Dürre

Nach Wochen der Dürre, mit schmerzenden Knien vom Lauf auf hartgetrocknetem Boden, mit vom Staub weich gepuderten Füßen, mit vom Untergrund zu mir heraufstrahlender Wärme, fällt endlich der lang ersehnte Regen. Nachdem die Wolken sich abgeregnet haben, mache ich mich auf in meinen Wald und finde einen völlig veränderten Ort vor. Ich rieche jetzt den Wald, so wie ich zuvor, in der Zeit der Dürre nicht darüber nachdachte, zu riechen. Ich erinnere mich an die Zeit der Feuchte.In ihr konnte ich den Wald riechen und das tiefe Einatmen durch die Nase so wohlig genießen. Wie eine Medizin, ein jeder Atemzug! Ich nehme den Kontrast wahr und verstehe in dieser Wahrnehmung erst die Qualität der Feuchte, die ich wie selbstverständlich nahm. Der Kontrast erst lässt mich wahrnehmen und ich verstehe, dass es nur der Kontrast ist, der mich wahrnehmen lässt. Ich kann dies auf jede Wahrnehmung ausdehnen, so fein sie auch sein mag. Ganz gleich auf welche Sinneswahrnehmung ich mich ausrichte. Nur dort, wo ich das Eine von dem Anderen unterscheiden kann, wo es einen Kontrast gibt zwischen den zwei Qualitäten, bin ich in der Lage sie zu erkennen und auch zu benennen. Darin, in dem Erkennen bin ich erfüllt von Dankbarkeit. Schon lang habe ich den Regen herbeigesehnt, doch Dankbar bin ich, wahrzunehmen. Dies zu erfahren, dies einmal wahrgenommen zu haben, es ist, was mir das Leben ist. Dankbar bin ich, wahrzunehmen, auch wenn es die langsame Vertrocknung des Waldes wäre, wenn es ein Absterben eines jeden einzelnen Baumes hier an diesem Ort bedeuten würde, wenn es in Feuer und Wüste münden würde. Es ist Dankbarkeit.

Und darum laufe!

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Gold

Am Ende eines langen Laufes, der mich an alle Orte geführt hat, die mir geheim und bedeutend, an denen ich mir klar war und atmen konnte. Orte, an denen ich mein Bewusstsein wandeln konnte. Orte, an denen ich gereinigt war, frei und unbeschrieben. Am Ende dieses Laufes gelange ich also an das Flussufer des großen Stromes, der in stiller Kraft sich zeigt. Und ich blicke in meine Hände, darin ein Briefchen Schlagmetall, goldene Blättchen zu einem Heft zusammengefasst. Hauchdünn, schimmernd und flüchtig, von der Größe meiner Handinnenfläche. Und ich weiß in diesem Moment um den Ruf der Ahnen, die mir dieses Briefchen in die Hand gaben. Leise flüstern sie mir ihren Auftrag in mein Ohr: Und nun vergolde den Strom, vergolde das Meer in den der Strom einmal münden wird!

Und darum laufe!

Sehnsucht

Ist es nicht so, dass wir alles, was uns begegnet, alles, was sich ereignet, auf uns beziehen müssen? Ein umgestürzter Baum auf meinem Weg, die Nessel, die mich beim Übersteigen des Baumes sticht, der Stein, von dem ich abrutsche, um mich grade noch abzufangen? Die Versehrung ist voller Erkenntnis und Wert. Sie ist die Erfahrung, die ich bedenke oder beiseite schieben mag. Ich entscheide über Wert und Unwert des Lebens über den Wert, den ich den Begebenheiten beimesse. Dies ist nicht übertragbar, ich kann es nicht ausdehnen auf meinen Nächsten.Gültig ist es nur für mich. Ich kann nur berichten von meinem Gefühl, von Gedanke und Form. Von meinem Irren und von meiner Sehnsucht nach Sinn und Wert. Und es fragt sich in mir: Woher nur diese Sehnsucht?

Und darum laufe!

Abzweigung

In dem Wort das Bild sich bereits befindet. Auf dem Weg gibt es immer wieder Gabelungen und an ihnen Kräfte, denen ich in dem entscheidenden Moment vertraue. Eine Blume, ein Vogel, eine Wolke mag mir helfen, die Entscheidung zu treffen. Es kann auch ein Mensch sein. Und so treffe ich die Wahl und laufe weiter. Einem Baume gleich mein Leben sich verzweigt und hier nun von des Blattes Spitze, der Blüte im Insektentanz, blicke ich zurück. Von diesem Orte aus ist zu erkennen: Der Baum selbst zu sein, ich sollte es nicht glauben, um mein Ego mit dem Wahn von Größe zu besänftigen, ich sollte es glauben, weil es die Wahrheit ist.

Und darum laufe!