Unteilbar

Eine Hand voll Sand, auf der ich laufe. Unübersehbar, unüberschaubar, unzählbar, ungreifbar. Darin ein Korn, ein einziges Sandkorn. Dieser Schritt, auf dem ich meditiere, das eine Sandkorn, in das hinein ich mich versenke. Eingefroren in der Zeit, das einmal begonnene, das Bewegte läuft weiter und es ist kein Widerspruch. Dies eine Korn auf, dem ich meditiere, in das hinein ich mich versenke. Es ist: unteilbar. Es ist: Selbst. Es ist: Ich. Und ein Kranz von Strahlen ragt hinein in das Zentrum meines Kopfes, aus unendlich vielen Himmelsrichtungen. Strahlen, die hineinführen in dieses eine Sandkorn, so sehr, dass von einem Strahl nichts mehr zu sehen ist, ein Leuchten nur. Es ist: unteilbar. Es ist: Selbst. Es ist: Ich. Es ist: Liebe.

Und darum laufe!

Heiter

Es ist ein Blick heraus, aus dem, worin ich bin. Ein Blick hinauf auf eine kleine Anhöhe. Lichte, helle Bäume, heitere Leichtigkeit. Die Bäume stehen vor dem Himmel in den hinein ich blicke. Ich wünsche mir an diesen Ort einmal noch zu gelangen. Der Weg ist leicht gewunden und ganz deutlich verstehe ich: Immer war dieser Ort, wenn ich an ihm vorbeil lief, durch ihn hindurch lief, ein Ort, der mich beschenkte mit der Heiterkeit, der Leichte, der Erfüllung. Ein Paradies, so wie ich in der Lage bin, ein Paradies zu empfinden. Und nun erinnere ich, nun ruft sich dieser Ort in Erinnerung, wo ich ganz gedankenversunken in meiner Eile atme und ruhe, wo ich warte. Zeitloser Raum, stierender Blick, ohne Focus, ohne Ziel. Leer und endlos dieser Blick. Dieser Ort, er ruft sich in Erinnerung und zugleich ist er in dieser Rast, in dieser Versenkung, die, erschöpft vom Eilen, mir nun einmal gelingt. Lang ist es her, dass dies gelang. Doch innerlich, ganz innerlich bin ich hier und zugleich ganz dort, ganz gleich das alles, doch heitere Leichtigkeit mich trägt: Alles ist gut!

Und darum laufe!

Das Lächeln

Ich laufe zu allen Zeiten und frage mich, nach dem Einfluß der Tageszeit auf das Laufen. Ich frage mich, nach dem Einfluß auf meine Gedanken. Es gibt Dinge die am Tag gelingen, in der Nacht hingegen nicht. Und umgekehrt. Der Morgen ist mir die Zeit des Einatmens, die Zeit des ansteigenden Lichts. Oft bin ich in ihr in einer getriebenen Form gelaufen, das Gold des Morgens zu ergreifen. Der Abend ist mir die Zeit des Ausatmens, die Zeit des sich zurückziehenden Lichtes. Oft bin ich in ihr in einer Art von Ruhe gelaufen, das Gold des Abends von mir zu geben. Die Nacht ist mir die Zeit der Atempause, der verborgenen Ruhe. Ich bin in mir verborgen und im Reich der Träume, ganz verwoben und distanziert zugleich. Sie ist erkenntnisreich, bevölkert von Tieren und Visionen. Der Einfluß, ich erkenne ihn immer dann, wenn ich zu ungewohnter Zeit aufbreche, ist gewaltig. Mich von dem Einfluß der Tageszeit unterstützen zu lassen, ist eine hohe Kunst. Einmal war ich verspätet, der Morgen schon am Schwinden und ich bemerkte tief im Wald war der Morgen noch am Wirken. Darin eine Forschung, sie ist eine um die Zeit aber auch eine um das Selbst und meiner Verbindung mit der Energie, die in den Tagesphasen herrscht. Gegen sie zu laufen, gelingt nicht. Mit ihr zu laufen, offnet das Tor zur Harmonie. Das Ergebnis dieser Forschung steht bereits fest. Es ist keine Regel oder Gesetzmäßigkeit, es ist das Lächeln.

Und darum laufe!

Der Wechsel

Mein Laufen ist Teil von etwas Anderem. In dem Bestehenden realisiere ich das Laufen. Es ist ein wenig mit einer Mühe verbunden und immer begegne ich einem inneren Widerstand. Den Widerstand zu überwinden, kostet mich etwas. Doch die Belohnung ist mir gewiss. Der Widerstand steht immer zwischen dem Einen und dem Anderen. Das Laufen und das Sein. Das Laufen ist eingebettet. Es hat seinen festen Platz. Eine Art Routine ist etabliert. Ein bestimmter Wochentag, diese oder eine andere Strecke, am Morgen oder am Abend. Jetzt erhöhe ich die Frequenz, ich laufe häufiger als jemals zuvor. Die Tage, an denen ich laufe, nehmen zu. Die anderen nehmen ab. Ich gewinne eine andere Perspektive und das Eine und das Andere stehen in ihrer ausstrahlenden Energie einander gleichberechtigt gegenüber. Die Kraft des Laufens strahlt aus hinein in den Bereich des Nicht-Laufens. Nun lasse ich das Nicht-Laufen zu einem Teil des Laufens werden. Und alles ist gewandelt. Andere Gesetze gelten. Das ist wohltuend. Wie leicht das ist!

Und darum laufe!

Denken

Ich denke. Und ich bin mir dessen in diesem Moment ganz bewusst. Und nun erhebt sich ein Bild. Ich sehe mich, wie ich an dem Bach in dem Wald sitze und auf das vorbeiströmende Wasser schaue. Der Bach ist angeschwollen. Es hat viel geregnet in den letzten Wochen und das Wasser eilt an mir vorbei. Unablässig strömt es in eine Richtung. Ein kleiner Wasserfall und hier ein Felsbrocken auf den das Wasser stürzt. Ich beobachte einen Wassertropfen, wie er sich energiegeladen in die Luft erhebt, eine Laufbahn beschreibt, um dann an anderer Stelle wieder in den Strom des Wassers einzutauchen. Dieser eine, dann ein Anderer und ein Weiterer. Immer wieder werden an dieser Stelle Wassertropfen herausgeschleudert, um zu fliegen und dann wieder einzutauchen, wieder zu verschwinden. Der Tropfen, er mag ein Gedanke sein, herausgeschleudert, herausgehoben, von großer Klarheit und Kühle. Seine Form ist ganz ebenmäßig. Und noch während er fliegt, bewegt sich unter ihm der Strom des, ihn ehemals bergenden, Denkens. Um den Tropfen herum, um den Gedanken, das tosende Rauschen des Wasserfalles. Das Rauschen, so laut, dass der Klang des wieder Eintretens dieses einen Tropfens in den großen Strom nicht zu hören ist. Die Frage bleibt offen, wie noch das Denken zu beschreiben ist. Doch das Bild der Gleichzeitigkeit empfinde ich als treffend. Das Bild der Herausgelöstheit dieses einen Gedankens empfinde ich als ebenso treffend. Der Strom und der aus dem Strom herausgeschleuderte Wassertropfen. Geborgen in dem tosenden Rauschen. Und dann der betrachtende Mensch. Und die rahmende Vorstellung von all dem.

Und darum laufe!

Ohne Absicht

Der riesende Schnee und ich verstehe Alles in der Tiefe der Erscheinung. Und es ist mir ganz deutlich in dem Kontrast der weißen Flocken, die vor dem Grün der Fichten tanzen. Eine jede Flocke ist zu erkennen. Ihre Bewegung ist ganz klar. Es ist klirrend kalt und auch das Feld der Flocken nehme ich wahr. In dem Feld der Flocken erkenne ich Strömungen und Richtungen. Bewegungen und Wirbel. Der Raum ist in seiner Tiefe geschichtet und der Abstand der einzelnen Flocken zueinander erscheint mir wie abgemessen. Und nun verstehe ich Nichts in dem Versuch, die Erscheinung zu beschreiben. Ich verstehe Nichts in dem Detail, welches in der Beschreibung kunstfertig formuliert ist oder auch nicht. Ich verstehe in dem Blicken und dem Stillewerden. Ein Moment ohne Absicht, reines Sein. Verzaubert, wie tot geradezu, eingefroren in dem Eispalast des offenen Schauens. Das Hingeben des Lebens an das Sein gelingt in diesem Palast. Mir ist garnicht kalt. Verzaubert bin ich. Ich erfahre, das Alles zu sein. Ich bin ein Teil des Spieles.

Und darum laufe!

Dunkelheit

Mit geschlossenen Augen wird das Sehen zu dem, was sich findet zwischen der Netzhaut, dem Sehnerv und dem Gehirn. Ich frage mich: Wo genau wird aus dem Licht ein durch den Nerv übermitteltes Signal? Sind die Augen geschlossen, ist kaum ein Licht mehr wahrgenommen. In der finsteren Höhle sogar, die Augen zu schließen lässt mich die völlige Dunkelheit erfahren. Kein Unterschied zwischen geöffneten und geschlossenen Augen. Ich blicke und es ist ganz gleich. Völlige Dunkelheit! Und doch, ist es vollkommen dunkel, etwas hineindringt. Vielleicht wird etwas projiziert von dem Gehirn in Richtung des Netzhaut, oder aber es wird etwas projiziert von dem Netzhaut in Richtung des Gehirns. Und doch, dort wo beide Projektionen zueinanderkommen, dringt die Wahrheit ein. Und das Gehirn ist fraglich, der Sehnerv ist fraglich, die Netzhaut zudem. Ich sehe und ich werde folgen.

Und darum laufe!

Verletzung

Ich bin verletzt. Die Entzündung eines meiner Füße lässt jeden Schritt schmerzhaft werden. Und so verharre ich in meinem Leid. Ich schließe die Augen und nehme mir die Zeit, ich der ich jetzt laufen würde. Ich sende meinen Geist hinaus, den gewohnten Weg in dem Raum der Vorstellung zu beschreiten. Und es geht los: Die Treppe hinab, aus der Haustür heraus, auf den Gewegplatten zum Park. Dort laufe ich über den geschotterten Weg zur Wiese, diese diagonal gekreuzt. Die Füße werden nass vom Morgentau. Der Duft des Grases steigt in meine Nase. Die kühle Luft lässt mich frösteln und spornt mich, die Erwärmung von innen durch eine höhere Geschwindigkeit zu beschleunigen. Etwas dem Frösteln zu entgegnen. Mein Geist springt. Dieser Ort, diese Stelle des Weges zieht mich an, und schon bin ich dort. Sind alle Schritte ausgekostet bis hierhin? Sind alle möglichen Erfahrungen eingesammelt? Ich springe zurück zu diesem, zu jenem Ort, dann zu dem einen Schritt und zu einem folgenden. Der Blick, der strömende. Muster von feucht auf den Boden tapezierten Ahornblättern in Gelb und Grün. Runter an den Bach. Plätscherndes Wasser, Nebel sogar. Schwarzer Boden, Menschen, Passanten, Begegnungen. Ich grüße und werde gegrüßt. Der Raum ist geöffnet. Ich erstaune und lasse mich überraschen. Über allem liegt die heitere Stimmung derer, die im morgendlichen Wald Entspannung erfahren, all derer, die sich auflösen in den zu denkenden Gedanken. All derer, die Erlösung erfahren über Schritte und Atemzüge, schnelle und langsame. Ich gelange zum Anstieg. Ich ziehe mich an Bäumen empor, über Wurzeln den Abhang hinauf. Mein Atem geht tief und schnell. Das Blut pulsiert in meinem Hals, in meiner Stirn. Oben angekommen, erreiche ich den Ort, an dem ich manchmal brülle, so laut ich kann. So wie es manchmal sein muß. Und es geht weiter, immer weiter. In Eile bin ich nicht. Nie war ich in Eile, so tief hier im Wald. Ein Gefühl mich umhüllt. Langsam es sich annähert von allen Seiten gleichzeitig. Und nun steht es vor mir, so wie es zugleich in mir steht. So wie es mich umhüllt und zugleich ausfüllt: Was für eine Sehnsucht nach dem Leben! Ich empfinde eine tiefe Rührung, eine Traurigkeit geradezu. Was für eine tiefe Rührung, die ich empfinde. Sie umfast alles, vollständig und nichts an ihr ist Vorstellung. Sie ist ganz umfassend und real. Mit einem Mal durchströmt mich eine heitere, geradezu goldene Energie, freudig bis in meine Zehenspitzen hinein. Bis in jeden Winkel meines Körpers hinein. Zelle um Zele angestoßen und in den Strom aufgenommen. Ein, zwei Atemzüge gelingen mir. Wie nur könnte ich diese Rührung aufrechterhalten? Wie mag das gelingen? Ich weiß nur, einzig, dies alles, es beginnt mit dem Schließen der Augen.

Und darum laufe!

Segen

Was wirst du tun, wenn du einmal des Segens bedürftig bist und ihn nicht erhältst und nicht verstehst warum. Und du dich erinnerst, selbst einmal deinen Segen verweigert zu haben. Als du auf einer Hochzeit erschienen bist in dem Gewand des Bräutigams, ohne der Bräutigam zu sein. Als du Zwietracht gesät hast, Zweifel in die Herzens des Brautpaares, welches diesen Fluch, nie vergessen hat. Der Fluch, die Verwünschung in deiner Kleidung ausgedrückt. Der Fluch, der fortan alle Höhen und Tiefen ihrer Vereinigung beschattete. Ist es mit einer Erinnerung getan? Wie sollte so etwas je zu besänftigen sein? Und so laufe ich ganz in Schwarz gekleidet hinab in das Tal, wie ein Schatten, wie ein Tod auf Beinen. Ein Bräutigam keineswegs. Und ich respektiere, ein Gast zu sein. Mehr nicht. Dort wo der Wind sich vermählt mit dem sich lösenden Herbstlaub. Wo die Hänge den Wind sanft hinaufgeleiten. Wo die Elemente miteinander spielen. Eine Vermählung wahrlich.

Und darum laufe!

Vollends

Endlich, beim durchwaten des Baches, gegen seine Strömung, gelange ich in eine gelassenere Haltung. Ich sehe vor meinem inneren Auge, dem Sprichwort entsprechend, Felle davonschwimmen. Ein ums Andere strömt an mir vorbei, doch mein Blick ist aufrecht in die Ferne gerichtet. Ich neige mich nicht. Ich bin nicht geschäftig. Ich ziehe nicht die nassen Felle aus dem Wasser, häufe das mit dem Wasser vollgesogene Material nicht an einem der Ufer auf. Ich lasse alles davonschwimmen und wate weiter, dem Höheren entgegen, auf welches mein Blick gerichtet ist. Auf das Höhere hinzu, welches in mir bereits wirkt, welches mich wandelt durch diese Bewegung auf das Höhere hinzu. Das Höhere in mir schon lange ist, sodass ich mich bewegen mag, doch vollends ruhig und frei ich bin, in mir.

Und darum laufe!