Zweifel

Der goldene Weg. Sein Erscheinen war von mir fast nicht bemerkt. Sand und Staub, braun und grau unter meinen Füßen sind gewandelt. Sand und Staub wandelten sich in feinen Schritten und Abstufungen, sodass ich den Kontrast erst jetzt in der Rückschau wahrnehme. Ja, deutlich erkenne ich nun: Wo es zuvor Abzweigungen gab, Entscheidungen, Anstieg, Böschungen und abfallendes Terrain, liegt nun unter mir eine goldener ebener Weg. Der goldene Weg führt von hier aus in alle Richtungen und es gibt keinerlei Begrenzungen. Ich bin auf einer golden schimmernden Hochebene angekommen. Ein Raum ohne Begrenzungen, ohne wegweisende Merkmale, ohne interpretierbare Zeichen. Eine goldene Ebene, in der alles richtig ist, weit und ohne Ende. Etwas scheint erreicht. Etwas führte mich hierher in den Raum, in dem alles richtig ist, wahr und schön. Ein geborgener, mich bergender Raum. Könnte doch seine Offenheit ängstigen, mich zweifeln lassen. Und ich zweifle. Ich zweifele an dem nächsten Schritt. Warum nur dieser Zweifel? Er ist, um stiller zu werden, leichter und feiner zu lauschen. Er ist, um hineinzuspüren in das große Geheimnis. Und Worte sprudeln in mich hinab. Vertraute, mich vertrauen lassende.

Und darum laufe!

Heimlich

Im Dunkel der Nacht, im Lichte meiner Heimlichkeit hebe ich meinen Kopf, strecke meinen Rücken und richte mich auf. Meine Nasenlöcher weisen voraus, mein Brustkorb ist angehoben. Ich laufe so, als wollte ich mir imponieren. Ich biete mir selbst einen Anblick, der größer ist, als ich es bin. Ich fülle meinen Brustkorb bis zum Äußersten und spanne meine Arme weit auf, als wollte ich fliegen. Ich bin ein Gladiator meiner selbst, laufe in hohen Sprüngen, federnd, fliegend geradezu. Ich imponiere nur mir, mir selbst, niemand anderem. Ich bin in diesem Moment der Held, der zu sein mir vorstellbar ist. Und ich bin es so sehr, dass aus dieser Vorstellung heraus die Kraft in meine Körperlichkeit hinein projiziert ist. Und darin wird sie wahr.

Und darum laufe!

Die Festung

Ich näherte mich an, lief um einen Ort herum. Ein Ort wie eine Festung. Abgeriegelt, umgeben von Mauern. Lief herum, ohne Einlass zu erhalten. Studierte die Struktur der Mauern, den mit Wasser gefüllten Graben. Studierte Gesteinsarten, Mörtel und Zement mit den die Mauern errichtet waren. All dies, soweit es für mich von außen ersichtlich war. Ich studierte die Ausrichtung des Gebäudes, seinen möglichen Zweck, seine Geschichte. Die Zinnen seiner Mauern und all das andere, welches mir irgendwie Aufschluss geben konnte über das, was im Inneren wohl vor sich gehen mochte. Und nie erhielt ich Einlass. Über Jahre nicht, sodass ich bereit war aufzugeben, bereit war es sein zu lassen. Fortzugehen und mich zu verlieren. Kleine Fortschritte in dem Studium der Festung halfen mir, nicht abzulassen von der Umkreisung. Der Fleiß und die Disziplin gingen den Fortschritten voraus. Die Schönheit der Mauern, die Schönheit des Draußen seins, die Stille, die sich einstellende Zufriedenheit, das Schauen, all das ließ mich vertrauen und ausharren. Und dann der Einbruch der Erkenntnis in mein Sein! Die Erkenntnis, die es überflüssig machte weiter vorzudringen auf dieses wehrhafte Gebäude. Auf diesen abgeschlossenen Ort. Wie ein Lichtstreif am Horizont nach einer langen Nacht. Und mir war in diesem Moment vollkommen klar: Die Festung, das bin ich!

Und darum laufe!

Hingabe

Zu Laufen als eine Art Forschung, mit der Bereitschaft und dem ausdrücklichen Ziel, von dem forschenden Subjekt zu dem beforschten Objekt zu werden. Sogar immer präziser den Raum werden zu lassen, in dem Subjekt und Objekt ineinander übergehen und dies auf eine Anzahl von Schritten in der Zeit, sowie eine bestimmte Herzfrequenz einzugrenzen. Ich bekomme eine Ahnung davon, dass in den Verhältnismäßigkeiten von Geschwindigkeit, Atemfrequenz, Bodenbeschaffenheit, Auf- oder Abstieg, Außentemperatur, dem Wetter und vielem mehr, eine Reihe von Momenten zu lokalisieren sind, die ich ganz bewusst ansteuere, weil in ihnen sich dieser Übergang in der Versuchsanordnung meiner Forschung von dem Subjekt zum Objekt vollzieht. Es ist der mich mit Glücksgefühlen durchflutende Übergang von Subjekt zu Objekt und der mich bereichernde Zugang zu Informationen aus der jeweils andere Perspektive auf etwas. Auf eine Frage, auf das Sein, auf mich selbst. Und darin ist die Frage nach dem Selbst letztlich auch gelöst. Sie ist beantwortet! Vollkommen, tief, befriedigend und erschöpfend. Nur ist die Antwort nicht in Worten auszudrücken. Die Antwort ist die Auflösung der Fragestellung: Wer bin ich? Je näher ich also heran gelange an diese Grenze, je feiner die Grenze zwischen Subjekt und Objekt in meinen Überlegungen wird, umso schneller kann mein Geist wechseln zwischen diesen beiden von mir als Kreise gedachten Bereiche. Und so wird die Schnittmenge dieser beiden Kreise dadurch immer kleiner, dass ich genau hinschaue auf den Bereich des Übergangs: Hier also denke ich noch, hier also bin ich umnachtet und werde gedacht. Und dann passiert das Besondere: In dem Changierenden Hin- und Her, dem unendlich schnell pulsierend Rotierenden gelangen die zuvor eine Schnittmenge bildenden Kreise in den spannungsvollen Zustand des an Ihrer Außenlinie-sich-Berührens, um darin zugleich in dem vollkommen entspannten Zustand der Deckungsgleichheit zu stehen. Alles ist Eins! Die Deckungsgleichheit der Kreise und die gleichzeitige Berührung der Außenseiten ihrer Kreislinien stellt keinerlei Widerspruch dar. Das Glückszentrum in meinem Gehirn, wie es vielleicht von Hirnforschern genannt werden mag, vielleicht auch Orgasmuszentrum, Suchtzentrum, Belohnungszentrum oder Lernzentrum, es jubelt auf. Ich bin wie berauscht. Ich verstehe, dass sich einander widersprechende Pole nicht vereinen lassen, ist eine Illusion. Dass ich von dem Wald irgendwie getrennt wäre, es ist eine Illusion. Dass ich von dir getrennt wäre, es ist eine Illusion.

Und darum laufe!

Eine Kontur von einem Raum

Was ist das Selbst und sein Selbstverständliches an Handlung, an Gedanke, an Inspiration in dem einen, sich als entscheidend darstellenden Moment? Wenn also der Raum offen ist für Dieses oder ein Anderes Sein, definiert durch Dieses oder ein Anderes Erkennen, welches in eine Äußerung mündet, in eine Handlung? Was es nicht ist, zu verneinen, kann ein Weg sein. Ein ängstlicher, ein dem geängstigten Menschen möglicher Weg. Ein Weg der den Raum des Möglichen verkleinert. Ein Ausschlußverfahren: Dieses alles lehne ich ab, diesen Weg nehme ich nicht! Ich staune über mich selbst. So vieles habe ich von mir geglaubt, um es nach und nach zu verneinen. Was übrig bleibt ist eine Kontur von einem Raum, der Raum selbst bleibt mir weiterhin unsichtbar. Dass das Ich dort anzuvisieren ist, es beruhigt mich. Zudem gewöhne ich mich daran, dass es auch schön sein kann, ein Rätsel nicht aufzulösen, dass es ein Rätsel bleiben kann. Doch an den Rändern bleibe ich klar: Keinen Schritt auf den jenseitigen Wegen, keine Handbreit, keinen Zentimeter.

Und darum laufe!

Das Andere

Das Eine es ist, eine achtlos hinweggeworfene Konservendose die Straße hinabzutreten, ihr, ihrem Scheppern zu folgen, für den nächsten Tritt, den darauffolgenden dazu. Für Lebensjahre, mit einem Minimum an Variation, einem begrenzten Risiko. Ist doch diese Straße ihr Ort. Sind doch die Ränder dieser Straße ihre Begrenzung. Bin ich doch bemüht, in jedem Tritt dem Lauf der Straße zu folgen und, ohne darüber nachzudenken, trete ich von der Bankette aus in die Richtung des großes Stromes, in die Mitte der Straße, die sich im Horizont verliert.

Das Andere es ist, in den Büschen zu verschwinden, Rechts oder Links, über die Bankette hinweg, sich in die Wildnis zu schlagen, sich zu verlieren, sich selbst zu riskieren, sich selbst herauszufordern und in der Herausforderung sich selbst zu erahnen. Es ist, sich in die Dornen, die Nesseln zu begeben. Hindurch, nicht blind, doch in der Kraft, die sich in der Herausforderung zu erheben hat. Es ist, die Konservendose sich selbst zu überlassen. Sich nicht mehr verpflichtet zu fühlen. Frei davon. Es ist, zu verschwinden, leis wie ein Tier, dem Instinkt zu folgen, zur Wildnis selbst zu werden.

Und darum laufe!

Gefängnis

Ein mich begrenzender Raum. Wände, ungeschmückt. Um mich herum, so eng, dass ich gerade meine Arme ausbreiten kann, ohne sie zu berühren. Ich betrachte die Strukturen, weiße Wandfarbe, abgeblättert und wieder übermalt. Ein mich begrenzender Raum, und doch bin ich frei in ihm, in meinem Gefängnis, wenn ich ohne Ziel, ohne Absicht, empfänglich bin, der reine Atem.

Ein mich begrenzender Raum, sind es auch zehntausend Meter, die ich hier laufe in meinem Plan. Er ein Gefängnis mir ist, dieser Raum. Ich betrachte die Strukturen, braunes Laub des Vorjahres, verrottete Blattstrukturen, in Schlamm und Spur zerdrückt. Und doch bin ich frei in ihm, in meinem Gefängnis, wenn ich ohne Ziel, ohne Absicht, empfänglich bin, der reine Atem.

Und darum laufe!

Ein Haar

Ich gelange zu einem heiligen Ort. Ein Felsen erhebt sich über den Bach, der sich sanft um diesen Felsen schlängelt. Der Felsen hat die Form des Kopfes eines ausgewachsenen Blauwals und ich stelle mir vor, wie der Körper des in Stein erstarrten Tieres über viele Meter in die Tiefe der Erde reicht. Es ist der Moment, in dem der Wal die Wasseroberfläche durchstößt, um alsbald mit seinem riesigen Körper auf sie niederzuschlagen. Umgestürzte Bäume rahmen diesen Ort. Ein Durchgang durch die rahmende Barriere und schon bin ich da. Der Ort wirkt auf mich unvermittelt geradezu profan, gemessen an der innerern Erwartung und dem Moment, in dem ich ihn betrat. In dem Moment des Überschreitens der Barriere vollzog ich eine innere Handlung, eine Art Ritual, eine innere Verneigung. Und ich denke: Die Schwelle, die zwischen dem Einen und dem Anderen liegt, ist dieser heilige Ort. Sie selbst ist dieser Ort, ganz innerlich. Und diese Schwelle ist unendlich klein, sie ist die Grenze zwischen Diesem und Jenem. Sie ist so unendlich fein, dass ich sie kaum lokalisieren kann. In dem einen Schritt war sie erfahren. Ihre Kraft ist so ungeheuerlich groß, so wie sie selbst fein ist, wie ein hundertfach gespaltenes Haar.

Und darum laufe!