Endlich

Früh morgens, bei Anbruch des Tages, das Licht sich langsam erhebt. Spechte Trommeln, der Gesang der Vögel aus allen Richtungen, Mir begegnet im Wald eine junge Mutter mit ihrem Säugling im Arm. Sie kommt aus der Tiefe des Waldes, in die ich gerade hineinlaufe. Ein weißes Tuch ist über den Kopf ihres Kindes gelegt. Behutsam wiegt sie ihr Kind im Gehen. Sie lächelt mich still und vertraut an. Ihre Augen sagen: Endlich, die Nacht ist vorbei!

Und darum laufe!

Ein Regenbogen

Ein Regenbogen, er kommt zu mir. Ganz plötzlich, unvorhergesehen. Ich stehe vor ihm und blicke ganz gebannt. Ich könnte ihn nicht abpassen oder sein Erscheinen vohersehen. Ich kann nicht wissen wann und wo er sich zeigt. Der Regenbogen verblasst und löst sich auf. Suche einen Regenbogen! Tönt es in meinem Ohr. Eine Aufgabe für den nächsten Tag, die nächste Woche oder für einen längeren, in der Zukunft liegenden Zeitraum. Und ich beginne darüber nachzudenken, was ich tun könnte, einen Regenbogen zu finden. Ich verstehe schnell, dass ich durch den Versuch dort zu sein, wo er sich zeigen könnte, ihm möglicherweise ausweiche. Durch eine Annäherung, dem Streben ihm nahezukommen, entsteht Unerreichbarkeit. Und so ist seine Botschaft im Kerne, bereit zu sein. Bereit, sich ihm zu widmen, wenn er sich zeigt. Wieder tönen Worte in meinem Ohr: Gib auf! Lass es sein. All Dein Streben ist vergeblich! Wie lange willst Du Dich noch erschöpfen? Du bist doch schon lägst da! Schau Dich um! Es ist alles da! Die Botschaft des Regenbogen an mich ist, ihn zu erfahren, als ein Wunder in der Welt. Und weiter in der Hingabe an den mich bezaubernden Moment, die Lebendigkeit, das Leben selbst zu erfahren. Ganz Kind zu sein, staunend, herausgelöst aus allen bedenkenden Gedanken, Zeitlos. Herausgelöst aus Plan und Reuhe. Herausgelöst aus dem Blick voraus und der Revue. Lebendig zu sein, empfänglich, gerührt. Der Regenbogen fragt: Was ist dort in einem Leben, was sich einer Annäherung entzieht und was in der Fähigkeit, empfangen zu können, sich erst ermöglicht? Was ist der Regenbogen, der sich in mich hinein wölben mag, um mich zu erfüllen? Was ist es, was mich anfüllen mag mit allen Farben des Spektrums, mit Sinn, Bedeutung und Hoffnung zudem? Ich wende mich nach innen und werde still.

Und darum laufe!

Zu springen

Zu ermüden an dem Scheitern, an der sich nicht wandelnden Form, an der Bedingtheit. Denn durch sie hindurchzugehen überfordert die eigenen Kräfte. Und so ist alle Kraft hineingesteckt in das Aufrechterhalten dieser Form. Eine leichte Ahnung davon, wie ein silbriger Schimmer, was das Leben sein könnte an Freiheit, an Erfüllung, an Glück – eine leichte Ahnung davon ist dort zu erkennen, in der Mitte des brennenden Rings, durch den hindurchzuspringen ich Jahre schon zögere. Weiß ich doch, es gibt nur diesen Weg. Das Feuer wird mich versehren, erst Haut und Haare versengen, mich verkohlen wie ein Stück Holz, schließlich in mir erlösen, was an geneigter Körperhaltung, an erschlaffter Körperform sich über Jahre hin manifestierte. Ein freier Körper auch wird dort auf der anderen Seite auf mich warten. Er ist mir versprochen. Und dies der Trost: Der Ring aus Feuer, aus ihm heraus blicken mich meine Ahnen an. Ihre Augen aus den Flammen heraus mir entgegenleuchten. Erkennen kann ich sie erst, wenn ich gesprungen bin. Ihre Güte, ihre Wärme, ihr Mitgefühl und ihr Vertrauen in mich. Ihr Verständnis zudem und ihre Liebe. Und so erlöst sich der ganze Schrecken dieses Spieles. Die Logik ist erkannt. Doch zu springen ich habe, hinein in dieses Feuer.

Und darum laufe!

Gold

Am Ende eines langen Laufes, der mich an alle Orte geführt hat, die mir geheim und bedeutend, an denen ich mir klar war und atmen konnte. Orte, an denen ich mein Bewusstsein wandeln konnte. Orte, an denen ich gereinigt war, frei und unbeschrieben. Am Ende dieses Laufes gelange ich also an das Flussufer des großen Stromes, der in stiller Kraft sich zeigt. Und ich blicke in meine Hände, darin ein Briefchen Schlagmetall, goldene Blättchen zu einem Heft zusammengefasst. Hauchdünn, schimmernd und flüchtig, von der Größe meiner Handinnenfläche. Und ich weiß in diesem Moment um den Ruf der Ahnen, die mir dieses Briefchen in die Hand gaben. Leise flüstern sie mir ihren Auftrag in mein Ohr: Und nun vergolde den Strom, vergolde das Meer in den der Strom einmal münden wird!

Und darum laufe!

Des Läufers Hochgefühl

Dort ist ein Hinweis, einem Versprechen gleich, der in der Lage ist, mich zu locken. Er vermag mich hinzuführen, mich zu aktivieren. Er lautet: Wenn du läufst, erwartet dich nach einer Weile – mindestens einer Stunde und auch nicht immer – eine Art Rausch, ein Hochgefühl. Es kann so beglückend sein, dass du schmerzunempfindlich wirst und laufen kannst für weitere Stunden. Ein Schnellläufer wirst du sein in diesem Gefühl. Es ist einem sexuellen Hochgefühl ähnlich, nur dabei während, lang anhaltend. Wir nennen es »Des Läufers Hochgefühl«. Und nun mache dich auf, dieses Hochgefühl zu entdecken. Erwarte nicht, dass es sich sofort und verlässlich einstellt, schon gar nicht für jeden. Doch es gibt es. Viele haben es erfahren. Viele haben von diesem Gefühl berichtet. (…) Ich sage, es verhält sich ganz anders. Dieses Gefühl, »Des Läufers Hochgefühl«, stellt sich in dem Moment ein, in dem du daran denkst, die Kleidung für den Lauf, der am nächsten Morgen folgen soll, bereitzulegen. Es ist da, sofort, ganz tief und die mit ihm verbundene Entspannung setzt sofort ein. Der Atem geht tief, ganz von allein. Dieses Hochgefühl ist für alle verfügbar, für den ungeübten Läufer, wie für den geübten. Es setzt ein und ist vorhanden, ganz gleich, ob du wirklich am folgenden Morgen läufst oder nicht. Jedoch musst du es ernst meinen vor dir mit diesem Vorsatz. Nur, wenn du selbst davon überzeugt bist, es auch wirklich zu tun, stellt sich dieses Gefühl ein. Dann am Morgen steigert es sich, wenn du deine Kleidung anziehst. Es ist in dem Glas Wasser gesteigert, welches du vor dem Lauf trinkst. Es ist in dem öffnen der Haustür gesteigert. Es ist in dem ersten Atemzug gesteigert, den du an Frischer Morgenluft inhalierst. Und schon läufst du los und bist mittendrin. Es begleitet dich auf den ersten Metern, in der Erwärmung der Muskulatur. Es trägt dich über die folgenden Kilometer hinweg. Vielleicht denkst Du nicht daran, dass du dich in ihm befindest. Vielleicht bis du völlig unbewusst. Ganz sicher können sich, auf diesem Gefühl aufbauende, noch höhere Hochgefühle einstellen. Gefühle, die sich einer Beschreibung entziehen, die sich einer bewussten Annäherung entziehen. Gefühle, die einem scheuen Tiere gleich die Flucht ergreifen, wenn du sie versuchst zu berühren. Gefühle, die einem scheuen Tiere gleich sich einstellen, wenn du sie gewähren lasst und zur ruhe kommst in dir. So dass du sie beobachten kannst, beim trinken aus dem kristallklaren, eisigen Gebirgssee, der du selbst bist.

Und darum laufe!

 

 

 

 

Selbstvergewisserung

Ich versichere mich mit jedem Lauf, ein Waldläufer zu sein – es wieder zu sein, nach der Spanne an Zeit, die vergangen ist, seit dem letzten Lauf. Der letzte Lauf, er hätte der letzte überhaupt sein können. Und so wird es einmal sein. Eine Gewissheit, die auch etwas friedliches, etwas befriedendes hat. Es wird den letzten Lauf geben, doch bis dahin ist alles Geschenk, alles Spiel und leicht. Ein Erleben, ein Erfahren. Ich erstaune und nehme es, wie es ist. Ganz so, wie es sein soll, wie es sich ergibt. Für jetzt ist alles gut.

Und darum laufe!