Hervorgehoben

180 Grad-Technik

Wenn Du läufst, kann es sein, dass Du irgendwann nicht mehr beschäftigt bist mit Atem, Schritten, Weg und Lunge – Deine Gedanken können sich selbständig machen und fließen, wohin sie wollen. Sind diese Gedanken marternde, furchtgetriebene, Sorgengebäude, so wird das Laufen Linderung verschaffen, ganz sicher. Bleibt ihr marterndes Dir trotzdem groß, so ändere Deine Laufrichtung um 180 Grad! Nun spüre, wie Du in den Gedankenschweif hineinläufst, den Du gerade eben produziert hast. 30 bis 40 Meter laufe nun, der Schweif wird nicht viel länger sein. Er ist verwirbelt von Deiner Bewegung und den nun neu sich einstellenden Gedanken zudem. Was geschieht mit Deinem Weg? Du wolltest doch Deinem Ziel näher kommen? Es liegt in der anderen Richtung. Ändere nun Deine Richtung erneut um 180 Grad und laufe durch den durchwirbelten und überlagerten Gedankenschweif und versuche zu spüren, wo Du das erste Mal Deine Richtung geändert hast. Was denkst Du nun? Wichtig ist, dass Du es beide Male mit der Richtungsänderung vor Dir erst meinst. Vor Dir also die Möglichkeit wahrst, wirklich einfach weiterzulaufen, in der geänderten Richtung. Einfach umzudrehen.

Und darum laufe!

Erosion

An dem Baum, an dem sich der Weg teilt, am Hang über dem Wasserfall, halte ich mich an seinen heraustehenden Wurzeln fest und eile über die ausgehöhlte Form aus Sand, Wurzeln und Steinen. Das sandige Erdreich ist hier ausgetreten und dann ausgespült, sodass der Baum den Anblick eines sich in den Hang krallenden Lebenwesens bietet.. Einmal wird er hinabstürzen. Meine Füße eilen geschwind über die Wurzelbarrieren und sie treten den Weg weiter aus mit jedem Schritt. Mit jedem Schritt drücke ich das ihn haltende Erdreich ein wenig hinab. Ich muß mich hüten auf dem losen Untergrund nicht auszurutschen. Ich kann noch so behutsam sein und doch trage ich etwas von dem Hang ab. Ich kann nicht Nicht-Zerstören. So sehr ich mich auch mühen mag. Spuren von mir überall in diesem Wald. Doch es ist gut, so wie es ist. Es ist gut, so, wie es hier seinen Gang nimmt. Es gibt eine Art Einvernehmen zwischen dem Baum und mir. Ein Einvernehmen mit dem Regen zudem, der Witterung, dem Erdreich, der Landschaft, dem mich umgebenden Raum. Alles stellt sich hier in dieser momenthaften Form dar, nichts ist von Bestand. Alles fließt ineinander und erhebt sich erneut. Und ich denke: Was ist das, was mich ausspült, mich einmal stürzen lässt, mir den Boden unter den Füßen rauben wird? Wo, in welcher Art und zwischen wem ist das Einvernehmen hierüber geschlossen?

Und darum laufe!

Geborgenheit

Es ist nicht so, dass dieses EIN Wald ist. Es ist nicht so, dass dies eine Form ist, die bevölkert und betreten ist von Wesen, die aus dem umliegenden Raum hereintreten. Vielmehr ist dies eine VIELZAHL von Wäldern, die unterschiedlich sind und dabei doch aus identischen Bestandteilen bestehen. Die Anzahl dieser Wälder ist so groß, wie die Anzahl der Menschen, die hereintreten. Und zudem, ganz sicher ist diese Anzahl nicht nur auf uns Menschen beschränkt, nur weil wir uns nicht die Mühe machen uns das über uns Hinausgehende vorzustellen. Pflanzen, Tiere und noch viel mehr. Die Anzahl der Wälder, ich stelle sie mir als unfassbar groß vor. Und dies hat nichts zu tun mit einer Wissenschaft der Erkenntnis, die etwas als radikal denkt. Es ist vielmehr so, dass es dort ein Gefühl gibt, welches einfach sofort da ist, wenn ich diesem Gedanken folge. Der Gedanke ist: Der wald ist sooft da, wie es Menschen gibt, die ihn betreten. Das Gefühl, dass aus diesem Gedanken heraus in mir entsteht, es ist ein Tor durch welches ich schreite und jetzt und sofort ist es nun der eine Wald, in dem ich mich bewege. Der eine Wald, und eine tiefe, wahre Geborgenheit umschließt mich vollends. Dies ist die von mir lang ersehnte Annahme durch die Welt. Es ist eine Verwirklichung meines Seins in diesem Moment der Übereinstimmung und der Harmonie.

Und darum laufe!

Gläsern

Zu Laufen, es ist, sich der Realität des Raumes auszusetzen und aufzutauchen aus dem Meer an Vorstellungen, dem Ozean an Ideen und Bildern. Ein Ozean aus zu Bildern geronnenen Sehnsüchten. Und jetzt die Realität des Raumes. Und der Begriff Realität erfasst das Phänomen ebensowenig, wie der Begriff Ozean die Menge an Bildern fasst. Und jetzt die Realität des Raumes. Die Realität als ein Bild, welches körperlich konstruiert ist. Es besänftigt. Ich nenne es nur deshalb Realität, weil es mir an einem besseren Begriff mangelt. Die Mißverständlichkeit des Begriffes sei umrundet. Eingekreist von meinen Schritten. Befeuchtet von meinem Schweiß. Und aus dieser Mißverständlichkeit heraus betrachte ich die Kondesfahne meines Atems, an dem feuchtkalten Morgen, in diesem Teil des Planeten, zu dieser Zeit des Jahres. Dieses Bild des sich zeigenden Atems, der erwärmten Luft, die ich ausstoße im Rhytmus meines Laufes, nenne ich Realität. Wie flüchtig sie ist. Und wie kindlich meine Freude, diese weiße Fahne zu beobachten. Ich spiele mit ihr ein wenig. Wie ein Kind, dass sich an seiner Wirksamkeit erfreut. Ich atme aus, wieder und wieder. Wie oft schon habe ich andere hingewiesen: Schau mal mein Atem! Als sei dies ein Beweis, ein Beleg der WIrklichkeit. Eine Bejahung geradezu. Als ginge es darum auf dieser Kindlichkeit zu beharren. Als ginge es darum, sie hinaufzutragen in die gläserne Welt der Erwachsenen.

Und darum laufe!

Ein Vogel

Ein Vogel des Frühlings, sein Gesang, den ich schon hundert Mal gehört habe. Ihn zu bestimmen, seinen Namen zu ermitteln, es könnte mir helfen, den Vogel zu benennen. Doch ich erkenne, wie sehr ich im Benennen hinter dem zurückbleibe, was der Gesang des Vogels mir zu verstehen anbietet. Viel mehr ist dort, als die Vereinbarung, die wir Menschen getroffen haben, dieses Wesen genau so zu benennen, wie wir es tun. Viel mehr ist dort in dem Gesang, was in mir eine Saite zum klingen bringt. Viel mehr an Empfindung, an Wahrheit, an Leben, zu dem ich über diesen Gesang finden mag. Eine ganze Welt tut sich auf, wenn ich nur ruhig werde und lausche.

Und darum laufe!

Schleifen

Ich laufe in Schleifen. Ein Weg, ein Gedanke, das Gefühl von Schuld und Scham, etwas, das mich nicht loslässt. Es kreist in mir, sodass es mir zu einem Ärgernis wird, welches ich nicht einfach abstreifen kann. Es ist ein Ärgernis, so sehr, dass ich kurz davor bin, den Lauf abzubrechen. Ich bin kurz davor, es sein zu lassen. Eine List kommt mir zuhilfe: Ich laufe ein Stück zurück auf meinem Weg, etwa so weit bis zu dem Ort, an dem ich begann mich zu ärgern. Oder sogar noch weiter zurück bis zu dem Ort, an dem ich begann über das nun erblühte Ärgernis nachzudenken. Dort angelangt, wechsele ich erneut die Richtung und nehme die zweite Chance, von diesem Knotenpunkt aus loszulaufen. Der Knotenpunkt, ist der Punkt, der mich am meisten interessiert. Hier wo der Faden, die Schnüre verknotet ist, wo sie fixiert ist, setze ich mit meiner Frage an. Ich verstehe, was es bedeuten würde, den Knoten zu lösen. Eine Schnur, die zuvor gebunden war, würde auf eine sehr viel größere Länge auseinandergezogen. Einem Quantensprung gleich, wäre von einem auf den anderen Moment ein Anfangspunkt von dem Zielpunkt abgerückt. Der Raum, der dazwischenläge wäre gewaltig erweitert. Es ist also kein mühsames sich annähern an Größe, Weite, Tiefe oder Bedeutung. Es ist da, in diesem Moment. Die Erkenntnis bricht ein in die Realität, wie ein Läufer auf dem Eis. Mich interessiert also diese Verknotung, die mich wiederholen lässt. Die mich daran hindert loszulassen und weiterzuziehen. Mich interessiert der Knoten mehr als alles Andere.

Und darum laufe!

Sucht

Warum läufst Du? Eine Stimme in mir klingt. Und ich antworte dieser Stimme unmittelbar: Ich laufe, weil ich süchtig bin. Ich bin ein Süchtiger, ein Abhängiger. Durch das Laufen erlange ich ein wenig Kontrolle über meine Sucht. Ich erlange Zugriff und kann das Drängen der Sucht für eine Weile bändigen. Ich bin süchtig nach Beziehungen zu Menschen, nach Begegnungen, nach Geborgenheit, nach der Abhängigkeit von Menschen. Ich bin abhängig von der Abhängigkeit. Das Laufen selbst ist keine Sucht. Es ist eine Form, in die die Sucht hineinzuflechten mir gelingt. Sodass sie mich nicht überwältigt. Es ist eine Form, mich zu distanzieren. Es ist eine Form, in die Ausgewogenheit zurückzufinden. Irgendwo, irgendwann ging die Ausgewogenheit verloren. Und ich laufe dabei, um einmal nicht mehr laufen zu müssen in dieser Bedingtheit. Ich laufe für den Moment der Freiheit, der ist, aus der Fülle der freien Wahl heraus, mich für das Laufen zu entscheiden. Mich für etwas zu entscheiden, weil es das ist, was mich am tiefsten befriedigt.

Und darum laufe!

Schönheit

Eine Art Mustert, hineingewoben in den Schleier des Seins. Das Muster, welches als Teil des verhüllenden Stoffes vor dem Sein liegt, es ist in seiner Sybolik ein Ausdruck für die Idee der Schönheit. Das Muster spricht von der Schönheit. Von dem Ideal einer Schönheit und der Not ihre Abwesenheit nicht zu ertragen. Ein geborstener Baum, unberührt in seiner Form, ich mühe mich, darin die Schönheit zu erkennen. In der Spur der Zerstörung, die nicht beräumt oder irritiert ist. Und ich ahne davon, dass ich genausogut den Gleichmut den Erscheinungen des Seins gegenüber in diesen Schleier hineinweben kann. Alles ist und darin zunächst nichts weiter, als ein Phänomen. Es bedarf keiner Bewertung, keines Vergleiches. Es mag mich berühren, ich kann mich trotzdem auf ein Spiel mit der Gleichgültigkeit und dem Gleichmut einlassen. Und so webe ich in den Schleier hinein: So wie es innere Stimmen gibt, gibt es Momente der Weite, der völligen Offenheit. Es gibt Momente der Stille und der Abwesenheit auch nur eines Gedankens. Ich webe hinein in diesen Stoff den weiten, weißen Raum von dem, was sich meiner Vorstellung entzieht. Ich webe in den Schleier das nicht vorstellbare Muster der Unvorstellbarkeit hinein. Ich webe in diesen Stoff hinein die Fähigkeit, diesem Raum in Offenheit zu begegnen. Den Raum gewähren zu lassen. Aus ihm heraus mag sich etwas mir zuwenden. So leicht und fein bin ich anwesend und hellwach dabei. Dann webe ich hinein die Fähigkeit des Ausharrens in diesem Raum, ihn aufrechtzuerhalten über einen Moment hinaus. Und zuletzt sei hineingewoben in diesen Stoff, die Fähigkeit zu lernen.

Und darum laufe!

Auf dem Zeitstrahl

Ich unterschreite die große Steinbrücke, die wie ein Tor vor der sich öffnenden Waldschlucht liegt und laufe auf meinem Weg. Es ist ein Lauf auf dem Zeitstrahl zurück. Zurück in die Vergangenheit. Gleichbleibend ist meine Geschwindigkeit und fliessend die Rückkehr in der Zeit. Fliessend in dem Reich der Vorstellung. Mein Geist streift hierhin, mal dorthin, doch immer bleibt er an Menschen gebunden. Das ist interessant. Immer sind es Momente, die ich mit Menschen erlebt habe, die nun in meiner Vorstellung auftauchen aus dem großen Meer an Erinnerungen. Ich ermahne mich, nicht zu sehr zu springen von Erinnerung zu Erinnerung, oder von Empfindung zu Empfindung. Es soll ein gründlicher Lauf sein. Vernachlässigtes soll angesehen sein. Und so nehme ich mir die Zeit, genau hinzusehen. Auf diesem Lauf begegnen mir Menschen, mit denen ich lange Zeitsabschnitte verbracht habe und andere, die ich nur kurz traf und von denen ich mich schnell wieder löste. Und ich glaube zu erkennen, dass es die Tiefe der Selbstoffenbarung ist, die mich an einen Menschen band und diesen Menschen nun in dem Strom meiner Vorstellung auftauchen lässt. Die Tiefe der Selbstoffenbarung benötigt keine Zeitspanne. Sie ist mit einem Mal da und dann für alle Zeit. Dieser eine Moment, der ein Leben wandeln kann, ein einziger Blick nur kann er sein. Ich versuche Heiterkeit und Leichtigkeit hineinzuweben in dieses Reich der Vorstellung. Das ist mein Leben! Für alles gibt es Gründe, alles, so sage ich es nun: Alles ist richtig! Alles musste genauso sein, konnte nicht anders sein, in Form und Konstellation. Es ist ein heiteres Spiel ohne einen Verlierer! Gewinnt ein Mensch diese Erkenntnis, so gewinnen alle an seinem Erfolg, an seiner Errungenschaft. Ich fühle mich verbunden über Zeit und Gefühl hinaus und bin zutiefst dankbar. Doch es geht darum sich zu lösen. Das war mir vor dem Antritt zu diesem Lauf völlig klar. Sich zu lösen von dem eigenen Leben, um frei zu sein, endlich!

Und darum laufe!

Der Sprung

Ein leichter Sprung über einen halb auf dem Weg liegenden Baum und ich bermerke: Der Sprung, er ist nicht aus der Kraft des Beines, welches den Boden berührt heraus vollzogen. Er ist nicht in dem Abstoßen oder dem Abdrücken, da ja das hintere Bein durchgestreckt und gerade eben noch den Boden berührt. Es kann micht nicht mehr abdrücken. Vielmehr ist der Sprung eine Art inneres Ziehen aus dem angehobenen Bein, welches durch mich hindurch den Sprung und den Flug aus dem gegenüberliegenden Arm, dem Rücken, dem Nacken zieht. Der Sprung, er ist ein Ziehen in der Bewegung. Er ist ein Impuls hinauf. Und er ist ganz innerlich. Und für einen Moment fliege ich.

Und darum laufe!