Wahrnehmung

Ein Hund knurrt mir auf meinem Weg entgegen. Ich laufe schnell und behalte meine Geschwindigkeit und Richtung bei. Ich gelange näher und er beginnt zu bellen. Instinktiv springe ich in die Höhe und schon bin ich an ihm vorbei. Er wird an seiner Leine zurückgezogen und bellt mir nach. Ich war so sehr in meine Gedanken vertieft, dass ich ihn nicht wahrgenommen habe. Seine Attacke war für mich völlg überraschend. Ich denke: Wie kann ich unsichtbar werden? Wie kann ich arbeiten mit der Wahrnehmung des Hundes. Wie mich seiner Witterung entziehen? Das ist das Motiv: sich entziehen. Ich gehe hinauf in die Höhe, in die ich versuchte zu springen. Dort oben also zu laufen, während mein Körper für den Hund unsichtbar wird, seiner Wahrnehmung entzogen. Und so stelle ich es mir vor: Vor mir liegt eine unsichtbare Treppe. Sie führt in die Höhe. Ich nehme mehrere ihrer Stufen in einem Satz. Entkommen, entweichen, hinauf, hinauf .

Und darum laufe!

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Harmonie

Im Wind bewegtes Winterlaub, ein Zittern fängt meine Aufmerksamkeit. Dunkel vor dem weißen Schnee auf der gegenüberliegenden Seite des Tales. Ich gelange diesem Flirren ganz nah, um zu sehen. Um mich hypnotisieren zu lassen. Ich bin darin leer und frei. Es ist kein Zittern der Angst, die mich in dem Spiel der gefrorenen Blätter hypnotisiert. Der Angst ist es nah, doch in der Bereitschaft, die Angst darin zu erkennen, wird das Flirren zu einem Hinweis: Sieh hin. Dies ist der Ort, den Du gesucht hast, um etwas von Dir zu erkennen, um Dir auf die Schliche zu kommen. Dies ist der Ort, an den Du Dich so kunstfertig angeschlichen hast. Das Pirschen hat Dich endlich hierher geführt. Und mit einem Mal sehe ich eine vom Wind gebrochene Astgabel einer Lärche vor mir pendeln. Sie balanciert kopfüber auf einem Ast einer Buche. Sie hängt lang herab, sanft baumelnd im Wind, als würde sie in der Luft wurzeln. Sie ist weich und grün, biegsam und lebendig. Ich blicke an ihr herab und erkenne die Ausgewogenheit, die Balance ihres Zustands. So fein austariert ist ihr Baumeln, dass ein Sturm sie nicht hinfort wehen wird. Sie wird sich neigen, ein weiteres Mal brechen wird sie nicht. Sie wird tanzen und schaukeln, ein weiters Mal brechen wird sie nicht. Sie wird im Sturme rauschen, doch ein weiteres Mal brechen wird sie nicht. Sie ist in völliger Harmonie und der besondere Punkt ist dort, wo Lärche und Buche einander berühren. Das ist der Moment, in dem ich stehe. Jetzt, es ist der Jetzt-Punkt, in dem das ganze feine Gebilde zusammenkommt. Es ist nichts lineares darin, kein Zeitstrahl mit Beginn und Ende. Es ist die Ganzheit des Gefüges in diesem einen Punkt zugespitzt. Die Gleichzeitigkeit zeigt es ganz klar. Alles, was war, was sein wird, was ist: In diesem einen Punkte es steht. Sonst ist dort nichts, keine Reue, keine Illusion. Dafür ist es also. Dafür ist diese Gabel, die sich teilt in die Dualität, die dann, wiederum sich aufteilt in weitere Dualitäten, um dann erneut um 90 Grad gedreht in weiteren Dualitäten sich zu differenzieren. Durch die Drehung wird dem Gebilde weitere Stabilität hinzufügt. Es ist das Männliche und das Weibliche, darin das Gebende und das Empfangende, darin das Führende und das Folgende. So geht es weiter, immer weiter. Auf dem Weg der Verfeinerung, der Ausdifferenzierung.

Und darum laufe!

Die Erzählung

Das Angenehme, das mich umgibt. Das Angenehme, welches mich erfreut, mich nährt, mich erfüllt, es verdeckt den Blick auf das Tor. Auf das Portal, auf den Durchgang. Im Herzen weiß ich, ich suche dieses Portal. Ich suche, was an Herausforderungen hinter dem Portal wartet. Mehr als alles andere. Denn ich bin ein Mensch. Und das Angenehme, mich umschmeichelnde, es wird mir fad mit der Zeit. Ich werde träge, bequem und ängstlich. Auch wenn ich es nur erahne, im Moment der größten Gefahr bin ich schlecht vorbereitet, ungeübt, ohne Erfahrung, ohne Erkenntnis. Ich kann dem Drachen, der sich mir entgegenstellt, keine Geschichte erzählen. Ich habe keine Geschichte erlebt, die des Erzählens würdig wäre. Das wird mich in der Begegnung mit dem Drachen schwächen. Genau das ahne ich bereits heute, umgeben von dem Angenehmen, im Genuss von Annehmlichkeiten, umsorgt, umschmeichelt und geborgen. Der Drache wittert meine Angst, er spürt darüber hinaus, wie groß meine Kraft ist. Ihm eine Geschichte erzählen zu können wäre eine Option. Die Geschichte würde ihn innehalten lassen, vielleicht sogar verunsichern. Im Erzählen bin ich aktiv. Ich spinne die Fäden, ich halte sie in der Hand. Ich entwickle den Handlungsstrang meiner Erzählung. Er wird verstehen: Das ist kein Opfer. Er wird erkennen, dass er achtsam mir begegnen muss. Wir sind einander ebenbürtig. Das Gespräch führen wir auf Augenhöhe. Mehr kann ich in dieser Situation nicht erwarten. Das Wesen der Angst ist also, in dem Gespräch mit dem Drachen, nichts anbieten zu können. Es ist die Angst, ängstlich zu sein. Ich überliste den Drachen nicht, auch wenn ich es könnte. Die Reichtümer sind sein Geschenk an mich.

Und darum laufe!

Die Wunde

Ist es so, dass Du Deine Zeit damit verbrachtest, den Anschein zu erwecken, es würde Dir gut gehen, so lass es sein. Dort wo Dein Schmerz offenbart ist, ist der Schmerz gelindert. Nur die Offenbarung, das Zeigen der Wunde ist in der Lage Deinen Schmerz zu lindern. Zeige Dich Gerade denen, vor denen Du Dich in Scham verbirgst. Die, welche Du fürchtest, die Dich verurteilen, ihnen zeige Deine Wunde.

Und darum laufe!

Laufmeditation

Wir können gemeinsam laufen und dabei meditieren. Du wirst etwas sehen vor Deinem inneren Auge. Das sind Deine Bilder, von Dir erschaffen. Ich kann Deine Bilder nicht sehen. Vielleicht gibt es Menschen, die das können. Ich kann spüren, was Dir Deine Bilder bedeuten, wenn Du mir von ihnen erzählst. Im Moment Deiner Erzählung kann ich spüren, was an Deinen Bildern wahrhaftig ist, wenn Du es mir erlaubst. Das kann ich Dir dann bestätigen, mehr nicht. Du hast in allem die freie Wahl. Du bist der Schöpfer und kannst entscheiden, ob Du Deine Schöpfung annehmen möchtest. Die Bilder können Dir helfen eine Entscheidung zu treffen.

Träume und Bilder, die Du vor Deinem inneren Auge siehst, können vieles sein. Deshalb ist es ratsam, ihnen gegenüber aufmerksam zu sein und sie zu prüfen. Immer wieder. Sie können Wünsche sein – Du malst Dir aus, was Du begehrst. Sie können Symbole sein – Du erschaffst Zeichen, die Dir über die Deutung eine Lösung für eine Frage anbieten. Sie können Visionen sein – Du siehst Ereignisse der Vergangenheit oder der Zukunft. Hierin liegt eine große Verantwortung. Sie können Botschaften sein – Du empfängst Hinweise der geistigen Welt. Sei dankbar hierfür, erweise Dich würdig, das genügt.

Sie können aber auch ein Spiel sein, ohne Sinn. Bedeutungslos. Auch Schreckensbilder, die Dich verunsichern, Dich hinabziehen. Diese Bilder lass einfach fallen. Lass sie los, lass sie sein. Miss ihnen nicht zu viel Bedeutung bei. Sei dankbar dafür, geängstigt zu sein, dankbar, dass diese Bilder Dich daran erinnern, dass es die Angst gibt. Erweise Dich als Meister, indem Du diesen Bildern keine Macht über Dich gewährst. Du kannst mit ihnen arbeiten und sie wandeln. Du kannst sie steuern, auch während Du schläfst. Es erfordert Aufmerksamkeit und zuvor Disziplin. Das ist schon alles. Im Wachzustand den eigenen Gedanken gegenüber souverän zu sein bedeutet, auch hier in Träumen und Visionen die eigene Souveränität wahren zu können. Oder aber sie aushalten und ihnen die Chance geben ihr wahres Gesicht zu zeigen. Sei aufmerksam und entscheide die dunklen Bilder zu wandeln in lichtere, schönere Bilder der Herrlichkeit.

Und darum laufe!