Spinnweben

Das einfallende Licht, auf meinem Weg im Wald, lässt mich eine linienförmige Reflexion  vor mir wahrnehmen. Es ist ein Faden. Es ist der erste Faden eines noch zu webenden Spinnennetzes, der quer über den Weg auf der Höhe meiner Augen gespannt ist. Ich sehe die Spinne, winzig klein, vom Wind bewegt. Sie hängt in des Fadens Mitte. Sie hat den großen Schlag geschafft. Über den Weg hinweg und ich erstaune über die Größe der Distanz, die diese kleine Spinne mit ihrem Faden überbrückte, um nun daran ihr Netz fortzuspinnen. Vielhundert Mal größer, als sie selbst. Es erfüllt mich mit Ehrfurcht, ihre Meisterschaft zu bemerken. Ich ducke mich unter ihrem feinen Gespinst hinweg, laufe weiter und blicke mit einem Mal in mich hinein. Ich fühle mich tief verbunden mit dieser kleinen Spinne. Es ist so, als wäre ich durch das Ducken und das Unterschreiten dieses Fadens in ein mir bisher verborgenes Reich getreten. Es ist ihr Reich und sie zeigt mir ihre Kraft. Sie zeigt mir die Kraft aller webenden Spinnen auf diesem Planeten. Und in diesem dunklen Raum schimmern hier und dort silbrig die feinen Netze vieler Spinnen. Es sind Stellen im Inneren meines Körpers, denn es ist der Blick nach innen, in mich hinein. Die Spinne führt mich und begleitet mich. Und so reise ich zu meinen schmerzenden Schultern, zu der Entzündung an meinem Augenlid, zu dem bedrängten Gefühl in meinem Magen, der gerissenen Hornhaut an der Ferse meines Fußes. Im Blicke schon lösen sich die feinen Gespinste in reine Reflexion und verschwinden sanft und ohne Laut. Eine Weile noch bin ich verbunden und in großer Dankbarkeit. Ich kehre zurück und unterschreite den silbrigen Faden ein zweites Mal – mit diesem Wort.

Und darum laufe!

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Ein Geist des Waldes

Ich lief und in der Tiefe des Waldes bemerkte ich eine Erscheinung, die zu beschreiben mir unmöglich ist. Ganz sicher war ich, daß es sich um einen Geist – in welcher Form auch immer – handelte. Der Geist war in Not und bat mich um Hilfe und so half ich, wie ich jedem anderen in dieser Lage geholfen hätte. Ohne Absicht, ohne Erwartung, ohne Hoffnung auf Ertrag oder Erkenntnis. Der Geist war bald seiner Not erlöst und dankte, indem er versprach drei Wünsche zu erfüllen – dies läge in seiner Macht. Ich sagte: Warum drei? Einer genügt vollkommen und ob ich dessen Erfüllung benötigen würde, bin ich mir dabei nicht einmal sicher. Er zögerte kurz. Nun Gut sagte er darauf, also einer, was wünschst Du Dir? Da ich mich mit meinen Wünschen, der Sehnsucht und ihrer Erfüllung, dem Wesen der Begierde zudem bereits auf dem Wege durch den Wald kurz vor der Begegnung mit dieser Erscheinung beschäftigt hatte, zudem die zwei Korrektur- oder Ergänzungsmöglichkeiten aus freien Stücken hingegeben hatte, versuchte ich in diesem Moment, in dem das gesprochene Wort zu Realität werden würde, es besonders geschickt anzustellen und sagte: Ich wünsche mir die höchste Erfüllung, die vollkommene Glückseligkeit, das Erreichen meines höchsten Potentiales, leichter zu werden, zu reinem Licht letztendlich …;

So soll es sein! sprach der Geist und mit einem Blitz fand ich mich versetzt in mein Leben, in dieser Zeit, in diesem Zustand, in diesen Bedingungen, genau hier, jetzt, nun, unter diesem Namen, mit all den Leiden, Hoffnungen, Wünschen und Träumen wie zuvor. Und ich lief, war laufend auf halber Strecke. Das war ein schönes Gefühl Und ich lief weiter, als wäre nichts gewesen.

Und darum laufe!