Der Strom

Ich folge dem Lauf des Wassers und versuche in genau der Geschwindigkeit zu laufen, in der sich der Bach dem Strom annähert. Auf dem schmalen Pfad, von den perlenden Nesseln gespornt und auch erheitert. Nach einer Weile stehe ich am Ufer des Stromes. Es ist heller als im Wald. Das Licht hatte sich in der Ferne angekündigt und nun umschließt mich die blaue Farbe des Himmels, sodass ich tief atme und mich ausruhe. Ich sitze an dem Ufer und blicke auf den Strom vor mir. Er ist so breit, dass mein Blick nur das Wasser umschließt. Sodass ich den steten, in leichten Wellen und Körpern sich bewegenden Wassermassen zusehe, ohne ihnen mit dem Blick zu folgen. Eine Formation im Wasser, ein Gebilde, eine Gestalt. Eben ist sie erkannt, schon ist sie aus meinem Sichtfeld geflossen. Ein Folgen ist nicht möglich, es ist sanft und ich lasse es nach kurzem Widerstand gewähren: Das Strömen. Es strömt durch mich hindurch und es ist stet, seine Kraft ist schier unermesslich. Ich empfinde Respekt und lass es sein: Ich betrachte den Strom, alles fließt vorbei, ich halte nichts fest. Worte in meinem Kopf, die sich wiederholen, sich aneinanderreihen und in mir tauchen Bilder auf. Menschen, Gefühle, in der Tiefe des Stromes und auch an seiner Oberfläche. Alles kann atmen, nirgends eine Not. Kein Ringen um Luft. Gesichter sich zeigen: alte, vertraute, ungesehen vertraute. Gesichter der Zukunft, der Gegenwart. Verflossene. Ihr Lächeln mich rührt, darin ihr Wohlwollen. Aus dem Mysterium heraus ist nichts erklärt. Es selbst ist nicht erklärt. Das Mysterium bedarf keiner Erklärung, doch in ihm offenbart sich mir das Richtige und ich kann dem Richtigen folgen. Nichts ist als Hinweis, nichts ist als Rat zu verstehen, doch das Wohlwollen der mich anlächelnden Erscheinungen, es ist auch mein Wohlwollen, mein Sehnen nach dem mich umfassenden Frieden. Ich weine, denn ich fühle, nicht dankbar gewesen zu sein. Ich weine, denn ich fühle, nicht still gewesen zu sein. Ich weine, denn ich fühle, nicht liebevoll gewesen zu sein.

Und darum laufe!

Wasseramsel

Ein seltener Vogel auf einem Stein im Bach. Nur weil ich auf halber Strecke ausruhe, fällt mir dieser Vogel auf. Ich war zu müde für die lange Strecke, habe zu lange schon nicht mehr den Weg hierher gefunden, war müde überhaupt, erschöpft zu sehr, um aus mir die Kraft zu schöpfen. Der weiße Fleck auf der Brust des Vogels leuchtet weit zu mir herüber, so wie die den Stein umfliessende Gischt des frischen Wassers. Sein dunkles Federkleid, grau und braun, fast schwarz, ich verstehe, dass es genau angepasst ist an die Farbe der ihn umgebenden Steine. Angepasst an die Schatten, die die Steine in das Wasser werfen, an die Tiefen, die sich im Dunkel verlieren. Dies ist sein Lebensraum, ganz nah dem Wasser. Nie zuvor sah ich diesen Vogel. Auf Abbildungen vielleicht. Doch so nah, wie die Abbildungen ihn zeigen, kann ich ihm nicht kommen. Zu aufmerksam, zu scheu ist er, sodass er auffliegt und knapp über dem Wasser, schnell dem Bachlauf folgend, flüchtet. Ich weiß dass er unter Wasser nach seiner Nahrung sucht. Auch dass er singt, dass sein Federkleid so dicht ist, dass es ihm ein Tauchen ermöglicht. Was ich erfahre in dem Moment des Ausruhens ist, dass dieser Ort, den ich ja gut kenne, ganz eigenartig neu belebt ist für mich durch diese Begegnung mit diesem Tier. Als würde der Ort seine Seele offenbaren, die mir zuvor verborgen war. Die Fähigkeiten und Eigenschaften dieses Vogels sind mir nun mit diesem klar strömenden Abschnitt des Baches verbunden. Und ich sehe vor meinem inneren Auge diesen Vogel unter der Wasseroberfläche mit seinen kräftigen Krallen auf dem Gestein umherwandern und nach Nahrung suchen. Ein Taucher und ein Wanderer, ein Sänger und ein sich-verbergender, ein schnell davoneilender.

Und darum laufe!

Gefühle

Eine Geste meiner Hand teilt das fließende Wasser des Baches, als wäre ein Schnitt vollzogen. Eilig, behend hindurchgeführt. Und nun dieser Schnitt hinabströmt, dem Lauf des Baches folgend. Was war, ist schon nicht mehr. Aus der Vorstellung gleitet dieser Schnitt heraus und darin kein Innehalten: weiter, immer weiter! Was bleibt, ist das Gefühl der Geste in der Hand, die nun gerade sich löst aus der Haltung, die dieses Trennende vollzog. Was bleibt, ist das Gefühle der Kühle, das Nass an den Fingern, das unbedacht Schüttelnde, um in Tropfen abzuwerfen. Was bleibt, ist der taumelnde Blick in das rauschende Licht, vom Wasser gebrochen.

Und darum laufe!

Regentropfen

Im Wald die Regentropfen leise fallen. Eine Wasserfläche fängt meinen Sinn. Kreise sanft sich ziehen. Kleine, von Zeit zu Zeit ein etwas Größerer. Die Wellen nun im Kreise sich ausbreiten und einander begegnen. Es ist ein feines Spiel. Es ist ein Ebenmaß darin. Und es ist alles voller Sinn. Der Bäume Schatten liegt leicht bewegt auf dieser Fläche. Es ist ein Blick hinab und hinauf zugleich. Ich erinnere, schon oft genau so geblickt zu haben. Schon oft geborgen mich gefühlt zu haben, in dem Spiel der Wellenberge. Und kein Tropfen stört die Harmonie, kein fehlgesetzter Kreis. Alles mit Bedacht, von sanfter Hand geführt. Kein einziger Tropfen ohne Sinn.

Und darum laufe!