Verdunkelung

Ich blicke an einem Gebäude auf, denn seine Architektur, die Folge der Stockwerke, leitet meinen Blick hinauf. Ganz unbewusst werde ich geleitet und ich überstrecke meinen Hals, blicke hinauf zum obersten Stockwerk und die Welt verdunkelt sich. Das Stockwerk ist Schwarz. Mir ist schwarz vor Augen. Interessant, denke ich, senke den Blick, halte mich an der Ampel an der vielbefahrenen Straße fest. Ich kontrolliere meinen Atem, um nicht zusammen zu sacken, nach meinem langen Lauf. Nicht zu viel atmen, nicht zu wenig! Ich gebe mir Anweisungen. Das ist die Grenze. Dieser Ort interessiert mich, werde ich später sagen. Warum ich das brauche, um mich lebendig zu fühlen, weiß ich nicht. Ich kann es akzeptieren und meinen Frieden damit finden, denn es scheint ein ur-menschliches zu sein. Und dort, wo mir schwarz vor Augen wird, bin ich verbunden mit all denen, die es ebenso erleben, erlebt haben. Über alle Zeit hinweg: Die Verdunkelung der Wahrnehmung.

Und darum laufe!

Wut

Es raubt mir den Atem, wütend zu sein und so geht es nicht gut voran, weil, um zu laufen, brauche ich den Atem und ich würde zusammenbrechen, ließe ich nicht irgendwann los. Irgendwo auf meinem Weg. Atemlos, wie ich irgendwann sein würde und so ist das Laufen geeignet, die Wut aufzulösen, weil das Laufen sich mit der Wut nicht vereinbaren lässt und weil es mich zwingt, irgendwann, vielleicht auch nur für den Moment, oder den Rest meiner Strecke, ohne Wut zu sein. Zumindest, vielleicht, ihr während des Laufens nicht meine Aufmerksamkeit zu opfern. Anderes will sich zeigen. Eiszapfen vielleicht, am Wasserfall gewachsen, wie ein grauer Bart. Die Nacht war kalt, Rauhreif in den besachtteten Hänges des Tales, der sich noch hält. Der Bach, gefasst von einem Saum aus Schnee und Eis des frühen Jahres, wie eine Papierserviette um ein Cafe-Gedeck. Das Schöne sich zeigt.

Und darum laufe!

Regenschirm

Es regnet in der Kühle des frühen Jahres. Und ich kleide mich so, dass die Regentropfen an mir abperlen. Ich kann mich lange Zeit bewegen unter den dunklen Wolken, ohne auszukühlen. Über mir Wolken, die sich stet und ergiebig abregnen. Streifen in Grau und Dunkelgrau. Ein mich schirmender Regen, denn kein Mensch begegnet mir. Alles ist weit entfernt. So weit, dass ich fühle, was es bedeutet, allein zu sein. Und dieses Fühlen, es ist überhaupt nicht leidvoll. Eine tiefe Geborgenheit darin. Ein mich schirmender Regen, denn meinem Gefühl, es entspricht der zum Boden geneigten Haltung, dem auf die Erde gewandten Blick, der nach innen gerichteten Aufmerksamkeit. Ich atme aus und laufe in meine Atemwolke hinein. Immer wieder. Mehr ist es nicht. Der Wald ganz allein für mich, ich ganz allein für mich. Eine Sehnsucht erfüllt sich. Es rührt mich, zu bemerken, wie groß diese Sehnsucht war, wie lang sie wohl schon existierte. Es klart auf, die Sonne dringt hindurch. Wie schade, denke ich schon ist es wieder vorbei. Das Gefühl, noch ist es nicht völlig erlebt, erfahren.

Und darum laufe!

Molekül

Meine Ahnen sagen: Atme durch die Nase und erwärme die einströmende Luft, bevor sie in deine Lunge eindringt. Ich sage den mir folgenden Ahnen: Atme durch die Nase und befrage dieses eine Molekül, welches an deiner Nasenkante gerade eben noch in den Luftstorm gelangt, der in deine Lunge gleitet, nach dem Ursprung des Universums.

Und darum laufe!

Der erste Atemzug

Der Rat meines Vaters: Atme durch die Nase. Im Winter, wenn es kalt ist, wird die Luft erwärmt, bevor sie in die Lunge gelangt. Das ist ein Schutz. Im Sommer wird sie befeuchtet und gefiltert von den Nasenhaaren. Atme ein durch die Nase und atme aus durch den Mund.

Ich sage: Irgendwann ist es notwendig, dorthin zu laufen, wo es Dir unmöglich ist, darüber nachzudenken, wie Du die Luft in Deine Lunge bekommst. In der Steigung reißt Du Deinen Hals auf, so weit es geht, um die Luft hineinzubekommen. Blicke nur auf den Boden mit dem weit geöffneten Rachen. Achte auch in der Sauerstoffschuld noch daran, einen Rhythmus zu wahren. Bleib nicht stehen, nimm die Steigung im Lauf. Wenn Du dann auf dem Plateau Deinen Puls wieder hinabatmest, dann koste den ersten Atemzug, der Dir wieder durch die Nase gelingen mag. Er schmeckt süß und gehaltvoll, wie etwas, von dem Du zuvor noch nicht gekostet hast.

Und darum laufe!