Zu Lauschen

Zu Lauschen – eine Stunde an dem rauschenden Wasser des Baches, an der Kaskade, es mich wandelt, meinen Atem, die Körpertemperatur, den Klang in meinem Ohr, wie abgestreift. Wie ein Gewand, welches hinabsinkt, um im Wasser sich aufzulösen. Zu Lauschen – eine weitere Stunde an dem rauschenden Wasser, der Kaskade, es mich wandelt, mein Selbst bewegt, es flüssig und weich werden lässt, darin stark und strömend um jedes Hindernis herum, unfassbar und rein. Zu Lauschen – eine dritte Stunde an dem rauschenden Wasser des Baches, an der Kaskade, es mich wandelt, so wie jede Beziehung, zu einem anderen Menschen sich nun wandelt, als würde der Bach auf diesen Menschen zuströmen, von hieraus. Zu Lauschen – eine vierte Stunde an dem rauschenden Wasser des Baches, an der Kaskade, es den Bach selbst nun wandelt, der Bach von hieran ein völlig anderer ist, beseelt von mir mit Worten, Bitten und Gefühl. Zu lauschen – eine fünfte Stunde an dem rauschenden Wasser des Baches, an der Kaskade, es mich vereint mit dem Bach und keine Sicht mehr auf die Sache es geben kann, weil die Sache es ist, weil ich es bin.

Und darum laufe!

Geräusch

Etwas in meinen Ohren. Es liegt zwischen einem Klang, einem Rauschen und einem Ton. Ein Ton so hoch, dass ich ihn gerade noch wahrnehmen kann. Ein Rauschen so fein, dass es dem vom Wind bewegten Herbstlaub ähnelt, ein Klang so tief, dass aus allen Zeiten seine Kraft zu erschallen scheint. Ein Geräusch, so kann ich es wohl bezeichnen. Bergend und wohlig zugleich. Eine Erkrankung ist es nicht. Ein Krankheitsbild gibt es nicht. Ich lausche dem Rauschen des Blutes in meinen Ohren. Ich lausche dem Strömen. Ich lausche mir selbst. Ich lausche der Eigenschwingung der Hörorgane. Der Weg steigt an, ich gerate außer Atem und das Geräusch erhebt sich in eine Deutlichkeit hinein. Es begleitet mich, ist mir vertraut. Hier, wo ich mein Herz schneller schlage lasse, ist es stärker. Ich lausche seiner Botschaft. Es ist die Botschaft der Verfeinerung, die der Ausweglosigkeit. Jetzt folgt es mir. Ist immerzu da. Auch im Ruhepuls. Doch nie zu laut. Nie störend. Fein abgestimmt. Als wäre dies des Geräusches Plan, fein abgestimmt zu sein.

Und darum laufe!

Rausch

Wenn du läufst, durch den Wald über Wurzel und Gestrüpp und du bist nicht allein, so versuche dies: Lauf hinter deinem Partner her, ganz nah. So nah, dass du kaum erkennen kannst, wohin du trittst, weil eben noch vor einem Bruchteil einer Sekunde der Fuß deines Freundes die Stelle berührte, die du jetzt berührst. Es ist wie der Blick auf die vorbeifliegenden Schwellen zwischen zwei Waggons, bei einer Fahrt mit der Eisenbahn. Dort ist der magische Raum, in dem die Geschwindigkeit alles miteinander verschmelzen lässt. Aus der sich abwechselnden Struktur von Schwelle und Zwischenraum wird eins. Eine Synthese. Die Vereinigung von zwei Prinzipien: dem Tragenden und dem Durchlässigen. Es ist das Seiende und das Nicht-Seiende. Ja und nein. Gebunden ist dies durch den Gleiskörper, der in diesem Bild ohne Anfang und Ende ist. Vor meinem inneren Auge und in mir entsteht durch die Geschwindigkeit eine neue Struktur. Ich kann mich in sie hineinfallen lassen. Diese Struktur ist vielschichtig. Sie zu betrachten, berauscht mich. Ich bin wie hypnotisiert und weiß doch, sich völlig fallen zu lassen ist gefährlich. Ich könnte mich verletzen. Und so betrachte ich Äste, Moos, Blätter, den hinauffliegenden Fuß des Freundes. Nichts von dem ist ohne Grund, alles ist gesetzt, arrangiert, voll Sinn und Bestimmung. Jedes noch so kleine Ästchen. Und alles verwischt in meinem Auge miteinander, sodass nichts eine feste Grenze mehr hat, sodass ein Ding es überhaupt nicht mehr zu geben scheint. Der Freund ist die Lokomotive, die mich zieht und ich gehe mit, lasse mich ziehen, hinab in die Tiefe des Rausches. Der Rausch ist, genau das zu sein, genau dort zu sein, wo Tritt um Tritt den Boden berührt. Darin bin ich völlig außer mir, im Rausch. Und ich atme, so gut es geht. Ich verausgabe mich, denn es gibt keinen Gedanken an die Einteilung der Kräfte. Das ist der Moment, mehr nicht. Und in ihm erhalte ich Zugang zu Kräften, die von außen zu kommen scheinen. Darin verbirgt sich ein Geheimnis, zu dem zurückzukehren es mich ruft.

Und darum laufe!

Der Stein

Der Stein bin ich, der im Bach das Wasser teilt, wo ich glaubte Wasser zu sein, das Strömen selbst, weich und voller Kraft.

Eine jede meiner Entscheidungen, ein Stein nur war, dazugelegt zu einem Feld, im Bette dieses Baches, wo ich glaubte, Wasser zu sein, das Strömen selbst, weich und voller Kraft.

Ohne Stein kein Rauschen. Das ist mein Geschenk an diese Welt.

Und darum laufe!