Ohne Rat

Spuren im Schnee, grobstollige Reifen, Vorder- und Hinterrad. Das Schlängeln und Schlingern, der tiefe Kontrast, das in den Schnee gedrückte beschattete Profil. Begleitende Fußspuren drumherum und ich folge den Spuren. Die Fußspuren werden an Anzahl weniger, der Weg führt in die Tiefe des Waldes und zugleich hinauf in die Höhe. Das Verschwinden der Fußspuren neben den Radspuren verdeutlicht den Moment des Sich-Einschreibens in die unberührte weiße Schneedecke in einer unausgesetzten Linie. Das Rad wurde nirgends getragen. Pulveriger und tiefer der Schnee, kälter die Luft, ein weites Feld liegt vor mir. Ich folge hinaus auf das Feld. Der Rabe krächzt, schwarz wie ich hier oben. Das Feld gesäumt von einer Vielzahl an Bäumen, Weite, in des Feldes Mitte ich stehe. Und die Spur endet! Die Spur führt hierher und nicht weiter. Ein Ende in dem weißen Feld, wie ein Rätsel, wie eine Zurückgeworfenheit. Ich auf mich selbst, in mich hinein zurückgeworfen. Wie schön und schrecklich zugleich! Ich kann es weitertreiben und hinausschreiten in diese Kultur der ersten Berührung und zugleich hinausschreiten aus der Kultur der Folgsamkeit. Oder aber es vermeiden. Und verloren bin ich in diesem hauchdünnen Moment zwischen dem Einen, welches Voranweist und dem Anderen welches verharrt. Gelähmt und ohne Rat.

Und darum laufe!

Die Festung

Ich näherte mich an, lief um einen Ort herum. Ein Ort wie eine Festung. Abgeriegelt, umgeben von Mauern. Lief herum, ohne Einlass zu erhalten. Studierte die Struktur der Mauern, den mit Wasser gefüllten Graben. Studierte Gesteinsarten, Mörtel und Zement mit den die Mauern errichtet waren. All dies, soweit es für mich von außen ersichtlich war. Ich studierte die Ausrichtung des Gebäudes, seinen möglichen Zweck, seine Geschichte. Die Zinnen seiner Mauern und all das andere, welches mir irgendwie Aufschluss geben konnte über das, was im Inneren wohl vor sich gehen mochte. Und nie erhielt ich Einlass. Über Jahre nicht, sodass ich bereit war aufzugeben, bereit war es sein zu lassen. Fortzugehen und mich zu verlieren. Kleine Fortschritte in dem Studium der Festung halfen mir, nicht abzulassen von der Umkreisung. Der Fleiß und die Disziplin gingen den Fortschritten voraus. Die Schönheit der Mauern, die Schönheit des Draußen seins, die Stille, die sich einstellende Zufriedenheit, das Schauen, all das ließ mich vertrauen und ausharren. Und dann der Einbruch der Erkenntnis in mein Sein! Die Erkenntnis, die es überflüssig machte weiter vorzudringen auf dieses wehrhafte Gebäude. Auf diesen abgeschlossenen Ort. Wie ein Lichtstreif am Horizont nach einer langen Nacht. Und mir war in diesem Moment vollkommen klar: Die Festung, das bin ich!

Und darum laufe!

Still

Es ist nicht so, dass die Dinge nicht fortwährend gesprochen hätten, sich offenbart hätten, sich zugeneigt hätten, um ihr Wesen zu offenbaren. Doch den Dingen gegenüber still zu werden, bedeutet, sich zu öffnen und die Wahrnehmung setzt ein. Das Feine, das so leicht vertriebene, das, was so schnell schweigt, ist nun zu hören. Lausche! Für einen Moment offenbart sich die Schönheit, denn ich bin schön geworden in meiner inneren Stille. Ich bin anwesend, ohne Werden oder Vergehen. Ergeben und leer. Darin bin ich frei, um die Freiheit der Bäume zu verstehen. Darin schön, um die Schönheit des Wassers zu verstehen. Darin groß, um die Größe des Käfers mit seinen glänzenden Flügeln zu verstehen. Darin scheu, um den Blick des vorbeilaufenden Tieres zu verstehen. Um überhaupt zu verstehen, so sehr, dass ich im folgenden Moment meinen werde, ich träumte. So oft und immer wieder: Ich träumte wohl! Der Traum war ein in Geborgenheit und Sanftheit sich offenbarender Traum der Schönheit. Ein Traum der Schönheit, die all die Irritation, die Angst und den Schmerz nur deshalb benötigte, um sich zu zeigen. Um zu zeigen, dass dieser Traum die eigentliche Wahrheit ist. Die Verbundenheit von Allem mit Allem als die eigentliche Wahrheit. Die Wahrheit, die mich so leicht wieder in den Traum meines Seins entlässt. In den Traum, in dem ich meine, mich mühen zu müssen. In dem ich meine, mich ängstigen zu müssen. In dem ich meine, mich eilen zu müssen. In dem ich meine, mich fremd fühlen zu müssen. Doch diese Erfahrung ist wahr, ebenso wie jene. Die aus der Stille entspringende Erfahrung belegt sich mit den vielen Wundern, die sich ereignen, die mich begleiten und die ich wieder loslasse und vergesse. Es sind immer Wunder der Begegnung. Es sind Wunder, in denen alles spricht, alles wahr ist und mein Wissen von der Wahrheit umfassend ist. Und es ist so einfach, dass ich mich stets wieder daran erinnern mag: Ich erschaffe in mir die Schönheit, werde schön und empfange daraufhin die Schönheit der Welt, die sich nun mir zuneigt. Die Schönheit, die nur darauf gewartet hat, dass ich endlich komme, um sie anzusehen und zu lauschen. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass dieser Traum wiederkehrt. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass in den Traum einzutauchen, ganz leicht gelingt und dann über Wochen und Monate nicht mehr. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass es meiner freien Entscheidung obliegt, in mir alles so zu bereiten, dass ich in den Traum eintauchen kann. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass ich mich nicht in dem Traum verlieren muss und dass zu träumen keine Flucht darstellen muss. Ebensowenig ist von der Hand zu weisen, dass die Wüste meines Seins mich austrocknet und in ihrer Gewalt mich zwingen will. Nichts ist von der Hand zu weisen. Auch und zuletzt nicht die Souveränität, in der ich hier stehe und laufe.

Und darum laufe!

Ein Haar

Ich gelange zu einem heiligen Ort. Ein Felsen erhebt sich über den Bach, der sich sanft um diesen Felsen schlängelt. Der Felsen hat die Form des Kopfes eines ausgewachsenen Blauwals und ich stelle mir vor, wie der Körper des in Stein erstarrten Tieres über viele Meter in die Tiefe der Erde reicht. Es ist der Moment, in dem der Wal die Wasseroberfläche durchstößt, um alsbald mit seinem riesigen Körper auf sie niederzuschlagen. Umgestürzte Bäume rahmen diesen Ort. Ein Durchgang durch die rahmende Barriere und schon bin ich da. Der Ort wirkt auf mich unvermittelt geradezu profan, gemessen an der innerern Erwartung und dem Moment, in dem ich ihn betrat. In dem Moment des Überschreitens der Barriere vollzog ich eine innere Handlung, eine Art Ritual, eine innere Verneigung. Und ich denke: Die Schwelle, die zwischen dem Einen und dem Anderen liegt, ist dieser heilige Ort. Sie selbst ist dieser Ort, ganz innerlich. Und diese Schwelle ist unendlich klein, sie ist die Grenze zwischen Diesem und Jenem. Sie ist so unendlich fein, dass ich sie kaum lokalisieren kann. In dem einen Schritt war sie erfahren. Ihre Kraft ist so ungeheuerlich groß, so wie sie selbst fein ist, wie ein hundertfach gespaltenes Haar.

Und darum laufe!