Endlich

Früh morgens, bei Anbruch des Tages, das Licht sich langsam erhebt. Spechte Trommeln, der Gesang der Vögel aus allen Richtungen, Mir begegnet im Wald eine junge Mutter mit ihrem Säugling im Arm. Sie kommt aus der Tiefe des Waldes, in die ich gerade hineinlaufe. Ein weißes Tuch ist über den Kopf ihres Kindes gelegt. Behutsam wiegt sie ihr Kind im Gehen. Sie lächelt mich still und vertraut an. Ihre Augen sagen: Endlich, die Nacht ist vorbei!

Und darum laufe!

Nabelschnur

Einmal gebrauchte ich ein Bild. Warum lebst Du in dieser Stadt? wurde ich gefragt. Was macht ein Leben in ihr möglich? Und ich sprach von einer Nabelschnur. Der Weg an dem Bach, der in die Stadt fließt und dann in den Strom mündet, er wäre für mich wie eine Nabelschnur, die hineinführt in den Wald, in den ich so regelmäßig laufe. Dort erhole ich mich und kehre dann zurück. Und hier im Laufen, inmitten dieser Schur, in den pulsierenden Strom wird mir das Wesentliche dieses Bildes bewusst: Ich laufe dem Ungeborenen entgegen, dem Embryo, welches mein ungeborenes Selbst ist. Es ist das Unberührte zudem. Mein Wesenskern liegt dort tief im Wald zusammengekauert und ich bin dieser Wesenskern, ganz rein, klar und unberührt, wenn ich nach einer Stunde des Laufens dort angelange. Von dort kehre ich zurück über die Nabelschnur in die Stadt an dem Strom, die in diesem Bild die Plazenta darstellt. Die Stadt, die mich ernährt, mit Begegnungen und Aufgaben versorgt. Das Bild fragt mich nun: Wann wirst Du geboren? Wann ist es soweit?

Und darum laufe!

Ein Regenbogen

Ein Regenbogen, er kommt zu mir. Ganz plötzlich, unvorhergesehen. Ich stehe vor ihm und blicke ganz gebannt. Ich könnte ihn nicht abpassen oder sein Erscheinen vohersehen. Ich kann nicht wissen wann und wo er sich zeigt. Der Regenbogen verblasst und löst sich auf. Suche einen Regenbogen! Tönt es in meinem Ohr. Eine Aufgabe für den nächsten Tag, die nächste Woche oder für einen längeren, in der Zukunft liegenden Zeitraum. Und ich beginne darüber nachzudenken, was ich tun könnte, einen Regenbogen zu finden. Ich verstehe schnell, dass ich durch den Versuch dort zu sein, wo er sich zeigen könnte, ihm möglicherweise ausweiche. Durch eine Annäherung, dem Streben ihm nahezukommen, entsteht Unerreichbarkeit. Und so ist seine Botschaft im Kerne, bereit zu sein. Bereit, sich ihm zu widmen, wenn er sich zeigt. Wieder tönen Worte in meinem Ohr: Gib auf! Lass es sein. All Dein Streben ist vergeblich! Wie lange willst Du Dich noch erschöpfen? Du bist doch schon lägst da! Schau Dich um! Es ist alles da! Die Botschaft des Regenbogen an mich ist, ihn zu erfahren, als ein Wunder in der Welt. Und weiter in der Hingabe an den mich bezaubernden Moment, die Lebendigkeit, das Leben selbst zu erfahren. Ganz Kind zu sein, staunend, herausgelöst aus allen bedenkenden Gedanken, Zeitlos. Herausgelöst aus Plan und Reuhe. Herausgelöst aus dem Blick voraus und der Revue. Lebendig zu sein, empfänglich, gerührt. Der Regenbogen fragt: Was ist dort in einem Leben, was sich einer Annäherung entzieht und was in der Fähigkeit, empfangen zu können, sich erst ermöglicht? Was ist der Regenbogen, der sich in mich hinein wölben mag, um mich zu erfüllen? Was ist es, was mich anfüllen mag mit allen Farben des Spektrums, mit Sinn, Bedeutung und Hoffnung zudem? Ich wende mich nach innen und werde still.

Und darum laufe!

Geborgenheit

Eben noch war ich gehalten in der mich umgebenden Vielfalt. In dem Dunst des Morgens, dem Klang und seinem Sinn. In dem Gefühl, dass ein jedes Blatt an seinem Ort. Dass ein von mir Wahrzunehmendes Ausdruck einer Harmonie sei – Geborgenheit darin. Nun ich es bin, dem aufgetragen ist, zu sorgen für das Blatt, für den Dunst und auch den Klang. Der Sinn, er sei in mir zuerst erschaffen, um nun hinauszuströmen in das Wasser, die Kaskade, der Kaskade Rauschen, in den aufsteigenden Dunst, den Morgen überhaupt.

Und darum laufe!

Geschlossene Augen

Mit geschlossenen Augen zu laufen ist möglich. Ich probiere es aus. Zehn, zwölf Schritte und mir wird schwindelig. Ich taumele, öffne meine Augen und orientiere mich neu. Ein ebener Weg, besser noch eine ebene Fläche, ohne Hindernis und ich könnte noch länger laufen, ohne zu blicken. Ich denke an eine Salzwüste, in der in alle Richtungen kilometerweit kein Hindernis mich behindern würde. Was für Zustände mögen in ihr möglich sein? Ganz bewusst und voller Vertrauen könnte ich mich dem Gefühl hingeben. Ich könnte meinen Geist befreien und ausrichten. Ich könnte überprüfen, was es ist, dass mich schwindelig werden lässt. Ein Rausch könnte es sein. Ein stundenlanger Lauf, ein Marathon mit geschlossenen Augen ist möglich.

Und darum laufe!

Dürre

Nach Wochen der Dürre, mit schmerzenden Knien vom Lauf auf hartgetrocknetem Boden, mit vom Staub weich gepuderten Füßen, mit vom Untergrund zu mir heraufstrahlender Wärme, fällt endlich der lang ersehnte Regen. Nachdem die Wolken sich abgeregnet haben, mache ich mich auf in meinen Wald und finde einen völlig veränderten Ort vor. Ich rieche jetzt den Wald, so wie ich zuvor, in der Zeit der Dürre nicht darüber nachdachte, zu riechen. Ich erinnere mich an die Zeit der Feuchte.In ihr konnte ich den Wald riechen und das tiefe Einatmen durch die Nase so wohlig genießen. Wie eine Medizin, ein jeder Atemzug! Ich nehme den Kontrast wahr und verstehe in dieser Wahrnehmung erst die Qualität der Feuchte, die ich wie selbstverständlich nahm. Der Kontrast erst lässt mich wahrnehmen und ich verstehe, dass es nur der Kontrast ist, der mich wahrnehmen lässt. Ich kann dies auf jede Wahrnehmung ausdehnen, so fein sie auch sein mag. Ganz gleich auf welche Sinneswahrnehmung ich mich ausrichte. Nur dort, wo ich das Eine von dem Anderen unterscheiden kann, wo es einen Kontrast gibt zwischen den zwei Qualitäten, bin ich in der Lage sie zu erkennen und auch zu benennen. Darin, in dem Erkennen bin ich erfüllt von Dankbarkeit. Schon lang habe ich den Regen herbeigesehnt, doch Dankbar bin ich, wahrzunehmen. Dies zu erfahren, dies einmal wahrgenommen zu haben, es ist, was mir das Leben ist. Dankbar bin ich, wahrzunehmen, auch wenn es die langsame Vertrocknung des Waldes wäre, wenn es ein Absterben eines jeden einzelnen Baumes hier an diesem Ort bedeuten würde, wenn es in Feuer und Wüste münden würde. Es ist Dankbarkeit.

Und darum laufe!

Geräusch

Etwas in meinen Ohren. Es liegt zwischen einem Klang, einem Rauschen und einem Ton. Ein Ton so hoch, dass ich ihn gerade noch wahrnehmen kann. Ein Rauschen so fein, dass es dem vom Wind bewegten Herbstlaub ähnelt, ein Klang so tief, dass aus allen Zeiten seine Kraft zu erschallen scheint. Ein Geräusch, so kann ich es wohl bezeichnen. Bergend und wohlig zugleich. Eine Erkrankung ist es nicht. Ein Krankheitsbild gibt es nicht. Ich lausche dem Rauschen des Blutes in meinen Ohren. Ich lausche dem Strömen. Ich lausche mir selbst. Ich lausche der Eigenschwingung der Hörorgane. Der Weg steigt an, ich gerate außer Atem und das Geräusch erhebt sich in eine Deutlichkeit hinein. Es begleitet mich, ist mir vertraut. Hier, wo ich mein Herz schneller schlage lasse, ist es stärker. Ich lausche seiner Botschaft. Es ist die Botschaft der Verfeinerung, die der Ausweglosigkeit. Jetzt folgt es mir. Ist immerzu da. Auch im Ruhepuls. Doch nie zu laut. Nie störend. Fein abgestimmt. Als wäre dies des Geräusches Plan, fein abgestimmt zu sein.

Und darum laufe!