Kotau

Sich niederwerfen, den Kopf auf den Boden stoßen vor etwas, welches der Ehrerbietung würdig wäre. Etwas also zu suchen, welches makellos wäre, vollkommen makellos, um in gebührendem Abstand, fern von jedem Zweifel, ferner noch von jeder Kritik, sich niederzuwerfen. Die sogenannte Große Verbeugung, die Volle Verbeugung. Und so vergeht mein Leben auf der Suche nach dem Ort, dem Moment, der Gelegenheit, der Persönlichkeit, vor der eine solche Niederwerfung möglich wäre. Ohne Heuchelei, ohne Furcht oder Angst, völlig aus dem inneren Empfinden heraus. Und so vergeht mein Leben in wiederkehrenden Enttäuschungen, denn menschliches ist Menschliches. Heilige Orte habe ich gesehen, ganz sicher. Erhabenheit, den Sternenhimmel, aber, ohne die innere Haltung, welche sich müht um diese Begegnung, habe ich auch eine völlige Leere empfunden. Mein Weg, er ist sich hinzu zu bewegen auf die Bereitschaft, sich zu verneigen. Ich kann mich vor Dem-Sich-Verneigen verneigen. Denn darin wird es wahr, das Heilige.

Und darum laufe!

Grundformen der Freude

Sich zu entfernen von den Menschen, es birgt die Freude, sich selbst begegnen zu können, sich selbst nah zu gelangen. Unteilbar sich wahrzunehmen, vollkommen selbst-verständlich zu sein, als mit sich selbst übereinstimmend, sodass das Wort, ist es ausgesprochen, in Einfachheit und ohne Zweifel, vollkommen ausdrückt, was es bezeichnet: Ich. Dieses Ich ist nicht kursiv geschrieben oder gedacht, nicht in Versalien oder in Anführungszeichen gesetzt, es ist einfach und klar: Ich! Sich anzunähern an die Menschen, zu begegnen, ihnen nah zu sein, es birgt die Freude, in ihren Kreis einzutauchen. Es birgt die Freude, aufgenommen zu sein, angenommen als Individuum. Es birgt die Freude, zu erfahren, dass eine Gruppe, ein Kreis sich öffnet, um sich zu erweitern. Ein Kreis macht sich verletzlich, um in der Bereitschaft mich aufzunehmen, mir zu zeigen, dass ich wertvoll bin, ein bereichernder Beitrag sein kann, begehrt und ersehnt. Und dass ich vielleicht genau der ihn vervollkommnende Teil bin, dass ich genau das bin, was ihm fehlt. Und ich löse mich auf, gebe mich hin, habe ich doch gelernt darin mich zu wahren, unteilbar zu bleiben. An sich eine Sache zu erfahren, es birgt in sich die Freude, in dieser Sache geübter, erfahrener, besser zu werden. Auch vorzudringen zu einer inneren, schon immer vorhandenen Wahrheit, von dieser Sache, dieser Disziplin, die nicht benennbar ist, heilig und schön. Dieses innere Wissen von der Sache, es zu heben, es in unserer Praxis zu verwirklichen, macht uns zu dem Genie, zu dem andere aufschauen. Andere versuchen nachzuempfinden, denn es beseelt und strahlt aus. Sich anderen zu widmen, jüngeren, unerfahreneren und ihnen zu berichten von dem über die Erfahrung Errungenen, es birgt die Freude ganz voller Mitgefühl zu sein. Das eigene Erblühen in seiner bejahenden Kraft, ist in mir empfunden, dort wo sehe, wie ein anderer wiederum erblüht. Ich gehe über mich hinaus, in der Empfindung des Mitgefühls. Den Reichtum, den ich mir auf meinem Weg erwarb, in Schmerz und Freude, gebe ich fort, ohne dass er sich schmälern würde. Ich teile Erfahrungen, Begegnungen mit mir selbst und der Welt. Teile Erfahrungen mit dem Absoluten, dem Unbenenbaren und der diesem innewohnenden Kraft, für die zu leben, ich als Geschnk empfinde. Ich eröffne den Raum für die eigene Empfindung, weil ich einmal erfuhr: Nur dadurch, dass mir der Raum eröffnet wurde, war ich in der Lage zu dem eigenen an dem Universellen zu finden. Ich stehe nicht im Weg und bin bereit, mich zurückzuziehen, vollkommen, wenn es dem anderen dient auf seinem Wege.

Und darum laufe!

Zeugenschaft

Das lang erstehnte, ist es einmal erreicht, so stellt sich Enttäuschung ein. Der Mensch war doch inspiriert auf seinem Weg. Dort zwischendrin, in der Härte, die er gegen sich selbst bereit war zu führen, in dem Moment, in dem er über sich selbst hinausging, die Grenzen seiner Selbst erweiterte, in der tiefen Bereitschaft völlig abzulassen von sich selbst, dort war das Himmelreich. Doch ihm wird es jetzt erst deutlich, das nichts davon festzuhalten wäre und die Illusion, mit dem Erreichen des Zieles, in das Glück einzutreten, sie offenbart sich sofort. Ein kurzer Rausch vielleicht, ein Hochgefühl, und schon ist es und alles schal. Vielleicht ein auslaufen der anbrandenden Welle am Küstensaum, dann ein Moment im Schaum des sich zurückziehenden Wassers und schon ist sie da, die Enttäuschung, die Ernüchterung, die Depression. Aus ihr heraus der Mensch sich aufmacht auf die Suche nach dem nächsten Ziel, nach der nächsten Illusion. Immer weiter, ein getriebener Mensch. Hat er je gelebt? Trainigspläne also, und so werden Zeiten eingetragen, Umfänge und Ruhepausen geplant und eingehalten. So also werden Widerstände überwunden und die Erweiterung des Selbst wird erfahren. So also habe ich meine Leistungsfähigkeit steigern können. Im Verlaufe dieser Einheiten. Eine Heiterkeit! Der Körper ist belebt, der Schlaf ist tief und erholsam, die Erschöpfung ist wohlig ausgekostet. Auch zu erfahren, an sich selbst, wie der eigene Körper funktioniert und heranzugehen an den Moment der Unlust, die einmal überwunden, zu einer Art Portal wird. Ein Portal in die nächst Dimension, in die Herausgehobenheit. Illusionen und Widerstände. Der Widerstand ist die Wahrheit und sie ist allen gleich, auf welchem Niveau auch immer. Aus sich heraus den persönlichen Widerstand zu überwinden, das ist was wir erreichen können. Einmal erfahren, werden wir süchtig danach, denn es ist das Himmelreich! Wahr und schön, berauschend und alles Andere, als eine Illusion. Das zu erfahren ist sofort möglich, es braucht nicht einmal eine Zeugenschaft, kein Publikum. Niemand dessen Aufgabe es wäre anzuerkenen.

Und darum laufe!

Vollends

Endlich, beim durchwaten des Baches, gegen seine Strömung, gelange ich in eine gelassenere Haltung. Ich sehe vor meinem inneren Auge, dem Sprichwort entsprechend, Felle davonschwimmen. Ein ums Andere strömt an mir vorbei, doch mein Blick ist aufrecht in die Ferne gerichtet. Ich neige mich nicht. Ich bin nicht geschäftig. Ich ziehe nicht die nassen Felle aus dem Wasser, häufe das mit dem Wasser vollgesogene Material nicht an einem der Ufer auf. Ich lasse alles davonschwimmen und wate weiter, dem Höheren entgegen, auf welches mein Blick gerichtet ist. Auf das Höhere hinzu, welches in mir bereits wirkt, welches mich wandelt durch diese Bewegung auf das Höhere hinzu. Das Höhere in mir schon lange ist, sodass ich mich bewegen mag, doch vollends ruhig und frei ich bin, in mir.

Und darum laufe!

Edelsteine

Manchmal fallen mir Edelsteine in die Hand. Etwas gelingt, von dem ich zuvor nicht ahnte. Es gelingt aus dem Tun heraus, aus der Vertiefung in die Sache, die mich am meisten reizt. Und diese Edelsteine sind so wertvoll, dass ich sie nur herschenken kann. Einen Preis zu benennen, um einen Preis zu verhandeln, es würde ihre Würde antasten und so sind sie einfach fortgegeben und darin ist alles richtig. Es kann beim Laufen geschehen, in Form einer Erkenntnis. Es kann ebensogut bei einer Tätigkeit geschehen, der ich mich mit Hingabe widme. Etwas gelingt in dieser Disziplin und ich weiß um die Besonderheit dieses Moments, um die Besonderheit der Fähigkeit oder der Erkenntnis. Alles ist ganz leicht und einfach. Nur dorthin wo die Edelsteine vom Himmel fallen, dorthin muß ich mich erst einmal aufmachen. Ich muß mich bemühen, an diesen Ort zu gelangen. Und ich muß mich auch bemühen, die Hände geöffnet zu halten, um die Edelsteine aufzufangen. Ich kann sie auch auflesen von der Erde, doch auch das ist mit einer Mühe verbunden. Der Moment der Mühe kommt bestimmt und mein Eindruck ist, dass es sich lohnt die Mühe zu investieren. Regelmäßig, Konzentriert und Ernsthaft. Ich habe es erfahren, dass die Edelsteine herabregnen, direkt in meine Hand. Und ich erstaune immer wieder darüber, etwas zu vermögen, etwas zu beherrschen, was ich vor kurzeer Zeit noch für unerreichbar hielt.

Und darum laufe!

Das Wohltuende

Wer spricht zu mir? Baum, Strauch oder Stein? Irgendwann, von dieser Frage erregt, war Freude in meinem Herzen. Es dauerte eine Weile bis dahin. Dann war es mit einem Mal da. Etwas in mir wurde dieser Frage gegenüber gleichgültig. Auch von dieser Frage bist Du frei! klang es in mir. Das Wohltuende daran ist mir vertraut. Wer es ist, der zu mir spricht, bleibt ohne Belang. Ich vertraue darin, es selbst zu sein und darin meiner Vorstellung von mir selbst zu entsprechen. Eine große Schöpferkraft liegt darin. Ich erschaffe mich selbst. Und niemals blind. Denn auch dunkle Gedanken stellen sich ein. Ich lasse sie fallen auf meinem Weg, wie ein Blatt in dem Herbstlaub, welches golden mich umgibt.

Und darum laufe!

Zugleich

Wenn Du läufst, kann es sein, dass Du nach dem Moment der Einheit suchst. Oder Du wartest auf eine Erkenntnis. Vielleicht erhoffst Du Dir Erhabenheit, die Erfrischung des Geistes oder die Erleuchtung. Die Erleuchtung soll sich einstellen. Dort hinter dem nächsten Ast, hinter der Biegung des Weges, in dem Anstieg den Berg hinauf. In der Tierbegegnung der Nacht, in dem Schrei der Eule, dem Schatten des Wolfes auf der Wegkreuzung. Doch dort ist sie nicht. Sie hat schon längst begonnen. Viel früher schon. Sie erscheint mit dem Entschluss Ich werde laufen. Im Ankleiden bereits bist Du mittendrin. Doch auch davor schon war die Erleuchtung am Werk. Die Erleuchtung nimmt ihren Anfang mit dem ersten Atemzug des blutverschmierten Kindes und sie endet mit dem letzten tiefen Ausatmen der Substanz. Mehr noch: weit davor und weit danach liegt der Anfang ihres Wirkens. Das Leben, ein einziger währender Höhepunkt. Es ist eine Spanne an Zeit und der Moment zugleich. Von hier betrachtet, integrierst Du alles, Dein ganzes Leben. jedes Missgeschick, jedes noch so große Hindernis. Freud und Leid, Scheitern und Erfolg.

Und darum laufe!