Unsichtbar

Ich laufe und werde nicht gesehen. Still, leis und gewandt. Ich nehme Form und Gestalt an von dem, was mich umgibt. Ich werde zu einer Luftspiegelung, die vorhandenes unsichtbar macht, anstatt nicht vorhandenes vor Augen zu führen. Ich werde zu einem Laut, der so innerlich ist, dass es nicht zu glauben ist, dort draußen wäre etwas, welches diesen Laut erzeugt. Ich täusche und lasse darin dem mir entgegenkommenden Menschen seinen inneren Raum unirritiert. Dies ist nicht der Tag für Irritation. Ich laufe, als würde nicht einmal die Luft verwirbelt, die mich umgibt. Kein Erkennen, kein Wahrnehmen. Niemand sieht mich oder hört von mir. Eine Decke habe ich über meinen Kopf geschlagen und in mich hinein die Dunkelheit gesenkt. Ich laufe und bin dabei in mir zusammengekauert, gekrümmt im Zelt meiner Decke. Es ist ein Sternenzelt. Auf die Innenseite nun projiziere ich das Universum in den für mich in diesem Moment bedeutenden Erscheinungen. Und es ist ein weites Leuchten und Scheinen. Das ist mein Weg.

Und darum laufe!

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Tänze und Läufe

Tänze, die dem Laufen ähnlich sind. Menschen im Kreis in einer Richtung, in steter Bewegung. Kein Anfang und kein Ende. Läufe, die dem Tanzen ähnlich sind. Musik stellt sich ein. Die Füße umtanzen Steine, Blätter, Insekten und laufen immer weiter. Ohne eine Erinnerung an den Beginn, ohne eine Ahnung von dem Ende. Die kürzeren Schritte erlauben, zu betonen, darin ein Spiel. Als würden Klänge Schritt um Schritt entstehen.

Und darum laufe!

Der Wald

Ich laufe durch den Wald … und so wie ich es jetzt schreibe, habe ich es bereits hundert Mal geschrieben. Dabei wird mir der Begriff Wald immer fraglicher. Er ist eine Konstruktion, eine Vorstellung nur. Es ist eine Vereinbarung, dass wir Wald schreiben, wenn wir etwas meinen, von dem wir glauben, es würde ungefähr so verstanden, wie wir es meinen. Ich schaue genau hin und sehen einen Baum, einen weiteren. Ich sehe einen Mistkäfer, einen Abendsegler. Ich sehe Farne, Wasser in Pfützen, die feucht dampfenden Schwaden, die in den Bäumen festhängen. Ich bemerke, dass meine Erfahrungen an und mit dem Wald sich wandeln. Der Ort, im Grunde alles an ihm bleibt unfassbar und doch verwende ich diesen Begriff. Alle anderen Begriffe werden über diesen Gedanken hinaus ebenso fraglich. Entscheidend ist für mich dabei im Grunde nur, dass aus der gewandelten Erfahrung, der neuen Erfahrung mit dem Wald, die Befragung des Begriffes entsteht. Neu sehen, Neues versuchen, es kann ein Vorsatz sein. Er kann heiter betrieben sein, freudig und voll Liebe. Nichts ist fest, alles ist beweglich und weich.

Und darum laufe!

Wahrnehmung und Berührung

Mit den Kuppen meiner Daumen streiche ich beim Laufen über die Fingerglieder der zu Fäusten geschlossenen Hände. Links und rechts. In mir das Gefühl, als würde ich über die Windungen meines Gehirns streichen. Als würden die Daumenkuppen die Erhebungen und Vertiefungen der Außenseite meines Gehirns nachfahren. Keine Trennung, keine Distanz. Wahrnehmung und Berührung sind eins.

Und darum laufe!

 

Sanft geborgen

Es gibt die Zeit, eine äußere, eine innere und doch ist sie nur Illusion. So wie Du dich eilst, um doch zu spät zu kommen. So wie Du in Ruhe eintriffst, vor der Zeit, bevor Du erwartet wurdest. Sie bleibt Illusion. Es gibt auch die Übereinstimmung von innerer und äußerer Zeit. Hier kommt sie zum Schweigen, hier ist sie ganz sanft. In ihr geborgen ist es Dir ganz gleich, ob sie Illusion ist oder nicht. Sie ist fort und doch ist sie alles. Du mit ihr bist fort und bist zugleich alles. In Übereinstimmung – das Universum selbst.

Und darum laufe!