Fünf Wege

Einer ist, an dem besonderen Baum, der auf der Gabelung eines Weges steht, den rechten Weg zu wählen, der über des Baumes Wurzelwerk am Hang entlang sich schlängelt, um im Dickicht zu verschwinden. Der Andere ist, an diesem Baum links abzubiegen, auf dem Weg also zu bleiben, um in den Hohlweg zu gelangen, der von Moos gesäumt mich birgt und leitet. Der Dritte ist, zu zögern, den einen oder den anderen Weg einzuschlagen. Im Zögern bereits liegt eine Entscheidung. Vielleicht sind die beiden erstgenannten Wege noch offen für eine Weile, vielleicht sind die Optionen noch gewahrt. Doch ganz sicher ist die Entscheidung, die dann folgt eine andere, als die unvermittelte Wahl. Die Entscheidung ist bedacht. Zu zögern sei hier völlig wertfrei als gleichwertig und gleichtwürdig genommen. Der vierte Weg entsteht im Zögern erst. Er ist, im Innehalten, dem Innehalten etwas unerwartetes abzugewinnen. Eben noch bedachte ich die Entscheidung, jetzt bemerke ich des Baches Plätschern, das fiepen des Eisvogels dort unten am Ufer des Baches. Der Eisvogel – ein fliegender Edelstein. Ich bin ganz vertieft in die Begegnung mit dem Naturwesen und gewinne eine völlig neue Sicht. Ich blicke mit den Augen des Eisvogels auf meine Frage, mein Sein, mein Leben. Ich sehe mich selbst durch seine Augen. Ich bin in diesem Moment, so flüchtig er auch sein mag, der Vogel selbst. Ich fühle wie dieser Vogel und kenne seine Weisheit und Magie. Der fünfte Weg ist, umzukehren und nach Hause zu laufen, auf dem Weg, auf dem ich gekommen bin. Ich kehre zurück, zu dem, was zu tun ist. Zu meiner Aufgabe. Vielleicht konnte ich sie zuvor nicht erkennen, doch jetzt ist sie mir ganz klar. Die Aufgabe ist ganz naheliegend und sie ist völlig ausreichend. Ich kann all meine Illusionen von dem, was mir angemessen sei, loslassen. Ein friedlicher Moment. Ich kehre zurüch nach Hause. Das Zuhause liegt in meinem Herzen. Dorthin kehre ich zurück. Dort liegt die Antwort. Zu laufen ist, wenn ich es so betreibe, die Empfindungsfähigkeit wiederzuerlangen.

Der erste Weg ist das Ja, der zweite Weg ist das Nein, der Dritte Weg ist das ja, aber und das na gut. Der vierte Weg ist das Nichts und das Alles. Der fünfte Weg ist die Aufgabe.

Und darum Laufe!

 

Ein Raum

Tau, sich paarende Libellen, kühle Luft vor der aufziehenden Sonne des Morgens. Und nun die Definition dieses Raumes: Wie lautet sie? Was ist er wirklich? In dir er ist, in dem anderen nur, denn ein Mensch ohne den anderen nicht ist, denn ein Mensch ohne den Anderen nicht wäre. Ein Mensch nicht aus sich selbst heraus geboren ist. Der Raum, er ist in unseren Herzen. Von uns, für uns und füreinander. Er ist eröffnet für den sich in ihm vollziehenden Wandel. Der Wandel, der nun kommen mag. Ihn zu ermöglichen, ich diesen Schatz heimtrage.

Und darum laufe!

Der Raum

Ein Raum, in dem ich mich bewege, den ich ausmesse mit meinen Schritten. Der wie ein Energiefeld mich umgibt. Ein Raum, der für die Spanne an Zeit, in der ich um ihn weiß, existiert. Der Raum mich fragt: Wie bin ich beschaffen? Was macht mich aus? Was ist mein Wesen? ich ihm nun sage: Du bist völlig immateriell. Das Wesentliche an Dir ist die Veränderung, der Wandel, der sich in mir vollzieht, in dieser Spanne an Zeit, in der ich mich in Dir bewege. Ich wandele mich mit diesem Lauf, finde zurück in alte Kraft oder empfinde Stärkung durch die reine Bewegung meines Körpers. Die Veränderung auf geistiger Ebene tritt hier noch dazu. In meinen feinen Körpern setzt ebenso Veränderung ein: Sie ist bewirkt durch ein Durchdenken, ein Durchempfinden. Das Loslassen und Wiedererrichten einer inneren Harmonie, ist das sich wiederholende Muster, dem ich folge. Atemzug um Atemzug. Der Mut loszulaufen, in dem Wissen um die Veränderung, um den Wandel, ist heroisch. Ich bin nicht etwa gedrängt oder getrieben. Der Mut speist sich aus dem Vertrauen in den Wandel, der sich in mir vollziehen wird. Aus dem Vertrauen darin, dass der Wandel das Wesentliche ist am Sein. Der Wandel ist die Sache-an-sich. Der Wandel betrifft mich. Ich werde durch den Wandel hindurchgehen. Das, was ich als Ich bezeichne, mag sich in dem Wandel auflösen, um zu etwas Anderem zu werden. Das, was ich als Ich bezeichne mag sich in dem Wandel auflösen, um zum Nicht-Ich zu werden. Das ist das Nichts, ganz still und strahlend, warm und weich. Ein Tropfen einer Essenz, auf dem Weg in den Ozean, der reine Essenz ist. Auf die spiegelglatte Oberfläche des Ozeans wird der Tropfen prallen. Er wird hinauf geschleudert werden von der Oberflächenspannung und einen Trampolinsprung vollziehen. Schockwellen in die Unendlichkeit hin wird dieser Aufprall aussenden. Von dem Ozean angezogen, wird dieser Tropfen endlich in ihm aufgehen. Die aus der Unendlichkeit, unendlich fein gemilderten Wellen des Aufpralls kehren zurück und bilden, aus allen Richtungen kommend, Strukturen und Muster einer vollendeten Harmonie. Das ist, was bleibt und zugleich schon nicht mehr ist.

Und darum laufe!

Ein Gruß

Ein lauf mündet in eine Vision:

Hinauszublicken, aus dem Rolls Royce, über das Lenkrad hinweg, auf den staubigen Weg, einer langen Reihe von Menschen entgegen. Sie zu grüßen, zu lächeln, zu segnen, um zu bemerken – ein jeder von ihnen, der mit begeistert strahlenden Augen mir entgegenlächelt, bin Ich! Das Ich in tausenden Formen, in tausenden von Momenten. Hier abgebildet im Defilee. Einem jeden dieser tausenden Ich-Zustände, bin ich selbst mein eigener, in diesem Rolls Royce vorbeigleitender Guru. Diesem Guru bin ich zugleich das ihm entgegentretende Wesen, welches in diesem Moment völlig da, völlig anwesend ist. Ich sehe aus vielen tausend Perspektiven. Ich sehe Alles, ich fühle Alles, ich empfinde Alles, was an Empfindung hier sich erhebt. In dieser heiteren Ironie, in diesem Spiel des Seins.

Und darum laufe!

Krankheit

Ein langer Lauf führt mich in den Zustand der Schwäche. Die Schwäche die ganz nah der Krankheit sich befindet. Ich erschöpfe mich. Ich schwäche mich ganz bewusst. Das Wesen der Krankheit tritt zutage: Sie ist eine Zeit der Reduktion. Das Viele an Illusion reduziert sich über die Einengung der Wahrnehmung, die nun auf den Schmerz gerichtet ist. Ich benötige diese Zeit. In sie tritt die Wahrheit ein. Eine Begegnung mit einem Naturwesen, eine Pflanze, eine Wolke am Himmel, das Wasser.  Ich bin wie betäubt und durch meine schweratmende Schwäche genötigt, hinabzublicken. Der in die Ruhe gezwungene Moment ist das Portal durch das die Erkenntnis mir entgegentritt. Und das Naturwesen offenbart sich. Ich erkenne es in seiner Tiefe, ich verstehe vollkommen, was dieses Naturwesen ausmacht. Zudem verstehe ich seine Botschaft und die Bedeutung der Botschaft für mich in diesem, von der Krankheit dominierten Moment. Denn nur dieses Wesen, nur dieser Aspekt des Wesens ist in der Lage mir in diesem Moment eine Information zu übermitteln, die für mich von Wert ist. Eine Information, die – ist sie einmal vollkommen angenommen – den Raum öffnet für die Genesung. Denn ich gelange zurück in den Zustand der Harmonie, über die Arbeit an meinem Bewusstsein. Ein bewusstes Eintreten – denn genau dies ist das Laufen in dem Wald für mich – in diesen Zustand der Krankheit, erlöst die Unwahrheit in mir. Die Unwahrheit, die anderenfalls in drängenderer Form, zwingender mich binden müsste. Wir sprechen davon, an das Bett gefesselt zu sein. Durch den Körper gehe ich hindurch, immer und immer wieder. Ich kann der Krankheit mit Wertschätzung begegnen.

Und darum laufe!

Geschlossene Augen

Mit geschlossenen Augen zu laufen ist möglich. Ich probiere es aus. Zehn, zwölf Schritte und mir wird schwindelig. Ich taumele, öffne meine Augen und orientiere mich neu. Ein ebener Weg, besser noch eine ebene Fläche, ohne Hindernis und ich könnte noch länger laufen, ohne zu blicken. Ich denke an eine Salzwüste, in der in alle Richtungen kilometerweit kein Hindernis mich behindern würde. Was für Zustände mögen in ihr möglich sein? Ganz bewusst und voller Vertrauen könnte ich mich dem Gefühl hingeben. Ich könnte meinen Geist befreien und ausrichten. Ich könnte überprüfen, was es ist, dass mich schwindelig werden lässt. Ein Rausch könnte es sein. Ein stundenlanger Lauf, ein Marathon mit geschlossenen Augen ist möglich.

Und darum laufe!

Wasser schöpfen

Der Übung Regel: Beende einen Lauf, wenn ein erster Gedanke gedacht, wenn ein erster Gedanke sich kristallisiert hat. Wenn er bereit ist, niedergelgt zu werden. Beende einen Lauf, wenn es Worte gibt, die nur noch niederzuschreiben wären, in ein Journal, eine Sammlung von Blättern, in ein Buch. Beende diesen Lauf ganz abrupt und kehre heim an den Ort, von dem du aufgebrochen bist. Nimm es so, als würdest du Wasser schöpfen aus einem Brunnen oder einer Quelle im Wald. Nimm es so, als würdest du das Wasser heimbringen wollen und bedinge dich selbst, indem du sagst: Genau ein Gedanke ist mein Gefäß in der Lage zu fassen. Genau eine Hand voll Wasser kann ich schöpfen. Und nun kehre heim, ohne dass das Wasser verschüttet wird. Ohne dass das Wasser verunreinigt wird durch einen weiteren Gedanken. Es kann sein, dass sich deine Läufe von nun an deutlich verkürzen, sodass von einer Laufpraxis überhaupt keine Rede mehr sein kannn. Vielleicht mag sich diese Übung auch ein wenig gewaltsam anfühlen. Doch sie kann erkenntnisreich sein. Ist die Irritation zu stark, so laufe einfach, ohne zu denken. Ganz einfach, ohne etwas zu behalten, ohne etwas zu planen, ohne etwas zu behalten. Lass alles los.

Und darum laufe!