Wahrnehmung

Ein Hund knurrt mir auf meinem Weg entgegen. Ich laufe schnell und behalte meine Geschwindigkeit und Richtung bei. Ich gelange näher und er beginnt zu bellen. Instinktiv springe ich in die Höhe und schon bin ich an ihm vorbei. Er wird an seiner Leine zurückgezogen und bellt mir nach. Ich war so sehr in meine Gedanken vertieft, dass ich ihn nicht wahrgenommen habe. Seine Attacke war für mich völlg überraschend. Ich denke: Wie kann ich unsichtbar werden? Wie kann ich arbeiten mit der Wahrnehmung des Hundes. Wie mich seiner Witterung entziehen? Das ist das Motiv: sich entziehen. Ich gehe hinauf in die Höhe, in die ich versuchte zu springen. Dort oben also zu laufen, während mein Körper für den Hund unsichtbar wird, seiner Wahrnehmung entzogen. Und so stelle ich es mir vor: Vor mir liegt eine unsichtbare Treppe. Sie führt in die Höhe. Ich nehme mehrere ihrer Stufen in einem Satz. Entkommen, entweichen, hinauf, hinauf .

Und darum laufe!

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Sich vergeuden

Wegweiser und Wegmarken. Richtungen, von hier aus. Eine ist die des sich Vergeudens. Ihr entgegengesetzt die Richtung in der das Vergeudete liegt. Viel mehr als das liegt dort auf dem zurückgelegten Weg. Doch all das war nur erreicht über die Vergeudung. Es ist ein Loslassen darin. Denn es ist nur ein einziger Weg diesem einen Menschen möglich. Von einem Meister des Seins zu sprechen ist dem sicher angemessen. Von einer Kunst sogar. Es gibt keinen Vergleich und nie bist du, nie warst du, nie wirst du allein sein.

Und darum laufe!

Die Kraft des Anderen

Ein junger Mann, ein Gruß am Morgen, der offene Blick, sein Lächeln, mein Lächeln dazu und ich bin wie energetisiert von dieser Begegnung. Ich bin getragen von der Kraft seiner Jugend, der Frische seines Wesens. Als stünde er am Anfang einer großen Reise, die ihn zu dem größten führen wird, was uns das Leben gewährt. Zu der Wahrheit. In das wahrhaftige Leben. Sein Blick, seine ganze Erscheinung kündet von der Einzigartigkeit seiner Bestimmung, von der Bedeutung seiner Aufgabe, von der Hoffnung, der Erwartung und dem Mut. Sein Blick kündet von dem Aufbruch, dem Scheitern, der Rückkehr und der Erkenntnis. Dem Menschlichen an sich. Die Frische seiner Jugend erhebt mich aus meiner Kraftlosigkeit, die mir schon so lange anzudauern scheint. Sie erhebt mich aus dem faden Grau, das mich umgibt und in mich eingeflossen ist. Die Frische erinnert mich an das Leben in mir, an den Moment, an dem ich vor dem Aufbruch stand. Sie erinnert mich daran, in der Reise zu stehen, mittendrin. Meine Augen waren bis eben nicht offen dafür und ich sah nur das Grau, ohne zu verstehen. Ohne den großen Zusammenhang auch nur zu erahnen. In dem Blick seiner Augen erkenne ich nun wieder, was mich losziehen lies. Ich erkenne zudem, wie weit ich schon gelaufen bin. Seine Kraft zu sehen, erinnert mich an meine Kraft.

Und darum laufe!

Spinnweben

Das einfallende Licht, auf meinem Weg im Wald, lässt mich eine linienförmige Reflexion  vor mir wahrnehmen. Es ist ein Faden. Es ist der erste Faden eines noch zu webenden Spinnennetzes, der quer über den Weg auf der Höhe meiner Augen gespannt ist. Ich sehe die Spinne, winzig klein, vom Wind bewegt. Sie hängt in des Fadens Mitte. Sie hat den großen Schlag geschafft. Über den Weg hinweg und ich erstaune über die Größe der Distanz, die diese kleine Spinne mit ihrem Faden überbrückte, um nun daran ihr Netz fortzuspinnen. Vielhundert Mal größer, als sie selbst. Es erfüllt mich mit Ehrfurcht, ihre Meisterschaft zu bemerken. Ich ducke mich unter ihrem feinen Gespinst hinweg, laufe weiter und blicke mit einem Mal in mich hinein. Ich fühle mich tief verbunden mit dieser kleinen Spinne. Es ist so, als wäre ich durch das Ducken und das Unterschreiten dieses Fadens in ein mir bisher verborgenes Reich getreten. Es ist ihr Reich und sie zeigt mir ihre Kraft. Sie zeigt mir die Kraft aller webenden Spinnen auf diesem Planeten. Und in diesem dunklen Raum schimmern hier und dort silbrig die feinen Netze vieler Spinnen. Es sind Stellen im Inneren meines Körpers, denn es ist der Blick nach innen, in mich hinein. Die Spinne führt mich und begleitet mich. Und so reise ich zu meinen schmerzenden Schultern, zu der Entzündung an meinem Augenlid, zu dem bedrängten Gefühl in meinem Magen, der gerissenen Hornhaut an der Ferse meines Fußes. Im Blicke schon lösen sich die feinen Gespinste in reine Reflexion und verschwinden sanft und ohne Laut. Eine Weile noch bin ich verbunden und in großer Dankbarkeit. Ich kehre zurück und unterschreite den silbrigen Faden ein zweites Mal – mit diesem Wort.

Und darum laufe!