Licht

Die Dämmerung setzt ein. Ein Lauf am frühen Morgen. Aus der Nacht heraus laufe ich in den aufgehenden Tag hinein. Halb nur bin ich wach. Schlaftrunken laufe ich wie von allein. Ich erinnere einen Traum, den ich in der letzten Nacht geträumt habe. Bilder und Symbole erscheinen vor meinem inneren Auge. Ich denke über die Bilder nach und gelange zu einer Deutung, die mir schlüssig erscheint. eine Deutung, die Bilder, Gefühle und Vorgänge zu einer Gestalt zusammenführt. Immer soll die Gestalt geschlossen sein, möglichst eindeutig und ohne Widerspruch. Meine Deutung verbindet den Traum mit Ereignissen und Begebenheiten aus meinem Leben. Beziehungen, Gefühle, Begebenheiten. Dabei ist es immer so, dass mich eine innere Berührtheit ergreift. Nur, wenn ich berührt bin, gehe ich einer möglichen Deutung nach. Nur, wenn ich berührt bin, messe ich der Deutung eine Wahrheit bei. Viele ganz andersartige Deutungen sind vorstellbar. Doch ich weiß ganz genau, was für mich wahr ist und was nicht. Mal ist die Deutung bestätigend, ein anderes Mal ist sie eine Art Spiegelbild, welches mir bisher Ungesehenes vor Augen führt. Ganz sicher sinken in dem Meer an Wahrheit die mich nicht berührenden Bilder in der Schwere ihrer Bedeutungslosigkeit zum Meeresgrund hinab. Ich lasse sie los, ohne Reue, ohne Bedenken. Was von Bedeutung ist, es ist licht, hell und aufsteigend.

Und darum laufe!

Lichtspuren

Ein Lichtstrahl biegt sich an der Innenkante meiner Nasenöffnung und ich sauge den einen Strahl in mich ein. Millionen anderer Strahlen begleiten und folgen sanft und Nasenhaare wie Borsten am Naseneingang verflechten den Lichtstahl in ihrem Gestrüpp. Feinere Nasenhaare, etwas tiefer im Naseninneren spalten sanft den Strahl und sein Gefolge in Teilchen, die wirbeln und pulsieren. Das Wolkengebilde aus Teilchen gleitet in meinem Inneren hinab durch die Luftröhre und in Teilen auch schon hier wird die Wand der Luftröhre von dem Sauerstoff aus Licht erleuchtet. Pulsierendes Leuchten durchdringt in allen Richtungen das Innere auf dem Weg in Richtung der Lunge. Bläschen empfangen, Tropfen fallen, Nektar entsteht. Einatmung kommt zur Ruhe im Moment der größten Ausdehnung. Elastizität in allen Straßen, auf allen Wegen. Gähnen kommt zur Hilfen. Gähnen eilt herbei, Tief, tiefer noch und Ausatmung beginnt. Das Licht leuchtet hell in mich hinein und aus mir heraus. Kein Schatten weit und breit. Die Fußnägel selbst leuchten, als wäre unter ihnen ein Fahrradlämpchen installiert. Ein warmes Licht. Auch hier pulsierend. Die nackten Füße vor der schwarzen Erde fliegen durch die Dunkelheit. So schnell und gewandt. Lichtspuren im Dunkel der Nacht.

Und darum laufe!

Farben

Ich bleibe stehen und schließe meine Augen. Ich drehe mich und wende mich der aufgehenden Sonne zu. 6000 Kelvin. Ich lasse mich vom Licht bescheinen und nehme die Wärme der Sonnenstrahlen auf. Ich bemerke, wie mein Körper in der Kälte des Morgens dampft. Mein Atem beruhigt sich, mein Pulsschlag entspannt sich und ich schaue mit geschlossenen Augen. Ich sehe Farben: Rosa, Violett, Gelb, auch Weiß. Ich sehe Orange, Dunkelrot, bläuliche Töne. Die Farben gehen ineinander über, sie verlaufen ineinander, versinken und erheben sich. Sie geben den Raum wieder für die folgende Farbe frei. Ich schaue mit geschlossenen Augen ohne zu fokussieren. Ein Farbenspiel, alles ist bewegt. Ein Meer an Farben. Meine Augen entspannen sich. Vielleicht, so denke ich, sind dies die Farben, die ein Embryo im Bauch seiner Mutter sehen mag.

Und darum laufe!

Gefühle

Eine Geste meiner Hand teilt das fließende Wasser des Baches, als wäre ein Schnitt vollzogen. Eilig, behend hindurchgeführt. Und nun dieser Schnitt hinabströmt, dem Lauf des Baches folgend. Was war, ist schon nicht mehr. Aus der Vorstellung gleitet dieser Schnitt heraus und darin kein Innehalten: weiter, immer weiter! Was bleibt, ist das Gefühl der Geste in der Hand, die nun gerade sich löst aus der Haltung, die dieses Trennende vollzog. Was bleibt, ist das Gefühle der Kühle, das Nass an den Fingern, das unbedacht Schüttelnde, um in Tropfen abzuwerfen. Was bleibt, ist der taumelnde Blick in das rauschende Licht, vom Wasser gebrochen.

Und darum laufe!