Unsichtbar

Ich laufe und werde nicht gesehen. Still, leis und gewandt. Ich nehme Form und Gestalt an von dem, was mich umgibt. Ich werde zu einer Luftspiegelung, die vorhandenes unsichtbar macht, anstatt nicht vorhandenes vor Augen zu führen. Ich werde zu einem Laut, der so innerlich ist, dass es nicht zu glauben ist, dort draußen wäre etwas, welches diesen Laut erzeugt. Ich täusche und lasse darin dem mir entgegenkommenden Menschen seinen inneren Raum unirritiert. Dies ist nicht der Tag für Irritation. Ich laufe, als würde nicht einmal die Luft verwirbelt, die mich umgibt. Kein Erkennen, kein Wahrnehmen. Niemand sieht mich oder hört von mir. Eine Decke habe ich über meinen Kopf geschlagen und in mich hinein die Dunkelheit gesenkt. Ich laufe und bin dabei in mir zusammengekauert, gekrümmt im Zelt meiner Decke. Es ist ein Sternenzelt. Auf die Innenseite nun projiziere ich das Universum in den für mich in diesem Moment bedeutenden Erscheinungen. Und es ist ein weites Leuchten und Scheinen. Das ist mein Weg.

Und darum laufe!

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Tänze und Läufe

Tänze, die dem Laufen ähnlich sind. Menschen im Kreis in einer Richtung, in steter Bewegung. Kein Anfang und kein Ende. Läufe, die dem Tanzen ähnlich sind. Musik stellt sich ein. Die Füße umtanzen Steine, Blätter, Insekten und laufen immer weiter. Ohne eine Erinnerung an den Beginn, ohne eine Ahnung von dem Ende. Die kürzeren Schritte erlauben, zu betonen, darin ein Spiel. Als würden Klänge Schritt um Schritt entstehen.

Und darum laufe!

Schlaf

Ich muss eingeschlafen sein, denn ich blicke mich um und finde mich liegend unter einem Baum an einem heiligen Ort im Wald. Ich habe mich wohl hingesetzt, um auszuruhen und bin eingeschlafen. Ich kann nicht sagen, wie viel Zeit verstrichen ist. Vielleicht war es nur ein kurzer Moment. Ich erinnere mich, losgelaufen zu sein. Ich trage meine Laufkleidung. Nun bin ich hier. Ich streiche mir mit der Hand über das Gesicht, um mich zu erfrischen. An meinem linken Augenlid bemerke ich etwas Ungewöhnliches. Ein Widerstand, eine Erhöhung. Ich befühle, was ich nicht sehen kann, ist es doch direkt auf meinem Auge, nur getrennt durch das Lid. Es fühlt sich so an, als wäre die Erhöhung direkt in meinem Auge und so greife ich nach der Erhöhung mit Daumen und Zeigefinger, einer Pinzette gleich. Ich umfasse, was sich dort festgebohrt hat und ziehe, so dass sich das Augenlid abhebt. Ich erhöhe die Kraft und bleibe geduldig. Mit einem Knacken löst sich das Spinnentier und ich halte es in meinen Fingern. Ich danke dem Spinnentier für den Hinweis, den ich bekomme – es saß fest auf meinem linken Auge. Es wären so viele andere Stellen möglich gewesen. Ich zerdrücke das Spinnentier zwischen meinen Fingernägeln und mache mich zurück auf meinen Weg.

Und darum laufe!

Frühjahrssturm

Das Rauschen des Windes in den Kiefern über mir lässt mich lauschen.So wie ich jetzt lausche, habe ich es schon zuvor viele Male getan. In vielen Jahren. Stets empfing ich eine Botschaft. Daran erinnere ich mich jetzt. Das Rauschen schwillt an, es tönt herbei und zieht wieder fort. Seitlich weg von meinem Weg. Lebendig und wesenhaft. Je mehr ich lausche, umso mehr nehme ich wahr und umso mehr verstehe ich. Schon immer verstand ich etwas, doch nicht, wie ich jetzt verstehe. Ich bin mir sicher: Es ist eine Sprache! Sie kündet von der Ferne, aus der der Wind sich aufgemacht hat. Sie kündet von fortwährender Bewegung. Ohne Anfang ohne Ende. Eine Weite liegt darin.

Und darum laufe!