Meister

Ich neige mein Haupt vor den großen Meistern, die ohne die Mühsal einer Bewegung dort sind, wohin ich mich mühe zu gelangen. Sie ruhen dort. Sie verweilen auf dem scharf geschliffenen Papierstahl, der zwischen dem Einen und dem Anderen scheidet. Sie verleiben sich Alles ein, vereinen es, sodass Dieses und Jenes sich erweitert. Sodass Dieses und Jenes unendlich weit hinaus gehen über einen Begriff von Diesem und Jenem. Ich hingegen muss laufen. Dafür bin ich hergekommen, genau das zu erfahren. Und ich laufe. Vieles ist bereits erfahren und ich ahne von Vielem, was noch nicht erfahren ist. Die Grenze ist viel-hundert Mal verschoben, hinausgeschoben. Es gibt noch Vieles jenseits der Grenze. Ich weiß darum. Es geht darum Alles zu erfahren, Alles zu empfinden, Alles zu erkennen. Das ist die Haltung, in der ich existiere.

Und darum laufe!

Ein Volkslauf

Ich laufe auf dieser Strecke nun fast seit 20 Jahren und das vielleicht zwei Mal pro Woche. Wenn ich ein wenig rechne, so gelange ich auf eine Anzahl von vielleicht 2000 Läufen. Es ist wahrscheinlich ein wenig zu hoch gerechnet, aber die Zahl ist schön und mag meiner Vorstellung dienen. Ich ziehe also die Zeit zusammen in diesen Moment und bevölkere meinen Wald mit 2000 Entitäten meiner Selbst, die hier in 2000 Lebens-, Bewusstseins-, Gedanken- und Vertrauenszuständen einmal hier liefen und nun hier sind. Sie sind wirklich da, anwesend, wie Überblendungen von 2000 Filmaufnahmen in einen einzigen Film hinein. Und so gibt es einen Start mit dichtem Gedränge, welches sich im weiteren Verlauf ein wenig auflockert. Ein dichtes Treiben zu allen Jahreszeiten, die Strecke entlang zu Rast- und Umkehrpunkten. Der ein oder andere entgegenkommende Läufer ist in sich versunken, das Feld ist langgezogen. Alle sind ganz ähnlich gekleidet. Manch ein Kleidungsstück ist in allen Jahrgängen vertreten. Für alle ist Platz in diesem Wald und für noch viele, viele mehr. Mir scheint, als hätte ich mit dieser Sache gerade erst angefangen. Anfängergeist auf diesem Weg, überall. Kein Meister, weit und breit.

Und darum laufe!

Genußläufer

Das Laufen ist mir so sehr natürliche Form, so wenig Gefahr, dass es mir in diesem Moment unmöglich erscheint, in dem Laufen an den Rand des Bequemen, darüber hinaus in den Bereich des Lernens und dann in den Bereich des Existentiellen zu gelangen. Gewiss lerne ich und doch ist es bequem und komfortabel, so betreiben, wie ich es tue. Es ist ganz sicher wohltuend und ich erschöpfe mich in ihm, das ist die Sache an sich. Und doch erschöpft es sich, wenn es keine Herausforderung gibt. Ich und vielleicht auch ein jeder anderer Mensch in seiner eigensten Form, benötige und suche eine Herausforderung: Gelingt es mir, in der Dunkelheit zu laufen, soll es die Kälte sein. Gelingt es mir, eine besonders große Dauer zu bewältigen, so soll die Steigung dazukommen. Distanz oder Geschwindigkeit, gemessen und verglichen, immer soll es eine Herausforderung sein. Es endet nie und ich berausche mich daran, mich solcherart zu vergeuden, mich zu verausgaben. Es wird mich umbringen, irgendwann. Ganz sicher, eine Heimkehr gibt es nicht. Es ist die Sache an sich. Doch die Resignation, die geängstigte Lethargie, sie würde mich ebenso umbringen, ganz sicher, irgendwann. Was also treibt mich in dieser Disziplin hinauf in den Bereich, der mich herausfordert, mich mit einer neuen Erfahrung versorgt? Vielleicht eine mich verfolgende Bedrohung. Ein Tier, eine Meute. Ich würde anders laufen, Reserven mobilisieren und überhaupt erst von Reserven in mir Kenntnis erlangen. Einem Meister des Laufens gelänge genau dies ohne eine fremde Bedrohung. Aus sich heraus der Grenzerfahrung sich anzunähern, um in der Erfahrung sich selbst zu erkennen. Sich selbst zu spüren, immer wieder. Nichts darin wäre, einmal begangen, auch schon abgeschlossen oder dauerhaft errungen. Ihm wäre kein Tier notwendig. Er wäre souverän.

Und darum laufe!