Hervorgehoben

180 Grad-Technik

Wenn Du läufst, kann es sein, dass Du irgendwann nicht mehr beschäftigt bist mit Atem, Schritten, Weg und Lunge – Deine Gedanken können sich selbständig machen und fließen, wohin sie wollen. Sind diese Gedanken marternde, furchtgetriebene, Sorgengebäude, so wird das Laufen Linderung verschaffen, ganz sicher. Bleibt ihr marterndes Dir trotzdem groß, so ändere Deine Laufrichtung um 180 Grad! Nun spüre, wie Du in den Gedankenschweif hineinläufst, den Du gerade eben produziert hast. 30 bis 40 Meter laufe nun, der Schweif wird nicht viel länger sein. Er ist verwirbelt von Deiner Bewegung und den nun neu sich einstellenden Gedanken zudem. Was geschieht mit Deinem Weg? Du wolltest doch Deinem Ziel näher kommen? Es liegt in der anderen Richtung. Ändere nun Deine Richtung erneut um 180 Grad und laufe durch den durchwirbelten und überlagerten Gedankenschweif und versuche zu spüren, wo Du das erste Mal Deine Richtung geändert hast. Was denkst Du nun? Wichtig ist, dass Du es beide Male mit der Richtungsänderung vor Dir erst meinst. Vor Dir also die Möglichkeit wahrst, wirklich einfach weiterzulaufen, in der geänderten Richtung. Einfach umzudrehen.

Und darum laufe!

Natur

Die Dürre geht über das Land, Bäume sterben, versengte Erde. Endlich kehrt der Regen zurück und ich atme auf. Der feste aufgerissene Boden wird wieder weich und all die Samen im Staub sprießen, als stünde ein Sommer erst noch bevor. Und es regnet, stet und kühl. Tropfen auf meiner Nase. Schirmende Bäume und ein vorsichtig anschwellender Bach. Und der Regen zu mir spricht: Nicht die Natur betrauerst du. Eher ist es die Kultur der Naturbetrachtung, die du, einmal lieb gewonnen, nun glaubst der Dürre opfern zu müssen. Doch die Dürre ruft dich auf, beweglich zu werden, dich zu verändern. Zu laufen, weiter und weiter. Wandel, Wachstum, Evolution. Was bist Du, wenn nicht Natur?

Und darum laufe!

Gezwungen

Dort, wo es keinen Raum mehr gibt, in den hinein ich mich verströmen kann, wo es keine Möglichkeit, keinen Weg mehr gibt, dort transzendiere ich mich selbst. Es ist das stehende Gewässer, dessen Niveau sich völlig dem Terrain angeglichen hat. Nun also erkenne ich: Es war schon immer so, ich war nur noch nicht bereit das anzusehen und es anzunehmen. Ich versickere also und zugleich verdunste ich, sodass nur noch an des Gewässers Rand Spuren verbleiben, die von dem vergangenen Niveau zeugen und von der Unreinheit des Wassers. Ringe um das Spiegelnde der Oberfläche herum gelegt, die sich in dem Absinken und dem gleichzeitigen Aufsteigen kristallisieren. Ringe, die die Zeitspanne der Auflösung dokumentieren. Spuren von dem, was in Ihrem Zentrum einmal war, dem Meer welches mich bezeichnet. Spuren nur. Dies mag traurig erscheinen und doch ist es der Weg: Sich zu ergießen in aller Kraft, sich zu sammeln in der vorherbestimmten Form, der Landschaft der Seele und sich zu transzendieren, zu versickern und zu verdunsten. Welch Schönheit darin.

Und darum laufe!

Und so weiter

Ein Lauf hinein in das Tal der Bedürftigkeit. In ihm steht wie ein Nebel, die von mir zu atmende Not. Ich laufe hindurch durch das Gift der Bedürftigkeit. Ich atme ein und wieder aus. Rührung erwartet mich am anderen Ende des Tales. Erschöpfte, erschöpfende Rührung, tief und ergeben. Eine sich nieder legende Erschöpfung, doch eine Niederlage ist sie nicht. Ein Ruhepunkt eher, von dem aus ich dann wieder weiter gehe in die nun folgende Bedürftigkeit. Hinab in das nächste Tal. Und dann in das darauf folgende. Und dann in das wiederum folgende. Und so weiter.

Und darum laufe!

Freiheit

Was nützt es, den Kuckuck zu töten, nur weil wir glauben, er wäre ein Bote des Todes? Die Welt wäre ärmer um ein Wesen, wir wären zu Tätern geworden, in Schuld verstrickt. Die Angst vor dem Tode, sie müsste hinab sinken in das Schattenreich ohne einen Boten, der uns mahnen würde, hinzusehen. Sie anzusehen, die Angst vor dem Tod und den Tod selbst. Die Magie wäre verneint und Sinn und Zusammenhang wären verloren. Mir ist des Ruf des Kuckucks eine Freude. Sie ist mir eine Erinnerung an die Freiheit und davor eine Erinnerung an meine Angst vor der Freiheit. Auch sie eine Freude.

Und darum laufe!

Freie Menschen

Geborgenheit, Beachtung, Würdigung, Berührung, Zärtlichkeit, Mitgefühl, Selbstvertrauen, Weltvertrauen. So vieles, nach dem ich mich bedürftig fühlen kann. Vieles mehr, immerzu. Wenn ich laufe, so ist das ein Raum, der frei ist davon. Eine Spanne an Zeit, in der es keine Bedürftigkeit gibt. Ich bin ganz ich selbst. Verständlich mir selbst und ganz ohne Irrung. Ich begegne anderen, die mir entgegen kommen und sie sind in ebenso wenig bedürftig, wie ich es bin. Frei sind sie. Freie Menschen. Und doch: Das leben ist das nicht.

und darum laufe!

Zweifel

Der goldene Weg. Sein Erscheinen war von mir fast nicht bemerkt. Sand und Staub, braun und grau unter meinen Füßen sind gewandelt. Sand und Staub wandelten sich in feinen Schritten und Abstufungen, sodass ich den Kontrast erst jetzt in der Rückschau wahrnehme. Ja, deutlich erkenne ich nun: Wo es zuvor Abzweigungen gab, Entscheidungen, Anstieg, Böschungen und abfallendes Terrain, liegt nun unter mir eine goldener ebener Weg. Der goldene Weg führt von hier aus in alle Richtungen und es gibt keinerlei Begrenzungen. Ich bin auf einer golden schimmernden Hochebene angekommen. Ein Raum ohne Begrenzungen, ohne wegweisende Merkmale, ohne interpretierbare Zeichen. Eine goldene Ebene, in der alles richtig ist, weit und ohne Ende. Etwas scheint erreicht. Etwas führte mich hierher in den Raum, in dem alles richtig ist, wahr und schön. Ein geborgener, mich bergender Raum. Könnte doch seine Offenheit ängstigen, mich zweifeln lassen. Und ich zweifle. Ich zweifele an dem nächsten Schritt. Warum nur dieser Zweifel? Er ist, um stiller zu werden, leichter und feiner zu lauschen. Er ist, um hineinzuspüren in das große Geheimnis. Und Worte sprudeln in mich hinab. Vertraute, mich vertrauen lassende.

Und darum laufe!

Schönheit

Der eine Traum also, nun vor mir schwebend, ist er doch vor einer Weile bereits von mir geträumt. Und nun gesellt sich zu ihm eine Frage, ebenso vor mir schwebend in dem Raum, in den hinein ich nun gerade laufe: Was wäre, wäre ein jeder von mir jemals geträumte Traum, so wie der der letzten Nacht über Zeit und Raum hinweg erinnerbar? Was wäre, würde in einem von mir zu bereitenden mentalen Raum ein Traum eintreten können, den ich vor Jahren einmal geträumt habe? Ohne dabei in irgendeiner Weise verblasst zu sein? Was wäre, könnte ich diesen Vorrat, dieses Reservoir an Träumen beliebig hier hinein projizieren in diesen mentalen Raum? Zudem: Was wäre, könnte ich in diese Vielzahl an Träumen eingreifen und sie verändern, sie umschreiben, sie neu gestalten, in Schönheit?

Und darum laufe!

Licht

Die Dämmerung setzt ein. Ein Lauf am frühen Morgen. Aus der Nacht heraus laufe ich in den aufgehenden Tag hinein. Halb nur bin ich wach. Schlaftrunken laufe ich wie von allein. Ich erinnere einen Traum, den ich in der letzten Nacht geträumt habe. Bilder und Symbole erscheinen vor meinem inneren Auge. Ich denke über die Bilder nach und gelange zu einer Deutung, die mir schlüssig erscheint. eine Deutung, die Bilder, Gefühle und Vorgänge zu einer Gestalt zusammenführt. Immer soll die Gestalt geschlossen sein, möglichst eindeutig und ohne Widerspruch. Meine Deutung verbindet den Traum mit Ereignissen und Begebenheiten aus meinem Leben. Beziehungen, Gefühle, Begebenheiten. Dabei ist es immer so, dass mich eine innere Berührtheit ergreift. Nur, wenn ich berührt bin, gehe ich einer möglichen Deutung nach. Nur, wenn ich berührt bin, messe ich der Deutung eine Wahrheit bei. Viele ganz andersartige Deutungen sind vorstellbar. Doch ich weiß ganz genau, was für mich wahr ist und was nicht. Mal ist die Deutung bestätigend, ein anderes Mal ist sie eine Art Spiegelbild, welches mir bisher Ungesehenes vor Augen führt. Ganz sicher sinken in dem Meer an Wahrheit die mich nicht berührenden Bilder in der Schwere ihrer Bedeutungslosigkeit zum Meeresgrund hinab. Ich lasse sie los, ohne Reue, ohne Bedenken. Was von Bedeutung ist, es ist licht, hell und aufsteigend.

Und darum laufe!

Vertrauen

Durch das dichte Blätterdach im feuchten Morgen dringt ein Sonnenstrahl hinab auf meine Hand. Im Augenwinkel, fein, sehe ich den Streifen hinauf zur Sonne sich ziehen. Er entspinnt sich von dort oben, wie der silbrige Faden einer Weltenspinne und ich erahne Millionen, milliarden von goldenen Strahlen in diesem einen Strahl verborgen. Gebündelt, gewunden, Strahl und Teilchen, Welle und Element. Ich kann nur vertrauen, mehr nicht.

Und darum laufe!