Verdunkelung

Ich blicke an einem Gebäude auf, denn seine Architektur, die Folge der Stockwerke, leitet meinen Blick hinauf. Ganz unbewusst werde ich geleitet und ich überstrecke meinen Hals, blicke hinauf zum obersten Stockwerk und die Welt verdunkelt sich. Das Stockwerk ist Schwarz. Mir ist schwarz vor Augen. Interessant, denke ich, senke den Blick, halte mich an der Ampel an der vielbefahrenen Straße fest. Ich kontrolliere meinen Atem, um nicht zusammen zu sacken, nach meinem langen Lauf. Nicht zu viel atmen, nicht zu wenig! Ich gebe mir Anweisungen. Das ist die Grenze. Dieser Ort interessiert mich, werde ich später sagen. Warum ich das brauche, um mich lebendig zu fühlen, weiß ich nicht. Ich kann es akzeptieren und meinen Frieden damit finden, denn es scheint ein ur-menschliches zu sein. Und dort, wo mir schwarz vor Augen wird, bin ich verbunden mit all denen, die es ebenso erleben, erlebt haben. Über alle Zeit hinweg: Die Verdunkelung der Wahrnehmung.

Und darum laufe!

Vergebung

Als Getriebener zu laufen belastet. Es belegt mit Schwere. Die Schwere ist hineingetragen in den Wald. Es ist immer ein Laufen hinein in dem Moment, in dem die Schwere sich von mir löst, von mir abfällt. Und sie tut dies stets an einem ganz bestimmten Ort. Ich kann diesen Ort benennen. An ihm habe ich auch ganz bewusst versucht, all das an Begegnungen mit Menschen abzuladen, was zu lösen mir nicht möglich war. All das, was mich ängstigte, was mich bedrohte, was zu mächtig war. Zwang, Abgrund, Finsternis. Ich spreche von einer Lebensbedrängtheit. Und nun dieser Ort, an den ich immer wieder gelange. Ungefähr vier Kilometer entfernt, eine Brücke. Am diesseitigen Ufer es sich also staut und es bleibt hier abgeladen und darin voller Energie. Die Zeit verändert hier kaum etwas. In mir muss ich etwas wandeln, verstehe ich, denn dieser Ort ist belastet und er bleibt es auch. Ich muss etwas verändern in mir, das wird mir deutlich. Ich kann die Gesichter des Unrechts nicht vergessen, die wolllüstige Macht, der Anblick der Freude an der Erniedrigung, die ich erfahren habe. All das ist hier gespeichert. Und die Belastung des Ortes schlägt jedesmal wieder, wenn ich hierher gelange, auf mich zurück. So sehr, dass ich mich an manchen Tagen dem nicht gewachsen fühle und den Ort deshalb vermeide. Es ist etwas zu tun, verstehe ich. Lang genug habe ich es aufgeschoben. Lang genug mir die Kraft es aufzuschieben genommen und abgezogen von dem, was ich doch eigentlich will. Vielleicht bin ich jetzt bereit, zu vergeben. Vielleicht mache ich mir auch nur etwas vor. Doch es geht mir schlecht genug, um nun hier anzukommen und der Sache gegenüberzustehen. Mehr noch, die Unfähigkeit zu trauern, die Unfähigkeit, den Schmerz anzunehmen und die Unfähigkeit, den mir zugefügten Schmerz denen zu vergeben, die ich glaube verantwortlich machen zu können, oder zu müssen – diese Unfähigkeit muss hinabführen. Das verstehe ich jetzt, in diesem Moment. Etwas abzulegen, am Fuße der Brücke, tief im Wald, es mag helfen, über die Zeit zu kommen. Es mag helfen, Kräfte zu sammeln, weitergehen zu können. Doch es löst nichts. Alles kommt zurück, alles wartet darauf, gelöst zu werden, weich zu werden, zu Dankbarkeit zu werden. Denn ich habe gelernt, von meiner Naivität zu lassen: Das also gibt es auch! Ich habe gelernt, die Welt realistischer zu sehen, ohne aufzugeben, wofür ich stehe. Ohne aufzugeben, wovon ich überzeugt bin, woran ich glaube. Und volleds lösen wird es sich nur, wenn ich schließlich mir selbst vergebe. Wenn ich mir vergebe, so unfähig gewesen zu sein. Mir vergebe, so viele Jahre die Schwere an diesem Ort bewahrt zu haben. So viel Energie geopfert zu haben, nur um mich einzurichten im Himmelreich der Ohnmacht. Mir selbst also vergeben … , wie schön ist dieser Gedanke! Und er beflügelt mich. Ich atme tiefer, ich erfahre in diesem Moment, wie die Energie in mich einströmt, wie sie zurückkehrt und zudem, wie die Energie meiner Umgebung in mich einströmt. Ich nehme die Energie auf, die diesen Wald erfüllt. Und ich laufe, Steigung um Steigung, werde schneller, ganz unerwartet, kann ich die Geschwindigkeit aufrecht erhalten. Und ich strahle vor mich hin.

Und darum laufe!

Einsamkeit

Ich bin allein, ganz allein. Die Dämmerung taucht den Wald in ein dunkles Oliv und bald schon in ein von grauen Schemen durchzogenes Schwarz. Ich bin allein, so sehr, dass es mich ängstigt, bedrückt und deprimiert. Und je näher ich mich der völligen Dunkelheit annähere, umso einsamer fühle ich mich. Ich laufe hier, wie ein Tropfen Wasser, der durch die Luft fliegt, auf dem Weg zu der Vereinigung mit dem Ozean, aus dem er entstammt. Je näher ich mich der Vereinigung annähere, umso stärker nehme ich dieses Gefühl der Einsamkeit wahr. Und so bin ich radikal und rein, klar und ausgerichtet. Das also bin ich, ein Tropfen Wasser, der schon bald im Ozean aufgehen wird. Und ich kenne das Gefühl, aus dem heraus ich geboren wurde. Ich erinnere die Kraft der Welle, die an die Küste anbrandete. Ich erinnere die Kraft, durch die ich herausgeschleudert wurde. Und ich kenne die Weite, aus der heraus die Welle sich erhob. Die Weite, zu der ich zurückkehren werde.

Und darum laufe!

Das Lächeln

Ich laufe zu allen Zeiten und frage mich, nach dem Einfluß der Tageszeit auf das Laufen. Ich frage mich, nach dem Einfluß auf meine Gedanken. Es gibt Dinge die am Tag gelingen, in der Nacht hingegen nicht. Und umgekehrt. Der Morgen ist mir die Zeit des Einatmens, die Zeit des ansteigenden Lichts. Oft bin ich in ihr in einer getriebenen Form gelaufen, das Gold des Morgens zu ergreifen. Der Abend ist mir die Zeit des Ausatmens, die Zeit des sich zurückziehenden Lichtes. Oft bin ich in ihr in einer Art von Ruhe gelaufen, das Gold des Abends von mir zu geben. Die Nacht ist mir die Zeit der Atempause, der verborgenen Ruhe. Ich bin in mir verborgen und im Reich der Träume, ganz verwoben und distanziert zugleich. Sie ist erkenntnisreich, bevölkert von Tieren und Visionen. Der Einfluß, ich erkenne ihn immer dann, wenn ich zu ungewohnter Zeit aufbreche, ist gewaltig. Mich von dem Einfluß der Tageszeit unterstützen zu lassen, ist eine hohe Kunst. Einmal war ich verspätet, der Morgen schon am Schwinden und ich bemerkte tief im Wald war der Morgen noch am Wirken. Darin eine Forschung, sie ist eine um die Zeit aber auch eine um das Selbst und meiner Verbindung mit der Energie, die in den Tagesphasen herrscht. Gegen sie zu laufen, gelingt nicht. Mit ihr zu laufen, offnet das Tor zur Harmonie. Das Ergebnis dieser Forschung steht bereits fest. Es ist keine Regel oder Gesetzmäßigkeit, es ist das Lächeln.

Und darum laufe!

Dunkelheit

Mit geschlossenen Augen wird das Sehen zu dem, was sich findet zwischen der Netzhaut, dem Sehnerv und dem Gehirn. Ich frage mich: Wo genau wird aus dem Licht ein durch den Nerv übermitteltes Signal? Sind die Augen geschlossen, ist kaum ein Licht mehr wahrgenommen. In der finsteren Höhle sogar, die Augen zu schließen lässt mich die völlige Dunkelheit erfahren. Kein Unterschied zwischen geöffneten und geschlossenen Augen. Ich blicke und es ist ganz gleich. Völlige Dunkelheit! Und doch, ist es vollkommen dunkel, etwas hineindringt. Vielleicht wird etwas projiziert von dem Gehirn in Richtung des Netzhaut, oder aber es wird etwas projiziert von dem Netzhaut in Richtung des Gehirns. Und doch, dort wo beide Projektionen zueinanderkommen, dringt die Wahrheit ein. Und das Gehirn ist fraglich, der Sehnerv ist fraglich, die Netzhaut zudem. Ich sehe und ich werde folgen.

Und darum laufe!

Feindlichkeit

Fixationen und Saccaden. So wie im Leseprozess mein Auge springt von Punkt zu Punkt, von Buchstabe zu Buchstabe und darin sich mögliche Sinnzusammenhänge auffächern, so springt das Auge zurück und eine Eindeutigkeit entsteht. Die eine Aussage. Sie ist auf dem Wege des Ausschliessens errungen. Das Erlaufen von Bedeutung durch meine Augen auf den Zeilen. Fixationen als Punkte größter Schärfe, um die herum unscharfe Bereiche mich erahnen lassen: Wortlänge und Wortbild, dann die Zeile an sich und den Beginn der nächsten Zeile, zu der ich springen werde. Wir wissen nicht, was vorgeht in diesem Sprung von vielleicht acht Zentimetern, gemessen an dem Schärfepunkt auf dem Blatt Papier in dem ideal gesetzten Buch. Dieser Zeilensprung, ein Wunder, dass er keine Unterbrechung in dem Fluss der Gedanken darstellt. Und nun stelle ich mir vor, die Natur zu lesen, das Belebte, mich Umgebende, den Urwald, das fleischlich feucht Schmatzende, das einander Aussaugende, einander Verzehrende, das sich Einverleibende, das Lauernde, sich anpassend in Form und Geschick. Lauernd, ein Jaguar, gemustertes Fell und diese tiefen hineinziehenden Augen. Furcht? Ganz sicher! Aber auch Vertrauen in das liebliche Blatt, in den einen Tropfen, der das Licht der Sonne hinauf in dein Auge bricht. Fixationen und Saccaden, Ruhepunkte und Sprünge der Blickbewegung. Sie waren, bevor Menschen über Mimik und Gesten zu Zeichen und Sprache fanden und schließlich zur Schrift. Sie formten die Schrift und nicht etwa bildete die Schrift aus, was in uns so unbewusst wie geheimnisvoll das Wesen des Lesevorgangs darstellt. Schärfe und Sprünge, Erkennen und Rücksprung, Entschlüsseln und dann wieder Entschlüsseln. Anzeichen und Deutung und Vergewisserung. Das Springen des Blickes auf die Erscheinungen der Umwelt und der Rücksprung, um sich zu vergewissern: Ist dort ein Tier, welches ich fürchte? Ist dort ein Tier, welches ich suche? Das, es ist in uns angelegt und darin sind wir, so wie ein Mensch vor Millionen von Jahren. Wir erschaffen in uns die Illusion eines scharfen Bildes der uns umgebenden Welt über die fixierten, scharf wahrgenommenen Punkte dort im Geäst, auf dem Boden, am Himmel. Und nun schließe ich die Augen und beobachte, wie meine Augäpfel unter den geschlossenen Augenlidern umher tanzen. Ich beobachte die Schlieren, die hin und her geschubst werden, an den Punkten leichter Helligkeit. Und ich versuche meine Augäpfel zur Ruhe kommen zu lassen. Ich Versuche sie zu entspannen. Ich versuche die jagende und befürchtende Anspannung in mir los zu lassen, oder sie zu besänftigen. Das angestrengt Lauernde ist ja ohne Wirkung, da die Augen geschlossen sind. Und so kann ich es doch sein lassen, die ganze Anspannung doch von mir lassen. Die Augen gerichtet auf die Dunkelheit vor mir, auf nichts fixiert und so blicken die Augen parallel, geradeaus auf das Nichts vor mir. Ein imaginäres Nichts, vielleicht fünf oder sieben Meter vor mir. Und da kein Angriff erfolgt, die Feindlichkeit der Welt nicht real wird, da ich gleichzeitig geradezu unsichtbar werde für die Gestalten des Urwaldes, ungenießbar werde für sie, als wäre mein Fleisch vergiftet für sie und damit unattraktiv geworden. Da also Zeit vergeht, ohne ein Ereignis, beginne ich zu vertrauen. Ich vertraue, wie ein Mensch vertraute vor Millionen von Jahren. Ich beginne mich frei zu fühlen. Eine Freiheit von ungeahnter Kraft, so liebevoll, geborgen. Es rührt mich, sein zu dürfen, dankbar bin ich. Einfach bin ich, unteilbar. Ich selbst bin ich. Die Feindlichkeit der Welt, sie kommt zur Ruhe.

Und darum laufe!

Freiheit

Was nützt es, den Kuckuck zu töten, nur weil wir glauben, er wäre ein Bote des Todes? Die Welt wäre ärmer um ein Wesen, wir wären zu Tätern geworden, in Schuld verstrickt. Die Angst vor dem Tode, sie müsste hinab sinken in das Schattenreich ohne einen Boten, der uns mahnen würde, hinzusehen. Sie anzusehen, die Angst vor dem Tod und den Tod selbst. Die Magie wäre verneint und Sinn und Zusammenhang wären verloren. Mir ist des Ruf des Kuckucks eine Freude. Sie ist mir eine Erinnerung an die Freiheit und davor eine Erinnerung an meine Angst vor der Freiheit. Auch sie eine Freude.

Und darum laufe!

Lichtspuren

Ein Lichtstrahl biegt sich an der Innenkante meiner Nasenöffnung und ich sauge den einen Strahl in mich ein. Millionen anderer Strahlen begleiten und folgen sanft und Nasenhaare wie Borsten am Naseneingang verflechten den Lichtstahl in ihrem Gestrüpp. Feinere Nasenhaare, etwas tiefer im Naseninneren spalten sanft den Strahl und sein Gefolge in Teilchen, die wirbeln und pulsieren. Das Wolkengebilde aus Teilchen gleitet in meinem Inneren hinab durch die Luftröhre und in Teilen auch schon hier wird die Wand der Luftröhre von dem Sauerstoff aus Licht erleuchtet. Pulsierendes Leuchten durchdringt in allen Richtungen das Innere auf dem Weg in Richtung der Lunge. Bläschen empfangen, Tropfen fallen, Nektar entsteht. Einatmung kommt zur Ruhe im Moment der größten Ausdehnung. Elastizität in allen Straßen, auf allen Wegen. Gähnen kommt zur Hilfen. Gähnen eilt herbei, Tief, tiefer noch und Ausatmung beginnt. Das Licht leuchtet hell in mich hinein und aus mir heraus. Kein Schatten weit und breit. Die Fußnägel selbst leuchten, als wäre unter ihnen ein Fahrradlämpchen installiert. Ein warmes Licht. Auch hier pulsierend. Die nackten Füße vor der schwarzen Erde fliegen durch die Dunkelheit. So schnell und gewandt. Lichtspuren im Dunkel der Nacht.

Und darum laufe!