Dekompression

Ein wenig ist es so, als wäre ich ein Taucher im Meer. Die Spannung, die ich in mir aufbaue entspricht dem Druck der Wassertiefe, in der ich mich befinde. Und nun laufe ich los und steige langsam auf, hinauf an die Wasseroberfläche. Der Druck der Umgebung läßt nach und ich bin in der Not meinen inneren Druck anzupassen. Die Dekompressionszeiten sind ganz von dem Moment abhängig und variieren von Lauf zu Lauf. Mal gelingt es mir, mich anzupassen und mein Bauch ist ganz weich. Ich atme tief über den Bauch hinaus, in meine Beine, in die Füße und die Zehen. Ich bin in diesen guten Momenten vollständig angepasst und bin aufnahmefähig für die feinen Impulse meiner Umgebung. Die Impulse der Bäume, der Tiere des Waldes. Ein anderes Mal gelingt es mir nicht und ich laufe mit einem großen inneren Druck in einer Umgebung, die ohne Druck ist. Hier hilft die Zeit. Mein Atemspiegel ist niedrig und ich kann trotz Allem darauf vertrauen, nach einer Stunde des Laufens den inneren Druck losgelassen zu haben. Ist dort eine Übereinstimmung von Umgebung und Innerlichkeit, in Bezug auf die Druckverhältnisse, so ist es gewiß so, dass ich nicht nur die reine Luft atme. Ich bin dann eine hauchdünne Oberfläche nur, eine Körperhülle, völlig durchlässig und leicht. Es gibt keine inneren Organe, keine Sehnen, keine Bänder oder Knochen. Und so atme ich das Schlagen des Spechtes, die Vibration seiner Trommelwirbel. Ich atme das Sonnenlicht des Morgens und den Schatten dazu.

Und darum laufe!

Ein Regenbogen

Ein Regenbogen, er kommt zu mir. Ganz plötzlich, unvorhergesehen. Ich stehe vor ihm und blicke ganz gebannt. Ich könnte ihn nicht abpassen oder sein Erscheinen vohersehen. Ich kann nicht wissen wann und wo er sich zeigt. Der Regenbogen verblasst und löst sich auf. Suche einen Regenbogen! Tönt es in meinem Ohr. Eine Aufgabe für den nächsten Tag, die nächste Woche oder für einen längeren, in der Zukunft liegenden Zeitraum. Und ich beginne darüber nachzudenken, was ich tun könnte, einen Regenbogen zu finden. Ich verstehe schnell, dass ich durch den Versuch dort zu sein, wo er sich zeigen könnte, ihm möglicherweise ausweiche. Durch eine Annäherung, dem Streben ihm nahezukommen, entsteht Unerreichbarkeit. Und so ist seine Botschaft im Kerne, bereit zu sein. Bereit, sich ihm zu widmen, wenn er sich zeigt. Wieder tönen Worte in meinem Ohr: Gib auf! Lass es sein. All Dein Streben ist vergeblich! Wie lange willst Du Dich noch erschöpfen? Du bist doch schon lägst da! Schau Dich um! Es ist alles da! Die Botschaft des Regenbogen an mich ist, ihn zu erfahren, als ein Wunder in der Welt. Und weiter in der Hingabe an den mich bezaubernden Moment, die Lebendigkeit, das Leben selbst zu erfahren. Ganz Kind zu sein, staunend, herausgelöst aus allen bedenkenden Gedanken, Zeitlos. Herausgelöst aus Plan und Reuhe. Herausgelöst aus dem Blick voraus und der Revue. Lebendig zu sein, empfänglich, gerührt. Der Regenbogen fragt: Was ist dort in einem Leben, was sich einer Annäherung entzieht und was in der Fähigkeit, empfangen zu können, sich erst ermöglicht? Was ist der Regenbogen, der sich in mich hinein wölben mag, um mich zu erfüllen? Was ist es, was mich anfüllen mag mit allen Farben des Spektrums, mit Sinn, Bedeutung und Hoffnung zudem? Ich wende mich nach innen und werde still.

Und darum laufe!

Weißer Raum

Ein weißer Raum, der mich umgibt. Vollends weiß, unendlich sich erstreckend. Der Ursprung des Lichts, welches ihn erhellt, liegt in mir. Tief in mir. Eine Sphäre, einem Sterne gleich, im Meer von Sternen schwimmend. Ich schaue mich um und Reise an die Ränder dieses Raumes und leuchte weiterhin aus mir heraus. Ich sehe weiße Stoffe, Tücher, Laken, die mich blenden. Sie müssen wohl etwas beschatten. Ich nähere mich an. Ein Laken, es ist zum greifen nah. Es zu berühren ich nicht wage. Den Schatten, den es wirft, kann ich nicht sehen. Den Schatten, den es wirft, nun zu beleuchten, ich den Hinweis eines Menschen brauche. Das Laken abzuhängen, eines, dann ein nächstes, es erscheint so einfach und so nah.

Und darum laufe!

Regenbogen

In der Hitze, in ihrem Stechen, wenn sie von außen eindringt in den Körper, zugleich die Hitze von innen den Körper verzehrt, von der Körpermitte aus bis an die Innenseite der Hautoberfläche. Die Haut ein Transparent, eine Grenze so fein, dass Innen und Außen in ihr zusammenkommen, eins sind, darin das Feuer den Körper verglüht bis in ein reines Gelb, ein Orange, wie weißglühend fließendes Metall, ein Gold, dann hinüber in reines Weiß und dann nur noch Weiß, durch und durch. Jetzt der Körper gesenkt ist in das eiskalte Wasser des Gebirges, das Wasser in seinem Strömen erhellt ist von diesem Weiß, es sich abkühlt dabei in ein Blau-weiß, Türkis, Blau, Tiefblau, dann Blau-schwarz, gefroren fast. Ausharren in dem Wasser, Ausharren. Es kann dauern. Still-Halten, genau beobachten, erkalten in die tiefe Innerlichkeit hinein. Vollständig nur die Reise ist, wenn sie gesammelt sind, die Farben des Regenbogens und in dem Sich-Erheben aus dem Wasser in allen Farben nun erstrahlt hinauf ein Körper, mehr ein Wesen, eine Seele.

Und darum laufe!

Schwarzes Wasser

Wie nur kann ein Wasser solcherart schwarz sein, so tief, so abgründig? Es läßt mich nach innen blicken in den Brunnen in meinem Herzen. In den Brunnen, der so tief ist, dass das Licht sich in seiner Tiefe verliert. Ich werfe einen Kiesel hinab und die Sekunden, die vergehen bis der Schall zurückhallt erscheinen mir wie eine Ewigkeit. Das vorbeitreibende gelbe Blatt des Ahorns gleitet durch das Schwarz. Dort unten, ganz tief, das Licht zu finden, ich hinabtauche.

Und darum laufe!

Gold

Am Ende eines langen Laufes, der mich an alle Orte geführt hat, die mir geheim und bedeutend, an denen ich mir klar war und atmen konnte. Orte, an denen ich mein Bewusstsein wandeln konnte. Orte, an denen ich gereinigt war, frei und unbeschrieben. Am Ende dieses Laufes gelange ich also an das Flussufer des großen Stromes, der in stiller Kraft sich zeigt. Und ich blicke in meine Hände, darin ein Briefchen Schlagmetall, goldene Blättchen zu einem Heft zusammengefasst. Hauchdünn, schimmernd und flüchtig, von der Größe meiner Handinnenfläche. Und ich weiß in diesem Moment um den Ruf der Ahnen, die mir dieses Briefchen in die Hand gaben. Leise flüstern sie mir ihren Auftrag in mein Ohr: Und nun vergolde den Strom, vergolde das Meer in den der Strom einmal münden wird!

Und darum laufe!

Silbriger Glanz

Eine Barriere, unsichtbar. Ich komme zu ihr nach einer Weile des Laufens. Ich verlangsame meine Schritte und winde mich behutsam durch sie hindurch, als wäre sie ein schwerer Vorhang aus einem blickdichten Material zum Schutze einer Kammer, eines Kinosaals etwa. Kein Licht soll hindurchdringen, kein Schall, keine Zugluft und auch keine Kälte. Ich gleite hindurch, erst mit dem linken, dann mit dem rechten Bein. Und ich verschließe den Vorhang hinter mir ebenso behutsam, wie ich ihn zuvor öffnete und durchschritt. Dass diese Handlung von Bedeutung ist, bemerke ich in dem Moment, in dem ich völlig hindurchgeschritten bin. Und ich bin nun in einer anderen Welt. Eine Welt, die hier beginnt und von der ich weiß, dass ich sie nur an genau dieser Stelle wieder verlassen kann. Ich werde durch diesen Vorhang wieder zurückkehren, ganz sicher. Diese Welt hält Begegnungen für mich bereit. Ein paar Meter nur und ich werde getroffen von einem silbrigen Schimmern auf dem Weg vor mir. Die Reflexion des Sonnenlichts in einem von silbrigem Glanz durchzogenen Stein zieht mich in ihren Bann. Glimmer und Glanz, ich neige mich hinab und ergreife den Stein, um tiefer in mich einzutauchen. Ein Bild aus Kindheitstagen, eine Begebenheit, ein Ereignis. Der Moment, in dem mein Leben eine Wendung erfuhr, die mich als erwachsenen Mann hierher führte. Deren Bedeutung ich jetzt erkennen kann. Genau jetzt ist der Moment erreicht, erwirkt, in dem mir ein Erkennen möglich ist. Und ich sehe in der Tiefe, was sich ereignete, sehe die Gefühle all derer, die darin verwickelt waren. Sehe, fühle, höre und schmecke. Perspektiven in Gleichzeitigkeit, als würde ich fliegen wie ein Vogel, als würde ich blicken aus meinen Augen und denen anderer Menschen. Was nehme ich mit hiervon? Es ist der silbrige Glanz in den Augen eines Kindes, zu dem ich vorgedrungen bin. Durch den Stein hindurch blickte es mich an und ich bin ihm gefolgt.

Und darum laufe!