Ein Haar

Ich gelange zu einem heiligen Ort. Ein Felsen erhebt sich über den Bach, der sich sanft um diesen Felsen schlängelt. Der Felsen hat die Form des Kopfes eines ausgewachsenen Blauwals und ich stelle mir vor, wie der Körper des in Stein erstarrten Tieres über viele Meter in die Tiefe der Erde reicht. Es ist der Moment, in dem der Wal die Wasseroberfläche durchstößt, um alsbald mit seinem riesigen Körper auf sie niederzuschlagen. Umgestürzte Bäume rahmen diesen Ort. Ein Durchgang durch die rahmende Barriere und schon bin ich da. Der Ort wirkt auf mich unvermittelt geradezu profan, gemessen an der innerern Erwartung und dem Moment, in dem ich ihn betrat. In dem Moment des Überschreitens der Barriere vollzog ich eine innere Handlung, eine Art Ritual, eine innere Verneigung. Und ich denke: Die Schwelle, die zwischen dem Einen und dem Anderen liegt, ist dieser heilige Ort. Sie selbst ist dieser Ort, ganz innerlich. Und diese Schwelle ist unendlich klein, sie ist die Grenze zwischen Diesem und Jenem. Sie ist so unendlich fein, dass ich sie kaum lokalisieren kann. In dem einen Schritt war sie erfahren. Ihre Kraft ist so ungeheuerlich groß, so wie sie selbst fein ist, wie ein hundertfach gespaltenes Haar.

Und darum laufe!

Der erste Lauf

Irgendwann, vielleicht in früher Jugend, gab es einen Lauf, den ich vollig aus mir heraus begann. Ohne eine Vorstellung von einem Nutzen, ohne Vorstellung von einem Zweck, dem dieser Lauf hätte dienen sollen. Es muss einmal den ersten völlig aus mir heraus motivierten Lauf gegeben haben. Das erste Mal. Die Erste Begegnung mit der Freiheit. Ich lief los und eignete mir diesen Raum der Freiheit an. Im Spiel vielleicht, übermütig in der Entdeckung der eigenen Fähigkeit. Vielleicht als Form der Verarbeitung einer starken Emotion, als Ausdruck der reinen Freude an der Lebendigkeit, kindlich naiv. Ich trage diese Freude hinüber in den heutigen Tag und laufe wieder und immer noch ohne eine äußere Motivation, völlig aus mir heraus. Das sind die wertvollen, goldenen Momente, in denen ich mich frei bewege. Und jetzt begegne ich einem Gedanken. Einer phantastischen Vorstellung. Ich stelle mir vor, dass es irgendwann einmal den allerersten Lauf eines Menschen überhaupt auf diesem Planeten gegeben hat, der völlig frei war von einer äußeren Motivation. Vor millionen von Jahren vielleicht. Ein früher Vorfahre lief los und erwarb sich die Freiheit, zu laufen. Gesättigt, vertrauend, unbedroht, ohne Wettstreit noch Konkurrenz. Vielleicht völlig unbewusst darin. Einem Spiele gleich, als Ausdruck des Vermögens, laufen zu können. Sich darin erfahrend. Kindlich naiv. Etwas war mit diesem ersten freien Lauf verändert. Etwas war unwiderruflich gewandelt. Die Bedeutung dieses Moments strahlt hinaus in das Universum. Und ich ziehe die Kraft dieses allerersten Laufes der Menschheitsgeschichte hinein in diesen einen Moment, in dem ich mich ohne Zweck, ohne Absicht bewege. Ich verbinde mich mit der geborgenen, vertrauenden Kraft der Freiheit.

Und darum laufe!

Eine Schule des Laufens

Wann beginnt das Laufen? Wo endet das Gehen? Ich laufe an manchen Tagen so langsam, dass schnell gehende mich überholen würden. Und doch ist ihr Gehen nicht Teil dieser Schule des Laufens. Die Geschwindigkeit ist es nicht. Es ist nicht das Verhältnis der Zeit zu der in ihr zurückgelegten Distanz. Es ist darin nicht messbar und auch nicht vergleichbar. Es ist immateriell und innerlich. Es ist, in der Bewegung zur Ruhe zu gelangen. Der Schlag des Herzens spielt sicher eine Rolle. Leicht erhöht soll der Puls sein, mehr jedoch nicht. Auch hier ist alles individuell. Leicht erhöht im Verhältnis zu dem Ruhepuls. Dem Ruhepuls eines Menschen. Was ist das Wesen in mir? Anwesend, gegenwärtig zu völliger Ruhe zu gelangen, über die Zeit und den etwas erhöhten Puls – das ist diese Schule des Laufens. Es gibt keine Eile. Eile macht keinen Sinn. Es gibt kein Voraus, noch Hinterher. Ist es nun Laufen oder Gehen? Ganz egal! Es ist, in sich versunken zu sein. Nicht im eigenen Sumpf, der dunkel schweflig brodelt. Versunken im Keim, im Samenkorn des Selbst, welches golden leuchtet. Im Ich-Punkt. Im Jetzt, dort, wo alles zusammenläuft: Schicksal und Bestimmung, Wille und freie Wahl, Vergangenes und zu Erwartendes, Körperliches und Geistiges. Es ist der Punkt, der Ich und All zugleich ist, der keine Ausdehnung kennt. Unmessbar klein, ohne Länge noch Breite, ohne Geschmack, Farbe, Struktur und Form. Ein Punkt nur und das All zugleich, das vollkommene. Dessen Ausdehnung ist unmessbar weit, ohne Länge noch Breite, ohne Geschmack, Farbe, Struktur und Form. Das ist diese Schule des Laufens.

Und darum laufe!

Wissenschaft

Wäre ich in dem Bewusstsein des Wissenschaftlers und wäre mir daran gelegen, nachzuweisen, dass ein Aufenthalt in einem Wald heilsam sei für einen Menschen oder sogar vielleicht für jeden Menschen – ein solcher Nachweis würde mir gelingen. Darin bin ich mir sicher. Eine Anzahl von Minuten, im Wald verbracht, in der Umgebung von dem, was wir Wald nennen, gehend, sitzend oder laufend, würde, so die Aussage, das Auftreten von zu bestimmenden Krankheiten in dieser oder jener Jahreszeit deutlich verringern. Dieser Nachweis würde mir gelingen. Doch nicht, weil hieran etwas wahr wäre, absolut, richtig oder überhaupt nachweisbar. Es würde mir gelingen, weil ich von der Aussage und dem zu erreichenden Ergebnis überzeugt wäre. Doch es geht um etwas völlig Anderes. Es geht um den Moment. Es geht um die Freiheit, die keines Beweises bedarf. Es geht um das Wissen und die Verkörperung des Wissens. Um das schweigende Vertrauen und das Lächeln, welches ich zurücktrage in die Gesellschaft der Menschen.

Und darum laufe!