Hervorgehoben

180 Grad-Technik

Wenn Du läufst, kann es sein, dass Du irgendwann nicht mehr beschäftigt bist mit Atem, Schritten, Weg und Lunge – Deine Gedanken können sich selbständig machen und fließen, wohin sie wollen. Sind diese Gedanken marternde, furchtgetriebene, Sorgengebäude, so wird das Laufen Linderung verschaffen, ganz sicher. Bleibt ihr marterndes Dir trotzdem groß, so ändere Deine Laufrichtung um 180 Grad! Nun spüre, wie Du in den Gedankenschweif hineinläufst, den Du gerade eben produziert hast. 30 bis 40 Meter laufe nun, der Schweif wird nicht viel länger sein. Er ist verwirbelt von Deiner Bewegung und den nun neu sich einstellenden Gedanken zudem. Was geschieht mit Deinem Weg? Du wolltest doch Deinem Ziel näher kommen? Es liegt in der anderen Richtung. Ändere nun Deine Richtung erneut um 180 Grad und laufe durch den durchwirbelten und überlagerten Gedankenschweif und versuche zu spüren, wo Du das erste Mal Deine Richtung geändert hast. Was denkst Du nun? Wichtig ist, dass Du es beide Male mit der Richtungsänderung vor Dir erst meinst. Vor Dir also die Möglichkeit wahrst, wirklich einfach weiterzulaufen, in der geänderten Richtung. Einfach umzudrehen.

Und darum laufe!

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Ich wundere mich

Ich wundere mich über tausende Würmer, in Höhlen, tief unter der Erde, die aus sich heraus leuchten. Am Gestein festgesponnen. Ein Sternenzelt im Herzen unserer Erde. In mir ein Staunen über das Universum an Lichtpunkten dieser lockenden Lebewesen, um selbst zu einem dieser Lebewesen zu werden.

Ich wundere mich über eine Landschaft, die sich friedlich vor mir öffnet. Hügel, Wiesen, Felder, ein großer Baum. Der Nebel des Morgens über dem Fluß. In mir ein Staunen über das Wesen der Seele dieser Landschaft, um selbst zu dieser Landschaft zu werden.

Ich wundere mich über ein Feuer, das züngelnde Spiel der Flammen. Über die verzehrende Kraft. Der Funken Flug im Dunkel der Nacht. In mir ein Staunen über die Wärme, die in mich dringt, um selbst zu diesem Feuer zu werden.

Ich wundere mich über einen Menschen, sichtbar und wirklich in seiner Eigenart. Gesten und Worte in Übereinstimmung mit seiner Erscheinung.  In mir ein Staunen über den Mut seines Glaubens an sich selbst, um selbst zu diesem Menschen zu werden.

Und darum Laufe!

Als junger Mann

Im Laufen denke ich:

Als junger Mann hatte ich das Feuer nicht, das mich nun heilt, von dem ich nun weiß. Es steht mir immer zur Verfügung, um meine Augen an ihm zu heilen. Ich kann darin vertrauen, ein Feuer machen zu können, ganz gleich, was sein wird. Ich kann mich daran wärmen und andere einladen. Ich muss es nur entzünden. Ein wenig Holz, ein Funke – das genügt.

Als junger Mann hatte ich die Stimme nicht, die mich nun heilt, von der ich nun weiß. Sie steht mir immer zur Verfügung, um meine Seele zu heilen. Ich kann darin vertrauen, singen zu können, ganz gleich, was sein wird. Ich kann mich an dem Gesang erfreuen und andere einladen. Ich muss die Stimme nur erheben. Ein wenig Atem, ein Lied in meinem Herzen – das genügt.

Als junger Mann hatte ich die Hände nicht, die mich nun heilen, von denen ich nun weiß. Sie stehen mir immer zur Verfügung, um meine Furcht zu heilen. Ich kann darin vertrauen, mich umarmen zu können, ganz gleich, was sein wird. Ich kann meinen Kopf in ihnen bergen. Ich muss sie nur wahrnehmen. Ein wenig Fürsorge, dieser Moment – das genügt.

Und darum laufe!

Unsichtbar

Ich laufe und werde nicht gesehen. Still, leis und gewandt. Ich nehme Form und Gestalt an von dem, was mich umgibt. Ich werde zu einer Luftspiegelung, die vorhandenes unsichtbar macht, anstatt nicht vorhandenes vor Augen zu führen. Ich werde zu einem Laut, der so innerlich ist, dass es nicht zu glauben ist, dort draußen wäre etwas, welches diesen Laut erzeugt. Ich täusche und lasse darin dem mir entgegenkommenden Menschen seinen inneren Raum unirritiert. Dies ist nicht der Tag für Irritation. Ich laufe, als würde nicht einmal die Luft verwirbelt, die mich umgibt. Kein Erkennen, kein Wahrnehmen. Niemand sieht mich oder hört von mir. Eine Decke habe ich über meinen Kopf geschlagen und in mich hinein die Dunkelheit gesenkt. Ich laufe und bin dabei in mir zusammengekauert, gekrümmt im Zelt meiner Decke. Es ist ein Sternenzelt. Auf die Innenseite nun projiziere ich das Universum in den für mich in diesem Moment bedeutenden Erscheinungen. Und es ist ein weites Leuchten und Scheinen. Das ist mein Weg.

Und darum laufe!

Das Wohltuende

Wer spricht zu mir? Baum, Strauch oder Stein? Irgendwann, von dieser Frage erregt, war Freude in meinem Herzen. Es dauerte eine Weile bis dahin. Dann war es mit einem Mal da. Etwas in mir wurde dieser Frage gegenüber gleichgültig. Auch von dieser Frage bist Du frei! klang es in mir. Das Wohltuende daran ist mir vertraut. Wer es ist, der zu mir spricht, bleibt ohne Belang. Ich vertraue darin, es selbst zu sein und darin meiner Vorstellung von mir selbst zu entsprechen. Eine große Schöpferkraft liegt darin. Ich erschaffe mich selbst. Und niemals blind. Denn auch dunkle Gedanken stellen sich ein. Ich lasse sie fallen auf meinem Weg, wie ein Blatt in dem Herbstlaub, welches golden mich umgibt.

Und darum laufe!

Tänze und Läufe

Tänze, die dem Laufen ähnlich sind. Menschen im Kreis in einer Richtung, in steter Bewegung. Kein Anfang und kein Ende. Läufe, die dem Tanzen ähnlich sind. Musik stellt sich ein. Die Füße umtanzen Steine, Blätter, Insekten und laufen immer weiter. Ohne eine Erinnerung an den Beginn, ohne eine Ahnung von dem Ende. Die kürzeren Schritte erlauben, zu betonen, darin ein Spiel. Als würden Klänge Schritt um Schritt entstehen.

Und darum laufe!

Das Anhaften

Eben noch gestört von etwas, irritiert und umgewendet, nun ich es vermisse. Der Stille nun, den Nachhall gegenüberstelle. Die Stille nicht sein lassen kann, war doch die Störung, die Umwendung zu groß, fast vollkommen. In ihr ein kleines Licht des Ahnens: Sie auszuhalten, ist ein Weg, sie durch mich hindurch gehen zu lassen ist ein Weg. Doch eben Ahnung nur. Noch nicht verwirklicht. In jeder Grenzerfahrung eine Chance liegt. Die Chance, zu erfahren, dass ich selbst es bin, der diesen Grenzstrich zieht, ein ums andere Mal. Ich selbst es bin, der korrigiert. Ein ums andere Mal. Von der Schöpferkraft zu ahnen, nur dort draußen mir gelingt. Hinaus zu gehen, es also ist.

Und darum laufe!

Die linke Hand

Die linke Hand, in ihrem Griff ein paar Teile des Mülls, der von dem Weg aufgelesen ist. Sie könnte zu einem Zeichen werden. Zu einem Zeichen für die entgegenkommenden Läufer. Wortlos, ohne Appell. Ohne moralische Überhöhung. Einfach ein Zeichen. Zudem ist sie ein Zeichen für mich selbst. An mich selbst gerichtet. Es wirkt in mich hinein. Und ich bin berauscht von dem Mut, der in dieser Tat liegt. Eine Handlung, in der ich mich selbst zum Ausdruck bringe. Einfach deshalb, weil es möglich ist. Weil ich hier laufe, weil ich mich verantwortlich fühle. Ich ermächtige mich selbst, mich verantwortlich zu fühlen. Ohne eine übergeordnete Organisation. Ohne irgendeine Zugehörigkeit. Ich scheue mich nicht, darin sichtbar zu werden und halte es aus, gesehen zu werden. Es ist ein Ausdruck der persönlichen Freiheit. Welch ein Genuß.

Und darum laufe!