Wasserhaushalt

Ich sage: So wesentlich das Wasser sein mag und deshalb der Begriff Wasserhaushalt des Laufenden existiert, so ist der Zustand seines Denkens wesentlich, so sind seine Gedanken wesentlich. Ich erschaffe den Begriff Gedankenhaushalt des Laufenden. Ich habe auf meinem Weg stets die Möglichkeit zur Umkehr und kehre ich vorzeitig zurück, so ist es immer ein Zugeständnis an die mich zurückrufenden Gedanken. Das Versäumnis, welches sich genau jetzt in Erinnerung ruft, die Aufgabe, die Verpflichtung. Dieser rufende Gedanke wirkt ganz sicher direkter, als ein Mangel an Wasser. Tritt der rufende Gedanke ein, sind meine Beine weich wie Pudding, ich atme schlecht, mein Fundament ist wie zerschlagen und der Tempel stürzt ein: Nur noch heraus aus diesem Urwald! Den Mangel an Wasser nehme ich anders wahr. Langsam wird mir seine Wirkung bewusst. Zuerst wird der Mund trocken. Dann tritt die Reue ein. Wäre ich doch nur besser vorbereitet in diesen Lauf gegangen. Dann werde ich langsam. Die Schritte werden schwer. Doch ich laufe weiter. Ich kann mich auszehren. Ich kann das Wasser aus meinen Reserven saugen und den Mangel später ausgleichen.

Und darum laufe!

Blei

In mir eine innere Sesshaftigkeit, die ihre Sorgen selbst gebiert. Eine Sesshaftigkeit des Geistes, duldsam und erwartend, bleiern und passiv. Sie ist reine Sorge. Sorge ohne Licht. Laufe ich, schon 1000 Mal, auf meinem Weg, so ist dies Licht ohne Sorge, reines Licht. Ein Zustand, Ideal und frei. Herausgehoben aus dem fliessenden Blei der Sesshaftigkeit. Der Sesshaftigkeit Sorge ist, in Bewegung zu gelangen. Ist doch genau das der Sorge Erlösung, das Ende der Furcht. Und so bin ich beides. Um nun zu lernen, das Blei aus mir herausfliessen zu lassen, es herausströmen zu lassen, einem gewaltigen Wasserfall gleich das Blei von Jahren aus mir herausstömen zu lassen. Es rauscht hinab, in Kaskaden es sich bricht, schäumt, tost und braust. Welch ein Spektakel! Dem Ozean entgegen.

Und darum laufe!

Lichtspuren

Ein Lichtstrahl biegt sich an der Innenkante meiner Nasenöffnung und ich sauge den einen Strahl in mich ein. Millionen anderer Strahlen begleiten und folgen sanft und Nasenhaare wie Borsten am Naseneingang verflechten den Lichtstahl in ihrem Gestrüpp. Feinere Nasenhaare, etwas tiefer im Naseninneren spalten sanft den Strahl und sein Gefolge in Teilchen, die wirbeln und pulsieren. Das Wolkengebilde aus Teilchen gleitet in meinem Inneren hinab durch die Luftröhre und in Teilen auch schon hier wird die Wand der Luftröhre von dem Sauerstoff aus Licht erleuchtet. Pulsierendes Leuchten durchdringt in allen Richtungen das Innere auf dem Weg in Richtung der Lunge. Bläschen empfangen, Tropfen fallen, Nektar entsteht. Einatmung kommt zur Ruhe im Moment der größten Ausdehnung. Elastizität in allen Straßen, auf allen Wegen. Gähnen kommt zur Hilfen. Gähnen eilt herbei, Tief, tiefer noch und Ausatmung beginnt. Das Licht leuchtet hell in mich hinein und aus mir heraus. Kein Schatten weit und breit. Die Fußnägel selbst leuchten, als wäre unter ihnen ein Fahrradlämpchen installiert. Ein warmes Licht. Auch hier pulsierend. Die nackten Füße vor der schwarzen Erde fliegen durch die Dunkelheit. So schnell und gewandt. Lichtspuren im Dunkel der Nacht.

Und darum laufe!

Geschenk

Ein kühler Morgen. Licht strömt in mich ein. Ich atme es wieder aus. Über meine Lungen, Luftröhre, Nasenhöhle, Nase und schließlich die Nasenöffnung. Es ist das Licht des Waldes. Feucht, gesättigt, dampfend und schwer. Ich bleibe stehen auf einer Lichtung und neige mich dem Licht entgegen. Mein Gesicht ist kalt. Ich reibe meine Hände, bis sie warm werden und lege die Handinnenflächen auf meine Augen. Jetzt öffne ich meine Augen und blicke in meine Handinnenflächen. In das Dunkel. In die Abgeschirmtheit und darüber hinaus direkt in das Licht der Sonne. In ihren Kern, ihre Ausdehnung, das züngelnde Spiel ihrer Eruptionen, in ihr Wesen. Teilchen des Sonnenwindes beobachte ich, wie sie in mich eindringen. Wellen, die mich umspielen, mich umfassen. Ein Geschenk, so denke ich. Nimm es an!

Und darum laufe!

Heimlich

Im Dunkel der Nacht, im Lichte meiner Heimlichkeit hebe ich meinen Kopf, strecke meinen Rücken und richte mich auf. Meine Nasenlöcher weisen voraus, mein Brustkorb ist angehoben. Ich laufe so, als wollte ich mir imponieren. Ich biete mir selbst einen Anblick, der größer ist, als ich es bin. Ich fülle meinen Brustkorb bis zum Äußersten und spanne meine Arme weit auf, als wollte ich fliegen. Ich bin ein Gladiator meiner selbst, laufe in hohen Sprüngen, federnd, fliegend geradezu. Ich imponiere nur mir, mir selbst, niemand anderem. Ich bin in diesem Moment der Held, der zu sein mir vorstellbar ist. Und ich bin es so sehr, dass aus dieser Vorstellung heraus die Kraft in meine Körperlichkeit hinein projiziert ist. Und darin wird sie wahr.

Und darum laufe!

Die Abkürzung

Ich gewähre mir selbst, mich selbst zu überholen. Dies, nachdem ich mir mithilfe einer Abkürzung einen Vorsprung vor mir selbst verschaffte. Ein Vorsprung, den ich nun langsam wieder hergebe. Eine Abkürzung zu nehmen, um in gleicher Geschwindigkeit weiterzulaufen? Ich sage: Es ist völlig falsch! Die Abkürzung ist kein Betrug in einem Wettlauf. Was zu gewinnen war ist doch bereits gewonnen, was zu verlieren war, es ist verloren. Die Abkürzung ist ein Portal in eine Sphäre. Eine Sphäre, die ich beschreiben kann mit Begriffen, doch erfassen kann ich sie nicht. In ihr lächeln wir einander zu. Sie ist die Sphäre des Verharrens, des Gewährens, des Empfangens. Sie ist die Sphäre der Anwesenheit, des Seins.

Und darum laufe!

Umkehrpunkt

Ich laufe und nehme mir vor, an einem bestimmten Punkt umzukehren. Ich plane den Tag und will nicht zu weit laufen. Es gibt also einen bestimmten Ort, an dem ich umkehren möchte. Ein kleiner Wasserfall zwischen zwei großen Bäumen und einer hinauf ragenden Felswand. Kiefern, Buchen, Eichen, Moos, Farne und mit ein wenig Glück die Wasseramsel, die dort auf einem Stein im rauschenden Bach lauert und hinab ins frische Wasser springt, um an anderer Stelle wieder aufzutauchen. Dort also will ich umkehren, … denke ich gerade noch und finde mich jenseits dieses Ortes auf der Strecke wieder. ich bin bereits einige hundert Meter zu weit gelaufen. Wie eigenartig! Ich habe den Umkehrpunkt überhaupt nicht wahrgenommen. Ich habe den Ort links liegen lassen. Ich war wohl betört von dem Rauschen des Wassers, war umfangen von dem Klang, war Wasser und Frische selbst. Ein heiterer Moment. Ein Vergessender zu sein, es ist von einer großen Kraft. Ein Sich-Selbst-Vergessender zu sein, ein Sich-Selbst-Auflösender, ein hinab strömender zu sein, es ist von einer großen Kraft. Ihm gibt es keine Verpflichtung mehr. Nichts Halbes mehr, kein Kompromiss.

Und darum laufe!

Die Festung

Ich näherte mich an, lief um einen Ort herum. Ein Ort wie eine Festung. Abgeriegelt, umgeben von Mauern. Lief herum, ohne Einlass zu erhalten. Studierte die Struktur der Mauern, den mit Wasser gefüllten Graben. Studierte Gesteinsarten, Mörtel und Zement mit den die Mauern errichtet waren. All dies, soweit es für mich von außen ersichtlich war. Ich studierte die Ausrichtung des Gebäudes, seinen möglichen Zweck, seine Geschichte. Die Zinnen seiner Mauern und all das andere, welches mir irgendwie Aufschluss geben konnte über das, was im Inneren wohl vor sich gehen mochte. Und nie erhielt ich Einlass. Über Jahre nicht, sodass ich bereit war aufzugeben, bereit war es sein zu lassen. Fortzugehen und mich zu verlieren. Kleine Fortschritte in dem Studium der Festung halfen mir, nicht abzulassen von der Umkreisung. Der Fleiß und die Disziplin gingen den Fortschritten voraus. Die Schönheit der Mauern, die Schönheit des Draußen seins, die Stille, die sich einstellende Zufriedenheit, das Schauen, all das ließ mich vertrauen und ausharren. Und dann der Einbruch der Erkenntnis in mein Sein! Die Erkenntnis, die es überflüssig machte weiter vorzudringen auf dieses wehrhafte Gebäude. Auf diesen abgeschlossenen Ort. Wie ein Lichtstreif am Horizont nach einer langen Nacht. Und mir war in diesem Moment vollkommen klar: Die Festung, das bin ich!

Und darum laufe!

Zueinander

Eine Steigung auf meinem Weg, eine lang gezogene Kehre führt den Berg hinauf. meine Schritte werden kürzer, mein Körper ist leicht nach vorne geneigt. Mein Blick ist auf meine Füße gerichtet und ich laufe mich warm. Die Atemfrequenz steigt und der Mund öffnet sich wie von selbst. Ich ringe um Luft, doch ich will nicht langsamer werden. Ich betrete einen Raum, in dem keine Zeit herrscht. Er ist aufgespannt von meinem Herzschlag, dem Einziehen des Atems und der Schrittfrequenz. Alle Läufe, die ich je in dieser Intensität absolviert habe, gelangen hier zueinander. Auch die noch in der Zukunft liegenden Läufe sind bereits in diesem Raum vorhanden. Ich bin auf allen Kontinenten dieser Erde unterwegs. Ich laufe im Gebirge, im Hügelland, in der Wüste, an der Küste und in den Dünen. Ich laufe auf Steinen, auf Geröll, auf Sand, durch Gras, auf Pfaden und Straßen. Alle Orte gelangen zueinander hier in diesem aufgespannten Raum. Ich vermisse nichts. Alles ist da. Meine tausenden von Identitäten verstreut auf diesem Planeten sind hier beieinander. Sie sind vergeudet in diesem Tun, welches mich in seiner Zweckfreiheit souverän sein lässt. Doch darin, genau in dem liegt der Zweck von meinem Tun. Weg und Ziel zugleich. Ein tiefer Friede steigt in mir auf und erfüllt mich in einer jeden Faser meines Seins.

Und darum laufe!

Hingabe

Zu Laufen als eine Art Forschung, mit der Bereitschaft und dem ausdrücklichen Ziel, von dem forschenden Subjekt zu dem beforschten Objekt zu werden. Sogar immer präziser den Raum werden zu lassen, in dem Subjekt und Objekt ineinander übergehen und dies auf eine Anzahl von Schritten in der Zeit, sowie eine bestimmte Herzfrequenz einzugrenzen. Ich bekomme eine Ahnung davon, dass in den Verhältnismäßigkeiten von Geschwindigkeit, Atemfrequenz, Bodenbeschaffenheit, Auf- oder Abstieg, Außentemperatur, dem Wetter und vielem mehr, eine Reihe von Momenten zu lokalisieren sind, die ich ganz bewusst ansteuere, weil in ihnen sich dieser Übergang in der Versuchsanordnung meiner Forschung von dem Subjekt zum Objekt vollzieht. Es ist der mich mit Glücksgefühlen durchflutende Übergang von Subjekt zu Objekt und der mich bereichernde Zugang zu Informationen aus der jeweils andere Perspektive auf etwas. Auf eine Frage, auf das Sein, auf mich selbst. Und darin ist die Frage nach dem Selbst letztlich auch gelöst. Sie ist beantwortet! Vollkommen, tief, befriedigend und erschöpfend. Nur ist die Antwort nicht in Worten auszudrücken. Die Antwort ist die Auflösung der Fragestellung: Wer bin ich? Je näher ich also heran gelange an diese Grenze, je feiner die Grenze zwischen Subjekt und Objekt in meinen Überlegungen wird, umso schneller kann mein Geist wechseln zwischen diesen beiden von mir als Kreise gedachten Bereiche. Und so wird die Schnittmenge dieser beiden Kreise dadurch immer kleiner, dass ich genau hinschaue auf den Bereich des Übergangs: Hier also denke ich noch, hier also bin ich umnachtet und werde gedacht. Und dann passiert das Besondere: In dem Changierenden Hin- und Her, dem unendlich schnell pulsierend Rotierenden gelangen die zuvor eine Schnittmenge bildenden Kreise in den spannungsvollen Zustand des an Ihrer Außenlinie-sich-Berührens, um darin zugleich in dem vollkommen entspannten Zustand der Deckungsgleichheit zu stehen. Alles ist Eins! Die Deckungsgleichheit der Kreise und die gleichzeitige Berührung der Außenseiten ihrer Kreislinien stellt keinerlei Widerspruch dar. Das Glückszentrum in meinem Gehirn, wie es vielleicht von Hirnforschern genannt werden mag, vielleicht auch Orgasmuszentrum, Suchtzentrum, Belohnungszentrum oder Lernzentrum, es jubelt auf. Ich bin wie berauscht. Ich verstehe, dass sich einander widersprechende Pole nicht vereinen lassen, ist eine Illusion. Dass ich von dem Wald irgendwie getrennt wäre, es ist eine Illusion. Dass ich von dir getrennt wäre, es ist eine Illusion.

Und darum laufe!