Überholen

Lass dich überholen, an einem der ersten sonnigen Frühjahrstage, der so viele Läufer hineinlockt in den Wald. Vor mir und hinter mir auf meinem Weg. Gewähre Ihnen Raum und lass ihnen die Freiheit, dich zu grüßen – langsam, wie du bist. Sei langsam und leicht, sodass sie sich annähern können. Sodass sie dich sehen können wie ein dahinziehendes Schiff. Du hörst sie reden oder schnaufen. Lauf ein wenig an den Rand des Weges, schon sind sie vorbei.

Und darum laufe!

Harmonie

Ebbe und Flut, die stete Bewegung an den Rändern eines Eilands, die Veränderung, der Wandel, den ich beobachte. Strände, Sandbänke, mäandernde Ströme dazwischen. Sich verwischende Grenzen, Linien, die nicht zu ziehen sind. Die Erosion des Wassers und die Entstehung des Landes. Wenn etwas gilt, so ist es: Im Kleinen, wie im Großen. Und alles befindet sich in Bewegung. An dem, was ist, kann ich erahnen, was es einmal war. Mehr jedoch nicht. Niemals kann etwas genau so sein, wie es einmal gewesen ist. Auch der Felsen befindet sich in stetem Wandel. Der Felsen fließt dahin. Und so mein Bach im Tal mäandert, an dem Felsen sich reibt. An Bäumen vorbei. Der Bach den Sand bewegt, um zu sein, was ich nun vorfinde. Und wenn etwas gilt, so ist es: Im Innen, wie im Außen. So ich mich sehe und ich mich verstehe in der kleinsten, von mir wahrgenommenen Naturerscheinung, Ich bin ein Teil von ihr, war es immer und werde es immer sein. Und alles strömt dorthin, in die Versöhnung von Land und Wasser, von hart und weich, in die Vereinigung der Gegensätze. Sie sind darin ihrer selbst vollständig bewusst. Eine Harmonie, die sich in dem Moment zur Zeitlosigkeit aufschwingt.

Und darum laufe!

Sturz

Stolperst du, oder stürzt du sogar in deinem Lauf, weil dein Fuß an einer Wurzel oder an einem Ast hängen bleibt, so ist dies nicht ein Ausdruck dafür, dass der Gedanke, den du gerade dachtest, falsch wäre. Der Sturz ist keine Folge davon, dass der Gedanke irrig wäre, unangemessen oder sogar ein Unrecht. Der Sturz ist nur ein Ausdruck dafür, dass du dich etwas zu tief in den Gedanken hineinbegeben hast. Er verdeutlicht nur, dass du weit der Energie gefolgt bist, die dich erfüllt hat. Die Energie, die es ist, an der etwas ist. Die Energie, der du zu folgen hast. Gehst du über eine Schwelle hinein in das Reich, in dem du zu Erkennen dich befähigst, weil du der Natur ein Gegenüber bist, so verharre mit einem Teil deines Bewusstseins in der Welt, die vor der Schwelle liegt. Erkenne die Wurzel, die auf deinen Fuß wartet. Das ist schon alles.

Und darum laufe!

Geschlossene Augen

Mit geschlossenen Augen zu laufen ist möglich. Ich probiere es aus. Zehn, zwölf Schritte und mir wird schwindelig. Ich taumele, öffne meine Augen und orientiere mich neu. Ein ebener Weg, besser noch eine ebene Fläche, ohne Hindernis und ich könnte noch länger laufen, ohne zu blicken. Ich denke an eine Salzwüste, in der in alle Richtungen kilometerweit kein Hindernis mich behindern würde. Was für Zustände mögen in ihr möglich sein? Ganz bewusst und voller Vertrauen könnte ich mich dem Gefühl hingeben. Ich könnte meinen Geist befreien und ausrichten. Ich könnte überprüfen, was es ist, dass mich schwindelig werden lässt. Ein Rausch könnte es sein. Ein stundenlanger Lauf, ein Marathon mit geschlossenen Augen ist möglich.

Und darum laufe!

Das Schärfen

Das Schärfen eines Messers mit einem Stein, in steten, ruhigen Bewegungen, in Halbkreisen, in Lemniskaten, um abzutragen was zu viel ist, um sich der Schärfe anzunähern. Eines Messers Schneide, von besonderer Schärfe. Es teilt ohne Widerstand. Und so ist es dem Laufen nah. Auch dies ein Schärfen, um zu teilen. Ohne Widerstand. Ein Schärfen des Verstandes und der Intuition. Es teilt den Weg in rechts und links. Es teilt die Gedanken in die, welche ich fallen lassen und die, welche ich bewahre. Zudem nimmt es von den Gedanken alles fort, was überflüssig ist. Das Hinfort nehmen, von all dem, was zu viel ist, um die Schneide zu erzeugen, die zu teilen vermag. Um dann hinfort zunehmen von dem Wesentlichen. Von der Sache-an-sich. Das Denken ist Werkzeug und Werkstück zugleich. Präzision ist die Aufgabe. Was einmal in die Welt gelangt, ist zuvor erdacht. Das Denken, ein Akt der Schöpfung. So frei es ist, irgendwann steht dort die Erkenntnis, dass es manifestiert. Es ist nicht ohne Folgen. Es ist die übertragene Verantwortung. Leicht, frei und heiter soll es sein, doch zudem präzise. Schritt für Schritt. Deshalb das Schärfen.

Und darum laufe!

Eine Schule des Laufens

Wann beginnt das Laufen? Wo endet das Gehen? Ich laufe an manchen Tagen so langsam, dass schnell gehende mich überholen würden. Und doch ist ihr Gehen nicht Teil dieser Schule des Laufens. Die Geschwindigkeit ist es nicht. Es ist nicht das Verhältnis der Zeit zu der in ihr zurückgelegten Distanz. Es ist darin nicht messbar und auch nicht vergleichbar. Es ist immateriell und innerlich. Es ist, in der Bewegung zur Ruhe zu gelangen. Der Schlag des Herzens spielt sicher eine Rolle. Leicht erhöht soll der Puls sein, mehr jedoch nicht. Auch hier ist alles individuell. Leicht erhöht im Verhältnis zu dem Ruhepuls. Dem Ruhepuls eines Menschen. Was ist das Wesen in mir? Anwesend, gegenwärtig zu völliger Ruhe zu gelangen, über die Zeit und den etwas erhöhten Puls – das ist diese Schule des Laufens. Es gibt keine Eile. Eile macht keinen Sinn. Es gibt kein Voraus, noch Hinterher. Ist es nun Laufen oder Gehen? Ganz egal! Es ist, in sich versunken zu sein. Nicht im eigenen Sumpf, der dunkel schweflig brodelt. Versunken im Keim, im Samenkorn des Selbst, welches golden leuchtet. Im Ich-Punkt. Im Jetzt, dort, wo alles zusammenläuft: Schicksal und Bestimmung, Wille und freie Wahl, Vergangenes und zu Erwartendes, Körperliches und Geistiges. Es ist der Punkt, der Ich und All zugleich ist, der keine Ausdehnung kennt. Unmessbar klein, ohne Länge noch Breite, ohne Geschmack, Farbe, Struktur und Form. Ein Punkt nur und das All zugleich, das vollkommene. Dessen Ausdehnung ist unmessbar weit, ohne Länge noch Breite, ohne Geschmack, Farbe, Struktur und Form. Das ist diese Schule des Laufens.

Und darum laufe!

Unsichtbar

Ich laufe und werde nicht gesehen. Still, leis und gewandt. Ich nehme Form und Gestalt an von dem, was mich umgibt. Ich werde zu einer Luftspiegelung, die vorhandenes unsichtbar macht, anstatt nicht vorhandenes vor Augen zu führen. Ich werde zu einem Laut, der so innerlich ist, dass es nicht zu glauben ist, dort draußen wäre etwas, welches diesen Laut erzeugt. Ich täusche und lasse darin dem mir entgegenkommenden Menschen seinen inneren Raum unirritiert. Dies ist nicht der Tag für Irritation. Ich laufe, als würde nicht einmal die Luft verwirbelt, die mich umgibt. Kein Erkennen, kein Wahrnehmen. Niemand sieht mich oder hört von mir. Eine Decke habe ich über meinen Kopf geschlagen und in mich hinein die Dunkelheit gesenkt. Ich laufe und bin dabei in mir zusammengekauert, gekrümmt im Zelt meiner Decke. Es ist ein Sternenzelt. Auf die Innenseite nun projiziere ich das Universum in den für mich in diesem Moment bedeutenden Erscheinungen. Und es ist ein weites Leuchten und Scheinen. Das ist mein Weg.

Und darum laufe!