Vertrauen

Durch das dichte Blätterdach im feuchten Morgen dringt ein Sonnenstrahl hinab auf meine Hand. Im Augenwinkel, fein, sehe ich den Streifen hinauf zur Sonne sich ziehen. Er entspinnt sich von dort oben, wie der silbrige Faden einer Weltenspinne und ich erahne Millionen, milliarden von goldenen Strahlen in diesem einen Strahl verborgen. Gebündelt, gewunden, Strahl und Teilchen, Welle und Element. Ich kann nur vertrauen, mehr nicht.

Und darum laufe!

Die Sonne

Durch den kühlen Morgen laufe ich in einer Gruppe. Die Menschen sind mir fremd, und doch sind wir miteinander verbunden im Rhythmus des Laufes. Warum nur schweigen wir? Dies ist doch ein frei gewählter Lauf, dies ist doch der Moment des Genusses. Der Aufstieg hierher, er war doch schwer genug. Die Zeit ist doch am Ende nicht so wichtig, als dass wir schweigen müssten? Milchiges Licht im Hochnebel, Tannengrün. Kurz zuvor rief uns ein Mann am Wegesrand zu: Bald kommt die Sonne, Ihr seid auf dem richtigen Weg, dort oben auf dem Gipfel, dort scheint die Sonne! Und wir schweigen. Wie unnatürlich, denke ich. Am Gipfel angelangt, rufe ich in unsere Gruppe hinein, sodass wir alle es hören können in dem Ton der naiven Freude: Wo ist denn nun die Sonne? So, als hätte ich, als hätten alle dem Mann, der sie Versprach glauben können, glauben müssen. So, als wären wir nie jemals enttäuscht gewesen von einem versprechen, welches ein Mensch uns einmal gegeben hat. Ein Versprechen, um uns anzuspornen, uns zum Weiterlaufen zu bewegen. Ein weiterer Moment des Schweigens, ein paar Schritte mehr und dann sagt die neben mir laufende Frau: Die Sonne, das bist Du! Und ich bin wie energetisiert von ihrem Wort. Ich lächele in Dankbarkeit. Ein wenig verlegen auch, doch wir als Gruppe, wir sind mit einem Mal miteinander vertraut. Wir sind geborgen in der Konstellation, die uns hier einen Moment lang trägt. Die Konstellation, die wir dann auch bald wieder verlassen können. Und so denke ich ein wenig später, dass ich versäumt habe ihr zu erwidern: Und das Herz, das bist Du!

Und darum laufe!

Farben

Ich bleibe stehen und schließe meine Augen. Ich drehe mich und wende mich der aufgehenden Sonne zu. 6000 Kelvin. Ich lasse mich vom Licht bescheinen und nehme die Wärme der Sonnenstrahlen auf. Ich bemerke, wie mein Körper in der Kälte des Morgens dampft. Mein Atem beruhigt sich, mein Pulsschlag entspannt sich und ich schaue mit geschlossenen Augen. Ich sehe Farben: Rosa, Violett, Gelb, auch Weiß. Ich sehe Orange, Dunkelrot, bläuliche Töne. Die Farben gehen ineinander über, sie verlaufen ineinander, versinken und erheben sich. Sie geben den Raum wieder für die folgende Farbe frei. Ich schaue mit geschlossenen Augen ohne zu fokussieren. Ein Farbenspiel, alles ist bewegt. Ein Meer an Farben. Meine Augen entspannen sich. Vielleicht, so denke ich, sind dies die Farben, die ein Embryo im Bauch seiner Mutter sehen mag.

Und darum laufe!

Sonne

Als würde ich einem Tiere gleich aus einer Pfütze trinken wollen, neige ich mich hinab und blicke in die Spiegelung der Sonne, die sich an der Oberfläche des Wassers dort bildet, wo Blätter, Samenkapseln und Stengel die Wasseroberfläche durchbrechen. Die Sonne spiegelt sich in dutzenden, funkelnden Lichtpunkten hier und dort verteilt auf diesem Abschnitt der Pfütze. Und ich tauche ein in dieses Sternenmeer aus Hell und Dunkel. Ich nähere mich weiter an und entspanne meine Augen, sodass ich parallel blicke und lasse alles, was vor mir liegt miteinander verschwimmen. Meine Augen, oder vieleicht auch nur eines, beschenkt mich nun inmitten der weichen, samtenen Unschärfe mit einem Bild des einen, von diesem Auge fixierten Lichtpunktes. Dieser Lichtpunkt ist wie entfärbt und dabei vollkommen scharf. Und ich erstaune. Ich benötige eine Weile, um zu verstehen, was ich hier sehe. Der von mir fixierte Punkt ist so nah, dass ich ihn eigentlich nicht scharf sehen kann. Ich sehe durch ihn hindurch in die weite des Raumes, aus dem das Licht zu mir dringt. Ich sehe vor mir einen Kreis, in dem sich runde Formationen vereinen, sich wieder aufteilen, umherschwimmen. Dann um den Kreis herum ein Kranz von herausreichenden Strahlen. Ein flammender Kranz. Es muß die Sonne sein, deren Bild ich hier sehe, denke ich. Die Sonnenflecken in ihrer Aktivität, die Sonnenwinde die in den Weltraum hinausschießen, ihre Corona, alles ganz deutlich und scharf. In steter Bewegung, so weit weg und doch so deutlich. Ich habe technische Bilder hiervon gesehen und erkenne alles wieder. Der direkte Blick in das Licht der Sonne hinein hätte meine Augen geschädigt. Es ist die Brechung des Lichtes in der Oberfläche der Pfütze, die meine Augen schützt. Hier in diesem indirekten Blick kann ich genießen, ohne Mühe sehen. Das ich die Sonne sehe, ihr so nah bin, wie nie zuvor, ergreift mich. Ich empfinde Ehrfurcht. Es ist, als sei dieser Blick verboten. Als würde ich etwas sehen, dass doch verborgen sein muß. Lang bin ich umhergelaufen, bevor ich diese Entdeckung machen konnte. Immer schon lag dieses Geheimnis vor mir. Ich habe nur nicht hingesehen! Und ich erkenne, dass Menschen zu allen Zeiten genau dieses sahen.

Und darum laufe!

Laufübung am Meer

Für diese Übung benötigst Du ein Meer, eine Küste, an der das Meer sich bricht. Dann benötigst Du einen Tag Zeit, zudem einen von Wolken klaren Himmel und den freien Blick auf die Sonne. Vor Dir benötigst Du einen Sandstrand. Vielleicht benötigst Du auch ein paar Tage Zeit, weil es sein kann, dass das Wetter an der See wechselhaft ist. Warte ab, irgendwann kommt die Sonne hindurch und dann laufe zum Strand. Du benötigst für diese Übung einen breiten Strand. Einen, der sanft zum Meer hin abfällt, sodass die Wellen lang und breit auflaufen, an Kraft verlieren und zurücklaufen. Ein Wattenmeer vielleicht. Dort laufe. Bewege Dich in dem Bereich, in dem die auflaufenden Wellen eine große Wasserfläche bilden, die im Ablaufen die Sonne reflektiert. Laufe nicht zu früh und nicht zu spät. Alles soll so sein, dass die Reflexion der Sonne vielleicht zwei Meter vor Dir liegt. Und dann laufe. Halte Deinen Blick gesenkt. Die Reflexion der Sonne läuft nun vor Dir. Sie begleitet Dich. Das ist die Übung. Erfahre, wie die Sonne vor Dir läuft, in gleichbleibendem Abstand. Du läufst dabei der Sonne entgegen. Lass den reflektierten Lichtfleck in Dich eingehen. Speise die Sonne ein in die Mitte Deines Kopfes und laufe, ohne zu denken. Das Rauschen des Meeres, die auf- und ablaufenden Strukturen von Wasser und Schaum unter Dir helfen Dir dabei. Lass alles in der Mitte Deines Kopfes zusammenkommen. Vertiefe Dich mit offenen Augen in das Zentrum Deines Kopfes. Laufe am besten barfuß durch die anbrandenden Wellen. Gib Dich dem Schwindel hin, hier kann nichts passieren, der Untergrund ist weich. Erfahre genau das, Kilometer um Kilometer. Und dann laufe heim. Das ist die Übung.

Und darum laufe!