Torus

Eiweiße, vielleicht Verunreinigungen im Wasser, die aufschämen, dort, wo das Wasser rauscht, wo es über Barrieren stürzt, spritzt und brodelt. Aus diesem Schaum, der von einem querliegenden Ast geschlagen ist, bildet sich in einem beruhigten Seitenbecken des Baches ein Ring aus Schaum. Ein Torus, einem Rettungsring in Form und Größe gleich, in steter ruhiger Kreisbewegung. Er schäumt von seinem äußeren Rand auf, um nach innen hin ebenso ebenmäßig abzuschäumen. Ein Ring aus Schaum. Eine Form, die mich völlig unerwartet trifft. Das Runde bildet sich über die Bewegung und die Kollision mit der geraden Kante die der Ast hier bietet. Aus dem Geraden entspringt das Runde. Ein wundersamer Torus so eigenartig fremd in dieser Umgebung und es erscheint mir ganz klar: Kein Gegensatz, keine Opposition, keine Dualität, die nicht zugleich eine Einheit wäre.

Und darum laufe!

Dunst

Dort wo die Luft weiß wird, wo die Feuchtigkeit in den Bäumen hängt, der Bach am Morgen über seine Ufer steigt, die Wege aufgeweicht, ziehe ich den Dunst in meine Lunge und ernähre mich von der Energie, die mich umgibt. Ich esse den Atem, kaue mich hindurch, verschlinge die wohlwollende Kraft. Ja, sie ist wohlwollend und lächelnd, groß und gewährend. Sie ist erfreut darüber, dass ich von dieser Anspannung loslasse, mit der ich am Morgen aufwache, zu der ich am Abend mich ins Bett lege. Die Anspannung, der ich zuerst kauend begegne, um dann weicher und weicher zu werden. Sie, die große wohlwollende Kraft, ist erfreut darüber, dass ich meine Lunge weiß werden lasse, so weiß wie die gesättigte Luft, von der Morgensonne beschienen. Sie ist erfreut darüber, dass ich eine jede Zelle in mir weiß werden lasse, aus der Zelle Kern heraus. So, wie es ein Kauen zuerst, ist es mit fortschreitender Dauer ein Lassen, ein Gewähren, ein Sich-Öffnen, ein Sich-Vergrößern. Und ich selbst werde wohlwollend in dieser Vergrößerung, um zu erinnern, wie verkleinert ich war. Wie selbst ich mich verkleinerte, in dieser Rast. Der Rast, die ich Meinen Tag nenne.

Und darum laufe!

Hingabe

Am Bach entlang, ich laufe der Quelle entgegen. Bergauf, Schritt um Schritt. Die Kühle des Baches steigt an mir empor. Das Wasser strömt mir entgegen und darin eingebettet all die Vorstellungen, die ich in mir zusammenziehe. Ich ziehe an seidenden Fäden meiner Wahrnehmung, wie eine in dem Zentrum ihres Netzes sitzende Spinne. Ich ziehe Vorstellungen von Menschen herbei und bette sie in den Strom des Wassers und lasse sie davonziehen. Es sind die Vorstellungen von Menschen, die mir einmal begegneten. Dann Vorstellungen von Menschen, von denen mir erzählt wurde. Und schließlich Vorstellungen von Menschen, von denen ich je gelesen habe. Der Anstoß, der die Vorstellungstätigkeit in mir anregt, ist ihre Kraft. Die Kraft, die mich irgendwann einmal beeindruckte, die mir Halt war und Richtschnur. Es sind Menschen, die wirken konnten, die wirklich wurden. Und ihr Individuelles in meinen Vorstellungen löst sich auf. Mehr und mehr tritt das Wesentliche hervor. Es tritt die Kraft hervor, die durch sie wirkte, die sie wirklich werden ließ. Und dies, so wird mir deutlich, ist das Eine, welches all diese Menschen miteinander verbindet: Sich selbst einmal hingegeben zu haben, dem durch sie wirkenden Strom der Energie. Und hier tritt sie mir entgegen, in dem unendlich wirkenden Prinzip des Stromes, in dem strömenden Wasser. Dem Wasser, das strömte, bevor ich das erste Mal an diesen Ort gelangte, das strömen wird, nachdem ich diesen Ort verlassen haben werde.

Und darum laufe!

Standhaftigkeit

Auf einem Stein, inmitten des dunkel beschatteten Wasserfalls, in einer Mulde, angefüllt mit zersetzem Laub, ein Same sich vor einer Weile einfand und nun ein grün leuchtendes Pflänzchen sich erhebt. Umtost vom Wasser, dem Rauschen, der Gischt. Ich erfreue mich an dem Anblick und verweile in der Frische und der in mir aufkeimenden Standhaftigkeit. Eine besondere Schönheit empfinde ich in dem von mir erahnten Mut, hier zu keimen. An dem Ort der so widrig ist, dass mir der Anblick des Pflänzchens völlig unerwartet ist. Meine Sympathie ist groß und sie war es schon immer für all das, was den Widrigkeiten sich stellte, was an Grenzen sich bewegte. Und nun fühle ich mich eingeladen, an diesem Ort in das Wasser zu steigen. Ich lege meine Kleidung ab und lasse mich fallen. Die kalte Strömung geht über mich hinweg. Ich sinke und halte den Atem an. Dabei bin ich verbunden mit dem grün leuchtenden Stengel und seinen vier oder fünf Blättern. Vertraut wir sind, das Pflänzchen und ich. Es beobachtet mich, es lächelt, seine Sympathie ist groß. Es behütet mich und erfreut sich an meinem Anblick. Vertraut wir sind, das Pflänzchen und ich. Seine Kraft ist nicht zu unterschätzen, sein Mut ist nicht zu unterschätzen.

Und darum laufe!

Der Strom

Ich folge dem Lauf des Wassers und versuche in genau der Geschwindigkeit zu laufen, in der sich der Bach dem Strom annähert. Auf dem schmalen Pfad, von den perlenden Nesseln gespornt und auch erheitert. Nach einer Weile stehe ich am Ufer des Stromes. Es ist heller als im Wald. Das Licht hatte sich in der Ferne angekündigt und nun umschließt mich die blaue Farbe des Himmels, sodass ich tief atme und mich ausruhe. Ich sitze an dem Ufer und blicke auf den Strom vor mir. Er ist so breit, dass mein Blick nur das Wasser umschließt. Sodass ich den steten, in leichten Wellen und Körpern sich bewegenden Wassermassen zusehe, ohne ihnen mit dem Blick zu folgen. Eine Formation im Wasser, ein Gebilde, eine Gestalt. Eben ist sie erkannt, schon ist sie aus meinem Sichtfeld geflossen. Ein Folgen ist nicht möglich, es ist sanft und ich lasse es nach kurzem Widerstand gewähren: Das Strömen. Es strömt durch mich hindurch und es ist stet, seine Kraft ist schier unermesslich. Ich empfinde Respekt und lass es sein: Ich betrachte den Strom, alles fließt vorbei, ich halte nichts fest. Worte in meinem Kopf, die sich wiederholen, sich aneinanderreihen und in mir tauchen Bilder auf. Menschen, Gefühle, in der Tiefe des Stromes und auch an seiner Oberfläche. Alles kann atmen, nirgends eine Not. Kein Ringen um Luft. Gesichter sich zeigen: alte, vertraute, ungesehen vertraute. Gesichter der Zukunft, der Gegenwart. Verflossene. Ihr Lächeln mich rührt, darin ihr Wohlwollen. Aus dem Mysterium heraus ist nichts erklärt. Es selbst ist nicht erklärt. Das Mysterium bedarf keiner Erklärung, doch in ihm offenbart sich mir das Richtige und ich kann dem Richtigen folgen. Nichts ist als Hinweis, nichts ist als Rat zu verstehen, doch das Wohlwollen der mich anlächelnden Erscheinungen, es ist auch mein Wohlwollen, mein Sehnen nach dem mich umfassenden Frieden. Ich weine, denn ich fühle, nicht dankbar gewesen zu sein. Ich weine, denn ich fühle, nicht still gewesen zu sein. Ich weine, denn ich fühle, nicht liebevoll gewesen zu sein.

Und darum laufe!

Schweben

Nah dem Wasser des Baches, eine Schar von Insekten sich hin und her bewegt. Ein Tanz von den Sonnenstrahlen des Abends beschienen, von der Musik des plätschernden Baches untermalt. Ihr Schweben fesselt mich. Sie wahren ihre Höhe. Sie wahren den Abstand zu- und voneinander. Auch die Form des Schwarmes ist gewahrt. In diesem Schweben zu verharren, ist der Hinweis, den ich erhalte. In diesem Schweben zu entspannen, ohne Angst, Plan oder Sorge. Ich erahne, dass dem Bach zudem das Schweben von Bedeutung ist. Dem Wasser auch, welches in den Strom fließt. Dem Strom, der sich in dem Ozean verliert, das Schweben von Bedeutung ist. Dem Ozean, das Schweben von Bedeutung ist. Ohne das, dem Ozean etwas fehlen würde. Eine Facette, die er benötigt, um vollkommen zu sein.

Und darum laufe!

Wasseramsel

Ein seltener Vogel auf einem Stein im Bach. Nur weil ich auf halber Strecke ausruhe, fällt mir dieser Vogel auf. Ich war zu müde für die lange Strecke, habe zu lange schon nicht mehr den Weg hierher gefunden, war müde überhaupt, erschöpft zu sehr, um aus mir die Kraft zu schöpfen. Der weiße Fleck auf der Brust des Vogels leuchtet weit zu mir herüber, so wie die den Stein umfliessende Gischt des frischen Wassers. Sein dunkles Federkleid, grau und braun, fast schwarz, ich verstehe, dass es genau angepasst ist an die Farbe der ihn umgebenden Steine. Angepasst an die Schatten, die die Steine in das Wasser werfen, an die Tiefen, die sich im Dunkel verlieren. Dies ist sein Lebensraum, ganz nah dem Wasser. Nie zuvor sah ich diesen Vogel. Auf Abbildungen vielleicht. Doch so nah, wie die Abbildungen ihn zeigen, kann ich ihm nicht kommen. Zu aufmerksam, zu scheu ist er, sodass er auffliegt und knapp über dem Wasser, schnell dem Bachlauf folgend, flüchtet. Ich weiß dass er unter Wasser nach seiner Nahrung sucht. Auch dass er singt, dass sein Federkleid so dicht ist, dass es ihm ein Tauchen ermöglicht. Was ich erfahre in dem Moment des Ausruhens ist, dass dieser Ort, den ich ja gut kenne, ganz eigenartig neu belebt ist für mich durch diese Begegnung mit diesem Tier. Als würde der Ort seine Seele offenbaren, die mir zuvor verborgen war. Die Fähigkeiten und Eigenschaften dieses Vogels sind mir nun mit diesem klar strömenden Abschnitt des Baches verbunden. Und ich sehe vor meinem inneren Auge diesen Vogel unter der Wasseroberfläche mit seinen kräftigen Krallen auf dem Gestein umherwandern und nach Nahrung suchen. Ein Taucher und ein Wanderer, ein Sänger und ein sich-verbergender, ein schnell davoneilender.

Und darum laufe!

Wohlbalanciert

Eine wohlbalancierte Psyche, sie scheut den Ruf nicht und stellt sich der Herausforderung: Ein zu überschreitender Stamm. Doch um ein sich Messen geht es ihr nicht. Nicht um Vergleich, Bewertung, Rang oder Status. Sie eilt nicht hinüber oder stürzt sogar. Die zwei oder drei fliegenden Schitte über den liegenden Stamm, um hinüberzustürzen auf das jenseitige Ufer, über den rauschenden Bach hinweg. Die wohlausbalancierte Seele, sie steht und geht dort auf des Stammes Mitte und ist sich ihrer selbst vollkommen bewusst. Der höchste Ausdruck ihrer selbst gelingt ihr dort auf halbem Wege zwischen Furcht und Übermut, zwischen Zögern und Eilen. In dem Gang, der ihr selbstverständlich ist, als reiner Ausdruck ihrer selbst. Wohlausbalanciert zwischen den Gegensatzpaaren, den Vielen, denn es sind hunderte oder mehr noch, die in diesem Punkt in die Harmonie gelangen. Für einen Moment. Zumindest in diesem einen Moment.

Und darum laufe!

Gefühle

Eine Geste meiner Hand teilt das fließende Wasser des Baches, als wäre ein Schnitt vollzogen. Eilig, behend hindurchgeführt. Und nun dieser Schnitt hinabströmt, dem Lauf des Baches folgend. Was war, ist schon nicht mehr. Aus der Vorstellung gleitet dieser Schnitt heraus und darin kein Innehalten: weiter, immer weiter! Was bleibt, ist das Gefühl der Geste in der Hand, die nun gerade sich löst aus der Haltung, die dieses Trennende vollzog. Was bleibt, ist das Gefühle der Kühle, das Nass an den Fingern, das unbedacht Schüttelnde, um in Tropfen abzuwerfen. Was bleibt, ist der taumelnde Blick in das rauschende Licht, vom Wasser gebrochen.

Und darum laufe!

Ein Haar

Ich gelange zu einem heiligen Ort. Ein Felsen erhebt sich über den Bach, der sich sanft um diesen Felsen schlängelt. Der Felsen hat die Form des Kopfes eines ausgewachsenen Blauwals und ich stelle mir vor, wie der Körper des in Stein erstarrten Tieres über viele Meter in die Tiefe der Erde reicht. Es ist der Moment, in dem der Wal die Wasseroberfläche durchstößt, um alsbald mit seinem riesigen Körper auf sie niederzuschlagen. Umgestürzte Bäume rahmen diesen Ort. Ein Durchgang durch die rahmende Barriere und schon bin ich da. Der Ort wirkt auf mich unvermittelt geradezu profan, gemessen an der innerern Erwartung und dem Moment, in dem ich ihn betrat. In dem Moment des Überschreitens der Barriere vollzog ich eine innere Handlung, eine Art Ritual, eine innere Verneigung. Und ich denke: Die Schwelle, die zwischen dem Einen und dem Anderen liegt, ist dieser heilige Ort. Sie selbst ist dieser Ort, ganz innerlich. Und diese Schwelle ist unendlich klein, sie ist die Grenze zwischen Diesem und Jenem. Sie ist so unendlich fein, dass ich sie kaum lokalisieren kann. In dem einen Schritt war sie erfahren. Ihre Kraft ist so ungeheuerlich groß, so wie sie selbst fein ist, wie ein hundertfach gespaltenes Haar.

Und darum laufe!