Regenbogen

In der Hitze, in ihrem Stechen, wenn sie von außen eindringt in den Körper, zugleich die Hitze von innen den Körper verzehrt, von der Körpermitte aus bis an die Innenseite der Hautoberfläche. Die Haut ein Transparent, eine Grenze so fein, dass Innen und Außen in ihr zusammenkommen, eins sind, darin das Feuer den Körper verglüht bis in ein reines Gelb, ein Orange, wie weißglühend fließendes Metall, ein Gold, dann hinüber in reines Weiß und dann nur noch Weiß, durch und durch. Jetzt der Körper gesenkt ist in das eiskalte Wasser des Gebirges, das Wasser in seinem Strömen erhellt ist von diesem Weiß, es sich abkühlt dabei in ein Blau-weiß, Türkis, Blau, Tiefblau, dann Blau-schwarz, gefroren fast. Ausharren in dem Wasser, Ausharren. Es kann dauern. Still-Halten, genau beobachten, erkalten in die tiefe Innerlichkeit hinein. Vollständig nur die Reise ist, wenn sie gesammelt sind, die Farben des Regenbogens und in dem Sich-Erheben aus dem Wasser in allen Farben nun erstrahlt hinauf ein Körper, mehr ein Wesen, eine Seele.

Und darum laufe!

Zu springen

Zu ermüden an dem Scheitern, an der sich nicht wandelnden Form, an der Bedingtheit. Denn durch sie hindurchzugehen überfordert die eigenen Kräfte. Und so ist alle Kraft hineingesteckt in das Aufrechterhalten dieser Form. Eine leichte Ahnung davon, wie ein silbriger Schimmer, was das Leben sein könnte an Freiheit, an Erfüllung, an Glück – eine leichte Ahnung davon ist dort zu erkennen, in der Mitte des brennenden Rings, durch den hindurchzuspringen ich Jahre schon zögere. Weiß ich doch, es gibt nur diesen Weg. Das Feuer wird mich versehren, erst Haut und Haare versengen, mich verkohlen wie ein Stück Holz, schließlich in mir erlösen, was an geneigter Körperhaltung, an erschlaffter Körperform sich über Jahre hin manifestierte. Ein freier Körper auch wird dort auf der anderen Seite auf mich warten. Er ist mir versprochen. Und dies der Trost: Der Ring aus Feuer, aus ihm heraus blicken mich meine Ahnen an. Ihre Augen aus den Flammen heraus mir entgegenleuchten. Erkennen kann ich sie erst, wenn ich gesprungen bin. Ihre Güte, ihre Wärme, ihr Mitgefühl und ihr Vertrauen in mich. Ihr Verständnis zudem und ihre Liebe. Und so erlöst sich der ganze Schrecken dieses Spieles. Die Logik ist erkannt. Doch zu springen ich habe, hinein in dieses Feuer.

Und darum laufe!

Unbegrenzt

Wenn es so ist, dass es mir im Laufen gelingt, mich zu vertiefen in Begebenheiten, die mich besonders stark berühren, Begebenheiten, die in der Vergangenheit liegen, so hole ich etwas hinauf von diesem Gefühl in die Gegenwart. Ich hole etwas in diesen Lauf hinein. Es ist das an ein Ereignis, an eine Handlung gebundene Gefühl. Die Qualität dieses Gefühls ist dabei einerlei. Ich kann mich in Scham verzehren oder ebensogut Freude oder Beseeltheit zum Ausdruck bringen. Und ich verändere etwas an diesen Gefühlen, dadurch dass ich sie hervorhole. Ich verändere hierdurch ganz gewiss den Moment in dem ich laufe. Die Intensität des Gefühls lässt es hervortreten und damit das Verbundene Ereignis. Die Intensität lässt es heraustreten aus dem Strom aller jemals erfahrener Momente, aller jemals gefühlten Gefühle. Das Gefühl tritt hervor und es tut dies mit völliger Selbstverständlichkeit. Es ist im Recht und ich lasse es gewähren. Ich bleibe dabei neutral, offen und empfangend. Mein Körper ist in Bewegung. Ich atme, ich schwitze, das Blut pulsiert in meinen Adern. Es brodelt in mir und durch mich hindurch. Und in jeder meiner Zellen bearbeite ich dieses hinaufgeholte Gefühl und bringe es in Schwingung. Die Bewegung wird zu einem spirituellen Akt. Sie wird zu einem Opfer, welches ich aus dem, welches wir Bewusstsein nennen, herauslöse und dahingebe. Im Opfer harmonisiere ich mich. Ich reinige mich und kann das Gefühl loslassen. Das Gefühl ist darin gewandelt und besäntigt. Ich werde weich und leicht. Ich kann anerkennen, einmal so gehandelt zu haben. Ich kann anerkennen, kein anderes Bewusstsein gehabt zu haben, als jenes, welches mich damals genau so handeln ließ. Mein Blick kann distanziert von allen Seiten beobachten, da ich ja im Moment Distanzen zurücklege. Ich kann zudem anerkennen, dass ich bin. Ich existiere, mein Organismus erhält sich selbst, er atmet ohne Unterlass. Welcher Art Recht ist dies nur, dieses Weiterbestehen, diese Nicht- aufgeben-wollen? Ich kann erahnen, dass es das mir zugrunde liegende Prinzip ist, zu Handeln und mich darin zu erfahren. Das ist das Zu-erfahrende. Das ist das mir aufgetragene, das mir mögliche, das Geschenk und die größte Herausforderung zugleich. Ich wollte genau das fühlen, genau das erfahren. Und die Freiheit der Wahl in der ich stand, in der ich hier stehe, immer stehen werde, ist unbegrenzt.

Und darum laufe!

Landkarte

Eben noch lag wie auf einer Landkarte ein jeder Lebensmoment vor mir ausgebreitet. Ein Überblick vollkommen ungetrübt, rein und klar. Zeitliche Dimensionen liegen auf ihr gleichwertig und gleichwürdig nebeneinander. Hier und dort verteilt liegt Zukünftiges und Vergangenes nebeneinander wie Fallobst unter einem Apfelbaum. An manchen Stellen liegt vieles übereinander, an anderen Stellen ist die Karte leer. Und, um sie zu fassen, um die auf ihr eingetragenen Ereignisse zu ertragen, stelle ich mir vor, diese Karte einzurollen, eng und fest. So eng, dass sie zu einem Stab wird, von der Länge meines Armes. Ein aus sich selbst heraus leuchtender Stab in meiner Hand – und mit einem Mal trete ich über eine riesige Schwelle und gelange in ein Zwischenreich. Ich bemerke hinübergetreten zu sein, ohne eine Frage, die ich beantwortet wissen will. Immer war dies der Grund für das Übertreten einer Schwelle. Für das Betreten des Zwischenreiches. Immer kam ich mit einer Frage und immer erhielt ich eine Antwort im Spiegel der Natur. Ich denke nach: Welche Frage ist es, die mich in diesem Moment am meisten bewegt? Und bekomme in völliger Klarheit sofort die Frage eingegeben: Welches ist die Kugel zu dem Stab in Deiner Rechten, die in Deiner Linken ruhen wird? Ich wende mich um in Richtung der von mir übertretenen Schwelle und der fahl blasse Ball der Sonne sich über ihr erhebt.

Und darum laufe!

Schwarzes Wasser

Wie nur kann ein Wasser solcherart schwarz sein, so tief, so abgründig? Es läßt mich nach innen blicken in den Brunnen in meinem Herzen. In den Brunnen, der so tief ist, dass das Licht sich in seiner Tiefe verliert. Ich werfe einen Kiesel hinab und die Sekunden, die vergehen bis der Schall zurückhallt erscheinen mir wie eine Ewigkeit. Das vorbeitreibende gelbe Blatt des Ahorns gleitet durch das Schwarz. Dort unten, ganz tief, das Licht zu finden, ich hinabtauche.

Und darum laufe!

Sturz

Stolperst du, oder stürzt du sogar in deinem Lauf, weil dein Fuß an einer Wurzel oder an einem Ast hängen bleibt, so ist dies nicht ein Ausdruck dafür, dass der Gedanke, den du gerade dachtest, falsch wäre. Der Sturz ist keine Folge davon, dass der Gedanke irrig wäre, unangemessen oder sogar ein Unrecht. Der Sturz ist nur ein Ausdruck dafür, dass du dich etwas zu tief in den Gedanken hineinbegeben hast. Er verdeutlicht nur, dass du weit der Energie gefolgt bist, die dich erfüllt hat. Die Energie, die es ist, an der etwas ist. Die Energie, der du zu folgen hast. Gehst du über eine Schwelle hinein in das Reich, in dem du zu Erkennen dich befähigst, weil du der Natur ein Gegenüber bist, so verharre mit einem Teil deines Bewusstseins in der Welt, die vor der Schwelle liegt. Erkenne die Wurzel, die auf deinen Fuß wartet. Das ist schon alles.

Und darum laufe!