Unerklärbar

Zu früh oder zu spät, abgehalten bin ich von beiden Zuständen gleichermaßen. Zu früh, weil ich noch nicht bereit bin. Weil ich noch müde bin von der Nacht. Weil ich noch voll bin von der Mahlzeit. Weil der Wald zu bevölkert ist von Menschen, die sich dort erholen. Zu spät, weil ich einer Ablenkung nach der anderen gefolgt bin. Zu spät, weil die Dunkelheit hereinbricht. Zu spät, weil die Kraft loszulaufen von mir in der Ablenkung vergeudet ist. Doch jetzt, auf des Messers Schneide, genau dort wo dieser eine Moment liegt, laufe ich los. Und es liegt etwas Geheimnisvolles in diesem Moment. Etwas Unerklärbares. Gegen alle Widerstände und Argumente laufe ich los. In dem Aushalten der Widerstände und der Widersprüche liegt eine große Kraft. Die ganze Welt ist gewandelt. Sie gerät in Bewegung.

Und darum laufe!

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Nebel

Ein Rufen, dem Signal eines dahintreibenden Schiffes in dichtem Nebel ähnlich. Ich  verharre. Ich fühle mich bedroht in der Tiefe meines Seins. In dem Nebel verfüge ich über keinen Anhaltspunkt, kein Seezeichen weist mir die Richtung. Nur dunkle Ahnung und Befürchtung. Und nun befrage ich mich nach dem Grund des Schweigens. Warum zieht sich die Welt zurück? Und noch bevor ich diesen Gedankenstrang zu Ende denke, erhebt sich ein weiterer Gedanke, parallel zu dem ersten. Zwei Stränge nebeneinander in Gleichzeitigkeit. Weil du nicht in der Lage bist, eine Antwort zu erfassen.  Also doch, das Rufen, zu meinem Schutze verhallt es unerwidert.

Und darum laufe!

Sich vergeuden

Wegweiser und Wegmarken. Richtungen, von hier aus. Eine ist die des sich Vergeudens. Ihr entgegengesetzt die Richtung in der das Vergeudete liegt. Viel mehr als das liegt dort auf dem zurückgelegten Weg. Doch all das war nur erreicht über die Vergeudung. Es ist ein Loslassen darin. Denn es ist nur ein einziger Weg diesem einen Menschen möglich. Von einem Meister des Seins zu sprechen ist dem sicher angemessen. Von einer Kunst sogar. Es gibt keinen Vergleich und nie bist du, nie warst du, nie wirst du allein sein.

Und darum laufe!

Die Kursive

Ein Schriftschnitt aus einer Schriftfamilie. Ihr Wesen ist bewegt. Laufend, ohne zu eilen, eher fließend, dabei keineswegs flüssig. Von dem lateinischen Verb currere für Laufen ist der Namen abgeleitet. Die Kursive ist eine eigene Form, aus dem Geist der Ausgangsschrift heraus entwickelt, doch dabei ein entschieden eigener Schriftschnitt. Die Ausgangsschrift und ihre Kursive ergänzen einander. Sie harmonieren miteinander. Darin benötigen sie einander, um das jeweils eigene Wesen deutlich werden zu lassen. So wird die Kursive zu einer Auszeichnung in dem Meer der Ausgangsschrift. Die wörtliche Rede, der Ruf des Naturwesens, die Stimme aus dem Inneren, die Mahnung, der Ausruf – dahin mündet der Strom an Gedanken und er ist in der Kursiven gesetzt. Die Stille des Denkens begegnet hier dem Laut des ausgesprochenen Gedankens. Der Eigenname, in der Kursiven gesetzt, wird eingeführt und erkannt. Einmal erinnert ist er integriert. Die Kursive als ein Mittel, um den Schatz an Worten zu erweitern. Die Kursive folgt der Logik der Nachfrage:

Wie also lautet der Name dieses Helden? Wie also lautet der Name dieser Göttin? Wie also lautet der Name dieses Gottes? Wie also lautet der Name dieser Heldin?

Es ist dein Name. Sprich ihn laut vor dich hin. Sprich aus, wie dein Name lautet, im Rhythmus deiner Schritte. Glaubst du dir, wenn du diesen Satz hörst, so sprich ihn so lange vor dich hin, bis aus deinem Namen ein Laut wird, leer und frei. Glaubst du dir nicht, wenn du dich deinen Namen sagen hörst, so sprich deinen Namen so lang vor dich hin, bis du und dein Name eins werden.

Und darum laufe!

 

Erstaunen

Den Tod zu finden, bin ich aufgebrochen. Einen zumindest, vielleicht den kleinen Tod und möglicherweise auch einen etwas größeren. Und ich laufe, mich zu erschöpfen, mich zu verausgaben. Eine Grenze soll überschritten sein. Aus meiner Haut zu fahren, soll gelingen. Und ich erstaune, wie ich nur soweit gelangen konnte. Ich erstaune, wie ich nur so eng werden konnte. Und ich berühre das grüne Moos an einem Baumstamm – Ich bin vollkommen verantwortlich, bis in die Tiefe einer jeden Beziehung, für all das. Und ich rufe mir zu: Wach auf!

Und darum laufe!

Gold

Am Ende eines langen Laufes, der mich an alle Orte geführt hat, die mir geheim und bedeutend, an denen ich mir klar war und atmen konnte. Orte, an denen ich mein Bewusstsein wandeln konnte. Orte, an denen ich gereinigt war, frei und unbeschrieben. Am Ende dieses Laufes gelange ich also an das Flussufer des großen Stromes, der in stiller Kraft sich zeigt. Und ich blicke in meine Hände, darin ein Briefchen Schlagmetall, goldene Blättchen zu einem Heft zusammengefasst. Hauchdünn, schimmernd und flüchtig, von der Größe meiner Handinnenfläche. Und ich weiß in diesem Moment um den Ruf der Ahnen, die mir dieses Briefchen in die Hand gaben. Leise flüstern sie mir ihren Auftrag in mein Ohr: Und nun vergolde den Strom, vergolde das Meer in den der Strom einmal münden wird!

Und darum laufe!

Geräusch

Etwas in meinen Ohren. Es liegt zwischen einem Klang, einem Rauschen und einem Ton. Ein Ton so hoch, dass ich ihn gerade noch wahrnehmen kann. Ein Rauschen so fein, dass es dem vom Wind bewegten Herbstlaub ähnelt, ein Klang so tief, dass aus allen Zeiten seine Kraft zu erschallen scheint. Ein Geräusch, so kann ich es wohl bezeichnen. Bergend und wohlig zugleich. Eine Erkrankung ist es nicht. Ein Krankheitsbild gibt es nicht. Ich lausche dem Rauschen des Blutes in meinen Ohren. Ich lausche dem Strömen. Ich lausche mir selbst. Ich lausche der Eigenschwingung der Hörorgane. Der Weg steigt an, ich gerate außer Atem und das Geräusch erhebt sich in eine Deutlichkeit hinein. Es begleitet mich, ist mir vertraut. Hier, wo ich mein Herz schneller schlage lasse, ist es stärker. Ich lausche seiner Botschaft. Es ist die Botschaft der Verfeinerung, die der Ausweglosigkeit. Jetzt folgt es mir. Ist immerzu da. Auch im Ruhepuls. Doch nie zu laut. Nie störend. Fein abgestimmt. Als wäre dies des Geräusches Plan, fein abgestimmt zu sein.

Und darum laufe!