Umkehrpunkt

Ich laufe und nehme mir vor, an einem bestimmten Punkt umzukehren. Ich plane den Tag und will nicht zu weit laufen. Es gibt also einen bestimmten Ort, an dem ich umkehren möchte. Ein kleiner Wasserfall zwischen zwei großen Bäumen und einer hinauf ragenden Felswand. Kiefern, Buchen, Eichen, Moos, Farne und mit ein wenig Glück die Wasseramsel, die dort auf einem Stein im rauschenden Bach lauert und hinab ins frische Wasser springt, um an anderer Stelle wieder aufzutauchen. Dort also will ich umkehren, … denke ich gerade noch und finde mich jenseits dieses Ortes auf der Strecke wieder. ich bin bereits einige hundert Meter zu weit gelaufen. Wie eigenartig! Ich habe den Umkehrpunkt überhaupt nicht wahrgenommen. Ich habe den Ort links liegen lassen. Ich war wohl betört von dem Rauschen des Wassers, war umfangen von dem Klang, war Wasser und Frische selbst. Ein heiterer Moment. Ein Vergessender zu sein, es ist von einer großen Kraft. Ein Sich-Selbst-Vergessender zu sein, ein Sich-Selbst-Auflösender, ein hinab strömender zu sein, es ist von einer großen Kraft. Ihm gibt es keine Verpflichtung mehr. Nichts Halbes mehr, kein Kompromiss.

Und darum laufe!

Listig

Der halbe Weg. Es ist Zeit umzukehren. Die Heimkehr sei nun besprochen, der Heimweg, die Rückkehr. So wie ein Aufbrechen, ein Hinaus-ziehen ein Wagnis war, voller Aufregung und von einem Zauber getragen, so wird nun deutlich: Die Rückkehr hat den Zauber vergessen und das Wagnis der Heimkehr wiegt doppelt, vielfach sogar. Die Herausforderung, die ich bestanden habe, sie ist nur der erste Stein des verfallenen Tempels, den ich im Dschungel fand. Der heilige Ort liegt noch vor mir, viel tiefer im Dickicht, viel weiter im Ungewissen und zudem liegt dieser Ort in mir. Was einmal bestanden war, mich hat müde werden lassen, es war ein Auftakt nur. Nun geht es ums Ganze! Das was jetzt kommt, ist kein Spiel mehr. Es geht um meine Haut, meine Zähne, meine Knochen, mein Herz, meine Eingeweide. Doch ich bin listig, erfahren, gerissen, ein Niemand schon! Und ich weiß um den Zauber des Spieles, um die Magie der Versunkenheit, und um die Kraft des Vertrauens. Mit ihr ziehe ich das letzte Mark aus meinen Knochen. Die Knochen werde ich doch irgendwann sowieso nicht mehr benötigen, warum also nicht jetzt? Ich erschöpfe mich vollends, doch ich bleibe listig dabei.

Und darum laufe!

Standhaftigkeit

Auf einem Stein, inmitten des dunkel beschatteten Wasserfalls, in einer Mulde, angefüllt mit zersetzem Laub, ein Same sich vor einer Weile einfand und nun ein grün leuchtendes Pflänzchen sich erhebt. Umtost vom Wasser, dem Rauschen, der Gischt. Ich erfreue mich an dem Anblick und verweile in der Frische und der in mir aufkeimenden Standhaftigkeit. Eine besondere Schönheit empfinde ich in dem von mir erahnten Mut, hier zu keimen. An dem Ort der so widrig ist, dass mir der Anblick des Pflänzchens völlig unerwartet ist. Meine Sympathie ist groß und sie war es schon immer für all das, was den Widrigkeiten sich stellte, was an Grenzen sich bewegte. Und nun fühle ich mich eingeladen, an diesem Ort in das Wasser zu steigen. Ich lege meine Kleidung ab und lasse mich fallen. Die kalte Strömung geht über mich hinweg. Ich sinke und halte den Atem an. Dabei bin ich verbunden mit dem grün leuchtenden Stengel und seinen vier oder fünf Blättern. Vertraut wir sind, das Pflänzchen und ich. Es beobachtet mich, es lächelt, seine Sympathie ist groß. Es behütet mich und erfreut sich an meinem Anblick. Vertraut wir sind, das Pflänzchen und ich. Seine Kraft ist nicht zu unterschätzen, sein Mut ist nicht zu unterschätzen.

Und darum laufe!