Dekompression

Ein wenig ist es so, als wäre ich ein Taucher im Meer. Die Spannung, die ich in mir aufbaue entspricht dem Druck der Wassertiefe, in der ich mich befinde. Und nun laufe ich los und steige langsam auf, hinauf an die Wasseroberfläche. Der Druck der Umgebung läßt nach und ich bin in der Not meinen inneren Druck anzupassen. Die Dekompressionszeiten sind ganz von dem Moment abhängig und variieren von Lauf zu Lauf. Mal gelingt es mir, mich anzupassen und mein Bauch ist ganz weich. Ich atme tief über den Bauch hinaus, in meine Beine, in die Füße und die Zehen. Ich bin in diesen guten Momenten vollständig angepasst und bin aufnahmefähig für die feinen Impulse meiner Umgebung. Die Impulse der Bäume, der Tiere des Waldes. Ein anderes Mal gelingt es mir nicht und ich laufe mit einem großen inneren Druck in einer Umgebung, die ohne Druck ist. Hier hilft die Zeit. Mein Atemspiegel ist niedrig und ich kann trotz Allem darauf vertrauen, nach einer Stunde des Laufens den inneren Druck losgelassen zu haben. Ist dort eine Übereinstimmung von Umgebung und Innerlichkeit, in Bezug auf die Druckverhältnisse, so ist es gewiß so, dass ich nicht nur die reine Luft atme. Ich bin dann eine hauchdünne Oberfläche nur, eine Körperhülle, völlig durchlässig und leicht. Es gibt keine inneren Organe, keine Sehnen, keine Bänder oder Knochen. Und so atme ich das Schlagen des Spechtes, die Vibration seiner Trommelwirbel. Ich atme das Sonnenlicht des Morgens und den Schatten dazu.

Und darum laufe!

Ein Haar

Ich gelange zu einem heiligen Ort. Ein Felsen erhebt sich über den Bach, der sich sanft um diesen Felsen schlängelt. Der Felsen hat die Form des Kopfes eines ausgewachsenen Blauwals und ich stelle mir vor, wie der Körper des in Stein erstarrten Tieres über viele Meter in die Tiefe der Erde reicht. Es ist der Moment, in dem der Wal die Wasseroberfläche durchstößt, um alsbald mit seinem riesigen Körper auf sie niederzuschlagen. Umgestürzte Bäume rahmen diesen Ort. Ein Durchgang durch die rahmende Barriere und schon bin ich da. Der Ort wirkt auf mich unvermittelt geradezu profan, gemessen an der innerern Erwartung und dem Moment, in dem ich ihn betrat. In dem Moment des Überschreitens der Barriere vollzog ich eine innere Handlung, eine Art Ritual, eine innere Verneigung. Und ich denke: Die Schwelle, die zwischen dem Einen und dem Anderen liegt, ist dieser heilige Ort. Sie selbst ist dieser Ort, ganz innerlich. Und diese Schwelle ist unendlich klein, sie ist die Grenze zwischen Diesem und Jenem. Sie ist so unendlich fein, dass ich sie kaum lokalisieren kann. In dem einen Schritt war sie erfahren. Ihre Kraft ist so ungeheuerlich groß, so wie sie selbst fein ist, wie ein hundertfach gespaltenes Haar.

Und darum laufe!

Endlich

Früh morgens, bei Anbruch des Tages, das Licht sich langsam erhebt. Spechte Trommeln, der Gesang der Vögel aus allen Richtungen, Mir begegnet im Wald eine junge Mutter mit ihrem Säugling im Arm. Sie kommt aus der Tiefe des Waldes, in die ich gerade hineinlaufe. Ein weißes Tuch ist über den Kopf ihres Kindes gelegt. Behutsam wiegt sie ihr Kind im Gehen. Sie lächelt mich still und vertraut an. Ihre Augen sagen: Endlich, die Nacht ist vorbei!

Und darum laufe!

Überholen

Lass dich überholen, an einem der ersten sonnigen Frühjahrstage, der so viele Läufer hineinlockt in den Wald. Vor mir und hinter mir auf meinem Weg. Gewähre Ihnen Raum und lass ihnen die Freiheit, dich zu grüßen – langsam, wie du bist. Sei langsam und leicht, sodass sie sich annähern können. Sodass sie dich sehen können wie ein dahinziehendes Schiff. Du hörst sie reden oder schnaufen. Lauf ein wenig an den Rand des Weges, schon sind sie vorbei.

Und darum laufe!

Nabelschnur

Einmal gebrauchte ich ein Bild. Warum lebst Du in dieser Stadt? wurde ich gefragt. Was macht ein Leben in ihr möglich? Und ich sprach von einer Nabelschnur. Der Weg an dem Bach, der in die Stadt fließt und dann in den Strom mündet, er wäre für mich wie eine Nabelschnur, die hineinführt in den Wald, in den ich so regelmäßig laufe. Dort erhole ich mich und kehre dann zurück. Und hier im Laufen, inmitten dieser Schur, in den pulsierenden Strom wird mir das Wesentliche dieses Bildes bewusst: Ich laufe dem Ungeborenen entgegen, dem Embryo, welches mein ungeborenes Selbst ist. Es ist das Unberührte zudem. Mein Wesenskern liegt dort tief im Wald zusammengekauert und ich bin dieser Wesenskern, ganz rein, klar und unberührt, wenn ich nach einer Stunde des Laufens dort angelange. Von dort kehre ich zurück über die Nabelschnur in die Stadt an dem Strom, die in diesem Bild die Plazenta darstellt. Die Stadt, die mich ernährt, mit Begegnungen und Aufgaben versorgt. Das Bild fragt mich nun: Wann wirst Du geboren? Wann ist es soweit?

Und darum laufe!

Ein Regenbogen

Ein Regenbogen, er kommt zu mir. Ganz plötzlich, unvorhergesehen. Ich stehe vor ihm und blicke ganz gebannt. Ich könnte ihn nicht abpassen oder sein Erscheinen vohersehen. Ich kann nicht wissen wann und wo er sich zeigt. Der Regenbogen verblasst und löst sich auf. Suche einen Regenbogen! Tönt es in meinem Ohr. Eine Aufgabe für den nächsten Tag, die nächste Woche oder für einen längeren, in der Zukunft liegenden Zeitraum. Und ich beginne darüber nachzudenken, was ich tun könnte, einen Regenbogen zu finden. Ich verstehe schnell, dass ich durch den Versuch dort zu sein, wo er sich zeigen könnte, ihm möglicherweise ausweiche. Durch eine Annäherung, dem Streben ihm nahezukommen, entsteht Unerreichbarkeit. Und so ist seine Botschaft im Kerne, bereit zu sein. Bereit, sich ihm zu widmen, wenn er sich zeigt. Wieder tönen Worte in meinem Ohr: Gib auf! Lass es sein. All Dein Streben ist vergeblich! Wie lange willst Du Dich noch erschöpfen? Du bist doch schon lägst da! Schau Dich um! Es ist alles da! Die Botschaft des Regenbogen an mich ist, ihn zu erfahren, als ein Wunder in der Welt. Und weiter in der Hingabe an den mich bezaubernden Moment, die Lebendigkeit, das Leben selbst zu erfahren. Ganz Kind zu sein, staunend, herausgelöst aus allen bedenkenden Gedanken, Zeitlos. Herausgelöst aus Plan und Reuhe. Herausgelöst aus dem Blick voraus und der Revue. Lebendig zu sein, empfänglich, gerührt. Der Regenbogen fragt: Was ist dort in einem Leben, was sich einer Annäherung entzieht und was in der Fähigkeit, empfangen zu können, sich erst ermöglicht? Was ist der Regenbogen, der sich in mich hinein wölben mag, um mich zu erfüllen? Was ist es, was mich anfüllen mag mit allen Farben des Spektrums, mit Sinn, Bedeutung und Hoffnung zudem? Ich wende mich nach innen und werde still.

Und darum laufe!

Harmonie

Ebbe und Flut, die stete Bewegung an den Rändern eines Eilands, die Veränderung, der Wandel, den ich beobachte. Strände, Sandbänke, mäandernde Ströme dazwischen. Sich verwischende Grenzen, Linien, die nicht zu ziehen sind. Die Erosion des Wassers und die Entstehung des Landes. Wenn etwas gilt, so ist es: Im Kleinen, wie im Großen. Und alles befindet sich in Bewegung. An dem, was ist, kann ich erahnen, was es einmal war. Mehr jedoch nicht. Niemals kann etwas genau so sein, wie es einmal gewesen ist. Auch der Felsen befindet sich in stetem Wandel. Der Felsen fließt dahin. Und so mein Bach im Tal mäandert, an dem Felsen sich reibt. An Bäumen vorbei. Der Bach den Sand bewegt, um zu sein, was ich nun vorfinde. Und wenn etwas gilt, so ist es: Im Innen, wie im Außen. So ich mich sehe und ich mich verstehe in der kleinsten, von mir wahrgenommenen Naturerscheinung, Ich bin ein Teil von ihr, war es immer und werde es immer sein. Und alles strömt dorthin, in die Versöhnung von Land und Wasser, von hart und weich, in die Vereinigung der Gegensätze. Sie sind darin ihrer selbst vollständig bewusst. Eine Harmonie, die sich in dem Moment zur Zeitlosigkeit aufschwingt.

Und darum laufe!