Das Andere

Das Eine es ist, eine achtlos hinweggeworfene Konservendose die Straße hinabzutreten, ihr, ihrem Scheppern zu folgen, für den nächsten Tritt, den darauffolgenden dazu. Für Lebensjahre, mit einem Minimum an Variation, einem begrenzten Risiko. Ist doch diese Straße ihr Ort. Sind doch die Ränder dieser Straße ihre Begrenzung. Bin ich doch bemüht, in jedem Tritt dem Lauf der Straße zu folgen und, ohne darüber nachzudenken, trete ich von der Bankette aus in die Richtung des großes Stromes, in die Mitte der Straße, die sich im Horizont verliert.

Das Andere es ist, in den Büschen zu verschwinden, Rechts oder Links, über die Bankette hinweg, sich in die Wildnis zu schlagen, sich zu verlieren, sich selbst zu riskieren, sich selbst herauszufordern und in der Herausforderung sich selbst zu erahnen. Es ist, sich in die Dornen, die Nesseln zu begeben. Hindurch, nicht blind, doch in der Kraft, die sich in der Herausforderung zu erheben hat. Es ist, die Konservendose sich selbst zu überlassen. Sich nicht mehr verpflichtet zu fühlen. Frei davon. Es ist, zu verschwinden, leis wie ein Tier, dem Instinkt zu folgen, zur Wildnis selbst zu werden.

Und darum laufe!

Selbstorganisation

Wenn es einen Tag gibt in der Woche, der die Übung in sich birgt, so gibt es dort eine Struktur, die über Jahre hin ausgeführt, stabiler und verlässlicher wird. Ich werde laufen, ist dieser Tag erreicht. Er ist der Lauftag und ich strebe dem Ideal entgegen, der Struktur, die mir Erfüllung ist. So organisiert, erlebe ich Wirksamkeit, Wahrhaftigkeit und Wahrheit. Ich bin hoffnungsvoll, voll Freude, glücklich geradezu, weil meine Bedürfnisse befriedigt, weil die Struktur mich birgt und behütet. Ich folge, doch das Leben ist es nicht! Die Freiheit ist es nicht. Es ist ein Versuch, etwas der großen Wahrheit, dem großen Mysterium zu entgegnen. Eine Selbstbehauptung. Und darin eine Behauptung nur. Denn ich verändere mich von Tag zu Tag. Ich muß das anerkennen. Ich altere, das ist gewiß. Und so sind die Pläne von heute geradezu albern im Angesicht des Morgen. Ich lächele über mich. Das bin ich vielleich: der Versuch einer Strukturierung! Das ist das, was ich ein Selbst nenne, dieser Versuch dazu. Dieser Versuch trägt meinen Namen. Ich spiele damit. Im Spiel, so las ich einmal, ist der Mensch ganz Mensch. Der Mensch im Wesen, er sei ein spielender Mensch. Ein Spiel mit der Strenge des mir selbst erdachten Planes.

Und darum Laufe!

Das Werden

Dein Herz, ein klarer See, in den du hinabtauchen kannst, die Weisheit von tausenden Jahren heraufzuholen.

Dein Herz, ein glänzendes Metall, angeschlagen von deiner Hand, es jedes Wissen in seiner Schwingung umarmt.

Dein Herz, ein Klumpen Ton, welcher deinen Händen die Form einflüstert, in die sie es formen werden.

Und darum laufe!

Gefühle

Eine Geste meiner Hand teilt das fließende Wasser des Baches, als wäre ein Schnitt vollzogen. Eilig, behend hindurchgeführt. Und nun dieser Schnitt hinabströmt, dem Lauf des Baches folgend. Was war, ist schon nicht mehr. Aus der Vorstellung gleitet dieser Schnitt heraus und darin kein Innehalten: weiter, immer weiter! Was bleibt, ist das Gefühl der Geste in der Hand, die nun gerade sich löst aus der Haltung, die dieses Trennende vollzog. Was bleibt, ist das Gefühle der Kühle, das Nass an den Fingern, das unbedacht Schüttelnde, um in Tropfen abzuwerfen. Was bleibt, ist der taumelnde Blick in das rauschende Licht, vom Wasser gebrochen.

Und darum laufe!

Gefängnis

Ein mich begrenzender Raum. Wände, ungeschmückt. Um mich herum, so eng, dass ich gerade meine Arme ausbreiten kann, ohne sie zu berühren. Ich betrachte die Strukturen, weiße Wandfarbe, abgeblättert und wieder übermalt. Ein mich begrenzender Raum, und doch bin ich frei in ihm, in meinem Gefängnis, wenn ich ohne Ziel, ohne Absicht, empfänglich bin, der reine Atem.

Ein mich begrenzender Raum, sind es auch zehntausend Meter, die ich hier laufe in meinem Plan. Er ein Gefängnis mir ist, dieser Raum. Ich betrachte die Strukturen, braunes Laub des Vorjahres, verrottete Blattstrukturen, in Schlamm und Spur zerdrückt. Und doch bin ich frei in ihm, in meinem Gefängnis, wenn ich ohne Ziel, ohne Absicht, empfänglich bin, der reine Atem.

Und darum laufe!

Ein Haar

Ich gelange zu einem heiligen Ort. Ein Felsen erhebt sich über den Bach, der sich sanft um diesen Felsen schlängelt. Der Felsen hat die Form des Kopfes eines ausgewachsenen Blauwals und ich stelle mir vor, wie der Körper des in Stein erstarrten Tieres über viele Meter in die Tiefe der Erde reicht. Es ist der Moment, in dem der Wal die Wasseroberfläche durchstößt, um alsbald mit seinem riesigen Körper auf sie niederzuschlagen. Umgestürzte Bäume rahmen diesen Ort. Ein Durchgang durch die rahmende Barriere und schon bin ich da. Der Ort wirkt auf mich unvermittelt geradezu profan, gemessen an der innerern Erwartung und dem Moment, in dem ich ihn betrat. In dem Moment des Überschreitens der Barriere vollzog ich eine innere Handlung, eine Art Ritual, eine innere Verneigung. Und ich denke: Die Schwelle, die zwischen dem Einen und dem Anderen liegt, ist dieser heilige Ort. Sie selbst ist dieser Ort, ganz innerlich. Und diese Schwelle ist unendlich klein, sie ist die Grenze zwischen Diesem und Jenem. Sie ist so unendlich fein, dass ich sie kaum lokalisieren kann. In dem einen Schritt war sie erfahren. Ihre Kraft ist so ungeheuerlich groß, so wie sie selbst fein ist, wie ein hundertfach gespaltenes Haar.

Und darum laufe!