Neuanfang

Betört von dem Rauschen des Wasserfalles, welches in mir nachklingt, folge ich dem Lauf des Baches. Und hier ist es das Plätschern, sich sammelnd, ein Rinnsal geradezu. Und ich erahne: Nach dem Fall ist dort ein Neuanfang und beides ist Teil ein-und-derselben Sache.

Und darum laufe!

Spannung

Zwei Nächte Frost und der Bach ist bedeckt mit einer Eisschicht. Vom Ufer bis in die Mitte des Baches hinein ist die Eisschicht gewachsen. Darunter fließt das Wasser und von oben wird gefrorenes Material auf die Eisfläche geschoben. Ein Knall erschreckt mich. Er ist vor mir und hinter mir zugleich. Einem Blitze gleich ist ein Bruch durch das Eis geschossen. Die aufgeschobene Spannung erlöst sich in diesem langen Bruch. Das neue Jahr kündigt sich an.

Und darum laufe!

Ein Volkslauf

Ich laufe auf dieser Strecke nun fast seit 20 Jahren und das vielleicht zwei Mal pro Woche. Wenn ich ein wenig rechne, so gelange ich auf eine Anzahl von vielleicht 2000 Läufen. Es ist wahrscheinlich ein wenig zu hoch gerechnet, aber die Zahl ist schön und mag meiner Vorstellung dienen. Ich ziehe also die Zeit zusammen in diesen Moment und bevölkere meinen Wald mit 2000 Entitäten meiner Selbst, die hier in 2000 Lebens-, Bewusstseins-, Gedanken- und Vertrauenszuständen einmal hier liefen und nun hier sind. Sie sind wirklich da, anwesend, wie Überblendungen von 2000 Filmaufnahmen in einen einzigen Film hinein. Und so gibt es einen Start mit dichtem Gedränge, welches sich im weiteren Verlauf ein wenig auflockert. Ein dichtes Treiben zu allen Jahreszeiten, die Strecke entlang zu Rast- und Umkehrpunkten. Der ein oder andere entgegenkommende Läufer ist in sich versunken, das Feld ist langgezogen. Alle sind ganz ähnlich gekleidet. Manch ein Kleidungsstück ist in allen Jahrgängen vertreten. Für alle ist Platz in diesem Wald und für noch viele, viele mehr. Mir scheint, als hätte ich mit dieser Sache gerade erst angefangen. Anfängergeist auf diesem Weg, überall. Kein Meister, weit und breit.

Und darum laufe!

Ethik des Laufens

Ich achte darauf, bei einem Lauf so wenig Spuren, wie möglich zu hinterlassen. Ich laufe auf bestehenden Wegen und Pfaden. Ich versuche, so leis, wie möglich zu laufen. Ich respektiere die Tiere, die mir begegnen, und weiche zurück, um den Weg für sie freizumachen. Ebenso gebe ich den Weg frei für Passanten, für Wanderer und Radfahrer, ohne sie zu behindern. Ich sende ihnen, wie den Tieren das Gefühl des Respekts und der Gleichwertigkeit. Das ist die Ethik des Laufens, der ich folge, nach der ich das Laufen praktiziere.

Und darum laufe!

Zugleich

Wenn Du läufst, kann es sein, dass Du nach dem Moment der Einheit suchst. Oder Du wartest auf eine Erkenntnis. Vielleicht erhoffst Du Dir Erhabenheit, die Erfrischung des Geistes oder die Erleuchtung. Die Erleuchtung soll sich einstellen. Dort hinter dem nächsten Ast, hinter der Biegung des Weges, in dem Anstieg den Berg hinauf. In der Tierbegegnung der Nacht, in dem Schrei der Eule, dem Schatten des Wolfes auf der Wegkreuzung. Doch dort ist sie nicht. Sie hat schon längst begonnen. Viel früher schon. Sie erscheint mit dem Entschluss Ich werde laufen. Im Ankleiden bereits bist Du mittendrin. Doch auch davor schon war die Erleuchtung am Werk. Die Erleuchtung nimmt ihren Anfang mit dem ersten Atemzug des blutverschmierten Kindes und sie endet mit dem letzten tiefen Ausatmen der Substanz. Mehr noch: weit davor und weit danach liegt der Anfang ihres Wirkens. Das Leben, ein einziger währender Höhepunkt. Es ist eine Spanne an Zeit und der Moment zugleich. Von hier betrachtet, integrierst Du alles, Dein ganzes Leben. jedes Missgeschick, jedes noch so große Hindernis. Freud und Leid, Scheitern und Erfolg.

Und darum laufe!

Laufübung am Meer

Für diese Übung benötigst Du ein Meer, eine Küste, an der das Meer sich bricht. Dann benötigst Du einen Tag Zeit, zudem einen von Wolken klaren Himmel und den freien Blick auf die Sonne. Vor Dir benötigst Du einen Sandstrand. Vielleicht benötigst Du auch ein paar Tage Zeit, weil es sein kann, dass das Wetter an der See wechselhaft ist. Warte ab, irgendwann kommt die Sonne hindurch und dann laufe zum Strand. Du benötigst für diese Übung einen breiten Strand. Einen, der sanft zum Meer hin abfällt, sodass die Wellen lang und breit auflaufen, an Kraft verlieren und zurücklaufen. Ein Wattenmeer vielleicht. Dort laufe. Bewege Dich in dem Bereich, in dem die auflaufenden Wellen eine große Wasserfläche bilden, die im Ablaufen die Sonne reflektiert. Laufe nicht zu früh und nicht zu spät. Alles soll so sein, dass die Reflexion der Sonne vielleicht zwei Meter vor Dir liegt. Und dann laufe. Halte Deinen Blick gesenkt. Die Reflexion der Sonne läuft nun vor Dir. Sie begleitet Dich. Das ist die Übung. Erfahre, wie die Sonne vor Dir läuft, in gleichbleibendem Abstand. Du läufst dabei der Sonne entgegen. Lass den reflektierten Lichtfleck in Dich eingehen. Speise die Sonne ein in die Mitte Deines Kopfes und laufe, ohne zu denken. Das Rauschen des Meeres, die auf- und ablaufenden Strukturen von Wasser und Schaum unter Dir helfen Dir dabei. Lass alles in der Mitte Deines Kopfes zusammenkommen. Vertiefe Dich mit offenen Augen in das Zentrum Deines Kopfes. Laufe am besten barfuß durch die anbrandenden Wellen. Gib Dich dem Schwindel hin, hier kann nichts passieren, der Untergrund ist weich. Erfahre genau das, Kilometer um Kilometer. Und dann laufe heim. Das ist die Übung.

Und darum laufe!