Geschlossene Augen

Mit geschlossenen Augen zu laufen ist möglich. Ich probiere es aus. Zehn, zwölf Schritte und mir wird schwindelig. Ich taumele, öffne meine Augen und orientiere mich neu. Ein ebener Weg, besser noch eine ebene Fläche, ohne Hindernis und ich könnte noch länger laufen, ohne zu blicken. Ich denke an eine Salzwüste, in der in alle Richtungen kilometerweit kein Hindernis mich behindern würde. Was für Zustände mögen in ihr möglich sein? Ganz bewusst und voller Vertrauen könnte ich mich dem Gefühl hingeben. Ich könnte meinen Geist befreien und ausrichten. Ich könnte überprüfen, was es ist, dass mich schwindelig werden lässt. Ein Rausch könnte es sein. Ein stundenlanger Lauf, ein Marathon mit geschlossenen Augen ist möglich.

Und darum laufe!

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Dürre

Nach Wochen der Dürre, mit schmerzenden Knien vom Lauf auf hartgetrocknetem Boden, mit vom Staub weich gepuderten Füßen, mit vom Untergrund zu mir heraufstrahlender Wärme, fällt endlich der lang ersehnte Regen. Nachdem die Wolken sich abgeregnet haben, mache ich mich auf in meinen Wald und finde einen völlig veränderten Ort vor. Ich rieche jetzt den Wald, so wie ich zuvor, in der Zeit der Dürre nicht darüber nachdachte, zu riechen. Ich erinnere mich an die Zeit der Feuchte.In ihr konnte ich den Wald riechen und das tiefe Einatmen durch die Nase so wohlig genießen. Wie eine Medizin, ein jeder Atemzug! Ich nehme den Kontrast wahr und verstehe in dieser Wahrnehmung erst die Qualität der Feuchte, die ich wie selbstverständlich nahm. Der Kontrast erst lässt mich wahrnehmen und ich verstehe, dass es nur der Kontrast ist, der mich wahrnehmen lässt. Ich kann dies auf jede Wahrnehmung ausdehnen, so fein sie auch sein mag. Ganz gleich auf welche Sinneswahrnehmung ich mich ausrichte. Nur dort, wo ich das Eine von dem Anderen unterscheiden kann, wo es einen Kontrast gibt zwischen den zwei Qualitäten, bin ich in der Lage sie zu erkennen und auch zu benennen. Darin, in dem Erkennen bin ich erfüllt von Dankbarkeit. Schon lang habe ich den Regen herbeigesehnt, doch Dankbar bin ich, wahrzunehmen. Dies zu erfahren, dies einmal wahrgenommen zu haben, es ist, was mir das Leben ist. Dankbar bin ich, wahrzunehmen, auch wenn es die langsame Vertrocknung des Waldes wäre, wenn es ein Absterben eines jeden einzelnen Baumes hier an diesem Ort bedeuten würde, wenn es in Feuer und Wüste münden würde. Es ist Dankbarkeit.

Und darum laufe!

Geräusch

Etwas in meinen Ohren. Es liegt zwischen einem Klang, einem Rauschen und einem Ton. Ein Ton so hoch, dass ich ihn gerade noch wahrnehmen kann. Ein Rauschen so fein, dass es dem vom Wind bewegten Herbstlaub ähnelt, ein Klang so tief, dass aus allen Zeiten seine Kraft zu erschallen scheint. Ein Geräusch, so kann ich es wohl bezeichnen. Bergend und wohlig zugleich. Eine Erkrankung ist es nicht. Ein Krankheitsbild gibt es nicht. Ich lausche dem Rauschen des Blutes in meinen Ohren. Ich lausche dem Strömen. Ich lausche mir selbst. Ich lausche der Eigenschwingung der Hörorgane. Der Weg steigt an, ich gerate außer Atem und das Geräusch erhebt sich in eine Deutlichkeit hinein. Es begleitet mich, ist mir vertraut. Hier, wo ich mein Herz schneller schlage lasse, ist es stärker. Ich lausche seiner Botschaft. Es ist die Botschaft der Verfeinerung, die der Ausweglosigkeit. Jetzt folgt es mir. Ist immerzu da. Auch im Ruhepuls. Doch nie zu laut. Nie störend. Fein abgestimmt. Als wäre dies des Geräusches Plan, fein abgestimmt zu sein.

Und darum laufe!

Als junger Mann

Im Laufen denke ich:

Als junger Mann hatte ich das Feuer nicht, das mich nun heilt, von dem ich nun weiß. Es steht mir immer zur Verfügung, um meine Augen an ihm zu heilen. Ich kann darin vertrauen, ein Feuer machen zu können, ganz gleich, was sein wird. Ich kann mich daran wärmen und andere einladen. Ich muss es nur entzünden. Ein wenig Holz, ein Funke – das genügt.

Als junger Mann hatte ich die Stimme nicht, die mich nun heilt, von der ich nun weiß. Sie steht mir immer zur Verfügung, um meine Seele zu heilen. Ich kann darin vertrauen, singen zu können, ganz gleich, was sein wird. Ich kann mich an dem Gesang erfreuen und andere einladen. Ich muss die Stimme nur erheben. Ein wenig Atem, ein Lied in meinem Herzen – das genügt.

Als junger Mann hatte ich die Hände nicht, die mich nun heilen, von denen ich nun weiß. Sie stehen mir immer zur Verfügung, um meine Furcht zu heilen. Ich kann darin vertrauen, mich umarmen zu können, ganz gleich, was sein wird. Ich kann meinen Kopf in ihnen bergen. Ich muss sie nur wahrnehmen. Ein wenig Fürsorge, dieser Moment – das genügt.

Und darum laufe!

Unsichtbar

Ich laufe und werde nicht gesehen. Still, leis und gewandt. Ich nehme Form und Gestalt an von dem, was mich umgibt. Ich werde zu einer Luftspiegelung, die vorhandenes unsichtbar macht, anstatt nicht vorhandenes vor Augen zu führen. Ich werde zu einem Laut, der so innerlich ist, dass es nicht zu glauben ist, dort draußen wäre etwas, welches diesen Laut erzeugt. Ich täusche und lasse darin dem mir entgegenkommenden Menschen seinen inneren Raum unirritiert. Dies ist nicht der Tag für Irritation. Ich laufe, als würde nicht einmal die Luft verwirbelt, die mich umgibt. Kein Erkennen, kein Wahrnehmen. Niemand sieht mich oder hört von mir. Eine Decke habe ich über meinen Kopf geschlagen und in mich hinein die Dunkelheit gesenkt. Ich laufe und bin dabei in mir zusammengekauert, gekrümmt im Zelt meiner Decke. Es ist ein Sternenzelt. Auf die Innenseite nun projiziere ich das Universum in den für mich in diesem Moment bedeutenden Erscheinungen. Und es ist ein weites Leuchten und Scheinen. Das ist mein Weg.

Und darum laufe!

Das Wohltuende

Wer spricht zu mir? Baum, Strauch oder Stein? Irgendwann, von dieser Frage erregt, war Freude in meinem Herzen. Es dauerte eine Weile bis dahin. Dann war es mit einem Mal da. Etwas in mir wurde dieser Frage gegenüber gleichgültig. Auch von dieser Frage bist Du frei! klang es in mir. Das Wohltuende daran ist mir vertraut. Wer es ist, der zu mir spricht, bleibt ohne Belang. Ich vertraue darin, es selbst zu sein und darin meiner Vorstellung von mir selbst zu entsprechen. Eine große Schöpferkraft liegt darin. Ich erschaffe mich selbst. Und niemals blind. Denn auch dunkle Gedanken stellen sich ein. Ich lasse sie fallen auf meinem Weg, wie ein Blatt in dem Herbstlaub, welches golden mich umgibt.

Und darum laufe!

Regentropfen

Im Wald die Regentropfen leise fallen. Eine Wasserfläche fängt meinen Sinn. Kreise sanft sich ziehen. Kleine, von Zeit zu Zeit ein etwas Größerer. Die Wellen nun im Kreise sich ausbreiten und einander begegnen. Es ist ein feines Spiel. Es ist ein Ebenmaß darin. Und es ist alles voller Sinn. Der Bäume Schatten liegt leicht bewegt auf dieser Fläche. Es ist ein Blick hinab und hinauf zugleich. Ich erinnere, schon oft genau so geblickt zu haben. Schon oft geborgen mich gefühlt zu haben, in dem Spiel der Wellenberge. Und kein Tropfen stört die Harmonie, kein fehlgesetzter Kreis. Alles mit Bedacht, von sanfter Hand geführt. Kein einziger Tropfen ohne Sinn.

Und darum laufe!