Regenbogen

In der Hitze, in ihrem Stechen, wenn sie von außen eindringt in den Körper, zugleich die Hitze von innen den Körper verzehrt, von der Körpermitte aus bis an die Innenseite der Hautoberfläche. Die Haut ein Transparent, eine Grenze so fein, dass Innen und Außen in ihr zusammenkommen, eins sind, darin das Feuer den Körper verglüht bis in ein reines Gelb, ein Orange, wie weißglühend fließendes Metall, ein Gold, dann hinüber in reines Weiß und dann nur noch Weiß, durch und durch. Jetzt der Körper gesenkt ist in das eiskalte Wasser des Gebirges, das Wasser in seinem Strömen erhellt ist von diesem Weiß, es sich abkühlt dabei in ein Blau-weiß, Türkis, Blau, Tiefblau, dann Blau-schwarz, gefroren fast. Ausharren in dem Wasser, Ausharren. Es kann dauern. Still-Halten, genau beobachten, erkalten in die tiefe Innerlichkeit hinein. Vollständig nur die Reise ist, wenn sie gesammelt sind, die Farben des Regenbogens und in dem Sich-Erheben aus dem Wasser in allen Farben nun erstrahlt hinauf ein Körper, mehr ein Wesen, eine Seele.

Und darum laufe!

Unbegrenzt

Wenn es so ist, dass es mir im Laufen gelingt, mich zu vertiefen in Begebenheiten, die mich besonders stark berühren, Begebenheiten, die in der Vergangenheit liegen, so hole ich etwas hinauf von diesem Gefühl in die Gegenwart. Ich hole etwas in diesen Lauf hinein. Es ist das an ein Ereignis, an eine Handlung gebundene Gefühl. Die Qualität dieses Gefühls ist dabei einerlei. Ich kann mich in Scham verzehren oder ebensogut Freude oder Beseeltheit zum Ausdruck bringen. Und ich verändere etwas an diesen Gefühlen, dadurch dass ich sie hervorhole. Ich verändere hierdurch ganz gewiss den Moment in dem ich laufe. Die Intensität des Gefühls lässt es hervortreten und damit das Verbundene Ereignis. Die Intensität lässt es heraustreten aus dem Strom aller jemals erfahrener Momente, aller jemals gefühlten Gefühle. Das Gefühl tritt hervor und es tut dies mit völliger Selbstverständlichkeit. Es ist im Recht und ich lasse es gewähren. Ich bleibe dabei neutral, offen und empfangend. Mein Körper ist in Bewegung. Ich atme, ich schwitze, das Blut pulsiert in meinen Adern. Es brodelt in mir und durch mich hindurch. Und in jeder meiner Zellen bearbeite ich dieses hinaufgeholte Gefühl und bringe es in Schwingung. Die Bewegung wird zu einem spirituellen Akt. Sie wird zu einem Opfer, welches ich aus dem, welches wir Bewusstsein nennen, herauslöse und dahingebe. Im Opfer harmonisiere ich mich. Ich reinige mich und kann das Gefühl loslassen. Das Gefühl ist darin gewandelt und besäntigt. Ich werde weich und leicht. Ich kann anerkennen, einmal so gehandelt zu haben. Ich kann anerkennen, kein anderes Bewusstsein gehabt zu haben, als jenes, welches mich damals genau so handeln ließ. Mein Blick kann distanziert von allen Seiten beobachten, da ich ja im Moment Distanzen zurücklege. Ich kann zudem anerkennen, dass ich bin. Ich existiere, mein Organismus erhält sich selbst, er atmet ohne Unterlass. Welcher Art Recht ist dies nur, dieses Weiterbestehen, diese Nicht- aufgeben-wollen? Ich kann erahnen, dass es das mir zugrunde liegende Prinzip ist, zu Handeln und mich darin zu erfahren. Das ist das Zu-erfahrende. Das ist das mir aufgetragene, das mir mögliche, das Geschenk und die größte Herausforderung zugleich. Ich wollte genau das fühlen, genau das erfahren. Und die Freiheit der Wahl in der ich stand, in der ich hier stehe, immer stehen werde, ist unbegrenzt.

Und darum laufe!

Landkarte

Eben noch lag wie auf einer Landkarte ein jeder Lebensmoment vor mir ausgebreitet. Ein Überblick vollkommen ungetrübt, rein und klar. Zeitliche Dimensionen liegen auf ihr gleichwertig und gleichwürdig nebeneinander. Hier und dort verteilt liegt Zukünftiges und Vergangenes nebeneinander wie Fallobst unter einem Apfelbaum. An manchen Stellen liegt vieles übereinander, an anderen Stellen ist die Karte leer. Und, um sie zu fassen, um die auf ihr eingetragenen Ereignisse zu ertragen, stelle ich mir vor, diese Karte einzurollen, eng und fest. So eng, dass sie zu einem Stab wird, von der Länge meines Armes. Ein aus sich selbst heraus leuchtender Stab in meiner Hand – und mit einem Mal trete ich über eine riesige Schwelle und gelange in ein Zwischenreich. Ich bemerke hinübergetreten zu sein, ohne eine Frage, die ich beantwortet wissen will. Immer war dies der Grund für das Übertreten einer Schwelle. Für das Betreten des Zwischenreiches. Immer kam ich mit einer Frage und immer erhielt ich eine Antwort im Spiegel der Natur. Ich denke nach: Welche Frage ist es, die mich in diesem Moment am meisten bewegt? Und bekomme in völliger Klarheit sofort die Frage eingegeben: Welches ist die Kugel zu dem Stab in Deiner Rechten, die in Deiner Linken ruhen wird? Ich wende mich um in Richtung der von mir übertretenen Schwelle und der fahl blasse Ball der Sonne sich über ihr erhebt.

Und darum laufe!

Geräusch

Etwas in meinen Ohren. Es liegt zwischen einem Klang, einem Rauschen und einem Ton. Ein Ton so hoch, dass ich ihn gerade noch wahrnehmen kann. Ein Rauschen so fein, dass es dem vom Wind bewegten Herbstlaub ähnelt, ein Klang so tief, dass aus allen Zeiten seine Kraft zu erschallen scheint. Ein Geräusch, so kann ich es wohl bezeichnen. Bergend und wohlig zugleich. Eine Erkrankung ist es nicht. Ein Krankheitsbild gibt es nicht. Ich lausche dem Rauschen des Blutes in meinen Ohren. Ich lausche dem Strömen. Ich lausche mir selbst. Ich lausche der Eigenschwingung der Hörorgane. Der Weg steigt an, ich gerate außer Atem und das Geräusch erhebt sich in eine Deutlichkeit hinein. Es begleitet mich, ist mir vertraut. Hier, wo ich mein Herz schneller schlage lasse, ist es stärker. Ich lausche seiner Botschaft. Es ist die Botschaft der Verfeinerung, die der Ausweglosigkeit. Jetzt folgt es mir. Ist immerzu da. Auch im Ruhepuls. Doch nie zu laut. Nie störend. Fein abgestimmt. Als wäre dies des Geräusches Plan, fein abgestimmt zu sein.

Und darum laufe!

Hunger

Ich laufe meist mit leerem Magen. Und doch nehme ich den Hunger nicht wahr. Heute laufe ich, bis ich hungrig bin, bis mir der Hunger bewusst wird. Das ist die Erweiterung der Grenze. Es ist eine Bedingung, die ich mir stelle. Es soll der Hunger sich einstellen. Ihn kennenzulernen, bin ich losgelaufen. Ihn zu verstehen und ihm gegenüber gleichgültig zu werden, ist das Ziel. Die Kraft nicht mehr aus dem Materiellen zu ziehen, aus Muskeln, Gewebe, aus Zellen. Die Kraft stattdessen aus dem Gehalt der Luft zu ziehen, ist das Ziel. Darüber hinaus aus dem, was ich in mich einströmen lasse. Ein Gefäß zu werden, das ist das Ziel. Es bedeutet, den Berg in mich einströmen zu lassen. Es bedeutet, der Berg zu sein. Der Berg, an dem ich mich im Anstieg erschöpfe. Ich selbst bin der Berg und renne auf mir bergan. Es sind die Gedanken des Berges, die ich denke. Es in die Gesänge der Landschaft, die ich singe. Der Hunger ist der Zugang. Der Hunger ist das Portal. Es ist da, zu jeder Zeit.

Und darum laufe!

Wahrnehmung und Berührung

Mit den Kuppen meiner Daumen streiche ich beim Laufen über die Fingerglieder der zu Fäusten geschlossenen Hände. Links und rechts. In mir das Gefühl, als würde ich über die Windungen meines Gehirns streichen. Als würden die Daumenkuppen die Erhebungen und Vertiefungen der Außenseite meines Gehirns nachfahren. Keine Trennung, keine Distanz. Wahrnehmung und Berührung sind eins.

Und darum laufe!

 

Regentropfen

Im Wald die Regentropfen leise fallen. Eine Wasserfläche fängt meinen Sinn. Kreise sanft sich ziehen. Kleine, von Zeit zu Zeit ein etwas Größerer. Die Wellen nun im Kreise sich ausbreiten und einander begegnen. Es ist ein feines Spiel. Es ist ein Ebenmaß darin. Und es ist alles voller Sinn. Der Bäume Schatten liegt leicht bewegt auf dieser Fläche. Es ist ein Blick hinab und hinauf zugleich. Ich erinnere, schon oft genau so geblickt zu haben. Schon oft geborgen mich gefühlt zu haben, in dem Spiel der Wellenberge. Und kein Tropfen stört die Harmonie, kein fehlgesetzter Kreis. Alles mit Bedacht, von sanfter Hand geführt. Kein einziger Tropfen ohne Sinn.

Und darum laufe!