Transparent

Eine Verpflichtung mich ruft und im Gehen blicke ich auf den Park, in dem ich am Vortag meine Runden drehte. EIn paar langsame, weil ich schneller nicht konnte, dann eine schnellere, die sich wie von selbst, aus sich selbst heraus ergab, dann eine in der ich den Mut fasste, auszuprobieren, was mir wohl möglich wäre, dann eine zum Verschnaufen, für die Langsamkeit, um dann in der höchsten mir möglichen Geschwindigkeit zu fliegen, den paar verbleibenden Metern entgegen. So hatte ich es erlebt am Tag zuvor. Und nun also die Verpflichtung, die mich ruft, das Warten auf die Strassenbahn und der Blick in den Dunst des kühlen Morgens, der über der Wiese steht, um die herum die Bahn sich windet. Und in diesem verharrenden Moment verstehe ich ganz deutlich und klar: Dort bin ich! Dort an der Grenze meiner Leistungsfähigkeit, dort wo ich mich selbst herausfordere, mich ansporne und mich selbst belohne mit der Erfahrung des Ertrags, mit den Früchten des Trainigs, der Erweiterung meines Vermögens. Dort bin ich, und ich komme mir nah, ziemlich nah, ich kann mich, der ich doch von mir selbst immer noch getrennt ist, spüren, ich kann meinen Atem spüren, zudem den Atem meines anderen Selbst, welches vor mir läuft. Ich kann mich mit mir selbst gerade so eben, für diesen einen Moment in Übereinstimmung bringen. Zwei Bilder, transparent, in Deckung gebracht, zu höherer Deutlichkeit gebracht. Die Unschärfe des Selbst ist wie vergessen. Dort bin ich, ich spüre es ganz deutlich und es zieht mich etwas wie magisch dorthin. Und solcherart angezogen zu sein, ist freudig, fröhlich, lebendig und schön. Wenngleich ich mich in diesem Moment ein wenig gezwungen fühle, dorthin werde ich streben. Wannimmer ich die nächste sich mir bietende Gelegenheit erkenne. Ich weiß es ganz genau. Ich werde dorthin streben. Vielleicht bin ich gerade abgehalten durch etwas, eine Verpflichtung. Doch dort, das bin ich und ich werde es erleben, Ich zu sein.

Und darum laufe!

Regenschirm

Es regnet in der Kühle des frühen Jahres. Und ich kleide mich so, dass die Regentropfen an mir abperlen. Ich kann mich lange Zeit bewegen unter den dunklen Wolken, ohne auszukühlen. Über mir Wolken, die sich stet und ergiebig abregnen. Streifen in Grau und Dunkelgrau. Ein mich schirmender Regen, denn kein Mensch begegnet mir. Alles ist weit entfernt. So weit, dass ich fühle, was es bedeutet, allein zu sein. Und dieses Fühlen, es ist überhaupt nicht leidvoll. Eine tiefe Geborgenheit darin. Ein mich schirmender Regen, denn meinem Gefühl, es entspricht der zum Boden geneigten Haltung, dem auf die Erde gewandten Blick, der nach innen gerichteten Aufmerksamkeit. Ich atme aus und laufe in meine Atemwolke hinein. Immer wieder. Mehr ist es nicht. Der Wald ganz allein für mich, ich ganz allein für mich. Eine Sehnsucht erfüllt sich. Es rührt mich, zu bemerken, wie groß diese Sehnsucht war, wie lang sie wohl schon existierte. Es klart auf, die Sonne dringt hindurch. Wie schade, denke ich schon ist es wieder vorbei. Das Gefühl, noch ist es nicht völlig erlebt, erfahren.

Und darum laufe!

Das Allmähliche

Ich bemerke, nicht bemerkt zu haben, wie ich in diesen Zustand der Glückseligkeit fand, in dem ich mich nun befinde. Ein vom feuchten Dampf gesättigter Wald, ein warmer Morgen nach einem ergiebigen Regenguss in der Nacht. Der weite Blick in die Dunstwolke über dem Bach hinein. Diese vollkommene Geborgenheit, in diesen für mich so günstigen Bedingungen. Besser kann ich mir die Bedingungen, unter denen zu laufen wäre, nicht vorstellen. Und doch: Es fallen mir von der Magie und der Schönheit der Schöpfung beseelte Momente ein, in allen Jahreszeiten. In kalten Wintern, in feuchten Frühjahren, in milden Spätsommern, in von Gewittern geschüttelten Sommern. So viele Momente, immer wieder, die mir ideal wurden. Ich höre auf, darüber nachzudenken und empfinde nur noch, laufe nur noch. Und ich laufe weit und werde rein und kräftig, in der Annahme dieser Bedingungen. Es ist ein Glück, dass ich hierher gefunden habe. Ich bemerke, nicht bemerkt zu haben, wie ich in diesen Zustand der Glückseligkeit fand, in dem ich mich nun befinde. Ich erinnere in ganz anderen Zuständen existiert zu haben. Das Sein war leidvoll und überwältigend. Es war bedrohlich und ängstigend. Ich ahnte nicht davon, dass das Sein überhaupt anders sein könnte, als dröhnend und schwer, in einer bleiernen, bestrafenden Kraft. Ohnmächtig und ausgeliefert, herausgefordert und verzweifelt rang ich um jeden Tag. Zudem war ich nicht mit Werkzeugen ausgestattet, mit denen ich hätte gestalten können, was mir wie unveränderbar erschien. Ein Leben, wie gestellt unter eine Naturgewalt und ein Mensch ohne Ahnung noch Plan. Und doch rang ich um jeden Tag. Und die mich beschämenden Handlungen, die ich so unbewusst wie ungeschickt vollzog, wogen über den Schmerz, den sie in mir erzeugten, langsam weniger schwer. Weniger häufig traten sie ein. Die Reue ließ mich vorsichtig werden, Täuschungen waren wiedererkannt und Worte waren gefunden, all dies auszusprechen. In dem Formulieren verwirklichte sich ein Ansehen, in den Worten erhob sich ein Anspruch nach Präzision. Der Sachverhalt, das Gefühl sollte so präzise, wie nur möglich beschrieben sein. Momente der Erkenntnis ergaben sich, wie ein Geschenk aus einer unerreichbaren Sphäre: unbeschreibbares war beschreibbar, unsagbares war sagbar, unfassbares war ergriffen, unerlösbares war erlöst. Unveränderbares ist veränderbar und Trauer ist möglich. Und jetzt entsteht ein erster Eindruck von meiner Bedingtheit. Ich erhalte einen Überblick über ein sumpfiges Tal von einem etwas erhöhten Punkt aus. Zusammenhänge ergeben sich, wie von selbst und all das, was erlitten war, was von mir herbeigeführt war, es musste so und nicht anders sein. Es konnte nicht anders sein. Alles ist folgerichtig. Das also, ist mein Weg. Ich bemerke, nicht bemerkt zu haben, wie ich in diesen Zustand der Glückseligkeit fand, in dem ich mich nun befinde. Ein weiter Weg über Jahre beschritten, mit manchmal nur winzigen, kleinen Schritten, mit manchmal nur winzigen, kleinen Veränderungen. Mit nur minimalem Zugewinn an Gestaltungsmöglichkeit, an Souveränität, an Freiheit. Doch das einmal Errungene, es ist eines Lebens Schatz. Das einmal Errungene, niemand, wenn nicht ich selbst, dies auch ist deutlich und klar, könnte es mir je wieder nehmen. Was nur, frage ich mich, der die Kraft der Allmählichkeit erahnt, was nur wird mir noch an Glückseligkeit möglich sein?

Und darum laufe!

Schnee

Schnee am Morgen. Ein weißes Tuch auf den Boden gelegt. Ein Teppich, weich und rein. Der ganze Wald so still und weiß belegt. Kein Schritt, keine Spur, der Weg selbst ist nicht zu erkennen. Verletzlich, rein. Es ist, als wäre mir dieser Teppich zum Geschenk gemacht. Ihn zu betreten, als erster und einziger Mensch, der ihn in dieser Form betreten mag. Wie nur könnte ich dieses Geschenk ablehnen?

Und darum laufe!

Zu springen

Zu ermüden an dem Scheitern, an der sich nicht wandelnden Form, an der Bedingtheit. Denn durch sie hindurchzugehen überfordert die eigenen Kräfte. Und so ist alle Kraft hineingesteckt in das Aufrechterhalten dieser Form. Eine leichte Ahnung davon, wie ein silbriger Schimmer, was das Leben sein könnte an Freiheit, an Erfüllung, an Glück – eine leichte Ahnung davon ist dort zu erkennen, in der Mitte des brennenden Rings, durch den hindurchzuspringen ich Jahre schon zögere. Weiß ich doch, es gibt nur diesen Weg. Das Feuer wird mich versehren, erst Haut und Haare versengen, mich verkohlen wie ein Stück Holz, schließlich in mir erlösen, was an geneigter Körperhaltung, an erschlaffter Körperform sich über Jahre hin manifestierte. Ein freier Körper auch wird dort auf der anderen Seite auf mich warten. Er ist mir versprochen. Und dies der Trost: Der Ring aus Feuer, aus ihm heraus blicken mich meine Ahnen an. Ihre Augen aus den Flammen heraus mir entgegenleuchten. Erkennen kann ich sie erst, wenn ich gesprungen bin. Ihre Güte, ihre Wärme, ihr Mitgefühl und ihr Vertrauen in mich. Ihr Verständnis zudem und ihre Liebe. Und so erlöst sich der ganze Schrecken dieses Spieles. Die Logik ist erkannt. Doch zu springen ich habe, hinein in dieses Feuer.

Und darum laufe!