Hervorgehoben

180 Grad-Technik

Wenn Du läufst, kann es sein, dass Du irgendwann nicht mehr beschäftigt bist mit Atem, Schritten, Weg und Lunge – Deine Gedanken können sich selbständig machen und fließen, wohin sie wollen. Sind diese Gedanken marternde, furchtgetriebene, Sorgengebäude, so wird das Laufen Linderung verschaffen, ganz sicher. Bleibt ihr marterndes Dir trotzdem groß, so ändere Deine Laufrichtung um 180 Grad! Nun spüre, wie Du in den Gedankenschweif hineinläufst, den Du gerade eben produziert hast. 30 bis 40 Meter laufe nun, der Schweif wird nicht viel länger sein. Er ist verwirbelt von Deiner Bewegung und den nun neu sich einstellenden Gedanken zudem. Was geschieht mit Deinem Weg? Du wolltest doch Deinem Ziel näher kommen? Es liegt in der anderen Richtung. Ändere nun Deine Richtung erneut um 180 Grad und laufe durch den durchwirbelten und überlagerten Gedankenschweif und versuche zu spüren, wo Du das erste Mal Deine Richtung geändert hast. Was denkst Du nun? Wichtig ist, dass Du es beide Male mit der Richtungsänderung vor Dir erst meinst. Vor Dir also die Möglichkeit wahrst, wirklich einfach weiterzulaufen, in der geänderten Richtung. Einfach umzudrehen.

Und darum laufe!

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Silbriger Glanz

Eine Barriere, unsichtbar. Ich komme zu ihr nach einer Weile des Laufens. Ich verlangsame meine Schritte und winde mich behutsam durch sie hindurch, als wäre sie ein schwerer Vorhang aus einem blickdichten Material zum Schutze einer Kammer, eines Kinosaals etwa. Kein Licht soll hindurchdringen, kein Schall, keine Zugluft und auch keine Kälte. Ich gleite hindurch, erst mit dem linken, dann mit dem rechten Bein. Und ich verschließe den Vorhang hinter mir ebenso behutsam, wie ich ihn zuvor öffnete und durchschritt. Dass diese Handlung von Bedeutung ist, bemerke ich in dem Moment, in dem ich völlig hindurchgeschritten bin. Und ich bin nun in einer anderen Welt. Eine Welt, die hier beginnt und von der ich weiß, dass ich sie nur an genau dieser Stelle wieder verlassen kann. Ich werde durch diesen Vorhang wieder zurückkehren, ganz sicher. Diese Welt hält Begegnungen für mich bereit. Ein paar Meter nur und ich werde getroffen von einem silbrigen Schimmern auf dem Weg vor mir. Die Reflexion des Sonnenlichts in einem von silbrigem Glanz durchzogenen Stein zieht mich in ihren Bann. Glimmer und Glanz, ich neige mich hinab und ergreife den Stein, um tiefer in mich einzutauchen. Ein Bild aus Kindheitstagen, eine Begebenheit, ein Ereignis. Der Moment, in dem mein Leben eine Wendung erfuhr, die mich als erwachsenen Mann hierher führte. Deren Bedeutung ich jetzt erkennen kann. Genau jetzt ist der Moment erreicht, erwirkt, in dem mir ein Erkennen möglich ist. Und ich sehe in der Tiefe, was sich ereignete, sehe die Gefühle all derer, die darin verwickelt waren. Sehe, fühle, höre und schmecke. Perspektiven in Gleichzeitigkeit, als würde ich fliegen wie ein Vogel, als würde ich blicken aus meinen Augen und denen anderer Menschen. Was nehme ich mit hiervon? Es ist der silbrige Glanz in den Augen eines Kindes, zu dem ich vorgedrungen bin. Durch den Stein hindurch blickte es mich an und ich bin ihm gefolgt.

Und darum laufe!

Malfuf

Ich beginne mit dem linken Fuß. Für den linken Fuß setzte ich das große L. Der rechte Fuß erhält das große R. Und ich laufe wie schon tausend Mal im Wechsel der Füße, ohne darüber nachzudenken.

Und es ist: L—R—L—R—L—R—L—R

Es sind acht Einheiten, acht Noten, die ich mit meinen Füßen spielen kann. Dann beginne ich wieder von vorn und so weiter. Da ich mit Links beginne, muss ich mit Rechts enden, um mit Links wieder anschließen zu können. Jetzt stelle ich mir die unterschiedlichen Klänge einer Trommel vor. Dort ist ein tiefer Klang. Er ist in die Mitte des Trommelfells geschlagen. Er klingt tief und ungedämpft. Kurz berührt der beherzt geschwungene Finger der rechten Hand das Fell, um mit der entstehenden Schwingung zurückzufedern. Aus der Drehung des Handgelenks heraus. Diesen Klang nenne ich DUN. Das ist der Grundklang des Instruments.

Daraus wird: DUN—R—DUN—R—DUN—R—DUN—R

Ich erinnere mich daran, wie ich als Kind immer wieder auf dem Weg von der Schule nach Hause an der Bordsteinkante lief. Ein Kinderspiel auf dem langen Fußweg, den ich täglich lief. Ich vertiefte mich auf dem weiten Weg in das Spiel, in dem ich die Distanz vergessen konnte und mich trotzdem meinem Ziel näherte. Ein Fuß auf den Bürgersteig, den anderen auf der Straße. Ein Fuß oben, ein Fuß unten. Hierbei ist der linke Fuß der, der das DUN spielt. Er trifft auf der Bordsteinkante auf. Er trifft weich auf, denn der Bürgersteig liegt höher als die Straße. Der Körper wird hochgehoben, um dann tiefer auf der Straße hart aufzusetzen. Das harte Aufsetzen ist der Akzent. In dem Spiel auf der Trommel gibt es einen Klang, der diesem Akzent entspricht. Er ist hart, fast schon metallisch. Er entsteht, wenn ich mit dem Ringfinger der rechten Hand auf die Kante der Trommel schlage, sodass das Fell deutlich höher und härter klingt. Das Holz des Rahmens klingt zudem. Diesen Klang kann ich verbinden mit dem harten Aufsetzen des Fußes in dem Kinderspiel auf dem Weg nach Hause. Diesen Klang nenne ich TAK. Und ich spiele in meinem Lauf:

DUN—TAK—DUN—TAK—DUN—TAK—DUN—TAK

Beide sind von gleicher Dauer, wobei es sich für mich als Kind wie heute so anfühlt, als wolle das DUN sich ausdehnen und das TAK sich zusammenziehen. Die Zeit vergeht herrlich, wenn man das DUN soweit ausdehnt, dass es doppelt so lang wird, wie ein TAK. Und der Raum schrumpft wie magisch zusammen. Das laufende Spiel beschenkt mich mit den Triolen, zunächst von gleicher Länge:

DUN—TAK—TAK—DUN—TAK—TAK

Hier beginne ich mit dem linken Fuß und dem DUN, um mit dem rechten Fuß das zweite DUN zu spielen. Nehme ich jetzt noch die Stille hinzu, so kann ich einen so komplexen Rhythmus wie den Malfuf spielen. Eine Magie liegt darin.

DUN—R—L—TAK—L—R—TAK—R

Und darum laufe!

Instrument

Ein Rhythmus auf einer Trommel geschlagen. Zuerst ist der Bereich auf dem Fell zu finden, in dem der Klang rein und tief ist. Der Grundton des Instruments. Dieser Ton, das frei schwingende Fell, mit welchem Finger, in welcher Position ist er geschlagen? Das ist die Forschung in der sich die Magie offenbart, die dem Instrument innewohnt. Es gibt diesen Ton, der mich verzaubert, der mich herauslöst aus Zeit und Raum. Ich forsche und weiß, wenn der Ton gefunden ist. Alles ist in diesem Ton bestätigt: Anschlag, Position, Finger und Stärke. Und dass es richtig ist, erfahre ich durch die Gegenwärtigkeit, in der ich mich befinde. Die Gegenwärtigkeit geht von diesem Ton aus. Ich reise auf diesem Ton in das Reich der Visionen. Es gelingt mir immer wieder und den Nachhall nehme ich mit auf meinen Lauf in den Wald. Der Rhythmus schlägt in mir und ich laufe in dem Rhythmus, ganz einfach und frei. Ich bin das Instrument, in mir das alles.

Und darum laufe!

Harmonie

Im Wind bewegtes Winterlaub, ein Zittern fängt meine Aufmerksamkeit. Dunkel vor dem weißen Schnee auf der gegenüberliegenden Seite des Tales. Ich gelange diesem Flirren ganz nah, um zu sehen. Um mich hypnotisieren zu lassen. Ich bin darin leer und frei. Es ist kein Zittern der Angst, die mich in dem Spiel der gefrorenen Blätter hypnotisiert. Der Angst ist es nah, doch in der Bereitschaft, die Angst darin zu erkennen, wird das Flirren zu einem Hinweis: Sieh hin. Dies ist der Ort, den Du gesucht hast, um etwas von Dir zu erkennen, um Dir auf die Schliche zu kommen. Dies ist der Ort, an den Du Dich so kunstfertig angeschlichen hast. Das Pirschen hat Dich endlich hierher geführt. Und mit einem Mal sehe ich eine vom Wind gebrochene Astgabel einer Lärche vor mir pendeln. Sie balanciert kopfüber auf einem Ast einer Buche. Sie hängt lang herab, sanft baumelnd im Wind, als würde sie in der Luft wurzeln. Sie ist weich und grün, biegsam und lebendig. Ich blicke an ihr herab und erkenne die Ausgewogenheit, die Balance ihres Zustands. So fein austariert ist ihr Baumeln, dass ein Sturm sie nicht hinfort wehen wird. Sie wird sich neigen, ein weiteres Mal brechen wird sie nicht. Sie wird tanzen und schaukeln, ein weiters Mal brechen wird sie nicht. Sie wird im Sturme rauschen, doch ein weiteres Mal brechen wird sie nicht. Sie ist in völliger Harmonie und der besondere Punkt ist dort, wo Lärche und Buche einander berühren. Das ist der Moment, in dem ich stehe. Jetzt, es ist der Jetzt-Punkt, in dem das ganze feine Gebilde zusammenkommt. Es ist nichts lineares darin, kein Zeitstrahl mit Beginn und Ende. Es ist die Ganzheit des Gefüges in diesem einen Punkt zugespitzt. Die Gleichzeitigkeit zeigt es ganz klar. Alles, was war, was sein wird, was ist: In diesem einen Punkte es steht. Sonst ist dort nichts, keine Reue, keine Illusion. Dafür ist es also. Dafür ist diese Gabel, die sich teilt in die Dualität, die dann, wiederum sich aufteilt in weitere Dualitäten, um dann erneut um 90 Grad gedreht in weiteren Dualitäten sich zu differenzieren. Durch die Drehung wird dem Gebilde weitere Stabilität hinzufügt. Es ist das Männliche und das Weibliche, darin das Gebende und das Empfangende, darin das Führende und das Folgende. So geht es weiter, immer weiter. Auf dem Weg der Verfeinerung, der Ausdifferenzierung.

Und darum laufe!

Freundlichkeit

Diese Sehnsucht nach Sinn, Bedeutung und Form, sie ist Ausdruck der Störung des in das Bewusstsein gestoßenen Kindes. Das ist der Zustand und zugleich der Weg des Menschlichen überhaupt. Wir beschreiten den Weg der Großartigkeit und steigen hinauf, der Sonne entgegen. In diesem Weg  bleibt etwas Vergebliches, denn die unschuldige Ganzheit ist über den Weg der Großartigkeit nicht wiederzuerlangen. Das genaue Gegenteil mag mich an mein Ziel annähern. Es ist das Lassen, das Empfangen, das Anerkennen. Anzuerkennen ist, dass es völlig unerheblich ist, an welchem Ort und ich welcher Unannehmlichkeit ich stehe. Einzig zählt, wie ich in diesem Moment davon lassen kann. Zu lächeln darin, es wäre schön. Freundlichkeit wäre ein Wert. Die Wärme des Herzens würde die Welt ein wenig erwärmen. All das ist möglich.

Und darum laufe!

Sehnsucht

Ist es nicht so, dass wir alles, was uns begegnet, alles, was sich ereignet, auf uns beziehen müssen? Ein umgestürzter Baum auf meinem Weg, die Nessel, die mich beim Übersteigen des Baumes sticht, der Stein, von dem ich abrutsche, um mich grade noch abzufangen? Die Versehrung ist voller Erkenntnis und Wert. Sie ist die Erfahrung, die ich bedenke oder beiseite schieben mag. Ich entscheide über Wert und Unwert des Lebens über den Wert, den ich den Begebenheiten beimesse. Dies ist nicht übertragbar, ich kann es nicht ausdehnen auf meinen Nächsten.Gültig ist es nur für mich. Ich kann nur berichten von meinem Gefühl, von Gedanke und Form. Von meinem Irren und von meiner Sehnsucht nach Sinn und Wert. Und es fragt sich in mir: Woher nur diese Sehnsucht?

Und darum laufe!

Tausend Beine

Stelle dir vor, du hättest nicht nur zwei Beine, mit denen du läufst, sondern viele Tausende. Diese vielen Tausend Beine stelle dir nun vor in einem Überblick. Du kannst sie dir vorstellen wie die Beine eines Tausendfüßlers, der genau so lang ist, wie die Strecke, die von dir gelaufen wird an diesem Tage. Sie sind dort wo du entlang laufen wirst, auch wenn du die Strecke noch nicht kennst. Auch wenn du das erste mal auf dieser Strecke läufst. Jedes dieser Beinpaare wirst du genau ein Mal gebrauchen. Bist du mitten in dem Lauf, wenn du in diese Vorstellung eintauchst, so befinden sie sich vor dir und auch hinter dir. Hier, mitten in dem Lauf ist diese Vorstellung wohl am kräftigsten, denn du kannst diese Vorstellung sofort auf ihre Wirksamkeit überprüfen. Du selbst wirst darin nur noch zu einem Rest an Körper, der über diese Vorstellung hinweggleitet. Diese Vorstellung kann dich beschleunigen.

Und darum laufe!