Selbstbeobachtung

An einer Stelle im Wald löst sich ein Knoten meiner Laufsandale. Ich halte an, setze mich auf den Waldboden und beginne die Verschnürung zu lösen. Dann fädele ich die Schnüre wieder in das Loch in der Sohle ein und knüpfe den Knoten neu an der richtigen Stelle. Ich setze meinen Fuß auf die reparierte Sohle und passe die Schnüre an meinen Fuß an. Als all dies fertig ist, blicke ich auf. Wie schön es ist auszuruhen! Das Plätschern des Baches, der Blick in alle Richtungen – ein Geschenk ist diese Rast. Und ich blicke hinüber über den Bach, hinweg auf die andere Seite. Dort weit über mir muß der Weg verlaufen, den ich stets nehme. Ich erkenne den Anstieg, der sich zwischen den Bäumen abzeichnet. Und nun kann ich mich sehen, wir ich dort den Weg hinauflaufe. In meinen blauen Shorts, dem türkisen Hemd, der schwarzen Mütze, die Arme und Beine gebräunt von der Sonne. Wie ein Geist husche ich den Berg hinauf. Eben noch zu sehen, schon bin ich meinem Blick entschwunden. Erstaunt bin ich von meiner Geschwindigkeit, behend über Geröll und Stein. Es ist, als würde ich einem scheuen Tiere nachblicken, welches seiner Wege zieht. Über diesen Blick, den ich erhaschen konnte, bekomme ich nun Zugang zu Ansichten von mir auch an anderen Orten. Ich sehe mich sitzen, in einem Büro, stehen an der Kasse eines Supermarktes. Ich sehe mich reisen in einem Fahrzeug, sehe mich sitzen im Kreis von anderen Menschen. Das ist reine Information. Es liegt keine Wertung darin.

Und darum laufe!

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Malfuf

Ich beginne mit dem linken Fuß. Für den linken Fuß setzte ich das große L. Der rechte Fuß erhält das große R. Und ich laufe wie schon tausend Mal im Wechsel der Füße, ohne darüber nachzudenken.

Und es ist: L—R—L—R—L—R—L—R

Es sind acht Einheiten, acht Noten, die ich mit meinen Füßen spielen kann. Dann beginne ich wieder von vorn und so weiter. Da ich mit Links beginne, muss ich mit Rechts enden, um mit Links wieder anschließen zu können. Jetzt stelle ich mir die unterschiedlichen Klänge einer Trommel vor. Dort ist ein tiefer Klang. Er ist in die Mitte des Trommelfells geschlagen. Er klingt tief und ungedämpft. Kurz berührt der beherzt geschwungene Finger der rechten Hand das Fell, um mit der entstehenden Schwingung zurückzufedern. Aus der Drehung des Handgelenks heraus. Diesen Klang nenne ich DUN. Das ist der Grundklang des Instruments.

Daraus wird: DUN—R—DUN—R—DUN—R—DUN—R

Ich erinnere mich daran, wie ich als Kind immer wieder auf dem Weg von der Schule nach Hause an der Bordsteinkante lief. Ein Kinderspiel auf dem langen Fußweg, den ich täglich lief. Ich vertiefte mich auf dem weiten Weg in das Spiel, in dem ich die Distanz vergessen konnte und mich trotzdem meinem Ziel näherte. Ein Fuß auf den Bürgersteig, den anderen auf der Straße. Ein Fuß oben, ein Fuß unten. Hierbei ist der linke Fuß der, der das DUN spielt. Er trifft auf der Bordsteinkante auf. Er trifft weich auf, denn der Bürgersteig liegt höher als die Straße. Der Körper wird hochgehoben, um dann tiefer auf der Straße hart aufzusetzen. Das harte Aufsetzen ist der Akzent. In dem Spiel auf der Trommel gibt es einen Klang, der diesem Akzent entspricht. Er ist hart, fast schon metallisch. Er entsteht, wenn ich mit dem Ringfinger der rechten Hand auf die Kante der Trommel schlage, sodass das Fell deutlich höher und härter klingt. Das Holz des Rahmens klingt zudem. Diesen Klang kann ich verbinden mit dem harten Aufsetzen des Fußes in dem Kinderspiel auf dem Weg nach Hause. Diesen Klang nenne ich TAK. Und ich spiele in meinem Lauf:

DUN—TAK—DUN—TAK—DUN—TAK—DUN—TAK

Beide sind von gleicher Dauer, wobei es sich für mich als Kind wie heute so anfühlt, als wolle das DUN sich ausdehnen und das TAK sich zusammenziehen. Die Zeit vergeht herrlich, wenn man das DUN soweit ausdehnt, dass es doppelt so lang wird, wie ein TAK. Und der Raum schrumpft wie magisch zusammen. Das laufende Spiel beschenkt mich mit den Triolen, zunächst von gleicher Länge:

DUN—TAK—TAK—DUN—TAK—TAK

Hier beginne ich mit dem linken Fuß und dem DUN, um mit dem rechten Fuß das zweite DUN zu spielen. Nehme ich jetzt noch die Stille hinzu, so kann ich einen so komplexen Rhythmus wie den Malfuf spielen. Eine Magie liegt darin.

DUN—R—L—TAK—L—R—TAK—R

Und darum laufe!

Schweben

Es ist möglich zu schweben. Für das Schweben benötige ich die Geschwindigkeit und die Fähigkeit diese Geschwindigkeit aufrechtzuerhalten. Und dies über einen gewissen Zeitraum hinweg. Das Gefühl des Schwebens ist eingebettet in einen Vorlauf und einen Nachlauf. Doch dann ist es da. Und es ist, als würde der Körper sich in einer anderen Realität befinden, als die Beine. Alles läuft von selbst. Es ist, als würde der Körper sich nicht hinauf und hinab bewegen. Es ist ein Schweben. Das ist es, weil die Beine darunter nur den jeweils notwendigen Impuls geben, hinauf und voraus. Die Masse des Körpers ist ja bewegt. Auch die Beine erfahren sich neu. Sie sind an das Schwebende angebunden und darin sind sie eher Werkzeuge der Luft, als des Bodens. Tatsächlich ist in dieser Phase des Laufes die Berührung der Füße mit dem Erdboden kürzer, als die Zeitspanne bis zur nächsten Berührung mit dem jeweils anderen Fuß.

Und darum laufe!

Erstaunen

Ich laufe und die Schnüre der Sandale an meinem rechten Fuß drückt. Sie tut es schon eine Weile und da der Schmerz nicht zu ignorieren ist, halte ich an und justiere die Schnüre neu. Es hat sich bereits eine Blase unter der Hornhaut gebildet. Ich bin erstaunt, wie lang ich gebraucht habe, um mich überhaupt zu kümmern. Ich habe die Irritation ignoriert bis hierher und jetzt geht es nicht mehr. Es dauert nicht lang, die Schnüre neu zu binden. Der Schmerz ist immer noch vorhanden, doch die Belastung ist anders verteilt. Zudem ist die Schnüre nicht mehr so straff gebunden, wie zuvor. Ich laufe weiter und denke: Wie einfach es gewesen wäre, schon viel früher zu justieren. Es hätte nur einen Moment benötigt. Ich hätte es tun können, sofort. Doch ich konnte genau das nicht verstehen.

Und darum laufe!

Über null

Wenn ich barfuß laufe auf gefrorenem Boden, nur mit einer durch Schnüre befestigten dünnen Ledersohle an den Füßen und die Temperatur der Luft dabei über null Grad liegt, dann ist alles möglich. Zehn Kilometer oder mehr sind möglich, ohne dass ich Erfrierungen befürchten muss. Denn es ist so, dass bei einem Lauf von einer Stunde die Füße vielleicht nur ein Drittel der Zeit den gefrorenen Boden berühren. Die Füße sind  zudem durch die dünne Sohle geschützt. Den Rest der Zeit – bin ich ununterbrochen in Bewegung – befinden sich meine Füße in der wärmeren Luft. Ich glaube, alles über null Grad Lufttemperatur ist möglich. Zudem trainiere ich die Durchblutung der Gefäße mit jedem Lauf der unter zehn Grad liegt. Es liegt darin kein Schmerz für mich. Es liegt darin auch kein mangelnder Komfort. Ich bin frei im Denken. Frei von Sorge oder Befürchtung. Ich kann mich völlig erheben und einfach laufen. Da ist der Wald, das Rauschen des Baches und die freundliche Verwunderung der mir begegnenden Passanten. An die Kälte habe ich die Füße bereits gewöhnt. Ich vermute, obwohl nach einer Stunde des Laufens die Füße sich ganz taub anfühlen, dass auch Barfußläufe bei Minusgraden möglich sind. Ich richte das heiße Wasser unmittelbar nach der Heimkehr auf Spann, Ferse, Sohle und Zehen. So habe ich meine Füße seit Jahren nicht gespürt.

Und darum laufe!

Tänze und Läufe

Tänze, die dem Laufen ähnlich sind. Menschen im Kreis in einer Richtung, in steter Bewegung. Kein Anfang und kein Ende. Läufe, die dem Tanzen ähnlich sind. Musik stellt sich ein. Die Füße umtanzen Steine, Blätter, Insekten und laufen immer weiter. Ohne eine Erinnerung an den Beginn, ohne eine Ahnung von dem Ende. Die kürzeren Schritte erlauben, zu betonen, darin ein Spiel. Als würden Klänge Schritt um Schritt entstehen.

Und darum laufe!

40 Meter vor Dir

Wenn Du losläufst, so versuche Deinen Focus auf ein Ziel zu lenken, welches imaginär ungefähr 40 Meter vor Dir liegt. Dieses Ziel lasse nicht aus den Augen. Vertraue Deinen Füßen, sie werden den Untergrund erkennen, Dich über Wurzeln und Steine hinweg tragen. Dein Laufen verändert sich. Das Wahrnehmen des Untergrundes, der vor Dir liegt, wandelt sich. Das ist das, was ich meine, wenn ich sage: Vertraue Deinen Füßen! Oder: Sieh mit Deinen Füßen! Oder: Laufe mit Deinen Füßen! Bleibe nun solange, wie es Dir möglich ist mit Deinen Augen – ihrem Focus – auf dem imaginären Ziel in 40 Metern Entfernung. Kommst Du dem Baum, dem Objekt, an dem Du diese 40 Meter festgemacht hast näher auf vielleicht 30 Meter, so blicke voraus und finde ein neues Ziel und wieder und wieder.

Dein Kopf ist erhoben, Deine Haltung gewandelt. Du läufst nun aufrecht, so dass ein Gefühl körperlicher Schwerelosigkeit entstehen kann. Die Beine laufen wie von allein und der Atem geht tief und dann wider ganz hoch über Dich hinaus. Du atmest die Ferne, die Weite, den Kreisbogen von 40 Metern um Dich herum. Nimm ihn als Volumen, welches Deine Lungen einsaugen. Lass es eine Kugel sein von 80 Metern Durchmesser – sie hat mehr als Genug Luft für Dich zur Verfügung.

Du wirst vielleicht bemerken, wie schwierig es ist, mehr als vielleicht fünf oder sechs Schritte zu tun, ohne den Blick auf den Boden vor Dir zu senken. Es ist schwierig, sich nicht fortwährend zu vergewissern, was dort vor Dir auf dem Boden ist. Doch es ist möglich. Du wirst alles, was Dich stolpern lassen könnte wahrnehmen, wenn es notwendig ist. Aber lass Deinen Focus auf Deinem Ziel. Lass Deine unbewusste Wahrnehmung sich um Schrittfolge, Schrittweite, Behutsamkeit des Aufsetzens der Füße kümmern, sie kann es. Der Bereich Deines Gesichtsfeldes, der am unteren Rand liegt, in dem all das liegt, was Dich stolpern lassen könnte, sei nun von einem Wahrnehmungsbereich beobachtet, den ich unbewusst nenne möchte. Vertraue also Deiner unbewussten Wahrnehmung und sieh mit den Füßen, ohne Dein Ziel in 40 Metern vor Dir aus den Augen zu lassen. Vielleicht solltest Du diese Übung erst auf einem ebenen Untergrund versuchen, einer Straße etwa, um dann allmählich auf abwechslungsreichem Terrain weiterzuüben. Du kannst auch langsamer laufen, als Du vielleicht gewohnt bist. Hast Du die rechte Geschwindigkeit für Dich, den Moment, Deine Wahrnehmung, so wirst Du auch nicht stolpern oder gar hinfallen. Vielleicht setzt Du Deine Füße auch etwas behutsamer auf, vielleicht werden sie vorsichtiger mit den möglichen Unebenheiten umgehen. Aber blicke für den Lauf von 40 Minuten, von einer Stunde nur in die Ferne – Du wirst gewandelt sein, wenn Du zuhause ankommst. Dein Geist wird nach oben hin geöffnet sein, erhaben, er hat fliegen dürfen und ist nun bereit sich wieder mit dem naheliegenden zu beschäftigen. Es kann sein, dass es Dich berauscht, so zu laufen. Doch Vorsicht! Im Rausch sind wir in der Lage über uns selbst hinauszugehen. Dies kann zu Erschöpfung, zu übermäßiger Ermüdung führen, Du kannst Dich übernehmen, zusammenbrechen, Dich verletzen. Wenn Du dies alles vermeiden willst, so genieße den Rausch, aber zähme ihn ein wenig auf das Maß, in dem Du Dich auch sonst bewegst.

Und darum laufe!