Hervorgehoben

180 Grad-Technik

Wenn Du läufst, kann es sein, dass Du irgendwann nicht mehr beschäftigt bist mit Atem, Schritten, Weg und Lunge – Deine Gedanken können sich selbständig machen und fließen, wohin sie wollen. Sind diese Gedanken marternde, furchtgetriebene, Sorgengebäude, so wird das Laufen Linderung verschaffen, ganz sicher. Bleibt ihr marterndes Dir trotzdem groß, so ändere Deine Laufrichtung um 180 Grad! Nun spüre, wie Du in den Gedankenschweif hineinläufst, den Du gerade eben produziert hast. 30 bis 40 Meter laufe nun, der Schweif wird nicht viel länger sein. Er ist verwirbelt von Deiner Bewegung und den nun neu sich einstellenden Gedanken zudem. Was geschieht mit Deinem Weg? Du wolltest doch Deinem Ziel näher kommen? Es liegt in der anderen Richtung. Ändere nun Deine Richtung erneut um 180 Grad und laufe durch den durchwirbelten und überlagerten Gedankenschweif und versuche zu spüren, wo Du das erste Mal Deine Richtung geändert hast. Was denkst Du nun? Wichtig ist, dass Du es beide Male mit der Richtungsänderung vor Dir erst meinst. Vor Dir also die Möglichkeit wahrst, wirklich einfach weiterzulaufen, in der geänderten Richtung. Einfach umzudrehen.

Und darum laufe!

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Erstaunen

Ich laufe und die Schnüre der Sandale an meinem rechten Fuß drückt. Sie tut es schon eine Weile und da der Schmerz nicht zu ignorieren ist, halte ich an und justiere die Schnüre neu. Es hat sich bereits eine Blase unter der Hornhaut gebildet. Ich bin erstaunt, wie lang ich gebraucht habe, um mich überhaupt zu kümmern. Ich habe die Irritation ignoriert bis hierher und jetzt geht es nicht mehr. Es dauert nicht lang, die Schnüre neu zu binden. Der Schmerz ist immer noch vorhanden, doch die Belastung ist anders verteilt. Zudem ist die Schnüre nicht mehr so straff gebunden, wie zuvor. Ich laufe weiter und denke: Wie einfach es gewesen wäre, schon viel früher zu justieren. Es hätte nur einen Moment benötigt. Ich hätte es tun können, sofort. Doch ich konnte genau das nicht verstehen.

Und darum laufe!

Selbstvergewisserung

Ich versichere mich mit jedem Lauf, ein Waldläufer zu sein – es wieder zu sein, nach der Spanne an Zeit, die vergangen ist, seit dem letzten Lauf. Der letzte Lauf, er hätte der letzte überhaupt sein können. Und so wird es einmal sein. Eine Gewissheit, die auch etwas friedliches, etwas befriedendes hat. Es wird den letzten Lauf geben, doch bis dahin ist alles Geschenk, alles Spiel und leicht. Ein Erleben, ein Erfahren. Ich erstaune und nehme es, wie es ist. Ganz so, wie es sein soll, wie es sich ergibt. Für jetzt ist alles gut.

Und darum laufe!

Über null

Wenn ich barfuß laufe auf gefrorenem Boden, nur mit einer durch Schnüre befestigten dünnen Ledersohle an den Füßen und die Temperatur der Luft dabei über null Grad liegt, dann ist alles möglich. Zehn Kilometer oder mehr sind möglich, ohne dass ich Erfrierungen befürchten muss. Denn es ist so, dass bei einem Lauf von einer Stunde die Füße vielleicht nur ein Drittel der Zeit den gefrorenen Boden berühren. Die Füße sind  zudem durch die dünne Sohle geschützt. Den Rest der Zeit – bin ich ununterbrochen in Bewegung – befinden sich meine Füße in der wärmeren Luft. Ich glaube, alles über null Grad Lufttemperatur ist möglich. Zudem trainiere ich die Durchblutung der Gefäße mit jedem Lauf der unter zehn Grad liegt. Es liegt darin kein Schmerz für mich. Es liegt darin auch kein mangelnder Komfort. Ich bin frei im Denken. Frei von Sorge oder Befürchtung. Ich kann mich völlig erheben und einfach laufen. Da ist der Wald, das Rauschen des Baches und die freundliche Verwunderung der mir begegnenden Passanten. An die Kälte habe ich die Füße bereits gewöhnt. Ich vermute, obwohl nach einer Stunde des Laufens die Füße sich ganz taub anfühlen, dass auch Barfußläufe bei Minusgraden möglich sind. Ich richte das heiße Wasser unmittelbar nach der Heimkehr auf Spann, Ferse, Sohle und Zehen. So habe ich meine Füße seit Jahren nicht gespürt.

Und darum laufe!

Ich wundere mich

Ich wundere mich über tausende Würmer, in Höhlen, tief unter der Erde, die aus sich heraus leuchten. Am Gestein festgesponnen. Ein Sternenzelt im Herzen unserer Erde. In mir ein Staunen über das Universum an Lichtpunkten dieser lockenden Lebewesen, um selbst zu einem dieser Lebewesen zu werden.

Ich wundere mich über eine Landschaft, die sich friedlich vor mir öffnet. Hügel, Wiesen, Felder, ein großer Baum. Der Nebel des Morgens über dem Fluß. In mir ein Staunen über das Wesen der Seele dieser Landschaft, um selbst zu dieser Landschaft zu werden.

Ich wundere mich über ein Feuer, das züngelnde Spiel der Flammen. Über die verzehrende Kraft. Der Funken Flug im Dunkel der Nacht. In mir ein Staunen über die Wärme, die in mich dringt, um selbst zu diesem Feuer zu werden.

Ich wundere mich über einen Menschen, sichtbar und wirklich in seiner Eigenart. Gesten und Worte in Übereinstimmung mit seiner Erscheinung.  In mir ein Staunen über den Mut seines Glaubens an sich selbst, um selbst zu diesem Menschen zu werden.

Und darum Laufe!

Als junger Mann

Im Laufen denke ich:

Als junger Mann hatte ich das Feuer nicht, das mich nun heilt, von dem ich nun weiß. Es steht mir immer zur Verfügung, um meine Augen an ihm zu heilen. Ich kann darin vertrauen, ein Feuer machen zu können, ganz gleich, was sein wird. Ich kann mich daran wärmen und andere einladen. Ich muss es nur entzünden. Ein wenig Holz, ein Funke – das genügt.

Als junger Mann hatte ich die Stimme nicht, die mich nun heilt, von der ich nun weiß. Sie steht mir immer zur Verfügung, um meine Seele zu heilen. Ich kann darin vertrauen, singen zu können, ganz gleich, was sein wird. Ich kann mich an dem Gesang erfreuen und andere einladen. Ich muss die Stimme nur erheben. Ein wenig Atem, ein Lied in meinem Herzen – das genügt.

Als junger Mann hatte ich die Hände nicht, die mich nun heilen, von denen ich nun weiß. Sie stehen mir immer zur Verfügung, um meine Furcht zu heilen. Ich kann darin vertrauen, mich umarmen zu können, ganz gleich, was sein wird. Ich kann meinen Kopf in ihnen bergen. Ich muss sie nur wahrnehmen. Ein wenig Fürsorge, dieser Moment – das genügt.

Und darum laufe!

Unsichtbar

Ich laufe und werde nicht gesehen. Still, leis und gewandt. Ich nehme Form und Gestalt an von dem, was mich umgibt. Ich werde zu einer Luftspiegelung, die vorhandenes unsichtbar macht, anstatt nicht vorhandenes vor Augen zu führen. Ich werde zu einem Laut, der so innerlich ist, dass es nicht zu glauben ist, dort draußen wäre etwas, welches diesen Laut erzeugt. Ich täusche und lasse darin dem mir entgegenkommenden Menschen seinen inneren Raum unirritiert. Dies ist nicht der Tag für Irritation. Ich laufe, als würde nicht einmal die Luft verwirbelt, die mich umgibt. Kein Erkennen, kein Wahrnehmen. Niemand sieht mich oder hört von mir. Eine Decke habe ich über meinen Kopf geschlagen und in mich hinein die Dunkelheit gesenkt. Ich laufe und bin dabei in mir zusammengekauert, gekrümmt im Zelt meiner Decke. Es ist ein Sternenzelt. Auf die Innenseite nun projiziere ich das Universum in den für mich in diesem Moment bedeutenden Erscheinungen. Und es ist ein weites Leuchten und Scheinen. Das ist mein Weg.

Und darum laufe!

Das Wohltuende

Wer spricht zu mir? Baum, Strauch oder Stein? Irgendwann, von dieser Frage erregt, war Freude in meinem Herzen. Es dauerte eine Weile bis dahin. Dann war es mit einem Mal da. Etwas in mir wurde dieser Frage gegenüber gleichgültig. Auch von dieser Frage bist Du frei! klang es in mir. Das Wohltuende daran ist mir vertraut. Wer es ist, der zu mir spricht, bleibt ohne Belang. Ich vertraue darin, es selbst zu sein und darin meiner Vorstellung von mir selbst zu entsprechen. Eine große Schöpferkraft liegt darin. Ich erschaffe mich selbst. Und niemals blind. Denn auch dunkle Gedanken stellen sich ein. Ich lasse sie fallen auf meinem Weg, wie ein Blatt in dem Herbstlaub, welches golden mich umgibt.

Und darum laufe!