Neuanfang

Betört von dem Rauschen des Wasserfalles, welches in mir nachklingt, folge ich dem Lauf des Baches. Und hier ist es das Plätschern, sich sammelnd, ein Rinnsal geradezu. Und ich erahne: Nach dem Fall ist dort ein Neuanfang und beides ist Teil ein-und-derselben Sache.

Und darum laufe!

Spiel

Jenseits des Waldes, noch hinter dem Park, der an den Wald grenzt, befindet sich eine gepflasterte Fläche. Ein Platz, auf dem zu bestimmten Zeiten Waren in Marktständen angeboten werden. Dort wo das Wasser über die Jahre sich auf den Steinen hat sammeln können, ist das Pflaster ein wenig abgesunken und eine kreisrunde Pfütze steht dort spiegelnd und schwarz. Es hat in der Nacht geregnet und die Pfütze ist so schwarz, als wäre unter ihrer Oberfläche ein tiefes Gewässer. Ein Kind mit einem Fahrrad steuert auf die Pfütze zu. Und der Radius des engsten Kreises, den dieser vielleicht fünf-jährige Junge fahren kann, ohne einen Fuß abzusetzen, ist ein wenig kleiner, als der Radius der Pfütze. Er ist souverän, sicher und er fährt Kreis um Kreis. Dann verlässt er die Pfütze und zeichnet mit den nassen Reifen größere Kreise um die Pfütze herum. Und es entstehen Ellipsen und Überlagerungen von Ellipsen. Ein Gewirr aus Linien, die bald wieder verblassen, deren Feuchtigkeit verdunstet. Seine Eltern lassen den Jungen gewähren und ich verstehe, was auch mir gewährt wurde, dass es mich solcherart berührt, diesem Spiel zuzusehen.

Und darum laufe!

Umfließen

Und das Weiche umfließt den Stein, und das Fließende höhlt den Stein, das Wasser umschmeichelt den Stein, und das Charmante erreicht den Stein, und das Herz erweicht den Stein, und das Weiche bricht den Stein, und der Hammer zerschlägt den Stein, und die Mühle zermahlt den Stein, und Sand wird aus dem Stein, und in der Hand zerrinnt der Stein, und die Liebe ersehnt den Stein, und der Druck erzeugt den Stein, und der Sand er wird zu Stein, und die Liebe gebiert den Stein, und die Liebe liebt den Stein, und das Weiche umfließt den Stein.

Und darum laufe!

Gezwungen

Dort, wo es keinen Raum mehr gibt, in den hinein ich mich verströmen kann, wo es keine Möglichkeit, keinen Weg mehr gibt, dort transzendiere ich mich selbst. Es ist das stehende Gewässer, dessen Niveau sich völlig dem Terrain angeglichen hat. Nun also erkenne ich: Es war schon immer so, ich war nur noch nicht bereit das anzusehen und es anzunehmen. Ich versickere also und zugleich verdunste ich, sodass nur noch an des Gewässers Rand Spuren verbleiben, die von dem vergangenen Niveau zeugen und von der Unreinheit des Wassers. Ringe um das Spiegelnde der Oberfläche herum gelegt, die sich in dem Absinken und dem gleichzeitigen Aufsteigen kristallisieren. Ringe, die die Zeitspanne der Auflösung dokumentieren. Spuren von dem, was in Ihrem Zentrum einmal war, dem Meer welches mich bezeichnet. Spuren nur. Dies mag traurig erscheinen und doch ist es der Weg: Sich zu ergießen in aller Kraft, sich zu sammeln in der vorherbestimmten Form, der Landschaft der Seele und sich zu transzendieren, zu versickern und zu verdunsten. Welch Schönheit darin.

Und darum laufe!

Wasserhaushalt

Ich sage: So wesentlich das Wasser sein mag und deshalb der Begriff Wasserhaushalt des Laufenden existiert, so ist der Zustand seines Denkens wesentlich, so sind seine Gedanken wesentlich. Ich erschaffe den Begriff Gedankenhaushalt des Laufenden. Ich habe auf meinem Weg stets die Möglichkeit zur Umkehr und kehre ich vorzeitig zurück, so ist es immer ein Zugeständnis an die mich zurückrufenden Gedanken. Das Versäumnis, welches sich genau jetzt in Erinnerung ruft, die Aufgabe, die Verpflichtung. Dieser rufende Gedanke wirkt ganz sicher direkter, als ein Mangel an Wasser. Tritt der rufende Gedanke ein, sind meine Beine weich wie Pudding, ich atme schlecht, mein Fundament ist wie zerschlagen und der Tempel stürzt ein: Nur noch heraus aus diesem Urwald! Den Mangel an Wasser nehme ich anders wahr. Langsam wird mir seine Wirkung bewusst. Zuerst wird der Mund trocken. Dann tritt die Reue ein. Wäre ich doch nur besser vorbereitet in diesen Lauf gegangen. Dann werde ich langsam. Die Schritte werden schwer. Doch ich laufe weiter. Ich kann mich auszehren. Ich kann das Wasser aus meinen Reserven saugen und den Mangel später ausgleichen.

Und darum laufe!

Trinken

Wie also trinken beim Laufen, um dem Körper die Flüssigkeit zuzuführen, die er dann in Energie wandelt? Nach einer Weile fehlt mir das Wasser, es sind ungefähr vier Kilometer bis ich durstig werde und weitere vier Kilometer, die ich gut laufen kann ohne zu trinken. Ich zehre dann von meinen Reserven und fülle sie später wieder auf. Doch alles was an Distanzen darüber liegt, erschöpft mich zu tief, wenn ich kein Wasser zuführe. Und so tirnke ich auf meinem Weg. Ich versuche meinen Rhythmus nicht zu verlieren. Wasser, Wasser! Und ich brauche einige Läufe, um zu verstehen, wie es gehen kann: Im Moment des Einsaugens der Flüssigkeit in meinen Mund ziehe ich die frische Luft durch die Nase in meine Lungen. Das ist das Besondere, welches zu lernen ist. Saugen und Ziehen zugleich. Ich trinke noch nicht, es ist nur ein Einziehen aus dem Wasserschlauch in den Mundraum und ein Einziehen der Luft aus den feucht, nebligen Wipfeln in meine Lungen hinein. Daraufhin dosiere ich die im Mundraum sich langsam anwärmende Flüssigkeit in den Schluck, der dann folgt. Es kann einige Schritte dauern, bis ich beginne zu schlucken. Es ist also ein In-den-Mund-Saugen zuerst und dann ein Aus-dem-Mund-Schlucken. Ein leichter Wangendruck unterstütz das Schlucken, denn es ist etwas völlig anderes, als ein normales Schlucken in ruhenden Momenten. So also kann es gehen.

Und darum laufe!

Ziel

Ein Umkehrpunkt, den ich vergesse, an dem ich einfach weiterlaufe, er ist wie ein Ziel, welches ich erreiche, ohne es zu bemerken. Und ich übertrage diesen Moment auf alles andere. Ich wollte irgendwo innehalten, mir nicht noch mehr zumuten. Und doch bin ich einfach vorbeigeströmt. Das Feiern, das Innehalten, denn etwas lang ersehntes ist erreicht, es steht dem Strömen gegenüber. Denn es ist ganz gleich, was war, was sein wird. Wie erschöpft ich auch bin. Wie der Ort aussehen mag. Das zu erleben, es ist schon viel. Würdig wertvoll mag ein Mensch sich fühlen: Ein Moment. Eine Regenbogenforelle in dem rauschenden Bach. Ihr Schatten dort unten im Wasser. Ich beobachte sie und es beruhigt mich, zu sehen, dass sie nicht abtreibt. Sie braucht das Strömen des Wassers, die fortwährende Bewegung. Das rauschende Wasser ist voller Sauerstoff. Immer geht es weiter, so sehr, dass darin deutlich wird, dass dies das Eigentliche ist, es soll immer weiter gehen und es soll erfahren sein. Ein Selbst soll darin erfahren sein. Ein Tanz geradezu. Und nun öffnet sich der Raum der Fülle, denn in der Haltung, die alles bejaht wird auch das Strömen zu einem Gewinn. Alles nehme ich, als wäre es eine Grundbedingung, unabänderlich und wende ich mich der Wahrheit zu.

Und darum laufe!

Die Welle

Eine Welle, die mich verfolgt. Wie heranstürmende weiße Pferde und ich bin kurz vor ihnen. Einer Brandungswelle gleich, die über mir zusammenzustürzen droht. Die Geschwindigkeit so hoch zu halten, dass ich vor ihr bleibe, ist meine Aufgabe. Ich laufe also schnell. So schnell, dass ich die Gedanken nicht denken muß, deren Kraft sich in dem Bild der heranstürmenden weißen Pferde ausdrückt. Ich bin vor den Gedanken und erschöpfe mich. Und ich erschöpfe auch die Gedanken. Langsam zu werden, bedroht mich nun nicht mehr. Und tatsächlich: Alles ist gut! Für den Moment.

Und darum laufe!

Die hohe Kunst

Mit dem gesenkten Blick, dem verengten Sichtfeld auf den Bereich vor meinen Füßen, lasse ich die Erde unter mir hinwegströmen. Steine, Staub, Geröll, Gräser, Wurzeln, Pfützen. All dies in dem Strom meines Laufes, in den sich bildhaftes aus meinen Gedankengängen mit einfügt, um den Raum vollständig auszufüllen. Ich blicke nur dorthin. Ein ovaler Raum, vielleicht einen Meter vor meinen Füßen. Ich schirme mich völlig ab. Kein Blick weicht ab. Und ich folge einer inneren Erzählung. Sie kann sich aus all dem, was denkbar ist, speisen. Immer ist sie die Realisation des Wunsches von etwas, erzählt zu sein. Die Erzählung taucht auf, weil sie erzählt und von mir gehört sein will. Oft begegne ich im Zuhören Gefühlen der Reuhe und der Scham. Ich versuche sie sein zu lassen, nachdem ihnen hier mein Raum zur Verfügung gestellt war. Das gelingt meist ganz gut, denn in mir ist der Wunsch, es gut werden zu lassen und Frieden zu schließen. Dieser ovale Raum, einen Meter vor meinen Füßen ist ein Ort der Heilung, der Harmonisierung und ich erfahre immer wieder, in ihm aufzugehen und aus ihm gereinigt hervorzutreten. Dabei genügt es, einer einzigen Erzählung zu folgen. Um die Erzählung in der Tiefe aufzunehmen und vielleicht sogar zu verstehen, ist es sogar notwendig, dass ich mich auf diese eine Erzählung konzentriere. Die Bewegung, der Stoffwechsel, Atmung, Weg und mich Umgebendes, Pflanzen, Tiere, Menschen, Regen, Sonne, das Licht und sein Schatten, dies alles dient dieser einen Sache. Und es ist der Strom des Lebens, der unter mir fließt. Er ist vielschichtig, unfassbar, in steter Veränderung und in steter Bewegung. Ich laufe auf dem rauschenden Wasser dieses Stromes. Meine Füße fliegen über ihn hinweg, sodass sie seine Oberfläche gerade eben nicht berühren. Ich spüre die kühle feuchte Luft an mir aufsteigen. Ich darf nicht stehenbleiben. Ebensowenig darf ich nicht zu schnell laufen. Ich würde außer Atem geraten. Meine Geschwindigkeit soll so sein, dass ich nicht leide und reagieren kann, wenn es erforderlich ist. Ein wenig zu beschleunigen ist mir dann noch möglich. Nichts ist vorherzusehen, so ist es gut, ein wenig bereit zu sein. Ich laufe auf dem Wasser und bedenke die Metapher, so wie ich sie erzählt bekommen habe, neu. Über das Wasser laufen, auf den Wasser laufen … und nun leuchtet mir ein, dass damit gemeint sein kann, die rechte Geschwindigkeit zu wahren bei dem Lauf auf dem Strom des Lebens. Dem Lauf auf dem Strom des eigenen Lebens. So individuell und schön, wie ein jeder Mensch ist. Ohne dabei in dem Strom des Lebens zu ertrinken. In des Schwebe sich zu halten, in einer Harmonie mit dem Sein. Darin zu dem Strom selbst zu werden, der großen unermesslichen Kraft. Ein Prophet, der auf dem Wasser lauft. Ja, ein Wunder, welches einer Erzählung wert wäre. Doch wieviel mehr kann es für uns bedeuten, sei dies eine Metapher für die hohe Kunst des Seins. In dem Sein wirklich zu werden, in dem höchsten mir möglichen Potential.

Und darum laufe!