der Seele dieser Landschaft, um selbst zu dieser Landschaft zu werden.

Ich wundere mich über ein Feuer, das züngelnde Spiel der Flammen. Über die verzehrende Kraft. Der Funken Flug im Dunkel der Nacht. In mir ein Staunen über die Wärme, die in mich dringt, um selbst zu diesem Feuer zu werden.

Ich wundere mich über einen Menschen, sichtbar und wirklich in seiner Eigenart. Gesten und Worte in Übereinstimmung mit seiner Erscheinung.  In mir ein Staunen über den Mut seines Glaubens an sich selbst, um selbst zu diesem Menschen zu werden.

Und darum Laufe!