Heimlich

Im Dunkel der Nacht, im Lichte meiner Heimlichkeit hebe ich meinen Kopf, strecke meinen Rücken und richte mich auf. Meine Nasenlöcher weisen voraus, mein Brustkorb ist angehoben. Ich laufe so, als wollte ich mir imponieren. Ich biete mir selbst einen Anblick, der größer ist, als ich es bin. Ich fülle meinen Brustkorb bis zum Äußersten und spanne meine Arme weit auf, als wollte ich fliegen. Ich bin ein Gladiator meiner selbst, laufe in hohen Sprüngen, federnd, fliegend geradezu. Ich imponiere nur mir, mir selbst, niemand anderem. Ich bin in diesem Moment der Held, der zu sein mir vorstellbar ist. Und ich bin es so sehr, dass aus dieser Vorstellung heraus die Kraft in meine Körperlichkeit hinein projiziert ist. Und darin wird sie wahr.

Und darum laufe!

Meister

Ich neige mein Haupt vor den großen Meistern, die ohne die Mühsal einer Bewegung dort sind, wohin ich mich mühe zu gelangen. Sie ruhen dort. Sie verweilen auf dem scharf geschliffenen Papierstahl, der zwischen dem Einen und dem Anderen scheidet. Sie verleiben sich Alles ein, vereinen es, sodass Dieses und Jenes sich erweitert. Sodass Dieses und Jenes unendlich weit hinaus gehen über einen Begriff von Diesem und Jenem. Ich hingegen muss laufen. Dafür bin ich hergekommen, genau das zu erfahren. Und ich laufe. Vieles ist bereits erfahren und ich ahne von Vielem, was noch nicht erfahren ist. Die Grenze ist viel-hundert Mal verschoben, hinausgeschoben. Es gibt noch Vieles jenseits der Grenze. Ich weiß darum. Es geht darum Alles zu erfahren, Alles zu empfinden, Alles zu erkennen. Das ist die Haltung, in der ich existiere.

Und darum laufe!

So wie es will

Ein Sturm zieht auf, Bäume brechen. Das ist ein Naturgesetz. Ich frage mich: Warum ist genau dieser Baum gestürzt? In welche Richtung weist sein Sturz? Was von ihm ist abgebrochen? Ich bin beeindruckt von den Kräften, dem geborstenen Holz, den abgeworfenen Ästen. Ich idealisiere. Ich idealisiere an der Verwüstung, an dem Bild, das sich hier bietet: Es sollen große Bäume, harmonisch platziert, umgeben von kleineren, heranwachsenden sein. Wohlgemischt, sich selbst überlassen, dem eigenen Willen folgend. Unangetastet soll er sein, der Wald, unbewurtschaftet, ohne Geraden und Wege, die nicht von Tieren gezogen, von Menschen dann befolgt und angenommen wären. Ich trage den Idealismus in den Wald hinein. Der Idealismus ist von sich aus im Wald nicht zu finden. So sehr ich auch suchen mag. Im Wald ist alles, wie es ist: gegenwärtig, anwesend, reines Sein, widersprüchlich. Existenz ohne Wert oder Unwert. Würdig, gleichgültig und -geltend. Aufstrebendes und absterbendes Leben, gestautes Wasser, gelegte Bäume quer durch den Bach. Gerade so wie es will. Ein Sturm zieht auf, Bäume brechen.

Und darum laufe!

Sonnenstrahl

Der gerade Weg erlaubt mir an ihm entlang in die Ferne zu blicken und ich sehe den Schatten der Bäume, die den Weg säumen, wie die Schweller einer Schiene, auf der ich laufe. Ich kann mir den Lauf der Sonne vorstellen, denn ich bin zu unterschiedlichen Tageszeiten auf diesem Weg gelaufen. Zu allen Jahreszeiten bin ich hier glaufen, ich habe den tiefsten Sonnenstand erlebt mit den langen Schatten und auch den höchsten Sonnenstand. Immer beschrieben die Schatten ein Oval, so wie der Lauf der Sonne am Himmel. Und mir ist, als wäre die gerade Linie, der gerade Weg, ein Irrtum, an dem ich mir der Kreisbewegung der Sonne bewusst werde. Doch ein Irrtum dabei. Ein Irrtum, der irgendwann einmal in die Welt gekommen ist. Vielleicht war in ihm die Horizontlinie nachempfunden und mehr noch die gerade Linie, in der der Sonnenstrahl uns trifft, die gerade Linie, in der der Sonnenstrahl sich von dem Schatten abgrenzt.

Und darum laufe!

Heiß oder kalt

Hitze oder Frost, Regen, Wind, Sturm sogar, nie ist es so, wie es sein könnte, der Vorstellung nah.  Auch jenseits der Extreme. Es entzieht sich der Bereich des Wohlbefindens in dem Maße, in dem ich versuche mich ihm anzunähern. Das Streben nach den optimalen Bedingungen lässt mich loseilen oder aber es läßt mich zögern. In dem Streben und dem Versäumen verliere ich mich selbst. Den Hunger zu beobachten, ihn auszuhalten, anstatt dem essbaren hinterher zu eilen, den Durst zu ertragen, dem Frost standzuhalten, es offenbart: Dort gibt es bisher ungesehenes!

Das Ideal läßt mich loseilen, ich bin unterwegs, getrieben, entäußert und hierüber wird alles schlecht, alles falsch, denn ich verliere diesen Ort. Den Ort, an dem ich mich  befinde. Und je länger ich unterwegs bin – endlich verstehe ich: Der Ort, den ich suchte ist hier, genau hier, in mir! Und er war schon immer hier. Er kann nirgendwo anders sein. Dieser Ort ist der einzige, der mir beschieden ist. Ich habe keinen anderen. Wenn ich ihn erkenne, offenbart er seine Schönheit, in dem kleinsten seiner Teile. Es ist die Offenbarung des Universums, des Seins. In ihm sind alle Antworten auf alle mir möglichen Fragen geborgen und darüber hinaus ist dort auch die Gewissheit, dass es keine Frage gibt. Es ist die Flucht aus der Welt, die ich hier lehre – über das Weniger, das Ertragen, das Aushalten, das Verharren, das Sich-öffnen – in dem Ergreifen der Welt.

Selbst und Ich lösen sich auf, sind verflüchtigt. Energie und Bestimmung fließen und strömen durch mich hindurch. Durch mich, der den Mut hat, dem Universum gegenüberzustehen, den Mut, das Universum durch sich hindurch gehen zu lassen, das Universum zu sein. Solcher Art Bestimmung zu sein, ermöglicht mir, im nächsten Moment wieder meiner Arbeit nachzugehen, der Aufgabe zu folgen.

Und darum laufe!