Die Welle

Eine Welle, die mich verfolgt. Wie heranstürmende weiße Pferde und ich bin kurz vor ihnen. Einer Brandungswelle gleich, die über mir zusammenzustürzen droht. Die Geschwindigkeit so hoch zu halten, dass ich vor ihr bleibe, ist meine Aufgabe. Ich laufe also schnell. So schnell, dass ich die Gedanken nicht denken muß, deren Kraft sich in dem Bild der heranstürmenden weißen Pferde ausdrückt. Ich bin vor den Gedanken und erschöpfe mich. Und ich erschöpfe auch die Gedanken. Langsam zu werden, bedroht mich nun nicht mehr. Und tatsächlich: Alles ist gut! Für den Moment.

Und darum laufe!

Torus

Eiweiße, vielleicht Verunreinigungen im Wasser, die aufschämen, dort, wo das Wasser rauscht, wo es über Barrieren stürzt, spritzt und brodelt. Aus diesem Schaum, der von einem querliegenden Ast geschlagen ist, bildet sich in einem beruhigten Seitenbecken des Baches ein Ring aus Schaum. Ein Torus, einem Rettungsring in Form und Größe gleich, in steter ruhiger Kreisbewegung. Er schäumt von seinem äußeren Rand auf, um nach innen hin ebenso ebenmäßig abzuschäumen. Ein Ring aus Schaum. Eine Form, die mich völlig unerwartet trifft. Das Runde bildet sich über die Bewegung und die Kollision mit der geraden Kante die der Ast hier bietet. Aus dem Geraden entspringt das Runde. Ein wundersamer Torus so eigenartig fremd in dieser Umgebung und es erscheint mir ganz klar: Kein Gegensatz, keine Opposition, keine Dualität, die nicht zugleich eine Einheit wäre.

Und darum laufe!

Die hohe Kunst

Mit dem gesenkten Blick, dem verengten Sichtfeld auf den Bereich vor meinen Füßen, lasse ich die Erde unter mir hinwegströmen. Steine, Staub, Geröll, Gräser, Wurzeln, Pfützen. All dies in dem Strom meines Laufes, in den sich bildhaftes aus meinen Gedankengängen mit einfügt, um den Raum vollständig auszufüllen. Ich blicke nur dorthin. Ein ovaler Raum, vielleicht einen Meter vor meinen Füßen. Ich schirme mich völlig ab. Kein Blick weicht ab. Und ich folge einer inneren Erzählung. Sie kann sich aus all dem, was denkbar ist, speisen. Immer ist sie die Realisation des Wunsches von etwas, erzählt zu sein. Die Erzählung taucht auf, weil sie erzählt und von mir gehört sein will. Oft begegne ich im Zuhören Gefühlen der Reuhe und der Scham. Ich versuche sie sein zu lassen, nachdem ihnen hier mein Raum zur Verfügung gestellt war. Das gelingt meist ganz gut, denn in mir ist der Wunsch, es gut werden zu lassen und Frieden zu schließen. Dieser ovale Raum, einen Meter vor meinen Füßen ist ein Ort der Heilung, der Harmonisierung und ich erfahre immer wieder, in ihm aufzugehen und aus ihm gereinigt hervorzutreten. Dabei genügt es, einer einzigen Erzählung zu folgen. Um die Erzählung in der Tiefe aufzunehmen und vielleicht sogar zu verstehen, ist es sogar notwendig, dass ich mich auf diese eine Erzählung konzentriere. Die Bewegung, der Stoffwechsel, Atmung, Weg und mich Umgebendes, Pflanzen, Tiere, Menschen, Regen, Sonne, das Licht und sein Schatten, dies alles dient dieser einen Sache. Und es ist der Strom des Lebens, der unter mir fließt. Er ist vielschichtig, unfassbar, in steter Veränderung und in steter Bewegung. Ich laufe auf dem rauschenden Wasser dieses Stromes. Meine Füße fliegen über ihn hinweg, sodass sie seine Oberfläche gerade eben nicht berühren. Ich spüre die kühle feuchte Luft an mir aufsteigen. Ich darf nicht stehenbleiben. Ebensowenig darf ich nicht zu schnell laufen. Ich würde außer Atem geraten. Meine Geschwindigkeit soll so sein, dass ich nicht leide und reagieren kann, wenn es erforderlich ist. Ein wenig zu beschleunigen ist mir dann noch möglich. Nichts ist vorherzusehen, so ist es gut, ein wenig bereit zu sein. Ich laufe auf dem Wasser und bedenke die Metapher, so wie ich sie erzählt bekommen habe, neu. Über das Wasser laufen, auf den Wasser laufen … und nun leuchtet mir ein, dass damit gemeint sein kann, die rechte Geschwindigkeit zu wahren bei dem Lauf auf dem Strom des Lebens. Dem Lauf auf dem Strom des eigenen Lebens. So individuell und schön, wie ein jeder Mensch ist. Ohne dabei in dem Strom des Lebens zu ertrinken. In des Schwebe sich zu halten, in einer Harmonie mit dem Sein. Darin zu dem Strom selbst zu werden, der großen unermesslichen Kraft. Ein Prophet, der auf dem Wasser lauft. Ja, ein Wunder, welches einer Erzählung wert wäre. Doch wieviel mehr kann es für uns bedeuten, sei dies eine Metapher für die hohe Kunst des Seins. In dem Sein wirklich zu werden, in dem höchsten mir möglichen Potential.

Und darum laufe!

Schleifen

Ich laufe in Schleifen. Ein Weg, ein Gedanke, das Gefühl von Schuld und Scham, etwas, das mich nicht loslässt. Es kreist in mir, sodass es mir zu einem Ärgernis wird, welches ich nicht einfach abstreifen kann. Es ist ein Ärgernis, so sehr, dass ich kurz davor bin, den Lauf abzubrechen. Ich bin kurz davor, es sein zu lassen. Eine List kommt mir zuhilfe: Ich laufe ein Stück zurück auf meinem Weg, etwa so weit bis zu dem Ort, an dem ich begann mich zu ärgern. Oder sogar noch weiter zurück bis zu dem Ort, an dem ich begann über das nun erblühte Ärgernis nachzudenken. Dort angelangt, wechsele ich erneut die Richtung und nehme die zweite Chance, von diesem Knotenpunkt aus loszulaufen. Der Knotenpunkt, ist der Punkt, der mich am meisten interessiert. Hier wo der Faden, die Schnüre verknotet ist, wo sie fixiert ist, setze ich mit meiner Frage an. Ich verstehe, was es bedeuten würde, den Knoten zu lösen. Eine Schnur, die zuvor gebunden war, würde auf eine sehr viel größere Länge auseinandergezogen. Einem Quantensprung gleich, wäre von einem auf den anderen Moment ein Anfangspunkt von dem Zielpunkt abgerückt. Der Raum, der dazwischenläge wäre gewaltig erweitert. Es ist also kein mühsames sich annähern an Größe, Weite, Tiefe oder Bedeutung. Es ist da, in diesem Moment. Die Erkenntnis bricht ein in die Realität, wie ein Läufer auf dem Eis. Mich interessiert also diese Verknotung, die mich wiederholen lässt. Die mich daran hindert loszulassen und weiterzuziehen. Mich interessiert der Knoten mehr als alles Andere.

Und darum laufe!

Der Sprung

Ein leichter Sprung über einen halb auf dem Weg liegenden Baum und ich bermerke: Der Sprung, er ist nicht aus der Kraft des Beines, welches den Boden berührt heraus vollzogen. Er ist nicht in dem Abstoßen oder dem Abdrücken, da ja das hintere Bein durchgestreckt und gerade eben noch den Boden berührt. Es kann micht nicht mehr abdrücken. Vielmehr ist der Sprung eine Art inneres Ziehen aus dem angehobenen Bein, welches durch mich hindurch den Sprung und den Flug aus dem gegenüberliegenden Arm, dem Rücken, dem Nacken zieht. Der Sprung, er ist ein Ziehen in der Bewegung. Er ist ein Impuls hinauf. Und er ist ganz innerlich. Und für einen Moment fliege ich.

Und darum laufe!

Das Andere

Das Eine es ist, eine achtlos hinweggeworfene Konservendose die Straße hinabzutreten, ihr, ihrem Scheppern zu folgen, für den nächsten Tritt, den darauffolgenden dazu. Für Lebensjahre, mit einem Minimum an Variation, einem begrenzten Risiko. Ist doch diese Straße ihr Ort. Sind doch die Ränder dieser Straße ihre Begrenzung. Bin ich doch bemüht, in jedem Tritt dem Lauf der Straße zu folgen und, ohne darüber nachzudenken, trete ich von der Bankette aus in die Richtung des großes Stromes, in die Mitte der Straße, die sich im Horizont verliert.

Das Andere es ist, in den Büschen zu verschwinden, Rechts oder Links, über die Bankette hinweg, sich in die Wildnis zu schlagen, sich zu verlieren, sich selbst zu riskieren, sich selbst herauszufordern und in der Herausforderung sich selbst zu erahnen. Es ist, sich in die Dornen, die Nesseln zu begeben. Hindurch, nicht blind, doch in der Kraft, die sich in der Herausforderung zu erheben hat. Es ist, die Konservendose sich selbst zu überlassen. Sich nicht mehr verpflichtet zu fühlen. Frei davon. Es ist, zu verschwinden, leis wie ein Tier, dem Instinkt zu folgen, zur Wildnis selbst zu werden.

Und darum laufe!

Gefängnis

Ein mich begrenzender Raum. Wände, ungeschmückt. Um mich herum, so eng, dass ich gerade meine Arme ausbreiten kann, ohne sie zu berühren. Ich betrachte die Strukturen, weiße Wandfarbe, abgeblättert und wieder übermalt. Ein mich begrenzender Raum, und doch bin ich frei in ihm, in meinem Gefängnis, wenn ich ohne Ziel, ohne Absicht, empfänglich bin, der reine Atem.

Ein mich begrenzender Raum, sind es auch zehntausend Meter, die ich hier laufe in meinem Plan. Er ein Gefängnis mir ist, dieser Raum. Ich betrachte die Strukturen, braunes Laub des Vorjahres, verrottete Blattstrukturen, in Schlamm und Spur zerdrückt. Und doch bin ich frei in ihm, in meinem Gefängnis, wenn ich ohne Ziel, ohne Absicht, empfänglich bin, der reine Atem.

Und darum laufe!